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Sozialarbeit, Sozialpädagogik oder Soziale Arbeit?

Überlegungen zur Funktion einer (Wissenschaft der) Sozialen Arbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 37 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I; Wissenschaftstheoretische Grundlagen
1. Zur Entstehung von Wissen(schaften)
1.1. ZurEntstehungvon Wissenschaft
1.2. Zur Entstehung von Wissen

Teil II; Entwicklung und aktueller Stand Sozialpädagogischer und Sozialarbeiterischer Theorien
2... Zum Stand der Verwissenschaftlichung der Sozialpädagogik
2.1. Zur historischen Entwicklung des Begriffs „Sozialpädagogik“
2.2. Zur wissenschaftlichen undpraktischen Funktion der Sozialpädagogik
3... Zum Stand der Verwissenschaftlichung der Sozialarbeit
3.1. Zur historischen Entwicklung des Begriffs „Sozialarbeit“
3.2. Zur wissenschaftlichen undpraktischen Funktion der Sozialarbeit
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede Sozialpädagogischer Theorien und Theorien der Sozialarbeitswissenschaft
4.1. Theoretische undpraktische Gemeinsamkeiten von Sozialarbeit und Sozialpädagogik
4.2. Theoretische undpraktische Unterschiede von Sozialarbeit und Sozialpädagogik
5... Zu den Bedingungen einer Theoriebildung in der Sozialen Arbeit

Teil III Überlegungen zur Funktion einer (Wissenschaft der) Sozialen Arbeit Fazit

Literatur- und Quellenangabe

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Im Verlauf meines Masterstudiums „Pädagogik und Management in der sozialen Arbeit“ wurde mir eines klar. Der Praxis der Sozialen Arbeit (PSA) und der Wissenschaft der Sozialen Arbeit (WSA) fehlt eine Beschreibung ihres gesellschaftlichen1 Funktionszusammenhangs, weswegen es gegenwärtig nicht gelingt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Daher habe ich mich dazu entschlossen, im Rahmen dieser Hausarbeit einige diesbezügliche Überlegungen anzustellen. Um Begriffsverwirrungen von Anfang an zu vermeiden, sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich mich für den Begriff der PSA entscheiden habe, weil sich diese Bezeichnung mittlerweile als Zusammenfassung für die Handlungsfelder der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik durchgesetzt hat (vgl. Hamburger 2008: 20). Mit Bezug auf Mühlum (vgl. 1982: 330 f., 332 ff.) nenne ich die akademische Disziplin der Sozialen Arbeit Wissenschaft der Sozialen Arbeit, weil so tiefenscharf der Bezug dieser Disziplin zur Sozialarbeit und Sozialpädagogik benannt wird. Wenn im Verlauf dieser Arbeit auf die Unterschiede in den Handlungsfeldern der Sozialarbeit und Sozialpädagogik und ihren theoretischen Bemühungen in der Sozialarbeitswissenschaft für die Sozialarbeit und den Theorien der Sozialpädagogik, für die Sozialpädagogik eingegangen wird, so werden die Handlungsfelder als Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik und die Theorieansätze als sozialarbeitswissenschaftlich bzw. Theorie(en) der Sozialpädagogik bezeichnet.

Um dem gesellschaftlichen Funktionszusammenhang der Sozialen Arbeit näher zu kommen, entschied ich mich dazu, im Rahmen dieser Hausarbeit, durch die Rezeption einschlägiger Literatur einen Gegenstandsbereich für die PSA heraus zu kristallisieren, der den Bezugs- und Referenzrahmen für eine WSA bilden kann. Denn eine solche Rahmung wird in der Literatur als Voraussetzung für die Konstituierung einer WSA benannt (vgl. Bensch 1990: 2). Doch ich suchte vergebens. Stattdessen stieß ich auf eine Reihe ungeklärter Fragen, die sich m.E. durch eine systemtheoretisch orientierte Funktionsbestimmung der theoretischen und praktischen Sozialen Arbeit beantworten lassen. Ich entschied mich für die Nutzung systemtheoretischer Erkenntnisse, weil ihnen die Erkenntnis zugrunde liegt, dass „Individuen zu ihrer physischen und psychischen Selbsterhaltung darauf angewiesen sind, am Kommunikationsprozess sozialer Systeme teilzunehmen“ und „alle Funktionssysteme eine bestimmte Selbstdisziplinierung der Individuen zu erwartungsstabilen Personen“ voraussetzen „und Möglichkeiten der Exklusion von Individuen“ (Bomes/Scheer 1996: 103) vorsehen, wodurch die Multidimensionalität der Sozialen Arbeit angezeigt wird. Ich bin wie Erath (2006: 15) der Ansicht, dass diese Erkenntnis die Notwendigkeit impliziert, „die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit sowohl zu beschreiben als auch zu reflektieren“. Eine Skizze dieser Funktion möchte ich im Rahmen dieser Hausarbeit entwerfen, indem folgende Fragestellungen, denen m.E. die Suche nach einer Funktion der Sozialen Arbeit zugrunde liegt, unter systemtheoretischer Perspektive beleuchten werden:

1. Wieso muss Soziale Arbeit „verwissenschaftlicht“ werden?
2. Wieso fehlt der Sozialen Arbeit ein Gegenstandsbereich?
3. Wie lassen sich Theorien der Bezugswissenschaften für die Soziale Arbeit nutzbar machen?
4. Wie lässt sich das Theorie-Praxis-Problem in der Sozialen Arbeit bearbeiten?
5. Wie lässt sich das Verhältnis von Sozialarbeit und Sozialpädagogik innerhalb einer Sozialen Arbeit bestimmen?
6. Wie kann mit dem doppelten Mandats umgegangen werden?
7. Wie kann mit ökonomischen Prinzipien in der Sozialen Arbeit umgegangen werden?

Damit hinsichtlich der erkenntnisleitenden Fragestellungen Ergebnisse erzielt werden können, gliedert sich diese Ausarbeitung in drei Teile. Im ersten Teil werden allgemeine wissenschafts­theoretische Grundlagen rezipiert, um aufzuzeigen, wie Wissen(schaft) entsteht. Im zweiten Teil werden die Grundlagen und der 'Stand of the art' der Theoriebildung in der „Sozialarbeit“ und der „Sozialpädagogik“ sowie deren Funktionen für die PSA beleuchtet, um Gemeinsamkeiten und Unterscheide zu erkennen. Dadurch soll das Verhältnis dieser beiden Teildisziplinen der Sozialen Arbeit zu einander und zum Gesamtsystem der Sozialen Arbeit geklärt und Ansatzpunkte zur Funktionsbestimmung für eine WSA, expliziert werden. Auf der Grundlage der Erkenntnisse des zweiten Teils, wird im dritten Teil auf die Besonderheiten der Verwissenschaftlichung der bzw. Theoriebildung in der Sozialen Arbeit eingegangen. Das Ergebnis dieser Hausarbeit bildet das Fazit. Dort werden die Möglichkeiten einer Funktion für die PSA und die WSA unter systemtheoretischer Perspektive aufgezeigt und es werden unter der Perspektive dieser Zweckbestimmung die oben angeführten Fragen bearbeitet.

Teil I; Wissenschaftstheoretische Grundlagen 1. Zur Entstehung von Wissen(schaften)

In diesem Punkt soll geklärt werden, was Wissenschaft ist, wie sie entsteht und wie sie Wissen schafft. Dafür werden folgende Fragestellungen bearbeitet:

1. Wie entsteht Wissenschaft?
2. Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?

1.1. Zur Entstehungvon Wissenschaft

Luhmann (2005: 657) beschreibt den Vorgang der Entstehung von Wissenschaften folgendermaßen:

„Die moderne Gesellschaft ermöglicht es der Wissenschaft das zu realisieren, was wir Schließung durch Einschließung (oder als Folge davon: Offenheit durch Geschlossenheit) genannt hatten. Sie ermöglicht die Ausdifferenzierung der Wissenschaft in der Gesellschaft.“

Ein Wissenschaft differenziert sich aus, weil die „Umwelt der Wissenschaft (...) nicht vorab der internen Differenzierung des Wissenschaftssystems“ entspricht (ebd.: 642).

„Daher müssen Leistungen der Wissenschaft typisch interdisziplinär erbracht werden (...) (ebd.). “

Werden Leistungen der Wissenschaft interdisziplinär erbracht, ist das ein erster Schritt in die Ausdifferenzierung einer neuen Disziplin: Denn die Arbeit in inter-, multi- oder transdisziplinären Teams begünstigt die Entstehung neuer wissenschaftlicher Disziplinen:

"Also, if we are not able to escape the received disiciplines, how would it be possible to create new disciplines (■■■)?“ (Mc Laughin 2007: 146)

Die Möglichkeit zur Disziplinbildung besteht nur innerhalb des Wissenschaftssystems selbst, was sich bspw. darin zeigt, dass der Mensch „ein Forschungsobjekt aller Disziplinen ist, also von keiner Disziplin als Einheit beobachtet werden kann (Luhmann 2005: 448). Dies impliziert die Erkenntnis, dass Wissenschaft nicht von ihrer Umwelt dazu veranlasst werden kann eine bestimmte Praxis, wie bspw. die der Sozialen Arbeit, zu reflektieren, sondern das sich nur autonom dazu entscheiden kann.

Neue Disziplinen können sich daher nur autonom aus dem Wissenschaftssystem heraus entwickeln. Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ausdifferenzierung innerhalb des Systems“ die sich u.a. dann vollzieht, wenn ein „Phänomenbereich“ vorliegt, der „Abgrenzbarkeit“ und „erhöhte internen Anschlussfähigkeit“ suggeriert, wobei zu beachten ist, dass „die Grenzen einer Disziplin (...) nur fur die jeweilige Disziplin und nicht für deren Umwelt“ gelten (ebd.: 447). Anzeichen dafür, dass sich ein Fachgebiet zu einer autonomen wissenschaftlichen Disziplin ausdifferenziert hat, sind unter anderem:

a) Reputationale Selbstfestlegung von Forschungsaufgaben:

Für die Entwicklung einer wissenschaftlichen Disziplin ist es förderlich, wenn die Aufgaben der Forschung von den Forscherinnen selbst festgelegt werden, weil Wissenschaft unter anderem durch die reputationale Selbstfestlegung von Forschungsaufgaben entsteht (vgl. Weingart 2003: 50 f.). Luhmann (2005: 621) schreibt in diesem Zusammenhang:

„An die Stelle dieses Konzepts (Anm. d. Verf: Der gesellschaftlichen Finalisierung der Wissenschaft) haben wir die Vorstellung der rekursiv geschlossenen, autopoietischen Systeme gesetzt. Sie besagt, daß die Teilsystemqualität der Funktionssysteme nicht auf einer Spezifikation gesellschaftlicher Kopplungen im Hinblick auf eine bestimmte Leistungserwartung beruht, sonder gerade umgekehrt auf eine Abkopplung der Eigendynamik dieser Systeme von Bedingungen und Interessen ihrer gesellschaftlichen Umwelt.“

Das bedeute jedoch nicht, dass das Teilsystem dadurch aus der Gesellschaft austritt, denn die Teilsystemoperationen, bleiben gesellschaftlich angepasst, solange sie als Kommunikation durchgeführt werden (vgl. Luhmann l.c.: 621 f). Es gibt zwei Beziehungstypen, die ein System zu seiner gesellschaftlichen Umwelt aufnehmen kann und die der Paradoxie der Gesellschaft als Einheit und Vielfalt entspricht: (1) Das System orientiert sich an der Gesellschaft („Funktion“) und (2) es nimmt Beziehungen auf die „innergesellschaftliche Umwelt, besonders auf die anderen Funktionssysteme“, auf (ebd.: 636).

b) Die Beschäftigung des Fachgebietes mit sich selbst:

Der dritte Beziehungstyp beschreibt den Bezug des Systems auf sich selbst, der als „Reflexion“ bezeichnet wird (ebd.).

c) Entwicklung einer Svstemsprache:

Mit diesem Indikator ist die Notwendigkeit der Entwicklung einer Fachgebietsspezifischen Terminologie, für die Kommunikation der Forschungsergebnisse gemeint, weil „Kommunikation auf Linearität angewiesen, (...) nicht wie in einem mehrdimensionalen Raum auseinanderfließen kann, um sich zu erläutern, und das macht eine drastische Reduktion von verstehensfähigen Adressaten unvermeidlich“ (Luhmann 2005: 624).

1.2. Zur Entstehungvon Wissen.

Auch hinsichtlich der Schaffung von Wissen gibt es Indikatoren dafür, ob ein Fachgebiet lediglich als Instrument für andere Disziplinen zur Erlangung von Erkenntnissen genutzt wird, oder ob die Forschung die innerhalb bzw. durch dieses Fachgebiet betrieben wird, einen Hinweis auf dessen Status als eigenständige wissenschaftliche Disziplin gibt:

a) Gesellschaftliche Orientierung der Forschungsaktivitäten:

Häufige Verwendung zweier oder mehrerer aufeinander abgestimmter Forschungsmethoden um die Forschungsaktivitäten an ihren entsprechenden komplexen gesellschaftlichen Feldern auszurichten. Dies ist ein Schritt der innerhalb der jeweiligen Forschungsaktivitäten eines Fachgebietes in die Richtung eines wissenschaftlichen (Funktions-)system, da sie sich an der Gesellschaft orientiert (vgl. Luhmann 2005: 635 f.).

b) Orientierung der Forschungsaktivitäten an den Forschungsobiekten:

Werden überwiegend Methoden angewendet, die die Beobachter erster Ordnung mit einbeziehen (vgl. Luhmann l.c.: 170i, kann das als Anzeichen für die Entstehung eines wissenschaftlichen Systems gewertet werden. Denn wissenschaftliches Denken und Handeln findet im Bewusstsein statt, dass es keine objektive Wahrheit im Sinne eines „Konsensus zwischen Individuen“ gibt (ebd.: 618i.

cl Institutionalisierung des „Mode 2“ der Wissensproduktion:

Mode 2 beschreibt eine neue Form der Wissensproduktion, die im Gegensatz zur traditionellen Form der Wissenschaft (mode 1i, nicht nach dem hierarchischen, disziplinären, homogenen und akademischen Konzept vorgeht (vgl. Punkt 1i, was u.a. den Vorteil mit sich bringen kann, dass die Kontrolle der Qualität der Forschung(sergebnissei reflexiver, durch eine Gemeinschaft von Forschern verantwortet, stattfindet (vgl. Mc Laughin 2007: 143i. Wissenschaft entsteht nach dieser Logik durch die Zusammenarbeit von Forscherinnen aus verschiedenen Disziplinen an einem Gegenstand (vgl. Engelke 2003: 278i. Zudem kann eine Kombination beider Wissensmodi zu einer kooperativen Verschränkung von Wissenschaft und Praxis“ : führen, : was : die : Wissensproduktion : dynamisiert, : ohne : die : Grenzen : zwischen Wissenschaft und Praxis einzureißen (Sommerfeld 1988: 26i.

Ich habe mich für die Auflistung von Indikatoren, die den Status der Ausdifferenzierung eines Fachgebietes zu einer wissenschaftlichen Disziplin anzeigen entschieden, weil sich diese Indikatoren auch in gängigen Bestimmungen des Begriffs „Wissenschaft“ wiederfinden. Für Engelke (2003: 198i beinhaltet der Begriff „Wissenschaft“ beispielsweise „sowohl das gezielte, systematische, kritische und reflektierte Bemühen um Erkenntnisgewinnung als sozialen Prozess als auch die so gewonnen, in Sprache gefassten, begründeteten und überprüfbaren Erkenntnisse und die daraus abgeleiteten Theorien und Modelle für die Praxis.“

Teil II: Entwicklung und aktueller Stand Sozialpädagogischer und Sozialarbeiterischer Theorien

2. Zum Stand der Verwissenschaftlichung der Sozialpädagogik

In diesem Teil wird die Bedeutung der Begriffe „Sozialpädagogik“ und „Sozialarbeit“ unter historischer Perspektive expliziert und es werden die wissenschaftlichen und praktischen Funktionen beider Disziplinen beleuchtet. Die historische Herangehensweise an die Begriffs­explikation ist notwendig, weil „Wissenschaftlichkeit von Praxis (...i auch von der kritischen Diskussion der vorwissenschaftlichen Erfahrungen, der Ziel- und Wertsetzungen in diesem Arbeitsbereich“ (Anm. d. Verf.: M.E. dem Arbeitsbereich der Sozialpädagogik und der Sozialarbeiti abhängt (Lukas 1979: 107 f).

Die Begriffsexplikation erfolgt unter der Perspektive der Funktion beider Disziplinen, da der entscheidenden Zweck des Begriffs der Funktion darin besteht:

„(...) Kriterien für die Wichtigkeit der verschiedenen dynamischen Faktoren und Prozesse innerhalb des Systems zu setzen. Wichtig sind diese Faktoren und Prozesse insofern, als sie für das System von funktionaler Bedeutung sind, und ihre jeweilige Wichtigkeit im Einzelnen ergibt sich aus der Analyse der jeweiligen funktionalen Beziehungen zwischen den Teilen des Systems, sowie dem System zu seiner Umgebung “ (Parsons 1965: 36).

So kann durch eine vergleichende Darstellung der wissenschaftlichen und praktischen Funktionen beider Disziplinen in Verbindung mit der komperativen Darstellung ihrer Entstehung, sowohl ihr Verhältnis zueinander als auch zu sich selbst und zu ihren jeweiligen Umwelten, angezeigt werden, was m.E. die Voraussetzung für die Entstehung bzw. Beschreibung einer gemeinsamen autonomen Wissenschaftsdisziplin ist.

„Auch Systeme die nicht außengelenkt sind (selbstreferentielle System [Anm. d. Verf: Wissenschaftliche Disziplinen sind selbstreferenziell, vgl. Punkt 1.1.) werden Einflüßen von außen ausgesetzt und vielfältig beeinflusst. Autonomie bedeutet also nicht Unabhängigkeit von der Umwelt sondern im Sinne des Autopoiesekonzepts, dass es von der inneren Struktur eines Systems, aber auch von seiner Entwicklungsgeschichte abhängt, wie es sich zu Signalen aus der Umwelt verhält, welche Entscheidungen es trifft“ (Hollstein-Brinkmann 1993: 56).

2.1. Zur historischen Entwicklung des Begriffs „Sozialpädagogik“

Als Erfinder des Begriffs Sozialpädagogik wird Karl Mager benannt, weil er, bereits 1844, vor Diesterweg diesen Terminus systematisch im Maiheft der „Pädagogischen Revue“ verwendet hat (vgl. Winkler 1988: 41, Bensch 1990: 99). In seinem Aufsatz definiert Mager die Sozialpädagogik als „die Theorie, der gesamten in einer Gesellschaft vorkommenden Erziehung, einschließlich der Deskription der geschehenen Praxis. Sozialpädagogik meint also das Ganze der wirklichen Pädagogik oder: alle realisierte Pädagogik ist Sozialpädagogik“ (Winkler 1988: 41). Die Erkenntnis, die Michael Winkler hier aus dem Aufsatz von Mager über die Entstehung der Sozialpädagoik ableitet ist, dass diese Disziplin immer ein Teilgebiet der Pädagogik war.

Hamburger (vgl. 2003: 122) sieht als Alleinstellungsmerkmal der Sozialpädagogik in der Erziehungswissenschaft das „Soziale“. Doch was ist das „Soziale“ in dieser Pädagogik? Nach Winkler und Hamburger ist es dass, worüber Sozialpädagogen reden:

„Der Diskurs über Sozialpädagogik, der von allen, die diesen Begriff verwenden, geführt wird, entfaltet also Ansprüche dazu, was als sozialpädagogisches Problem und Handeln zu gelten habe: Diese im Reden über Sozialpädagogik enthaltenen Geltungsansprüche werden in der Theorie erfasst in einen geordneten Zusammenhang gebracht (Theorie als Landkarte, Winkler 1988: 61) und diskutiert“ (Hamburger2003: 111).

Diese Herangehensweise an eine Theoretisierung der Sozialpädagogik birgt meines Erachtens jenes Defizit, was eine Verwissenschaftlichung dieses Teilsystems der Sozialen Arbeit, und der Sozialen Arbeit im allgemeinen erschweren kann: Und zwar das eindimensionale „Reden“ über Operationen der Sozialen Arbeit, wie bspw. der Problemlösung, ohne weitere Dimensionen zu reflektieren, die mit einer als problematisch eingestuften Situation korrelieren, wie der Referenz der Systeme die in das Problem involviert sind, also der „charakteristischen Differenz zwischen System und Umwelt“ (Luhmann 1991: 10), die der Disziplin Aufschluss darüber geben könnte, wem das was die Umwelt eines Systems als Problem dieses Systems konstruiert, nutzt.

Denn soziale Systeme sind nie ohne ihren Zweck zu verstehen (Hollstein-Brinkmann 1993: 59). Die Erfassung des Zwecks eines Problems ist wiederum subjektabhängig, was bedeutet, dass es nie eine allgemein gültige Bestimmung, wie ein sozialpädagogisches Problem von wem konstruiert wird bzw. was sozialpädagogisches Handeln ist, geben kann.

Die Erkenntnis, dass Sozialpädagogik genauso vielfältig ist, wie der Bereich in dem sie agiert, ist nicht neu. Sie hat zu Definitionen geführt, die diese Multiperspektivität zwar implizieren, ihre Funktion für die Disziplin aber weiter im Dunklen lassen:

„Sozialpädagogik, Teilgebiet der Pädagogik, auf den man sich mit der Erziehung des einzelnen zur Gemeinschaft und zu sozialer Verantwortung außerhalb der Familie befasst “ (Fachlexikon der Sozialen Arbeitl986: 747).

Dunkel bleibt in wie fern die Sozialpädagogik den Einzelnen und die Gemeinschaft als Einheit oder Differenz zu betrachten hat und wann der Einzelne zur Gemeinschaft erzogen werden soll und wann die Gemeinschaft sich dem/den Einzelnen anzunähern hat. Die Wechselwirkungen an der Schnittstelle zwischen Gemeinschaft, als Gesellschaft im engeren Sinne, und Individuum, werden als Anlass für sozialpädagogisches Handeln und einer Reflexion der Anlässe dieses Handelns auch von Hamburger (2003: 16) benannt:

„Insoweit Kompetenzen von Individuen und Anforderungen der Gesellschaft nicht zusammenpassen, kann eine Intervention erforderlich sein.“

Nun kommen wir einer Funktionsbestimmung der Sozialpädagogik schon einen Schritt näher. Unklar ist aber nach wie vor, wer wie als Grundlage für eine Intervention festlegt, wann Kompetenzen der Individuen und Anforderungen der Gesellschaft nicht zueinander passen. Denn die Funktion eines Systems, egal ob es ein offenes mentales oder ein geschlossenes soziales ist (vgl. Hollstein-Brinkmann 1993: 103), ist immer die Selbsterhaltung.

„Alle Zustände eines Systems sind Zustände seiner Autopoiesie; andernfalls geht es zugrunde“ (Maturana 1985: 280)

Dem entsprechend sind die autopoietisch vollzogenen Operationen eines Systems für dieses System immer an seine Umwelt angepasst. Begriffe wie Probleme oder Defizite sind daher nicht mehr als Zuschreibungen des beobachtenden Systems, mit dem er seine Wirklichkeit konstruiert. Es drängt sich unter dieser Perspektive der Gedanke auf, jegliche Hilfe sei unsinnig, doch das wäre zu kurz gedacht. Denn so wie der Beobachter das System beobachtet, so beobachtet es sich selbst, weswegen Systeme als selbstreferentiell bezeichnet werden:

„Die nichttriviale Maschine verfügt nicht nur über eine Produktionsfunktion, sondern auch über eine Zustandsfunktion (Selbstreferenz), die bei jeder Operation abgefragt wird und je nach Zustand, in der die Maschine gerade ist, andere Antworten gibt. “ (Baecker 2003a: 242)

Entscheidend dafür, dass sozialpädagogisches Handeln eine Chance auf Gelingen hat ist daher: „die gemeinsame Sicht der Wirklichkeit (...)“ ohne ,,(...) dass die Welt dabei jedes mal voraussetzunglos neu erschaffen werden muss, sondern Vorerfahrungen, Sollensforderungen, Ideale und Zwänge in diesen Prozess eingehen“ (Hollstein-Brinkmann 1993: 158). Diese systemische Betrachtungsweise stellt die Sozialpädagogik, aber auch die Soziale Arbeit im allgemeinen, vor neue Anforderung im Prozess der Hilfe. Es kann nicht darum gehen, durch Hilfe im jeweiligen System Veränderungen hervorrufen zu wollen, da sich dieses selbst steuert, sondern es geht „lediglich um die Verantwortung für die Gestaltung von Rahmenbedingungen unter denen Hilfe stattfindet“ (ebd.: 159).

[...]


1 Mit gesellschaftlicher Funktion ist auch der öffentliche Auftrag für die Soziale Arbeit gemeint, der in Institutionen der Sozialen Arbeit bearbeitet wird und dem im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung nachgeganen wird.

Details

Seiten
37
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640726493
ISBN (Buch)
9783640726608
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159172
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln – Institut für die Wissenschaft der Sozialen Arbe
Note
1,0
Schlagworte
Wissenschaft der Sozialen Arbeit Professionalisierung der Sozialen Arbeit Soziale Arbeit Systemtheorie Wissenschaftstheorie Thema Soziale Arbeit

Autor

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Titel: Sozialarbeit, Sozialpädagogik oder Soziale Arbeit?