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Antiquierte Aktionsformen als Ursache einer andauernden Krise?

Die französische Gewerkschaftsbewegung vor der Frage der Neuausrichtung

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Herausbildung der französischen Richtungsgewerkschaften
2.1. Rechtliche und betriebliche Hürden um 1900
2.2. Entstehung der CGT als erstem französischen Gewerkschaftsbund
2.3. Entstehung der übrigen repräsentativen Gewerkschaften

3. Direkte Aktion

4. Kooperationen mit Parteien

5. Adressaten der Forderungen

6. Mitgliederschwund und ideologische Orientierungslosigkeit

7. Die deutsche Gewerkschaftslandschaft als Vorbild?

8. Wege aus der Krise

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heute existierenden Arbeitnehmergewerkschaften in Frankreich scheinen dem Laien vor allem durch ihre augenscheinlich radikale Aktionsweise ein Begriff zu sein: Sie seien durch eine ausgeprägte Streikfreude, angeführt durch den Generalstreik als schärfstem Schwert branchenübergreifender Arbeitskämpfe, zu charakterisieren. Angeführt durch die kommunistische CGT wurde dieses durch die Verfassung legitimierte Mittel zuletzt im März 2009 angewendet, um von Präsident Nicolas Sarkozy eine soziale Wirtschaftspolitik und die Rückdrängung von Kurzarbeit zu fordern.1

Fraglich ist jedoch, ob direkte Aktionsformen in globalisierten Wirtschafts- und Arbeitsmärkten zukunftsfähig sind. Trotz großen Vertrauens seitens der Basis bei Betriebsrats- oder Arbeitsgerichtswahlen leiden die Gewerkschaften seit langem an Mitgliederverlusten und damit finanziellen Einbußen und geringerer Mobilisierungsfähigkeit. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich, vordergründig am Beispiel der CGT, untersuchen, in wieweit sich die Gewerkschaften hinsichtlich ihrer Einflussnahme auf die Regierung auf Faktoren wie der gesellschaftlichen Individualisierung oder der Herausbildung neuer Berufszweige eingestellt haben und welche Strategien sie gewählt haben oder nutzen könnten, um sich aus ihrer seit dem Ende der 1970er Jahren angespannten Lage zu manövrieren. Ebenfalls soll dabei herausgestellt werden, ob sie ihre schwierige Situation zum Beispiel durch eine zu enge Bindung an Parteien selbst mitverursacht haben oder ob sie lediglich Fremdeinflüssen unterliegen. Aus praktischen Gründen beschränke ich mich dabei auf die Analyse von Fachliteratur, Zeitungsartikel und Internetseiten. Anfragen an Mitglieder französischer Gewerkschaften würden mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Erkenntnisgewinn über eine etwaige Misslage der betreffenden Gewerkschaft liefern. Um die bisherige Aktionsweise der Gewerkschaften zu verstehen, sollen zunächst ihre historischen Wurzeln und die daraus entstandenen Handlungsweisen betrachtet werden. Hieran schließt sich eine Analyse der verschiedenen Ursachen für die heutige Lage der Gewerkschaften an. Zuletzt erörtere ich in Frage kommende Gegenmaßnahmen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die bisher angewendeten Strategien noch zeitgemäß sind oder eine grundlegende Neuausrichtung ratsam erscheint.

2. Die Herausbildung der französischen Richtungsgewerkschaften

Die französische Gewerkschaftslandschaft umfasst heute zahlreiche Organisationen, die im weitesten Sinne im linken politischen Spektrum zu verorten sind, dennoch aber zahlreiche Unterschiede aufweisen. Grob betrachtet können heute vier Hauptströmungen erkannt werden: Die dem Marxismus verbundenen Gewerkschaften beziehen sich auf klassenkämpferische Theorien und gehen perspektivisch von der Verwirklichung des Sozialismus durch das Bestreiken der Betriebe aus. Reformistische Gewerkschaften wie die CFDT streben eine Verbesserung der betrieblichen Situation der Arbeitnehmer und die Erhaltung von bisherigen Errungenschaften an. Für sie kommen Aktionsformen in Frage, die im Rahmen der gegebenen parlamentarischen Möglichkeiten legitim erscheinen. Die christliche Strömung legt besonderen Wert auf eine Orientierung an der christlichen Soziallehre und verfügt über eine kirchenfreundliche Doktrin. Anarchistisch-revolutionäre Gewerkschaften betrachten den Streik als Mittel zur Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung.2

Eine Betrachtung der gewerkschaftlichen Historie ist nötig, da die Aktionsweisen der Gewerkschaften nicht im luftleeren Raum entstanden sind, sondern vor bestimmten geschichtlichen Hintergründen. Die Historizität der Organisationen bestimmt wiederum in unterschiedlichem Maß die heutigen Ansichten und Entscheidungen in den Gewerkschaften.

2.1 Rechtliche und betriebliche Hürden um 1900

Die Herausbildung großer Arbeitnehmergewerkschaften verlief in Frankreich, anders als in Großbritannien oder Deutschland, im zwanzigsten Jahrhundert sehr schleppend. Verschiedene Ursachen für den erschwerten Aufstieg solcher Vereinigungen sind zu benennen. Das nach dem Abgeordneten Isaac René Guy Le Chapelier benannte Gesetz „Loi Le Chapelier“, datiert auf den 17. Juni 1791, untersagte die Gründung von Zünften, Gewerkschaften und sonstigen betrieblichen Zusammenschlüssen.3 Es sollte die alten Zünfte des ancien régime daran hindern, ihre Machtstrukturen nach der Französischen Revolution erneut zu errichten. Mehr und mehr erwies es sich jedoch als Maßregelung vornehmlich der Arbeiterschaft, da diese aufgrund ihrer Mittellosigkeit weitaus stärker vom Verbot der Zusammenschlüsse betroffen war, als die Arbeitgeberseite, das sogenannte „Patronat“. Die Situation der Arbeiter besserte sich schrittweise durch die Aufhebung von Streik- (1864) und Koalitionsverbot (1884).4 Daneben erschwerte die vorhandene Struktur der Betriebe die Entstehung von Gewerkschaften:

„Um 1900 arbeitete ein Drittel der Industriearbeiter noch in Betrieben mit weniger als zehn Arbeitern und fast 60% in Firmen mit weniger als hundert Beschäftigten. Folglich war die Arbeiterschaft eine ausgesprochen heterogene Klasse(…)“5

Die geringe Größe der Betriebe lässt die Beschäftigten betriebliche Angelegenheiten bis heute überdurchschnittlich oft direkt mit ihren Vorgesetzten klären, für die rasche Bildung gewerkschaftlicher Strukturen wäre um 1900 keine Basis vorhanden gewesen. Dennoch existierten mit den „sociétés mutuelles“ genannten Unterstützungsgesellschaften bereits lose Zusammenschlüsse einer kleinen Zahl von Arbeitern.6 Nach 1884 nahm die Entwicklung deutlich an Fahrt auf. Jules Guesde gründete den ersten nationalen Gewerkschaftsverband (Fédération Nationale des Syndicats), während sich unter Fernand Pelloutier lokale Arbeiterbörsen entwickelten, die den Arbeitern effizienter als Gewerkschaften erschienen, da sie nicht über große, landesweiten Strukturen verfügten. Sowohl bei Guesde als auch Pelloutier handelte es sich um sozialistische Theoretiker, die ihre Ideen zuvor bereits in Zeitungen veröffentlichten und zeitweise gemeinsam politisch in der Parti ouvrier français betätigten.

2.2 Die Entstehung der CGT als erstem französischem Gewerkschaftsbund

Keimzelle der später dominierenden Doktrin des Anarchosyndikalismus war der Verzicht der Arbeiterbörsen auf die Bindung an eine Partei und die konstruktive Mitarbeit auf parlamentarischer Ebene. Ein Teil der Arbeiterbörsen vereinigte sich 1895 mit dem bestehenden Gewerkschaftsverband zur Confédération Genérale du Travail (CGT), welche bis heute Bestand hat. In der Charta von Amiens manifestierte sich 1906 die Übermacht des Anarchosyndikalismus gegenüber anderen Strömungen wie Reformismus oder Marxismus in der CGT.7 1921, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution, teilte sich die CGT in zwei Flügel: einen, der die Ziele der Sowjets unterstützte (CGT-unitaire), und einen, der einen reformistischen Kurs favorisierte. 1936 vereinten sich die beiden Flügel unter dem Eindruck des vorrückenden Faschismus in Europa.8 Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs „beschlossen Gewerkschaftsgruppen (…) unter dem Einfluss von Léon Jouhaux, die CGT zu verlassen und unter dem Namen CGT-FO (Force ouvrière) eine Gegenorganisation zu gründen(…)“.9

2.3 Die Entstehung der übrigen repräsentativen Gewerkschaften

Der Begriff der Repräsentativität bezeichnet verschiedene Voraussetzungen, die eine Gewerkschaft in Frankreich erfüllen muss, um von Arbeitgebern und Staat anerkannt zu werden. Sie müssen „zahlenmäßig stark und unabhängig sein, Mitgliedsbeiträge erheben, Erfahrung besitzen, und an den Berufswahlen wie beispielsweise Wahlen zu Betriebsausschüssen, Sozialversicherungen und Arbeitsgerichten teilnehmen“.10 Diese Voraussetzungen werden heute neben der CGT von CGT-FO, CFDT, CFTC, CFE-CGC sowie UNSA und FSU erfüllt. Die christliche Confédération française des travailleurs chrétien (CFTC) gründete sich bereits 1919. 1964 votierte die Mehrheit ihrer Mitglieder für die Säkularisierung und Umbenennung in Confédération française démocratique du travail (CFDT), woraufhin sich ein kleiner Teil der ehemaligen Mitglieder zur Neugründung der CFTC entschloss. Die Confédération générale des cadres (CFE-CGC) entstand 1944 und vereint die in Frankreich als „cadres“ bezeichneten Angestellten mit Führungsaufgaben. Seit 1981 steht ihre Abkürzung für Confédération française de l’encadrement, um sich auch angehenden „cadres“ zu öffnen. Die Lehrer in der CGT verließen die Gewerkschaft zeitgleich zur Gründung der CGT-FO und formierten sich neu als Fédération de l’éducation nationale (FEN). Auch hier kam es 1992 zum Auseinanderbrechen aufgrund von Konflikten über die künftige Ausrichtung der Gewerkschaft. Die Reformer vereinigten sich als Union nationale des syndicats autonomes (UNSA), während die restlichen Mitglieder sich künftig Fédération syndicale unitaire (FSU) nannten. Letzterer sind zusätzlich kleinere Gewerkschaften aus dem Bildungssektor beizurechnen. Die zunehmende Kooperationsbereitschaft zwischen CFDT und Arbeitgebern führt in den 1980er Jahren zu Unmut bei den ihr zugehörigen, protestorientierten Gewerkschaften. Diese schlossen sich zur Groupe des Dix-SUD zusammen. Rechtlich wird den Gewerkschaften der Zugang zu den Betrieben heute durch das Gesetz vom 27.12.1968 zugesichert. Voraussetzung für die Sammlung von Mitgliedsbeiträgen und den Aushang von Informationen ist demnach eine Mindestzahl von 50 Beschäftigten. Ab 150 und 200 Beschäftigten stehen den Gewerkschaften weitere Rechte zu.11

3. Direkte Aktion

Die bedeutendste Rolle bei der Einflussnahme durch die Gewerkschaften spielte in Frankreich seit jeher die sogenannte „direkte Aktion“, die durch die Arbeiter vor Ort in den Betrieben durchgeführt werden sollte. Hierzu zählen neben Streiks und Besetzungen auch Sabotagemaßnahmen und in neuerer Zeit auch symbolische Entführungen hochrangiger Führungskräfte, wie bei dem Protest gegen ein Sony-Werk in Südfrankreich im März 2009 geschehen.12 Während ein Streik in Deutschland zumeist mit längerer Vorlaufzeit durch die Gewerkschaftsführung geplant und anschließend, nach Ablauf der Friedenpflicht, durch die Arbeiterschaft umgesetzt wird, sieht der Verlauf in Frankreich aufgrund des individuellen Streikrechts konträr aus: Der Streik wird durch die Arbeiter begonnen, weitet sich aus und kann schlussendlich nur noch formal durch die Gewerkschaftsführung bekanntgegeben werden. Über die Bedeutung des Streiks gibt ein Beschluss der CFDT-Führung vom 15.10.1970 Auskunft:

„Der Streik ist für die Gewerkschaftsbewegung ein wesentliches Mittel zur Konkretisierung des Kräfteverhältnisses. Er kann zu Vereinbarungen führen. Ein solcher Ausgang ist jedoch nur annehmbar insofern, als er den kurzfristigen und langfristigen Interessen der Arbeitnehmer entspricht […].“13

[...]


1 Uterwedde, Henrik, Sarkozy muss Druck aus dem Kessel nehmen, in: Frankfurter Rundschau vom 21.03.2009, S.5.

2 Vgl. Schäfer, Werner, Die französische Gewerkschaftsbewegung in der Krise. Historische Entwicklung und sozioökonomische Rahmenbedingungen ihrer Bildungsarbeit (=Schriftenreihe der Otto-Brenner- Stiftung, Bd. 44), Köln 1989, S. 23.

3 Vgl. Roth, Christian, Frankreich, in: Schmid, Josef/Kohler, Harald (Hrsg.), Arbeitsbeziehungen und sozialer Dialog im alten und neuen Europa. Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Kooperationen, BadenBaden 2009, S. 96.

4 Vgl. Kempf, Udo, Das politische System Frankreichs, 4., aktual. u. überarb. Aufl., Wiesbaden 2007, S. 270.

5 Ebd.

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Ebd, S. 271.

8 Vgl. Tümmers, Hans J., Das politische System Frankreichs, München 2006, S. 164.

9 Kempf, Frankreich, S. 273.

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Schäfer, Werner, Die französische Gewerkschaftsbewegung in der Krise. Historische Entwicklung und sozioökonomische Rahmenbedingungen ihrer Bildungsarbeit (=Schriftenreihe der Otto-Brenner- Stiftung 44), Köln 1989, S. 31-32.

12 Vgl. Lehnartz, Sascha, Der Sündenboss, in: Welt am Sonntag vom 26.04.2009, S. 3.

13 Uterwedde, Henrik, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, in: Schild, Joachim/Uterwedde, Henrik (Hrsg.), Frankreich. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, 2., aktual. Aufl, Wiesbaden 2006, S. 245.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640724673
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159048
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Schlagworte
Antiquierte Aktionsformen Ursache Krise Gewerkschaftsbewegung Frage Neuausrichtung

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