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Der Werwolf und die Hexe in der antiken Literatur und ihre Darstellung in Petrons Spukerzählungen (61,1 - 64,1)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1) EINFÜHRUNG

2) DIE ENTWICKLUNG DES GLAUBENS AN DEN WERWOLF UND DIE HEXEN UND IHRE ERWÄHNUG IN DER ANTIKEN LITERATUR
2.1 Der Werwolf
2.2 Die Strigen

3) DER WERWOLF UND DIE HEXEN IN DER CENA TRIMALCHIONIS
3.1 Die Werwolfgeschichte des Niceros
3.1.1 Inhalt und Handlung
3.1.2 Sprachkompetenz des Niceros
3.1.3 Erzählweise und Stil
3.1.4 Der Werwolf in der Geschichte des Niceros
3.2 Die Strigenerzählung des Trimalchio
3.2.1 Inhalt und Handlung
3.2.2 Sprachkompetenz des Trimalchio
3.2.3 Erzählweise und Stil
3.2.4 Die Strigen in der Erzählung des Trimalchio
3.3 Vergleich der beiden Gruselnovellen

4) SCHLUSS: Fortleben der Hexen und Werwölfe

LITERATURVERZEICHNIS

1) EINFÜHRUNG

Schon immer wurde der Mensch von der Frage nach der Existenz von Geistern und Schattenwesen gefesselt. In die vergangenen Jahrhunderte zurückblickend gibt es eine schier unendliche Fülle von Literatur, die dies belegt: Man denke nur an bekannte Gedichte wie „Der Totentanz“ oder „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe oder an die unzähligen unheimlichen Novellen aus der Zeit der Romantik, die das Thema Hexerei und Gespenster immer wieder aufs Neue thematisierten. So reicht die Faszination für Übernatürliches bis in unsere Gegenwart hinein und Spuk und Zauberei sind nicht mehr nur in der Literatur, sondern auch in Filmen und anderen Medien vorzufinden. Jedoch stellt sich hier die Frage, wie es zu solch einer Entwicklung kam, denn offensichtlich sind einige der uns bekannten Spukgestalten keine Erfindung der Moderne.

Im Folgenden werde ich auf zwei der nächtlichen Gestalten näher eingehen: Den Werwolf und die Hexe. Wie entstanden die Vorstellungen von diesen? Und wie haben sich die Zauberei und die Faszination dafür verbreitet? Hat sich ihr Bild bis heute stark verändert oder ist es ein früheres, das sich in unserer Vorstellung manifestiert hat?

Sucht man in den Werken griechischer und römischer Autoren, stößt man auf eine Vielzahl von Erwähnungen, die für diese Entwicklung relevant sind. Besonders Petron gibt genaue Beschreibungen: In seinem Werk Satyricon stellt er den Werwolf und die Hexen in zwei Spuknovellen dar, mit denen ich mich in meiner Arbeit weiter befassen werde. Daneben werde ich auch die Erzähler dieser Geschichten nicht außen vor lassen und auf die Art, wie sie die ihnen zugestoßenen Abenteuer darlegen, eingehen. Hierbei wird besonders der Aspekt des Erzählstils berücksichtigt und die Frage, wie Werwolf und Hexen dargestellt werden, beantwortet.

2) DIE ENTWICKLUNG DES GLAUBENS AN DEN WERWOLF UND DIE HEXEN UND IHRE ERWÄHNUNG IN DER ANTIKEN LITERATUR

2.1 Der Werwolf

Der Wolf war wohl „das entschiedene Hauptraubthier der altclassischen Länder“[2] und mit Ausnahme weniger Inseln beinahe über die ganze alte Welt verbreitet. Er war in ganz Griechenland, Thrakien und Euböa vorzufinden und auch in Italien sowie auf Sizilien war der Wolf ein gefürchtetes Tier, das besonders im Rudel den Hirten und deren Weidetieren zu schaffen machte. Bei Prodigien wurde der Wolf als schlimmes Zeichen angesehen und er war auch der Grund einiger heidnischer Feste - man denke nur an das Hirtenfest der Lupercalien, das zur Wolfsabwehr begangen wurde. Trotz alledem wird der Wolf nicht nur als schlecht angesehen: In Griechenland wurde er dem Gott Apollon zugewiesen.[1]

In den Schriften der griechischen und römischen Autoren findet sich der Wolf wie kein zweites Tier: Man denke nur allein schon an die Gründungssage Roms, in der die Zwillingsbrüder Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt worden sind, ehe sie von einem Hirten gefunden und aufgezogen wurden. Beispielhaft sind auch die Tierfabeln des Äsop, in denen die menschlichen Schwächen durch Tiere dargestellt wurden: Hier wird der Wolf vor allem als ein verschlagenes und schlaues Tier geschildert. Gerade die Darstellung des Wolfes als ein so listiges Tier sowie sein Raubtierdasein schürte damals das Unbehagen der Menschen und die Furcht vor Wölfen. Dazu kam unter anderem auch das damals nicht erklärbare Verhalten von Menschen, die sich mit Tollwut angesteckt haben; da die Folgen und Symptome dieser Gehirnentzündung Wutanfälle mit Schreien, Schlagen sowie Beißen zur Folge hat, erschien es den Menschen, als ob der Infizierte sich in einen Wolf verwandelt habe. Der Wolf blieb auch im Aberglauben nicht ohne Bedeutung: Teile seines Körpers galten als heilend bei bestimmten Krankheiten oder versprachen Schutz. So kam es - wie auch bei anderen Tieren, die den Menschen als besonders und in manchen Dingen wie Kraft und Sinnesschärfe wesensgleich oder auch überlegen schienen - sowohl zu einer Vergöttlichung als auch einer Vermenschlichung des Wolfs.[3]

Dies alles führte unmittelbar - vor allem in den unteren Bevölkerungsschichten - zu dem Glauben an die Werwölfe, Mischwesen aus Mensch und Wolf: Der älteste Bericht des Werwolfs ist aus der griechischen Mythologie und findet sich bei Pausanias in seiner Beschreibung Arkadiens wieder und schildert den Mythos des arkadischen Königs Lykaon. Dieser wurde, weil er dem Zeus Menschenopfer darbrachte, in einen Wolf verwandelt:

Lukawn de epi ton bwmon tou Lukaiou Dioj brefoj hnegkein anqrwpou kai equse to brefoj kai espeisen epi tou bwmou to aima, kai auton autika epi th qusia genesqai lukon fasin anti anqrwpou. (Paus. VIII, 2, 3)

Pausanias fügt auch hinzu, dass sich seit diesem Ereignis bei jeder Opferung an den lykäischen Zeus jeweils ein Mann in einen Wolf verwandelt habe, dieser würde aber, wenn er sich neun Jahren Menschenfleisch enthalte, wieder zurückverwandelt werden. (vgl. Paus. VIII, 2, 6). Auch bei Ovid lässt sich die Metamorphose des Lykaon nachlesen, jedoch mit dem Unterschied, dass er dem Zeus nicht nur Menschenfleisch opferte, sondern als Speise vorsetzte und dies deshalb mit Wolfsdasein büßen musste. Diese Geschichte fand auch bei anderen Stoffbearbeitern wie Apollodor, Hygin und Lycophron Verwendung.

Schnell wird aber auch klar, dass der lateinische als auch griechische Begriff des Werwolfs in den Mythen aus der falschen Rückführung des Namens Lykaon sowie des lykäischen Zeus aus lukoj entstanden ist. So hatten weder der Arkadierkönig noch der lykäische Zeus etwas mit einem lupus gemein, die eigentliche Bedeutung der Namen liegt in der Anfangssilbe der Wörter: luk- (lucare, lux). Hier ist also eher das Leuchten und Hellsein damit gemeint. Eine andere Erklärung für die Entstehung des Werwolfsmythos wäre die von H.D. Müller, der der Ansicht ist, „dass die alte Wolfsverwandlung Gegenstand dramatischer Darstellung im mysteriösen Cult des Zeus Lykaios gewesen sei“[4].

Des Weiteren finden sich auch andere Verwandlungen von Menschen in einen Wolf: Plinius der Ältere schildert in seiner Naturkunde den Bericht des Skopas, der über die Olympiasieger geschrieben hat; dieser handelt davon, dass ein gewisser Demainetos aus Pharrhasia beim damals üblichen Menschenopfer, das die Arkadier dem Zeus darbrachten, von den Eingeweiden des geopferten Knaben gegessen habe und sich auf Grund dessen in einen Wolf verwandelt habe:

narrat…immolati pueri exta degustasse et in lupum se convertisse (Plin. nat. VIII, 82)

Zehn Jahre später aber - man vergleiche auch die von Pausanias erwähnte zeitliche Verwandlung in VIII, 2, 6 - erhielte er wieder seine Menschengestalt und sei als Sieger im Faustkampf aus Olympia zurückgekehrt (vgl. Plin. nat. VIII, 82). Dies ist auch bei Augustinus nachzulesen (Aug. civ. XVIII, 17).

Außerdem finden wir bei Plinius dem Älteren auch die Geschichte des Euanthes, einem griechischen Schriftsteller, der etwas aus der Überlieferung der Arkadier berichtet:

…scribit Arcadas tradere ex gente Anthi cuiusdam sorte familiae lectum ad stagnum quoddam regionis eius duci vestituque in quercu suspenso tranare atque abire in deserta transfigurarique in lupum et cum ceteris eiusdem generis congregari per annos VIIII. quo in tempore si homine se abstinuerit, reverti ad idem stagnum et, cum tranaverit, effigiem recipere, ad pristinum habitum addito novem annorum senior. id quoque adicit, eandem recipere vestem. (Plin. nat. VIII, 81)

Über dieselbe Verwandlung berichtet auch wieder Augustinus, jedoch in einer etwas abgewandelten Form: Die Arkadier schwämmen sorte ducti durch einen Teich. Auch bei dieser Schilderung erhielten sie ihre Menschengestalt zurück, wenn sie sich als Wolf neun Jahre von Menschenfleisch fernhielten und denselben Teich wieder zurück schwämmen (vgl. Aug. civ. XVIII, 17).

Zu nennen ist hier auch noch Herodot, der in seinen Historien die erste geschichtliche Erwähnung des Werwolfes schildert und das Volk der Skythen als Menschen mit zeitlich begrenztem Werwolfdasein darstellt:

legontai gar upo Skuqewn kai Ellhnwn twn en th Skuqikh katoikhmenwn wj eteoj ekastou apax twn Neurwn ekastoj lukoj gignetai hmeraj oligaj kai autij opisw ej twuto katistatai. (Hdt. IV, 105,2)

Und auch bei Plato findet der Werwolf in Bezug auf Lykaon Erwähnung: Er stellt den Beginn der Umwandlung eines Volksvorstehers in einen Tyrannen dar, indem er dazu den Mythos des lykäischen Zeus heranzieht. Denn in einen Wolf verwandelt wird jeder, der im Heiligtum des lykäischen Zeus Eingeweide von Menschen verspeist; oder eben, wie es Plato hier als Vergleich verwendet, jeder, der durch ungerechte Tyrannenherrschaft und falsche Beschuldigungen vor Gericht im eigenen Volk Blutschuld auf sich lädt. Diesem bleibt nur der Untergang durch Feindeshand oder seine Verwandlung als Bestimmung: „h turannein kai lukw ex anqrwpou geneqai“ (Plat. rep. 566a; vgl. Plat. rep. 565 d, e).

Einen typischen Werwolf, der sich zu bestimmten Zeiten verwandelt, lernen wir bei Petron kennen. In dessen Werk Satyricon finden wir eine vollständige römische Werwolfgeschichte vor, auf die ich dann im Folgenden weiter eingehen werde. In ihr wird der eigentliche versipellis beschrieben, der nicht über Jahre hinweg ein Wolf sein muss. Der Mann verwandelt sich hier nur für den Zeitraum einer Nacht, und es lässt sich aus der Erzählung folgern, dass dies wohl öfter der Fall sein muss.

2.2 Die Strigen

Bereits im alten Rom waren den Menschen Hexenkünste nicht unbekannt. Schon die achte Tafel des Zwölf-Tafel-Gesetzes klagt den Schadenszauber bei Ernteerträgen an:[5]

„Qui malum carmen incantassit … Qui fruges excantassit … neve alienam segetem pellexeris …”[6]

Die Ansicht, dass eine derartige Zusammenarbeit von Mensch und Dämon möglich ist, war damals unter dem Volk weit verbreitet. Weitere Zeugnisse antiker Zauberei lassen sich auch von nichtliterarischen epigraphischen Funden ableiten. So gibt es eine Vielzahl von Weihe- und Grabinschriften, die - besonders bei Frauen - auf in Leben angewandte Hexenkünste hinweisen. Auch Todesumstände durch Zauberei werden auf diesen oft beschrieben. Aufschlussreich hierfür sind auch die defixionum tabellae, die Fluchtäfelchen, auf denen eingeritzte Beschwörungen und Wünsche, wie zum Beispiel Liebeszauber, zu lesen sind. Des Weiteren gibt es auch Dokumente der spätantiken Hexerei, die so genannten Zauberpapyri; diese sind meist auf Griechisch abgefasst und wenden sich meist an altägyptische Gottheiten - man denke nur an die Mysterienkulte. Aber auch Hekate, Asklepios oder Hermes Trismegistos, der dreifachgroße Hermes, werden durch diese angerufen.

Neben diesen nichtliterarischen Quellen gibt es jedoch eine große Menge literarischer und wir können immer wieder das Motiv der Zauberei vorfinden. So beschreibt Vergil nicht nur in der Bucolia ein Hirtenmädchen, das sich im Liebeszauber übt, sondern greift dieses Thema auch in der Aeneis bei der Königin Dido wieder auf; in dem Epos wird auch von der Hexe Sybille von Cumae berichtet, die Aeneas auf seinen Weg in die Unterwelt begleitet. Daneben verwendet auch Horaz das Thema der Zauberei, der in der Epode V konkret Hexen Mord und Zauberei vorwirft. Auch die Liebeselegiker Tibull und Properz bleiben von dieser Thematik nicht unberührt. Die Motive der Zauberei, insbesondere das des Liebeszaubers wird von beiden aufgegriffen. Auch Schadenszauber im Hinblick auf die Liebe bleibt hier nicht unerwähnt. Ovid schreibt in seinen Amores von einer Kupplerin, die ihm und seiner Freundin durch Liebeszauber in die Quere kommt, in den Metamorphosen wird die Verjüngung des Pelias durch die Magierin Medea dargestellt; diese Geschichte wird auch in den Heroidenbriefen sowie in den Tristien aufgegriffen. Konkret von Strigen schreibt Ovid in den Fasten. Daneben gibt es noch viele andere Autoren, die Zauberei und Hexen als Themen in ihren Werken verwenden. Man beachte nur Lucan, der in seiner Pharsalia die Hexe Erichto in Thessalien, der Hochburg der Zauberei, und ihr Treiben im sechsten Buch ausführlich beschreibt, sowie auch Seneca, Tacitus, Sueton und besonders Apuleius. Letzter schildert in seinem Roman Metamorphosen oder Der goldene Esel die Abenteuer eines Mannes, der von seiner Freundin unabsichtlich in einen Esel verzaubert wurde; außerdem existiert von ihm auch die Verteidigungsrede de magia, in der er sich selbst gegen den Vorwurf der Hexerei rechtfertigt. Auch im Satyricon des Petron wird Zauberei; besonders die Erzählung über das Unwesen der Strigen ist hierfür interessant. Auf ebendiese werde ich im Folgenden weiter eingehen.

So gibt es neben der Menge der Berichte darüber auch eine Vielzahl verschiedener Anwendungsgebiete, sei es Heilungszauber, Liebeszauber, oder auch Schadenszauber, der ja schon in den Zwölf-Tafel-Gesetzen Erwähnung fand. Wie viel Glaubwürdigkeit man den Schilderungen der Autoren zuschreiben darf, mag bezweifelt werden, jedoch zeugen die gefundenen Inschriften und die Fluchtäfelchen vom damaligen Glauben an die Zauberei und deren Verwendung und die Zauberpapyri von der etwaigen Art der Anwendung.

[...]


[1] vgl. zu Punkt 2.1: Keller, Otto: Thiere des classischen Alterthums in culturgeschichtlicher Beziehung.

Innsbruck 1887. S. 158-171.

[2] Keller 1887, S. 158.

[3] vgl. Schuster, Mauriz: Der Werwolf und die Hexen. Zwei Schauermärchen bei Petronius. in: Wiener Studien 48 (1930). S. 150.

[4] Keller 1887, S. 166.

[5] vgl. zu Punkt 2.2: Wallinger, Elisabeth: Hekates Töchter. Hexen in der römischen Antike. Wien 1994. S. 11-21

u. 190-193.

[6] DUODECIM TABULARUM LEGES. in: http://www.thelatinlibrary.com/12tables.html. 20.08.09

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640716555
ISBN (Buch)
9783640716685
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159187
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,2
Schlagworte
Cena Trimalchionis Trimalchio Niceros Werwolf Strigen Hexen Novellen Gruselnovellen Sprachkompetenz Erzählweise

Autor

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