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Autobiographisches Schreiben bei Jean Améry

Die Betrachtung von "Die Tortur" und "Reise ans Ende der Revolution" anhand ausgewählter Charakteristika autobiographischer Literatur

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autobiographie - Entwicklungen und Veränderungen im Hinblick auf den Zivilisationsbruch durch die Shoah
2.1 Definition und Gattungseinordnung
2.2 Entwicklungen und Veränderung der traditionellen Autobiographik durch die Shoah hin zu einer modernen Autobiographik
2.3 Besonderheiten der Shoah-Autobiographik

3. Betrachtung der Texte Reise ans Ende der Revolution und Die Tortur von Jean Améry hinsichtlich autobiographischer Elemente

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie soll es nach den Ereignissen der Shoah[1] noch möglich sein, schöne Literatur zu schreiben? Diese oder ähnliche Fragen stellten sich viele Literaten, als sie nach 1945 neue Werke verfassen oder sich schriftlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollten.[2] Ebenso Jean Améry, als Überlebender der Lager-Aufenthalte sah er sich nicht in der Lage, weiterhin Werke in gleicher Art und Weise wie vor dem NS-Regime zu entwerfen. Für Jean Améry stellte sich selbst die Frage, ob er sich befähigt fühlte, in seiner Muttersprache zu schreiben oder aber ob die Ereignisse ihn so sehr getroffen und eingeschränkt haben, dass er in einer nicht nationalsozialistisch geprägten Sprache veröffentlichen wird.[3] Aufgrund der Unmöglichkeit einer Darstellung der Ereignisse in traditioneller Form, revolutionierten viele Autoren ihre Werke und entwickelten neue Formen der Darstellung. Um ihre persönlichen Erfahrungen mitzuteilen, wählten viele der Shoah-Literaten das Mittel der Autobiographie. Auch Jean Améry betitelte seine Werke Jenseits von Schuld und Sühne[4], Über das Altern. Revolte und Resignation[5] und Unmeisterliche Wanderjahre[6] als „so etwas wie einen autobiographisch-essayistischen Roman”[7]. Wie und inwiefern er strukturelle und ästhetische Innovationen einsetzte und welche autobiographischen Stilmittel in diesen Texten enthalten sind, soll in dieser Arbeit anhand von den Texten Reise ans Ende der Revolution. Notizen von einer Frankreichfahrt.[8] und Die Tortur[9] von Jean Amérys aufgezeigt werden.[10]

Um die Texte Jean Amérys angemessen untersuchen zu können, wird zunächst eine Definition der Autobiographie gegeben und diese in den Kanon der Gattungen eingeordnet. Dabei werden vor allem die Theorien von De Man und Lejeune betrachtet. De Man vertritt die Meinung, dass die Autobiographie nicht als eigentliche Gattung definiert werden kann, Lejeune hingegen verortet die Autobiographie auf eine rezeptionsästhetische Ebene. Im Anschluss daran wird die Entwicklung der Autobiographie vom „Erzählen über die Identitäts­Findung zum Finden der Identität durch das Erzählen”[11] aufgezeigt. Hierbei werden die verschiedenen strukturellen und ästhetischen Merkmale traditioneller und moderner Autobiographie vergleichend dargestellt. Die Betrachtung der Autobiographie erfolgt wesentlich anhand des Werkes Autobiographie[12] von Michaela Holdenried und Fiktion aus dem Wirklichen[13] von Susanne Düwell. Interne Entwicklungen der Autobiographie hin zu Kinder- oder Jugendautobiographie oder aber die spezifische Autobiographik von Frauen, wie sie beispielsweise Michaela Holdenried bearbeitet, werden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt.

Für die Entwicklung der Autobiographie wird die Shoah als Zivilisationsbruch[14] verantwortlich gemacht, es wird ausführlich erläutert, warum sich die Darstellungsweise der Autobiographie nach 1945 drastisch geändert hat. Außerdem werden die Besonderheiten der Shoah-Autobiographik ausgeführt, da diese sich in gewissen Punkten von der allgemeinen Autobiographik unterscheidet. Im 3. Kapitel werden die beiden Texte Jean Amérys hinsichtlich autobiographischer Elemente untersucht, die angewandte Vorgehensweise wird im Vorfeld erläutert. Abschließend wird zusammengefasst, inwiefern Jean Amérys Werke autobiographischen Charakter haben.

2. Autobiographie - Entwicklungen und Veränderungen im Hinblick auf den Zivilisationsbruch durch die Shoah

2.1 Definition und Gattungseinordnung

Den Begriff der „Autobiographie” näher zu bestimmen, eine Definition abzulegen und ihn in den Kanon der Gattungen einzuordnen, ist Ziel dieses einfuhrenden Kapitels.

Der Begriff „Biographie” bzw. „Autobiographie” hat eine lange Entstehungsgeschichte nachzuweisen. Laut Holdenried existiert die Bezeichnung schon in der Antike, steht dort aber noch in Konkurrenz zu verwandten Bezeichnungen.[15] Misch nennt fur den deutschen Sprachraum das Jahr 1796 als Erstnennung des Wortes „Selbstbiographie”. Im 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung zwar stets geläufiger, doch erst durch das Werk Einleitung in die Geisteswissenschaften von Wilhelm Dilthey wird „das (Auto-)biographische zu dem paradigmatischen Modell des „Verstehens” erhoben [...]”.[16] Das Sinnverstehen wird von Dilthey in die Perspektive des Sich-Verstehens eingerückt. Daher gilt „als Paradigma der literar. Autobiographie [.] lange Zeit J.W.v. Goethes Dichtung und Wahrheit (1831), bei dem man Leben und Werk auf besondere Art und Weise miteinander verquickt ansieht.”[17] Dilthey verortet die Autobiographie zunächst in den Kontext der Geschichtsschreibung[18], da das beschriebene Einzelleben einen Teil der Gesamtgeschichte der menschlichen Existenz darstellt. Den Durchbruch erreichte die Autobiographie im Jahre 1907, als sie zu einem „wissenschaftlich salonfähigen Gegenstand” ernannt wurde und einen Stellenwert im nun bestehenden Kanon der Gattungen erhielt.[19]

Der Versuch, den Begriff näher zu definieren wurde von verschiedenen Theoretikern unternommen. Eine auf den Ausdruck zurückgehende Definition ist bei Georg Misch zu finden, der die Autobiographie als „Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto)”[20] beschreibt. Holdenried beschreibt diese als brauchbarste Definition, da sie sehr offen gehalten ist und noch keine formale Einschränkungen vorgibt. Somit ist sie auf alle Erscheinungsformen der Autobiographie anwendbar.[21] Aichinger hingegen postuliert, dass autobiographische Werke solche sind, in denen sich spezifische Merkmale äußern, beispielsweise das Werden der Persönlichkeit oder die Gestaltung des Lebenszusammenhangs. Hier lässt sich eine deutliche Einschränkung im Gegensatz zu der Definition von Misch finden, da die Autobiographie nach Aichinger „höchst normative Ansprüche” beinhaltet.[22] Philippe Lejeune definiert die Autobiographie aus der Sicht des Lesers, da die Texte „ja für uns, die Leser, geschrieben worden, und indem wir sie lesen, sind wir es, die sie zum Funktionieren bringen.”[23] Seine Definition benennt die Autobiographie als ,,rückblickende[n] Bericht in Prosa, den eine wirkliche Person über ihr eigenes Dasein erstellt, wenn sie das Hauptgewicht auf ihr individuelles Leben, besonders auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.”[24] Lejeune bringt bei dieser Formulierung weitere Einschränkungen beziehungsweise Formalitäten ans Licht, die eine Autobiographie beschreiben und teilt diese in verschiedene Kategorien ein.[25] Nur Texte, die alle Kategorien erfüllen, gelten als autobiographisch, verwandte Gattungen der Autobiographie erfüllen diese Elemente nicht. Somit geht Lejeune ein Stück weiter und grenzt im Gegensatz zu Misch und Aichinger mit seiner Definition die Selbstlebensbeschreibung gegenüber anderen Gattungen ab. Das wichtigste Merkmal der Autobiographie ist nach Lejeune die Identität von Autor, Erzähler und Hauptfigur, da gerade diese die Autobiographie von den verwandten Gattungen der Biographie und dem persönlichen Roman unterscheiden.[26] Lejeune stellt sich daraufhin die Frage, wie diese Identität im Text nachgewiesen werden kann, woraufhin er den „autobiographischen Pakt” formuliert[27], der die autobiographische Gattung zu einer vertraglichen Gattung werden lässt.[28] Zweifel an der Identität von Autor, Erzähler und Figur erhebt Roland Barthes, der den „Tod des Autors”[29] proklamiert. Für Barthes ist es allein die Sprache, die zu den Lesern spricht, und nicht der Verfasser des Textes.[30] Dieses basiert darauf, dass die Sprache zwar ein Subjekt kenne, jedoch keine Person, der Autor schreibe somit nur sein Werk, bringt sich selbst aber als Person nicht hinein.[31] Der Autor hat nach Barthes lediglich die Aufgabe den Text als einen „vieldimensionalen Raum”[32] darzustellen, in dem differente Schreibweisen, die sich parodieren oder vereinigen können und Zitate aus verschiedenen Kulturen auftreten.[33] „Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor (wie man bislang gesagt hat), sondern der Leser.”[34]

Weitere Kritik an der Betrachtung der Autobiographie als Rezeptionseffekt[35], wie Lejeune sie vertritt, lässt Paul de Man verlauten, der die Autobiographie nicht als Gattung oder Textsorte definiert, sondern als „eine Lese- oder Verstehensfigur, die in gewissem Maße in allen Texten auftritt.”[36] Begreife man die Autobiographie als eine Gattung, so De Man, würde man sie über den literarischen Status beispielsweise einer Reportage oder Chronik stellen und ihr eine höhere Rangordnung zukommen lassen. Alle Versuche, die Autobiographie als eine Gattung zu definieren, verlaufen sich nach De Man im Leeren und verstricken sich in Fragen, da die Autobiographie sich gegen solch eine Zuordnungen sträube.[37] De Man definiert die Autobiographie schließlich nicht, wie Lejeune, als Gattung, sondern als „[...] eine Lese- oder Verstehensfigur, die in gewissem Maße in allen Texten auftritt.”[38] Susanne Düwell äußert sich zu dieser These insofern, dass sie feststellt, dass sich „[...] keine Grenze zwischen fiktionalen und autobiographischen Texten ziehen [lässt], beiden folgen denselben Konstruktionsbedingungen.”[39] Laut de Man lässt sich die Autobiographie schließlich weder als Gattung definieren, noch über die Abgrenzung zur Fiktion.[40]

2.2 Entwicklungen und Veränderung der traditionellen Autobiographik durch die Shoah hin zu einer modernen Autobiographik

Nachdem die Autobiographie definiert und der Versuch unternommen wurde, sie innerhalb des Gattungskanons zu verorten, sollen nun die ästhetischen und strukturellen Merkmale traditioneller und moderner Autobiographie aufgeführt werden. Die schon erwähnte Definition der Autobiographie von Georg Misch, die Beschreibung des Lebens eines Einzelnen durch diesen selbst, ist auf die traditionelle wie auf die moderne Autobiographie anzuwenden. Diese wird somit als Grundlage für die Beschreibung der Autobiographie vorweggenommen. Bei der Beschreibung der Merkmale von Autobiographien wird vor allem mit dem Werk Autobiographie von Michaela Holdenried gearbeitet, da diese die Veränderungen von der traditionellen zur modernen Autobiographie verständlich und übersichtlich vorstellt. Um die Entwicklungen von der traditionellen zur modernen Autobiographie literaturgeschichtlich einzuordnen, wird im Folgenden die Shoah als Bruch mit den traditionellen Formen dargestellt und ihre Auswirkungen auf die Literatur dargestellt.

Bei der Shoah handelte es sich um Ereignis, dass den Tod von sechs Millionen Juden mit sich brachte und sich durch seine „einzigartige Negativität”[41] charakterisiert. Hofmann benennt dieses Geschehen als „zentrales Ereignis des zweiten Weltkriegs”, bei dem „sämtliche Grundlagen der Zivilisation und Humanität in Zweifel gezogen wurden.”[42] Nach Düwell ist jede Form literarischen Schreibens nach 1945 durch den kulturellen Bruch, den die Shoah hinterlassen hat, fingiert.[43] Literaten standen vor dem Problem, dass die Shoah in ihrer gesamten Ausprägung einer Undarstellbarkeit unterlag, da sich das Phänomen durch seine Grausamkeit und Radikalität jeder Darstellbarkeit entzieht. Andererseits mussten die Geschehnisse der Shoah der Nachwelt vermittelt werden, damit diese nicht in Vergessenheit geraten und alle Welt erfährt, zu welchen Taten Menschen in der Lage sind[44]. Es findet also eine Verschiebung von der Schwierigkeit der Darstellung auf ihre Notwendigkeit statt.[45] De Man betitelt diese Paradoxie als Unmöglichkeit der Unvermeidbarkeit der Autobiographie.[46] Nach Adornos Verdikt aus dem Jahre 1951, das besagt, dass das Schreiben eines Gedichtes nach Auschwitz barbarisch sei[47], war es also nicht möglich innerhalb der traditionellen Möglichkeiten über die Shoah zu schreiben. Aber auf welche Art und Weise und mithilfe welcher literarischen Formen und Mittel konnten Überlebende diese Erfahrungen

[...]


[1] Zu den Begrifflichkeit die für den „bürokratisch organisierten und industriell ausgeführten Mord an sechs Millionen europäischen Juden” bestehen, äußert sich Manuela Günter und benennt die drei Hauptbegriffe: Shoah, Holocaust, Auschwitz. (Vgl. Günter, Manuela: Überleben Schreiben, S.9) In dieser Arbeit wird als Bezeichnung für den Massenmord und die Verbrechen des Nazi-Regimes der Begriff „Shoah” verwendet, da er weder Konnotationen mit sich führt noch eine topographische Beziehungssetzung aufweist.

[2] So stellte Adorno 1951 ein Verdikt auf, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu formulieren.

[3] In Statt eines Vorworts schildert Améry die Situation nach Kriegsende, dass er sich gegen Deutschland und Österreich als Heimatländer entschieden hat und fortan auf seiner Muttersprache veröffentlichen wird: „Ich wollte von meiner österreichischen Heimat nichts wissen und von Deutschland schon gar nicht. [...] Nun stand ich vor einer Entscheidung [...]. Ich hätte, um mir mein Brot zu verdienen, in französischer Sprache schreiben können oder in deutscher. Ich wählte die Muttersprache.” (Améry, Jean: Statt eines Vorworts, S.16.)

[4] Améry, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne. In: Ders., Werke, Band 2. Stuttgart: Klett-Cotta 2002.

[5] Améry, Jean: Über das Altern. Revolte und Resignation. In: Ders., Werke, Band 3. Stuttgart: Klett-Cotta 2005.

[6] Jean Améry: Unmeisterliche Wanderjahre. Vorwort. In: Ders, Werke, Band 2. Stuttgart: Klett-Cotta 2002.

[7] s. Vorwort von Améry, Jean: Unmeisterliche Wanderjahre, S.7. Weiterhin verwies Jean Améry darauf, dass „wer mehr zu erfahren wünscht, [...] auf [s]eine Schriften [verwiesen sei], von denen die meisten autobiographischen Charakters sind.” (Améry, Jean: Statt eines Vorworts, S.15.)

[8] Améry, Jean (1968): Reise ans Ende der Revolution. Notizen von einer Frankreichfahrt. In: Ders.: Weiterleben - aber wie? Essays 1968-1978, hg. und mit einem Nachwort von Gisela Lindemann (1982). Stuttgart: Klett- Cotta, S.7-25.

[9] Améry, Jean: Die Tortur. In: Ders.:Werke, Bd. 2, Jenseits von Schuld und Sühne, Unmeisterliche Wanderjahre, Örtlichkeiten, hg. und mit einem Nachwort von Gerhard Scheit, Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S.55-85.

[10] In dieser Arbeit werden die Texte Reise ans Ende der Revolution. Notizen einer Frankreichfahrt. und Die Tortur näher betrachtet und im 3. Kapitel auf autobiographische Mittel untersucht.

[11] Neumann, B 2: 1991, 99. ZitiertnachHoldenried, Michaela: Autobiographie, S.23.

[12] Holdenried, Michaela (2000): Autobiographie. Stuttgart: Reclam, S.1-69.

[13] Düwell, Susanne (2004): Fiktion aus dem Wirklichen. Strategien autobiographischen Erzählens im Kontext der Shoah. Bielefeld: Aisthesis Verlag.

[14] „So begreift Dan Diner die Shoah als 'Zivilisationsbruch', der aus der Perspektive der Opfer in einem absoluten Sinne 'zwecklos' war, der aber gerade deshalb ein Verstehen verlangt.” (Günter, Manuela: Überleben Schreiben, S.10.)

[15] Holdenried,Michaela: Autobiographie, S.19.

[16] Dilthey rückt das Sinnverstehen in die Perspektive des Sich-Verstehens ein, er grenzt die Biographie von den Naturwissenschaften, wo sie immer nur einen Hilfscharakter hatte, ab und erhebt sie zum symbolischen und individuellen Ausdruck des Geschichtsbewusstsein. (Vgl. Holdenried, Michaela: Autobiographie, S.15.)

[17] Metzler Literaturlexikon, S.64.

[18] Holdenried, Michaela: Autobiographie, S.22.

[19] s. Holdenried, Michaela: Autobiographie, S.14.

[20] Misch B2, 1989, 38, zitiert nach Holdenried, Michaela: Autobiographie, S.21.

[21] Holdenried, Michaela: Autobiographie, S.21.

[22] ebd.

[23] Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, S.215.

[24] Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, S.215.

[25] Lejeune teilt die Elemente der Autobiographie in insgesamt vier Kategorien ein, die alle erfüllt werden müssen, damit ein Werk als autobiographisch gilt. Diese Kategorien sind Form der Sprache (Bericht, Prosa), Behandelter Gegenstand (individuelles Leben, Geschichte einer Persönlichkeit), Situation des Autors (Identität des Autors und des Erzählers) und Position der Erzählers (Identität des Erzählers mit der Hauptfigur, rückblickende Perspektive des Berichts). Jedoch sind die Kategorien in unterschiedlicher Weise verbindlich und können unterschiedlich erfüllt sein. (s. Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, S.215 f.)

[26] Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, S.216.

[27] Am häufigsten die Identität von Autor, Erzählung und Hauptfigur durch die Verwendung der ersten Person markiert. Diese kann jedoch auch in fiktiven Werken verwendet werden, in denen Erzähler und Hauptfigur nicht identisch sein müssen. Daraus lässt sich schließen, dass die erste Person nicht unbedingt ausschlaggebend dafür sein muss, dass die geforderte Identität besteht, denn diese kann sehr wohl beim Erzählen in der dritten Person vorhanden sein. Daher müssen die Probleme in Beziehung zum Eigennamen gesetzt werden, da im Eigennamen die gesamte Existenz einer Person zusammengefasst wird. Und dieser Eigenname wird auf dem Titelblatt genannt; macht man das Titelblatt zum Bestandteil des Textes, so ist der Beweis dieser Identität geliefert. „Der autobiographische Pakt ist die Bestätigung dieser Identität im Text, in letzter Instanz zurückverweisend aus den Namen des Autors aufdem Titelblatt.” (Lejeune, Philippe: Derautobiographische Pakt, S.227-231.)

[28] „Die hier vorgetragene Problematik der Autobiographie ist also [...] auf der Analyse [...] des impliziten oder expliziten Vertrages, der dem Leser vom Autor vorgeschlagen wurde, ein Vertrag, der die Art der Textlektüre festlegt und die Wirkungen hervorbringt, die, dem Text zugeschrieben, ihn uns als Autobiographie zu definieren scheinen.” (Lejeune, Philippe: Derautobiographische Pakt, S.255.)

[29] Barthes, Roland: Der Tod des Autors, S.185-193.

[30] Barthes greift dabei zurück auf die Theorie von Mallarmé, der „[...] die Notwendigkeit gesehen und vorausgesehen [hat], die Sprache an die Stelle dessen zu setzen, der bislang als Eigentümer galt. [.] Mallarmés gesamte Poetik besteht darin, den Autor zugunsten der Schrift zu unterdrücken.” (Barthes, Roland: Der Tod des Autors, S.187.)

[31] Barthes, Roland: Der Tod des Autors, S.187.

[32] Barthes, Roland: Der Tod des Autors, S.190.

[33] ebd.

[34] Barthes, Roland: Der Tod des Autors, S.192.

[35] Wagner-Egelhaaf: Autofiktion, S.356.

[36] De Man, Paul: Die Ideologie des Ästhetischen, S.134.

[37] De Man, Paul: Die Ideologie des Ästhetischen, S.131.

De Man erläutert weiter, dass die Auotbiographie sich „empirisch wie theoretisch [...] als ungeeignetes Objekt für eine gattungstheoretische Definition [erweise]; jeder Einzelfall scheint eine Ausnahme der Regel zu sein; jeder in Frage kommende Text scheint sich dem Zugriff zu entziehen und in benachbarte oder sogar in ganz fremde Gattungen abzugleiten [...].” De Man, Paul: Die Ideologie des Ästhetischen, S.132.

[38] De Man, Paul: Die Ideologie des Ästhetischen, S.134.

[39] Düwell, Susanne: Fiktion aus dem Wirklichen, S.33.

[40] Düwell, Susanne: Fiktion aus dem Wirklichen, S.34.

[41] Düwell, Susanne: Fiktion aus dem Wirklichen, S.27.

[42] Hofmann, Michael: Literaturgeschichte, S.7.

[43] Düwell, Susanne: Fiktion aus dem Wirklichen, S.27.

[44] s.a.: Günter, Manuela: Überleben Schreiben, S.11.: „Die Literatur, die sich traditionell immer auch mit historischen Themen auseinandergesetzt und Stoffe aus der Geschichte gestaltet hat, sah sich angesichts des Grenzereignisses der Shoah lange Zeit in der paradoxen Situation, daß auf der einen Seite Erinnerung dringend geboten, auf der anderen Seite die Repräsentation aber geradezu verboten war. ”

[45] Günter, Manuela: Writing Ghosts, S.21.

[46] Günter, Manuela: Writing Ghosts, S.23.

[47] Vgl. Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft, S.26.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640719310
ISBN (Buch)
9783656722946
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159362
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik II
Note
1,3
Schlagworte
Autobiographisches Schreiben Jean Améry Betrachtung Tortur Reise Ende Revolution Charakteristika Literatur

Autor

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Titel: Autobiographisches Schreiben bei Jean Améry