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Galileo Galilei. Symbolfigur für die Unterdrückung der Wissenschaften durch die Kirche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) EINLEITUNG

2) DER FALL GALILEO GALILEI
2.1 Leben und Werk Galileis
2.1.1 Das anerkannte geozentrische Weltbild
2.1.2 Galileis Rechtfertigung eines heliozentrischen Weltbildes
2.2 Der Konflikt
2.2.1 Anfeindungen mit Aristotelikern
2.2.2 Bibelexegese
2.2.3 Missbrauch des Vertrauens der Kirche
2.2.4 Der Prozess gegen Galilei
2.3 Wertung

3) ZUSAMMENFASSUNG

4) GALILEO GALILEI IM RELIGIONSUNTERRICHT
4.1 Lehrplanbezug 4.2 Didaktische Analyse
4.3 Problematik und Ziele
4.3.1 Unterrichtsziele und Inhalte
4.3.2 Erläuterung der Methoden und Medien
4.4 Entwurf einer Unterrichtsstunde und Verlaufsplan
4.4.1 Motivationsphase
4.4.2 Hinführungsphase
4.4.3 Präsentationsphase
4.4.4 Erarbeitungsphase
4.4.5 Sicherungsphase

5) SCHLUSS

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

1) EINLEITUNG

Im Verhältnis von Kirche und wissenschaftlichem Fortschritt ist eine schier unendliche Fülle von aufkommenden Infragestellungen, Angriffen und Abwehrhaltungen sowohl auf Seiten der Kirche als auch auf Seiten der Naturwissenschaft zu finden. Seien es Diskussionen um die Weltentstehung und die damit zusammenhängende Urknall- und auch die Evolutionstheorie, oder seien es daneben für das menschliche Leben schwerwiegende Themen wie beispielsweise die Ergebnisse der Stammzellenforschung: Immer wieder wird uns dies alles auch von Seiten des christlichen Glaubens aus beleuchtet. So kann man auch sehen, dass die Kirche in einigen Fällen eine eher abwehrende - wenn auch begründete - Position einnehmen kann.

Dieses zeigt sich jedoch nicht nur in den aktuellen Entwicklungen der Naturwissenschaften: In die vergangenen Jahrhunderte zurückblickend treffen wir immer wieder auf Entwicklungen, die von der Kirche alles andere als gut geheißen wurden. Als Paradebeispiel dient hier Galileo Galilei: Scheinbar wegen seiner heliozentrischen Weltsicht verurteilt gilt dieser als Symbolfigur für die Unterdrückung der Wissenschaften durch die Kirche und wird immer wieder als Beweis dafür angeführt, dass die Kirche den Wissenschaften feindlich gegenüberstehe und somit auch die Weiterentwicklung der Menschheit behindere. Dass die Geschehnissen, wie sie im Fall Galilei vorliegen, aber von beiden Seiten beleuchtet werden müssen und sich die Geschichte vielleicht etwas anders zugetragen hat, wird leider oft völlig außer Acht gelassen. So wurde im Laufe der Zeit Galilei mit dem Stempel eines Märtyrers versehen, der für seine Überzeugungen und seine Erkenntnisse verurteilt wurde und in vielen Darstellungen sogar Folter und Gefängnisstrafe erleiden musste; die Kirche trägt die gesamte Schuld.

Jedoch ist es hier zwingend notwendig, die damaligen Ereignisse etwas genauer zu untersuchen: Was geschah damals wirklich? Welches Vergehens genau machte sich Galilei schuldig? Welchen Standpunkt vertrat er, welchen aber die Kirche? Wurde Galilei letztendlich wirklich zu Unrecht verurteilt? In meiner Arbeit werde ich auf diese Fragen eingehen und daneben darstellen, wie sich der Fall Galilei bis in unsere Zeit hinein ziehen konnte.

Da das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaften nach wie vor von großer Aktualität ist, will ich im zweiten Teil meiner Arbeit versuchen, den Fall Galilei in den Schulunterricht der katholischen Religionslehre mit einzubeziehen. Dabei sollen die Gründe für den Konflikt erarbeitet werden und durch die Betrachtung der damaligen Denkweise die Position der Kirche verständlich gemacht werden. Hierbei soll auch klar werden, wie sich der Dialog zwischen Kirche und Wissenschaften gestalten soll.

2) DER FALL GALILEO GALILEI

Der Konflikt zwischen Galileo Galilei und der Kirche ist nicht einfach mit oberflächlichen Schuldzuweisungen abzutun, da er sich in einer Zeit zutrug, vor deren Hintergrund die Gründe der Auseinandersetzung von vielerlei anderen Seiten zu betrachten sind. Auch in den heutigen Kontroversen wird der Kirche deshalb immer noch Wissenschaftsfeindlichkeit vorgeworfen, was aber sowohl eine falsche Anschuldigung ist als auch mit den Vorkommnissen der damaligen Situation recht wenig zu tun hat.

Im Folgenden sollen die Ursachen des Konflikts - sowohl auf Seiten Galileis als auch auf Seiten der Kirche - näher beleuchtet werden.

2.1 Leben und Werk Galileis

Das Leben Galileis ist durchzeichnet von Beobachtungen und Forschungen, jedoch sollen hier nur knapp die wesentlichen Stationen dargestellt werden, die auch für das weitere Verständnis des Themas von Belang sind.[1]

Am 15. Februar 1564 wurde Galileo Galilei in Pisa geboren, am 8. Januar 1642 ist er gestorben. Obwohl er sich 1581 an der Universität Pisa immatrikulierte, um dem Willen des Vaters zu folgen und Medizin zu studieren, bevorzugte er schon sehr bald die Beschäftigung mit der Mathematik und der Physik. So absolvierte er hierin ein sehr ausführliches Studium, wenn auch mit Hilfe eines Privatlehrers, der ihn auch mit der Mechanik des Archimedes vertraut machte, und ohne ein Studium an der Universität. Hierbei erkannte er recht schnell, besser den eigenen Experimenten und Ergebnissen zu trauen, anstatt nur - wie es damals üblich war - „das intellektuelle Übergewicht des Aristoteles“[2] als gültig anzuerkennen. Das Medizinstudium brach er letztendlich ohne Abschluss ab. Trotzdem bewarb er sich auf einige Lehrstühle der Mathematik; dass er schließlich - ohne je einen Abschluss erlangt zu haben - 1589 an den der Universität Pisa berufen wurde, zeigt seinen Erfolg als Erfinder, der ihn weithin bekannt gemacht hatte. 1592 folgte eine weitere Anstellung als Mathematikprofessor an der Universität Padua; diese war entgegen der damaligen Zeit eine bereits sehr aufgeschlossene Universität, die sowohl Professoren als auch Studenten freies und modernes Denken gestattete.[3] Nachdem er mit der Neukonstruktion und Weiterentwicklung des Fernrohrs die Signoria von Venedig begeisterte - diesen war es aufgrund der Seemacht Venedigs von großem Nutzen - erhielt er den Lehrstuhl auf Lebenszeit. In dieser Zeit erforschte er auch weiter die Bewegungen am Himmel von Mond, Jupiter, Sonne und Venus.[4] Besonders das Zusammenwirken von Ebbe und Flut war ein Hauptpunkt seiner Überzeugung gegen ein geozentrisches und für ein heliozentrisches Weltbild. Seine erste Publikation über diese Beobachtungen, der Sidereus Nuncius, erschien im März 1610.[5] Nachdem er bald darauf vom Großherzog Cosimo II. der Toskana zum „Ersten Mathematiker der Universität Pisa und ersten Mathematiker und Philosophen des Großherzogs der Toscana“[6] erhoben wurde, konnte er sich in Florenz dank der daraus resultierenden Lehrpflichtbefreiung nun ganz seinen weiteren Forschungen widmen. 1611 bestätigte das Collegium Romanum unter dem Jesuiten Kardinal Robert Bellarmin die Beobachtungen Galileis bezüglich der Sterne, die man nur mit Hilfe eines Fernrohres erkennen kann, der Feststellungen über die drei Sterne des Saturns, der Phasen der Venus und der Oberfläche des Mondes.[7] Galilei erfuhr in seiner Arbeit also „Unterstützung der bürgerlichen und kirchlichen Gewalthaber“[8] ; so waren ihm unter anderem die Medici wohl gesonnen, als auch die Mächtigen der Kirche.[9]

Scheint sein beruflicher Werdegang bis hierhin recht glücklich verlaufen zu sein, wird aber schnell klar, dass es in Anbetracht der damaligen Lehrmeinung des geozentrischen Weltbildes logischerweise Probleme nach sich ziehen musste. Neben vielen anderen Schriften, in denen er das kopernikanische Weltsystem verteidigt, vertritt er es besonders in seinem Werk Dialogus, aufgrund dessen die Kirche letztendlich gegen ihn prozessierte.

2.1.1 Das anerkannte geozentrische Weltbild

Das geozentrische Weltbild, das damals unangefochten als gültig angesehen wurde, basiert auf der aristotelischen Philosophie. Aristoteles (384- 322 v. Chr.) entwickelte es im Zuge eines philosophischen Systems, in welches er die zentrale Stellung der Erde, die schon der Philosoph Eudoxos vor ihm vertrat, fest integrierte; hierzu gab es feste Grundannahmen, die auf antiker Vorstellung basierten und das Weltbild stützten: Nur Göttlichem sei es möglich, sich auf perfekten Kreisbahnen zu bewegen; irdische Materie sei durch andere Bewegungen gekennzeichnet, sie unterlägen jedoch recht schnell dem Stillstand; die göttliche Materie hingegen sei unveränderlich.[10] Somit war es nach damaliger Feststellung unabdingbar, dass die göttliche Materie, die Planeten, um die irdische Materie, die Erde, zirkulieren muss.

Das aristotelische Weltbild wurde letztendlich von Claudius Ptolemäus (um 140 n. Chr.) in seinem Werk Almagest weiterentwickelt, in das er seine eigenen Beobachtungen mit einfließen ließ und somit auch die Berechnungen der Planetenpositionen - die ja wegen des zunehmenden Seeverkehrs an Wichtigkeit zunahmen - erleichterte.[11] Die unantastbare Stellung dieses Weltmodells wurde im Hochmittelalter durch die Arbeit Thomas von Aquins noch untermauert, der versuchte, es in Einklang mit der Heiligen Schrift zu bringen und es deshalb mit dieser verbunden hat. So fand er Argumente dafür, „ weil er wegen der Autorität des Aristoteles von der Gültigkeit dieses Weltbildes überzeugt war“ und die Wahrheit der Heiligen Schrift nicht anzweifelte; folglich war es zwingend, „dass Naturwissenschaft und Glaube [...] einander nicht widersprechen können“[12]. Die Problematik, die sich daraus ergab, konnte damals niemand erahnen; auf diese wird ihm Folgenden noch weiter einzugehen sein. Jedoch der Kirche hierbei böse Absichten zu unterstellen, wäre falsch.[13]

Die Geschehnisse um Galilei spielten sich somit in einer Zeit ab, in der das Denken der Menschen zum größten Teil durch schon alte und überkommene Schriften beherrscht wurde, wie das philosophische System des Aristoteles, der durch dieses die Kosmologie von der Astronomie abgetrennt hat und somit dazu beitrug, dass eine Physik, wie wir sie heute kennen, sich vorerst nicht etablieren konnte; denn mathematische Beschreibungen der Bewegungen der Himmelskörper, die nach antiker Vorstellung ja als göttlich galten, waren auch nur auf diese selbst anzuwenden; die Kosmologie, die die Naturphilosophie beinhaltet und die realen Gegebenheiten zu beschreiben vermag, wurde dadurch abgegrenzt.[14] So vermochte man es nicht, sich von den philosophischen Vorgaben zu lösen, was besonders in der Beschreibung des Himmels Schwierigkeiten aufkommen ließ. Trotz dieser sich immer mehr anhäufenden Unklarheiten und der daraus folgenden Komplizierungen, die beispielsweise anhand der beobachteten Rückläufigkeit der Planeten aufkamen, wurden die Schriften des Aristoteles bis dahin nie ernsthaft angezweifelt.

2.1.2 Galileis Rechtfertigung eines heliozentrischen Weltbildes

Im Laufe seiner Beobachtungen und im Zuge seiner experimentellen Methode, zweifelte Galilei aber immer mehr das von Ptolemäus weiterentwickelte und von der Kirche getragene Weltbild an; seine Kritik daran begegnet uns in seinen Briefen und Publikationen. So schrieb er 1610 in einem Brief an Kepler:

„Es gibt Menschen, [...] die glauben, die Philosophie [...] sei eine Art Buch, so wie die Äneis oder die Odyssee, und daß die Wahrheit nicht im Weltall, nicht in der Natur, sondern durch das Vergleichen von Texten gesucht werden muss.“[15]

In seinem Buch Sidereus Nuncius stellte er seine ersten Beobachtungen mit dem Fernrohr diesbezüglich dar: Kurz zusammengefasst erkannte Galilei, dass die Oberfläche des Mondes nicht glatt war, sondern eine Struktur aufweist, die Bergen, Tälern und Meeren ähnelt; er schloss daraus, dass die Differenzierung zwischen irdischer und himmlischer Materie, wie es nach Aristoteles postuliert wurde, hier nicht haltbar sei, da die Oberfläche des Mondes den Beobachtungen nach der der Erde sehr ähnlich sei.[16] Des Weiteren erkannte er, dass es durchaus Planeten gab, die nicht um die Erde kreisten; davon zeugten die Monde des Jupiter, die diesen selbst umlaufen.[17] Eine weitere Beobachtung war ein Nebel aus Sternen, die man nur mit Hilfe des Fernrohres erkennen konnte.[18] Ein wichtiges Phänomen waren daneben auch die Sonnenflecken; er „hielt diese für ein Phänomen sehr nahe der Sonnenoberfläche, was weitgehend richtig ist“[19] und sah dies als weiteren Beweis für sich: Himmelskörper waren also nicht unveränderlich. Bei seinen weiteren Forschungen entdeckte er auch, dass der Planet Venus Phasen durchläuft; besonders diese Erkenntnis sprach für ein kopernikanisches Weltmodell, da nur so alles Phasen - insbesondere die, in der sich die Venus als voller Planet zeigt - von der Erde aus zu sehen sind.[20]

Das von Galilei vertretene Weltbild ging auf Nikolaus Kopernikus (1473- 1543) zurück, der sich dabei auf die antiken Texte des Aristarchos von Samos (310- 330 v. Chr.) stützte, welchem wie Aristoteles auch nur philosophische Grundannahmen diensten; Kopernikus entwickelte das heliozentrische Weltmodell also weiter. Nennenswert ist hier, dass der damalige Papst Clemens VII. die Thesen des Kopernikus mit großem Interesse und Wohlwollen aufgenommen hat und ihn sogar bat, diese auch den anderen Gelehrten mitzuteilen;[21] schon hier wird ersichtlich, dass Wissenschaft und Fortschritt nicht gegen sondern mit der Kirche gemeinsam betrieben wurden.

[...]


[1] vgl. zu Punkt 2.1 La Dous, Sr. Lydia: Galileo Galilei. Zur Geschichte eines Falles. Kevelaer 2007. S. 69- 77.

[2] La Dous 2007. S. 71.

[3] vgl. ebd. S. 76.

[4] vgl. ebd. S. 82- 88.

[5] vgl. ebd. S. 91f.

[6] ebd. S. 96.

[7] vgl. ebd. S. 99f.

[8] Wildiers, Norbert: Weltbild und Theologie. Vom Mittelalter bis heute. Zürich u.a. 1974. S. 172.

[9] vgl. ebd. S. 172.

[10] vgl. La Dous 2007. S. 17- 23.

[11] vgl. ebd. S. 39 u. 43.

[12] ebd. S. 42.

[13] vgl. ebd. S. 22.

[14] vgl. ebd. S. 22.

[15] zitiert nach Wildiers 1974. S. 169.

[16] vgl. La Dous 2007. S. 83.

[17] vgl. ebd.

[18] vgl. ebd . S. 84.

[19] ebd. S. 85.

[20] vgl. ebd. S. 87- 89.

[21] vgl. Prause, Gerhard: Galilei war kein Märtyrer. in: Niemand hat Kolumbus ausgelacht. Düsseldorf 51990. S. 172.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640719044
ISBN (Buch)
9783640719006
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159186
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Schlagworte
Geozentrisches Weltbild Heliozentrisches Weltbild Galileo Galilei Wissenschaft Kirche Prozess Bibelexegese didaktische Analyse Religionsunterricht

Autor

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Titel: Galileo Galilei. Symbolfigur für die Unterdrückung der Wissenschaften durch die Kirche