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Die Naturzustandskonzeptionen von John Locke und Thomas Hobbes im Vergleich

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Naturzustand in Thomas Hobbes Leviathan
2.1 Die empirischen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes
2.2 Die normativen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes
2.3 Der Naturzustand als Kriegszustand bei Hobbes

3. Der Naturzustand in John Lockes zweiter Abhandlung über die Regierung
3.1 Die empirischen Bedingungen im Naturzustand bei Locke
3.2 Die normativen Bedingungen im Naturzustand bei Locke
3.3 Naturzustand und Kriegszustand bei Locke

4. Der Vergleich beider Naturzustandskonzeptionen
4.1 Der Vergleich der empirischen Naturzustandsbedingungen
4.2 Der Vergleich der normativen Naturzustandsbedingungen
4.3 Die Bedeutung von Naturzustand und Kriegszustand im Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Begründung und Legitimierung politischer Herrschaft ist bis heute eine bedeutende Frage in der politischen Philosophie. Der Grund ist eindeutig: Es lässt sich kein Zustim­mungsakt des Menschen ausmachen, in welchem er dem Staat, in den er hineingeboren wird, zustimmt und sich seiner Macht unterwirft. Der Gesellschaftsvertrag als ein Vertrag, in dem die Menschen der Gründung eines Staates zugestimmt haben oder zustimmen würden, ist die bedeutendste Argumentationsfigur der neuzeitlichen politischen Philosophie, mit deren Hilfe die Staatsgewalt begründet werden soll.[1] Der Philosoph und Vertragstheoretiker Thomas Hobbes hat in seinem bis heute viel diskutierten Werk „Leviathan“ dieses Vertragsargument ebenso zur Legitimation des Staates genutzt wie der Vertragstheoretiker John Locke, der 49 Jahre nach Erscheinung des Leviathan im Jahr 1689 das Werk „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ veröffentlichte.[2] Die Theorien des Gesellschaftsvertrags von Hobbes und Locke beginnen beide mit der Beschreibung eines Naturzustandes, womit ein vorstaatlicher Zustand ohne politische Herrschaft gemeint ist. Dieser Naturzustand ist für ihre Argumentationen von großer Bedeutung, denn er zeigt zum einen die Notwendigkeit eines Staates und somit Gesellschaftsvertrages auf, und er legt zum anderen die Gegebenheiten fest, unter denen dieser Gesellschaftsvertrag abgeschlossen wird. Wie wichtig die Naturzustandsbeschreibung ist, zeigt sich letztlich daran, dass Hobbes auf dessen Grundlage eine absolutistische, Locke hingegen eine liberal-demokratische Herrschaftsordnung begründet.[3] Aufgrund dieser Bedeutsamkeit wird im Folgenden ein Vergleich der Naturzustandskonzeptionen von Hobbes und Locke vorgenommen. Hierzu werden in den ersten zwei Kapiteln der Hausarbeit die Naturzustände beider Vertragstheoretiker getrennt voneinander beschrieben, um diese im dritten Kapitel gegenüberzustellen und sowohl deren Gemeinsamkeiten als auch deren Unterschiede aufzuzeigen.

2. Der Naturzustand in Hobbes Leviathan

2.1. Die empirischen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes

Im ersten Schritt soll nun eine Auseinandersetzung mit der Naturzustandskonzeption von Thomas Hobbes im Werk Leviathan erfolgen. Seine Beschreibung beginnt mit der Darle­gung von empirischen Bedingungen, also der Umgebung des Menschen sowie seiner phy­sischen und psychischen Verfassung, gefolgt von normativen, moralischen Bedingungen, denen der Mensch im Naturzustand unterliegt.[4] Die empirischen Naturzustandsbedingungen sind Gegenstand dieses ersten Abschnitts.

Das wichtigste Bedürfnis, das Hobbes den Menschen zuschreibt, ist der Selbsterhal­tungstrieb. Zudem strebt der Mensch nach Genussbefriedigung, was sich in seinem Verlangen nach Dingen, die zu dieser Genussbefriedigung beitragen und ein angenehmes Leben ermög­lichen, äußert.[5] Was die Ressourcenausstattung dieser Dinge anbelangt, fehlt es jedoch sowohl in der Gegenwart an begehrten Gütern als auch an der Sicherheit, diese für die Zukunft sichern zu können. Hieraus resultiert ein niemals endendes menschliches Verlangen nach Macht.[6] Hobbes beschreibt den Menschen des Weiteren als vernunft­begabt: Er ist zu rationaler Interessenverfolgung in der Lage und wägt Aufwand und Nutzen seiner Handlungen gegeneinander ab, weswegen sein Handeln als egoistisch bezeichnet werden kann.[7] Die Menschen zeichnen sich außerdem durch ihr Streben nach sozialer Anerkennung aus.[8] Eine weitere Eigenschaft des Menschen lautet nach Hobbes, dass die Menschen, sowohl was ihre körperlichen als auch geistigen Fähigkeiten betrifft, im Wesentlichen gleich sind: Jeder besitzt grundsätzlich die nötige Körperkraft, um seinen Nächsten zu töten, und Klugheit ist nichts als Erfahrung, die sich alle Menschen gleicherweise aneignen können.[9]

2.2 Die normativen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes

Im 14. und 15. Kapitel des Leviathans geht Hobbes auf die normativen, moralischen

Be­dingungen des Zusammenlebens der Menschen ein, wozu er mit einer Unterscheidung zwischen natürlichem Recht und Gesetz beginnt. Das natürliche Recht beschreibt Hobbes als die Freiheit der Menschen alles tun zu dürfen, was ihrer eigenen Erhaltung dient. Hierzu darf sich der Mensch aller Mittel bedienen, die seiner Meinung nach dazu notwendig sind. Weil jedoch, wie im nächsten Kapitel ausführlich gezeigt wird, der Naturzustand ein Zustand des Krieges ist, gibt es keine Handlung, die nicht dem Überlebenswillen dienen könnte. Jeder besitzt somit ein uneingeschränktes „Recht auf alles"[10]. Weil daher niemand ein exklusives Recht auf irgendetwas hat, nicht einmal auf das eigene Leben, ist dieses Naturrecht für das menschliche Zusammenleben jedoch ohne Bedeutung.[11]

Während das Naturrecht dem Menschen also Handlungsfreiheit einräumt, wird diese Freiheit durch die Naturgesetze eingeschränkt. Die Gesetze der Natur sind in Hobbes Naturzustand Vorschriften, die der menschlichen Vernunft entspringen und den Menschen untersagen etwas zu tun, das ihr Leben vernichten oder gefährden könnte.[12] Die Natur-gesetze besitzen somit die Eigenschaft, den Menschen rationale Wege zur Verfolgung ihrer Interessen aufzeigen. Sie stellen keine naturrechtlichen, bindenden Gesetze im herkömmlichen Sinn dar, die gebrochen werden können. Die menschliche Moral ist im Gegenteil nur der Verfolgung eigener Interessen geschuldet.[13] Als Voraussetzung für ein verbindliches Gesetz bedarf es in Hobbes Naturzustand der Einigung auf ein Staatsoberhaupt, das diese Gesetze erlässt.[14] Hobbes beschreibt insgesamt 19 dieser Naturgesetze, von denen an dieser Stelle die ersten zwei vorgestellt werden. Das erste natürliche Gesetz lautet, dass die Menschen Frieden suchen und einhalten sollen.[15] Dieser Friedenswillen lässt sich mit dem Selbsterhaltungsbedürfnis der Menschen begründen. Weil dieser Frieden nur durch einen Rechtsverzicht zu realisieren ist, lautet das zweite Naturgesetz, dass die Menschen auf ihre Rechte verzichten sollen, soweit dies im Sinne ihrer Selbsterhaltung ist. Hiermit geht einher, dass der Rechtsverzicht auf Gegenseitigkeit beruhen muss;[16] kein Mensch würde vernünftigerweise als einziger auf sein Recht auf alles verzichten. Einen Vertrag definiert Hobbes als wechselseitige Rechtsübertragung.[17] Aus diesem Grunde können die ersten beiden Gesetze der Natur darin zusammengefasst werden, dass die Menschen grundsätzlich dazu bereit sind einen Friedensvertrag einzugehen, sofern sie sich sicher sein können, dass alle anderen Menschen diesen abgeschlossenen Friedensvertrages ebenfalls befolgen.

2.3 Der Naturzustand als Kriegszustand bei Hobbes

Aus den beschriebenen empirischen Naturzustandsbedingungen resultieren nach Hobbes drei Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht. Die Konkurrenz meint den Kampf um begehrte Güter. Aufgrund der Tatsache, dass kein Mensch einem anderen Menschen von Natur aus überlegen ist, weil alle gleich sind, führt die Knappheit dieser Güter zu Konkurrenzkämpfen unter den Menschen. Aus der Gleich­heit der Menschen folgen ferner ständige Unsicherheit und Misstrauen; jeder Mensch könnte jederzeit von seinem Nächsten attackiert werden. Selbst wenn die Menschen nur ihrem Selbsterhaltungstrieb folgen, werden sie aus Angst jeden potentiellen Angreifer zum eignen Schutz präventiv attackieren. Als letzte wichtige Konfliktursache nennt Hobbes die Ruhmsucht, die aus dem Streben nach sozialer Anerkennung resultiert. Wird einem Menschen diese Anerkennung nicht entgegengebracht, wird er seinen Verächter zu schädi­gen suchen, um somit ein Exempel für andere Menschen zu statuieren.[18] Aufgrund dieser Konflikte bezeichnet Hobbes den Naturzustand als einen „Krieg eines jeden gegen jeden“.[19] Das Wesen des Krieges zeichnet sich nach Hobbes durch die Unsicherheit aus, aufgrund derer man sich des Friedens nicht sicher sein kann. Durch diese Unsicherheit ist das Leben nur an kurzfristigen Zielen orientiert und die Menschen leben in ständiger Angst um ihr Leben.[20]

Hobbes zeigt weiter, dass auch die natürlichen Gesetze, aufgrund derer die Menschen grundsätzlich dazu bereit sind einen Friedensvertrag einzugehen, nicht in der Lage sind, den Kriegszustand zu beenden. Der Grund liegt in der Voraussetzung der Gegenseitigkeit, von der die Befolgung der natürlichen Gesetze abhängig ist: die Menschen sind nur bereit einen Friedensvertrag einzugehen, wenn sie sich sicher sein können, dass auch alle anderen Menschen sich an diesen halten. Der Mensch ist nach Hobbes aber derart stark von Leidenschaften dazu verleitet, den Friedensvertrag zu brechen, dass diese Leidenschaften die Furcht vor den negativen Konsequenzen eines Vertragsbruches dominieren.[21] Die ständige Unsicherheit unter den Menschen bleibt also bestehen und entkräftet die friedensstiftende Wirkung des zweiten natürlichen Gesetzes und es bleibt bei einer für alle Menschen unbefriedigenden Situation: dem Kriegszustand.[22] Das Nichtzustandekommen eines Friedensvertrages wird auch deutlich als Hobbes äußert, dass Verträge im Naturzustand bei jedem vernünftigen Verdacht unwirksam sind, sofern sie auf gegenseitigem Vertrauen beruhen.[23] Weil dieser Verdacht im Kriegszustand besteht, kann es also weder wirksame Verträge, noch Eigentum und Gerechtigkeit geben.[24] Jeder hat schließlich ein Recht auf alles. Die Möglichkeit zur Überwindung des Krieges liegt also in der Beseitigung der Unsicher­heit, welche die friedensstiftende Wirkung der natürlichen Gesetze entkräftet. Die Einhal­tung von Verträgen und somit das Herstellen von Sicherheit, kann nur durch eine staatliche Gewalt gewährleistet werden, um „diejenigen zu zwingen, die andernfalls ihre Treuepflicht verletzen würden“[25].

[...]


[1] Vgl. Schmidt/Zintl 2009: S. 29.

[2] Siehe dazu Pfetsch 2003: S. 126 und S. 154.

[3] Vgl. Schmidt/Zintl 2009: S. 32-33, siehe auch Kersting 1994: S. 64-65.

[4] Vgl. Schmidt/Zintl 2009: S. 33-35.

[5] Vgl. Hobbes 1966: S. 95 und S. 98, siehe auch Chwaszcza 1996: S. 93-96.

[6] Vgl. Kersting 1994: S. 65, siehe auch Hobbes 1966: S. 75.

[7] Vgl. Kersting 1994: S. 66-67, siehe auch Chwaszcza 1996: S. 100-104.

[8] Vgl. Hobbes 1966: S. 76.

[9] Vgl. ebd.: S. 94.

[10] Hobbes 1966: S. 99.

[11] Vgl. Kersting 1994: S. 75.

[12] Vgl. Hobbes 1966: S. 99.

[13] Vgl. Kersting 1994: S. 75-79, siehe auch Nagel 1996: S. 193-210.

[14] Vgl. Hobbes 1966: S. 97.

[15] Vgl. ebd.: S. 100.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.: S. 102.

[18] Vgl. Hobbes 1966: S. 95-96.

[19] Ebd.: S. 96.

[20] Vgl. ebd.: S. 96.

[21] Vgl. Hobbes 1966: S. 108, Vgl. Hobbes 1966: S. 131.

[22] Siehe Kersting 1994: S. 71, siehe Nida-Rümelin 1996: S. 118-124.

[23] Vgl. Hobbes 1966: S. 104-105.

[24] Vgl. Hobbes 1966: S. 110.

[25] Hobbes 1966: S. 105.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640721450
ISBN (Buch)
9783640721900
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159397
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Thomas Hobbes Naturzustand Leviathan John Locke Locke Hobbes Naturzustandsvergleich Politische Theorie Vertragstheorie Kontraktualismus

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