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Kann der handlungstheoretische Professionalisierungsansatz von Ulrich Oevermann zur Professionalisierung in der Pflege verhelfen?

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

2. Ausgewählte Aspekte des handlungstheoretischen Professionalisierungsansatzes von Ulrich Oevermann
2.1. Autonomie der Lebenspraxis
2.2. Das Arbeitsbündnis
2.3. Die zwei Sphären der erfahrbaren Welt
2.4. Der Lebensweltbezug
2.5. Individuelle Betroffenheit – Analytische Distanz
2.6. Universelles Wissen und individuelles Fallverstehen
2.7. Wesentliche Voraussetzungen für Professionalisierung nach Ulrich Oevermann

3. Professionalisierung in der Pflege
3.1. Inwieweit findet sich der handlungstheoretische Ansatz von Ulrich Oevermann bei den Vertretern aus der Pflegewissenschaft wieder?
3.2. Bisherige Entwicklungen und Gefahren der Professionalisierung in der Pflege unter diesem Aspekt

4. Diskussion und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

Die Pflege in der Bundesrepublik Deutschland strebt schon länger an, eine eigenständige Profession zu sein. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass es seit etwa 20 Jahren vermehrt Studienangebote an den Hochschulen gibt und auch der Gesetzgeber z.B. in den Krankenpflegeschulen vorschreibt, dass die dort Lehrenden ein abgeschlossenes Hochschulstudium vorweisen müssen. Doch in der pflegerischen Praxis ist es nach wie vor so, dass die Pflege eher als Hilfsdienst der Ärzte anzusehen ist. Hinzu kommt, dass durch veränderte Gesetzgebung die Zugangsvoraussetzungen zum Krankenpflegeberuf herabgesetzt wurden. Pflege tut sich schwer, das eigene Tätigkeitsfeld abzugrenzen und ihr Können und Wissen als eigenständige Aufgabe umzusetzen. Daran hat sich auch seit Etablierung der Pflege-Studiengänge nur wenig geändert, da die studierten Kräfte in aller Regel ohnehin nicht mehr auf den Stationen anzutreffen sind, sondern andere bettferne Tätigkeiten wahrnehmen. Ulrich Oevermann hat mit seinem handlungstheoretischen Professionalisierungsansatz erstmals eine Möglichkeit geschaffen, gerade die praktische Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken und auf diese Weise Professionalisierung zu ermöglichen. Allerdings bezieht sich Oevermanns Ansatz nicht auf Pflegeberufe. Ob dieser Ansatz daher auch in der Pflege zur Professionalisierung verhelfen kann, soll in dieser Arbeit näher untersucht werden.

2. Ausgewählte Aspekte des handlungstheoretischen Professionalisierungsansatzes von Ulrich Oevermann

2.1. Autonomie der Lebenspraxis

Professionen werden zunächst nur im Auftrag eines Klienten tätig, wenn sie also ein Mandat erhalten. Auch durch Erfahrungen anderer Professionen oder aus den eigenen Reihen, werden keine Behandlungen abgeleitet und dem Patienten oder Klienten vorgeschrieben. Der Patient hat die alleinige Entscheidungsgewalt, was eine rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit darstellt (Vgl. Behrens 2005, S. 54). Professionalisiertes Handeln besteht einerseits aus der Vermittlung von Theorie und Praxis, andererseits aus der Beachtung bzw. der Wiederherstellung einer beschädigten Autonomie. Diese Autonomie darf nicht durch Bevormundung gefährdet werden, weil damit der Professionalisierung die Basis entzogen wird (Vgl. Oevermann 1996, S. 79 f.). Autonomie bedeutet hierbei, dass jeder Mensch selbst in der Lage ist, seine Entscheidungen zu treffen, unabhängig davon, ob sie richtig oder falsch sein mögen oder ob sie auf Rationalität oder Irrationalität beruhen. (Vgl. Pilz 2007, S. 115 f.). Anders ausgedrückt handelt es sich bei der Autonomie der Lebenspraxis um die Bewältigung von Entscheidungskrisen, wobei die Entscheidungen nach Vernunft getroffen werden, auch wenn sich die Vernünftigkeit erst später herausstellt (Vgl. Bauer 2001, S. 59 f.). Erst mit dem Tod eines Menschen erlischt diese Autonomie (Vgl. Oevermann 2000, S. 28 ff.).

2.2. Das Arbeitsbündnis

Für das Arbeitsbündnis gibt es wesentliche Merkmale. Zunächst die freiwillige Entscheidung eines Patienten, sich auf eine Therapie einzulassen. Die Ursache für diese Entscheidung ist ein Leiden. Dass der Patient die Therapie wahrnehmen möchte, spiegelt dabei seine Autonomie dar, die sich in zweierlei Hinsicht äußert. Einerseits signalisiert er, dass seine Autonomie durch das Leiden beeinträchtigt ist, andererseits zeigt er damit, dass er autonom die Entscheidung zur Therapie getroffen hat und die Verantwortung übernehmen möchte, an der Bekämpfung des Leidens mitzuwirken. Er hat jederzeit die Möglichkeit, die Therapie zu beenden (Vgl. Oevermann 1996, S. 115 f.). Um das Arbeitsbündnis durchzuführen, muss der Patient sich mit seinen Gedanken und Gefühlen dem Therapeuten offenbaren. Dies stellt ein weiteres Merkmal des Arbeitsbündnisses dar, wobei auch der Therapeut angehalten ist, offen zu sein für die Gedanken und Gefühle des Patienten. Damit soll sichergestellt werden, dass das oberste Ziel der Behandlung die Wiedererlangung der völligen Autonomie des Patienten bleibt. Durch eventuelle Eingriffe seitens des Therapeuten besteht allerdings auch die Gefahr einer Abhängigkeit anstelle einer Selbständigkeit. Genau diesem Risiko soll das Arbeitsbündnis entgegenwirken (Vgl. Hecht 2008, S. 64). Das Arbeitsbündnis hat daher den Charakter einer berufsmäßig ausgeübten Rollenbeziehung, die zeitlich abgrenzbar ist und für die der Patient auch bezahlt. Das Arbeitsbündnis sieht nach außen hin symmetrisch aus. Das bedeutet, dass die widersprüchliche Einheit der spezifischen und diffusen Beziehung zwischen Patient und Therapeut für beide gleichermaßen gilt. Dennoch ist die Asymmetrie deutlich ersichtlich. Denn der Patient sucht Hilfe, der Therapeut bietet diese an und garantiert zugleich, dass er dem Patienten keine weiteren Leiden zufügt. Er garantiert sogar, dass er jederzeit die Grenze zwischen den diffusen und spezifischen Anteilen der Behandlung einhalten kann (Vgl. Oevermann 1996, S. 117 f.). „Diffus“ im Sinne Oevermanns bedeutet, dass alles thematisierbar ist und es sich um Beziehungen zwischen Menschen handelt, während „speziell“ die Beziehung auf der entsprechenden Rollenebene darstellt (Vgl. Ilien 2008, S. 54)

2.3. Die zwei Sphären der erfahrbaren Welt

Nach Ulrich Oevermann unterscheidet man einerseits die Sphäre der Wissenschaft und andererseits die Sphäre der Lebenspraxis. Die Sphäre der Lebenspraxis beinhaltet praktisches Verstehen, während die der Wissenschaft das methodische Verstehen darstellt (Vgl. Wagner 2004, S. 156). Anders ausgedrückt handelt es sich einerseits um die erfahrbare Welt des Hier und Jetzt, andererseits um die hypothetische Welt der Möglichkeiten (Vgl. Pilz 2007, S. 148). Ein Ball, der in der realen Welt als solcher aufgrund seiner Form wahrgenommen wird, lässt noch keine Aussage darüber zu, wie er beschaffen bzw. gefüllt ist. Dabei spiegelt der Ball die Welt des Hier und Jetzt wieder, die Frage der Beschaffenheit stellt die hypothetischen Möglichkeiten dar. Ob der Ball nun gekickt wird oder nicht, entscheidet der Mensch aufgrund seiner hypothetischen Konstruktionen, mittels derer er die Wirklichkeit zu interpretieren versucht (Vgl. Oevermann 1996, S. 72 f.). Das bedeutet, dass es für jede Situation eine unterschiedliche Herangehensweise existiert. Welche Herangehensweise gewählt wird, hängt einzig vom Individuum, anders ausgedrückt von der Lebenspraxis ab (Vgl. Oevermann 1996, S. 76).

2.4. Der Lebensweltbezug

Lebenswelt ist der Sammelbegriff für kulturell und sprachlich übertragene Deutungsmuster. Mittels dieser Deutungsmuster werden Hintergründe beleuchtet und aktuelle Situationen eingeschätzt. Jedes Individuum ist hierbei mit einem bestimmten Lebensweltbezug ausgestattet. Innerhalb dieses Bezuges stellen sich einem jeden Menschen Probleme und eröffnen sich Lösungswege. Die Lebenswelt stellt dabei den Hintergrund von Normen, subjektiven Erfahrungen, sozialen Praktiken, individuellen Fähigkeiten und kulturellen Überzeugungen dar. Die individuelle Lebenswelt eines Menschen kommt nicht nur in dessen Kommunikation, sondern auch in all seinen Lebensfeldern wie z.B. Beruf, Familie oder Bildungseinrichtungen vor. Jeder Mensch greift zur Problemlösung auf seine lebensweltlich geprägten Wurzeln zurück. Diese betreffen Wahrnehmung, Alltag und Bewältigungsstrategien. Zwar schränken sie die Sicht auf alternativ mögliche Handlungsabläufe ein, jedoch bieten sie auch Schutz, Sicherheit und Entlastung in hochkomplexen Lebenssituationen. Ein Therapeut muss diese individuellen Lebensweltbezüge kennen, um die Bewältigungsstrategien und Verhaltensweisen seiner Klienten verstehen zu können. Da auch der Therapeut in einen eigenen Lebensweltbezug eingebunden ist, ist die Größe des Lebenswelt-Unterschiedes maßgeblich für den Erfolg einer Behandlung (Vgl. Schnoor 2006, S. 50 f.).

2.5. Individuelle Betroffenheit – Analytische Distanz

Bei diesem Aspekt geht es darum, die konkrete Betroffenheit eines Patienten zu erfassen und in professioneller analytischer Distanz mit diesem einen Aushandlungsprozess durchzuführen. Dies bedeutet z.B. dass die Pflegekraft dem Patienten die Wichtigkeit des Umlagerns und den Bedarf verdeutlicht und ihm ferner sowohl die Vorgehensweise aber auch die Folgen einer nicht durchgeführten Umlagerung nahe bringt (Vgl. Conzen 2009, S. 85). Dieser Aushandlungsprozess ist auch deshalb erforderlich, weil jede Pflegesituation als individuell anzusehen ist. Nur mit der entsprechenden analytischen Distanz kann hierbei die Dienstleistung des Helfens gewährleistet werden. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Pflegekraft selbst zum Betroffenen wird, wenn sie sich mit dem Leiden des Patienten identifiziert (Vgl. Hundenborn 2007, S. 25). Daher ist einerseits der Mittelpunkt einer therapeutischen Intervention am physischen und psychischen Problem des Patienten auf möglichst große Distanz zum Therapeuten selbst zu setzen, um die Diagnostik und die Therapie nicht aus den Augen zu verlieren. Andererseits darf dem Therapeuten nichts verborgen bleiben, damit er das Krankheitsgeschehen in den Lebensweltbezug des Patienten einordnen kann (Vgl. Oevermann 1996, S. 132 f.). Im professionellen Handeln einer Pflegekraft liegt somit immer eine subjektive Betroffenheit, die gerade deshalb eine analytische Distanz erforderlich macht, um eine objektive Herangehensweise an den individuellen Fallbedarf zu gewährleisten. Denn gerade in der professionellen Pflege gibt es keine standardisierbaren Handlungsabläufe, vielmehr müssen Lösungsstandards individuell auf den Patienten zugeschnitten werden (Vgl. Weidner 2004, S. 48 ff.)

2.6. Universelles Wissen und individuelles Fallverstehen

Das universelle Wissen und das individuelle Fallverstehen sind für eine erfolgreiche Therapie unverzichtbar. Nur das universelle Wissen allein führt dazu, dass eine Krankheit als Fremdkörper in einem ansonsten unversehrten Körper angesehen wird. Dies führt zwangsläufig zu einer Fehlinterpretation, da die individuellen Umstände unberücksichtigt bleiben. Andererseits führt das reine Fallverstehen ebenso zu einer fehlerhaften Therapie, da dem Patienten wichtige Behandlungen, Diagnostiken und medizinische Errungenschaften vorenthalten werden. Eine vernünftige Diagnose ist daher sowohl ein Prozess, in dem Normwerte abgeglichen werden, als auch eine Rekonstruktion einer Fallstruktur, in die Symptomatik, Krankheit und Möglichkeiten der Gesundung gleichermaßen Einfluss nehmen (Vgl. Oevermann 1996, S. 126 f.). Eine professionelle Kraft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie die Verbindung von wissenschaftlichen Grundlagen einerseits und individuellen Faktoren des Patienten andererseits zu verbinden weiß (Vgl. Wieland 1975, S. 95 ff.). Anders ausgedrückt ist professionelle Pflege die Kombination aus Diagnosen, Anamnesen, evaluativen Instrumenten, spezifischen Assessments und Interventionsstrategien (Vgl. Weidner 1999, S. 31 ff.).

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Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640725663
ISBN (Buch)
9783640725908
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159453
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,0
Schlagworte
Kann Professionalisierungsansatz Ulrich Oevermann Professionalisierung Pflege

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