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Achtsamkeitsbasierte Ansätze in der Psychotherapie von Abhängigkeitsstörungen

Bachelorarbeit 2009 54 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Abhängigkeitsstörungen
2.1 Stoffgebundene Süchte
2.2 Nicht-stoffgebundene Süchte

3 Das Problem des Rückfalls

4 Das Prinzip der Achtsamkeit

5 Achtsamkeit in der Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit
5.1 Theoretische Überlegungen zum Achtsamkeitsprinzip von Marlatt
5.2 Das Informationsverarbeitungsmodell von Breslin, Zack und McMain

6 Achtsamkeit in der Therapie von Abhängigkeitsstörungen
6.1 Etablierte therapeutische Ansätze zur Vermittlung von Achtsamkeit
6.2 Anwendungsmöglichkeiten bei Abhängigkeitsstörungen
6.3 Eine empirische Untersuchung zur Achtsamkeitsmeditation bei Alkohol- und Drogenproblemen
6.4 Die Mindfulness-based relapse prevention
6.5 Die therapeutische Haltung
6.6 Ausblick

7 Achtsamkeit, Spiritualität und Psychotherapie
7.1 (Sehn-)Sucht
7.2 Spiritualität
7.3 Die „Zwölf Schritte“ der Anonymen Alkoholiker

Literaturverzeichnis

Anhang

A: Beispiele für formelle und informelle Achtsamkeitsübungen

B: Prof. Dr. C. G. Jung`s letter to Bill Wilson

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, allen zu danken, die mich während der Entstehung dieser Arbeit unterstützt haben.

Ich bedanke mich bei Dipl.-Psych. Ingo Zirks, der mein Interesse für achtsamkeitsbasierte Ansätze in der Psychotherapie geweckt hat sowie bei Prof. Dr. Nicola Wolf-Kühn und Prof. Dr. Matthias Morfeld, die mir die Betreuung dieses (aus wissenschaftlicher Sicht nicht ganz unproblematischen) Themas zusicherten. Für die nützlichen Literaturhinweise danke ich Dr. Michael E. Harrer, Prof. Dr. Thomas Heidenreich, Dr. Thorsten Kienast, Prof. Dr. G. Alan Marlatt sowie Dipl.-Psych. Sebastian Sauer.

Ein besonderer Dank geht an meinen Freund Sebastian, der sich zum Korrekturlesen bereiterklärte und viel Verständnis für mein knappes Zeitbudget aufbrachte. Meinem Bruder Tobias danke ich für seine motivierenden Einlagen, die sich fast immer positiv auf meine Stimmung auswirkten. Besonders bedanken möchte ich mich auch bei meinen Eltern und Großeltern, die mir dieses Studium ermöglicht haben.

Zusammenfassung

Im Fokus dieser Bachelorarbeit stehen das v. a. im Rahmen der Verhaltenstherapie zunehmend eingesetzte und erforschte Prinzip der Achtsamkeit (mindfulness) sowie theoretische Überlegungen und Anwendungsmöglichkeiten in der Therapie von Abhängigkeitsstörungen. Ansätze, die Verbindungen zwischen expositionsorientierten Interventionen und Achtsamkeit herstellen, gelten dabei als besonders vielversprechend. Zunächst werden verschiedene Formen der Abhängigkeit und das damit verbundene Problem des Rückfalls vorgestellt. Nach einer definitorischen Annäherung an das Achtsamkeitsprinzip werden vorliegende Behandlungsprogramme skizziert und deren Einsatz im Suchtbereich diskutiert. Es folgen Vorschläge für eine Integration des Achtsamkeitsansatzes in die Suchttherapie und ein Ausblick zum Forschungsbedarf. Abschließend wird auf den im Zusammenhang mit Achtsamkeit nicht zu vernachlässigenden Aspekt der Spiritualität und dessen Verhältnis zur Psychotherapie eingegangen.

1 Einleitung

“God, grant me the serenity to accept the things I cannot change, the courage to change the things I can, and the wisdom to know the difference” (The Serenity Prayer, Ursprung unklar). Dieses vor allem durch die „Anonymen Alkoholiker“ bekanntgewordene Gelassenheitsgebet dürfte wohl einer der bekanntesten Sinnsprüche im Suchtbereich sein (Heidenreich, Schneider & Michalak, 2009). Er spiegelt eine Haltung wider, die je nach Lage einer spezifischen Situation Akzeptanz bzw. Veränderung als zu bevorzugende Handlungsalternative sieht. So soll Abhängigkeit in der abstinenzorientierten Suchttherapie einerseits als chronische Krankheit akzeptiert werden (für die es keine variable Zielsetzung bezüglich des Substanzkonsums gibt, die dauerhaften Erfolg verspräche), andererseits werden Abhängige zur Veränderung etlicher Verhaltensweisen und Einstellungen aufgefordert, die mit der Fähigkeit zur Aufrechterhaltung einer abstinenten Lebensweise in Verbindung gebracht werden. Diese Dialektik zwischen Akzeptanz und Veränderung besteht nicht nur im Suchtbereich, laut Linehan (2007) sei sie grundlegend in jeder Psychotherapie: „Es gilt eine Balance zu finden zwischen einem Vorgehen, das auf Veränderung abzielt, und einem Annehmen des aktuell Gegebenen“ (S. 6). Während die meisten Ansätze zur Behandlung psychischer Störungen darauf abzielen, belastende Ereignisse und Umstände zu verändern, wird dem Annehmen und Ertragen von Belastungen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Achtsamkeitsprinzip, das für die Entwicklung einer akzeptierenden Haltung von zentraler Bedeutung ist, gilt in diesem Zusammenhang als eine wichtige und notwendige Ergänzung veränderungsorientierter Therapieprinzipien (Heidenreich et al., 2009). „Die meisten Autoren scheinen sich darin einig zu sein, dass ‚Achtsamkeit‘ in einem nicht näher definierten Sinne eine heilsame Qualität darstellt, während es ebenfalls als ‚gesund‘ betrachtet wird, bestimmte Dinge zu ‚akzeptieren‘, andere jedoch zu ‚ändern‘“ (Heidenreich & Michalak, 2009b, S. 13.).

In den letzten Jahren wurden mehrere empirische Arbeiten veröffentlicht, die bestätigen, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen erfolgreich zur Behandlung verschiedener Störungen eingesetzt werden können (Heidenreich, Schneider & Michalak, 2006). Für eine intensivere Beschäftigung mit Achtsamkeit im Suchtbereich sprechen nach Breslin, Zack & McMain (2002, S. 275) folgende Argumente: (1) Bisher existieren nur wenige (und zudem methodisch fragliche) Studien über (Achtsamkeits-)Meditation und Alkoholismus. (2) In neueren Arbeiten zu anderen Störungen (z. B. Depression) konnten positive Effekte achtsamkeitsbasierter Behandlungen nachgewiesen werden, sodass dies auch für Abhängigkeitsstörungen gelten könnte. (3) Bisheriges Wissen zur Informationsverarbeitung bei Abhängigkeit sowie Erkenntnisse zu Auswirkungen von Achtsamkeit auf Affekt und Kognition deuten darauf hin, dass Achtsamkeit und die mit ihr verbundenen akzeptanzbasierten Techniken eine wichtige Ergänzung bisher existierender kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze darstellen könnten. Heidenreich et al. (2006) fügen dem hinzu, dass einzelne Störungen, die häufig gemeinsam mit Abhängigkeiten auftreten, durch achtsamkeitsbasierte Interventionen positiv beeinflusst werden können. Daher bestehe die Möglichkeit, dass sich eine erfolgreiche Behandlung dieser anderen Störungen auch positiv auf den Verlauf der Abhängigkeit auswirkt.

Bevor das Prinzip der Achtsamkeit und darauf basierende Ansätze zur Erklärung und Behandlung süchtigen Verhaltens vorgestellt werden, sollen zunächst verschiedene Abhängigkeitsstörungen und das damit verbundene Problem des Rückfalls näher beleuchtet werden. Es werden etablierte achtsamkeitsbasierte Therapieansätze skizziert und deren mögliche Anwendung im Suchtbereich diskutiert. Anschließend folgt ein Ausblick zum Forschungsbedarf. Am Ende wird das häufig mit Achtsamkeit in Verbindung gebrachte Thema der Spiritualität und deren Verhältnis zur Psychotherapie aufgegriffen.

Aus Gründen des Leseflusses ist die traditionelle Schreibform gewählt worden: die Worte Klient, Therapeut etc. stehen selbstverständlich für beide Geschlechter. In Anbetracht dessen, dass Sprache immer nur eine Annäherung an das Gemeinte darstellt und durch (sinngemäße) Übersetzungen womöglich noch mehr vom ursprünglich Gemeinten auf der Strecke bleibt, werden die meisten Zitate in Originalsprache wiedergegeben. Auch werden die Begriffe Abhängigkeit bzw. abhängiges Verhalten und Sucht bzw. süchtiges Verhalten in dieser Arbeit synonym verwendet.

2 Abhängigkeitsstörungen

Abhängigkeitsstörungen stellen eines der ernstesten medizinischen und gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit dar (Heidenreich et al., 2009). Es wird geschätzt, dass weltweit zwischen 172 und 250 Millionen Menschen (im Alter von 15 bis 64 Jahren) Drogen konsumieren bzw. mindestens einmal in den vergangenen 12 Monaten Drogen konsumiert haben. Zwischen 18 und 38 Millionen von ihnen weisen einen problematischen Konsum auf (United Nations Office on Drugs and Crime, 2009). In Deutschland leiden mehrere Millionen Menschen an einer Abhängigkeit von psychotropen Substanzen, wobei Alkohol und Nikotin mit Abstand die häufigsten Substanzen darstellen (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V., DHS, 2009). Würde man von Mehrfachabhängigkeiten absehen und alle Schätzzahlen zu schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit von Tabak bis pathologischem Glückspiel addieren, k]äme man auf rund 10 Millionen Betroffene: „Unsere Kultur ist eine Drogenkultur. Wir nehmen Drogen, um aufzuwachen (Kaffee oder Tee), um wach zu bleiben (Zigaretten, bestimmte Softdrinks), um zu entspannen (Alkohol) oder um Schmerzen zu lindern (Aspirin)“ (Davison, Neale & Hautzinger, 2007, S. 411).

Der Begriff „Sucht“ wird in den international gültigen klinischen Glossars wie der 10. Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) nicht mehr verwendet, sondern durch den neutraleren Begriff „Störung“ ersetzt. Dieser dient der Vermeidung werthaltiger Bezeichnungen (z. B. Krankheit) und umfasst alle negativen Auswirkungen mit Behandlungsbedarf auf psychischer, somatischer oder sozialer Ebene (Bilitza & Schuhler, 2007; Bühringer, 2006). In Literatur und Praxis ist die Bezeichnung „Sucht“ jedoch weiterhin geläufig. So wird laut Bilitza und Schuhler (2007) unter Sucht im Allgemeinen „…der krankhafte, unbezähmbare Drang verstanden, sich trotz schädlicher Folgen und abweichend von der soziokulturellen Norm eine psychotrope Substanz zuzuführen oder bestimmte Handlungen auszuführen“ (S. 701). Dieser weite Suchtbegriff umfasst stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Süchte, die im Folgenden jeweils näher betrachtet werden sollen.

2.1 Stoffgebundene Süchte

In der ICD-10 werden stoffgebundene Abhängigkeitsstörungen unter der Kategorie „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“ aufgeführt und anhand spezifischer Diagnosekriterien definiert (Dilling & Freyberger, 2006). Psychotrope Substanzen sind „natürliche, chemisch aufbereitete oder synthetische Stoffe, die zentralnervös auf den Organismus einwirken und Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen“ (Bühringer, 2006, S. 604). Substanzen, die mit problematischem Konsum einhergehen können sind nach ICD-10 (Kapitel V, Abschnitt F10-F19) Alkohol, Opioide, Cannabinoide, Sedativa oder Hypnotika, Kokain, andere Stimulanzien (einschließlich Koffein), Halluzinogene, Tabak, flüchtige Lösungsmittel und andere psychotrope Substanzen (bzw. multipler Substanzgebrauch). Dabei wird zwischen den Störungsbildern „schädlicher Gebrauch“ und „Abhängigkeitssyndrom“ unterschieden. Letzteres bezeichnet eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen [Craving], eine verminderte Kontrolle über ihren Konsum und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom. (Dilling & Freyberger, 2006, S. 74)

Schädlicher Gebrauch wird beschrieben als „Konsum psychotroper Substanzen, der zu Gesundheitsschädigung führt. Diese kann als körperliche Störung auftreten, etwa in Form einer Hepatitis nach Selbstinjektion der Substanz oder als psychische Störung z. B. als depressive Episode durch massiven Alkoholkonsum“ (Dilling & Freyberger, 2006, S. 73). Da schädlicher Gebrauch in der ICD-10 nur anhand physischer oder psychischer Folgeschäden festgemacht wird, falle die Abgrenzung zur Abhängigkeit laut Bilitza und Schuhler (2007) nicht leicht. So empfehlen sie schädlichen Gebrauch immer dann zu diagnostizieren, wenn das Suchtmittel zur Alltagsbewältigung eingesetzt wird, ohne dass die Hauptmerkmale einer Abhängigkeit vorliegen.

Substanzen werden meist konsumiert um Schmerzen zu lindern oder Stimmung und Bewusstsein zu verändern. Auch wenn die körperlichen Folgen gravierend sein können, ist die unmittelbare Wirkung oft angenehm, was vermutlich ein Grund für schädlichen Gebrauch ist (Davison et al., 2007). Allen Substanzstörungen ist gemeinsam, dass die störungsbedingten sozialen und individuellen Kosten hoch sind, während die Motivation zur Einschränkung bzw. Aufgabe des Konsums gering ist (Bühringer, 2006). Die Verfügbarkeit psychotroper Substanzen wird - sicherlich nicht nur aufgrund des hohen Schadenpotentials, sondern auch wegen des staatlichen Interesses an hohen Steuereinnahmen - von Politik und Gesellschaft beeinflusst: So wird der Besitz von Heroin in den Niederlanden wenig sanktioniert, in einigen asiatischen Staaten dagegen mit dem Tode bestraft. In Europa sind Alkohol oder auch Kaffee sozial akzeptiert, Marihuana beispielsweise nicht. Doch es gibt auch Kulturen, die den Genuss von Marihuana tolerieren, dafür aber weder Kaffee noch Alkohol dulden (Giddens, 1999). Obwohl Kaffeetrinker nach Absetzen des Getränks deutliche Entzugssymptome zeigen, wird Kaffee in Europa oder den USA nicht als Droge betrachtet (Chopra, 2005). Ebenso werden Menschen, die große Mengen an Schokolade oder Zucker zu sich nehmen und die Merkmale einer Drogenabhängigkeit zeigen, intuitiv einer anderen Gruppe zugeordnet als Heroin- und Kokainkonsumenten. Egal welche berauschende Substanz präferiert wird, es sollte achtsam mit ihr umgegangen werden: Es gilt eine Balance zu finden zwischen sanftem Rausch und totalem Kontrollverlust, denn wie schon Paracelsus (1493-1541) erkannte: „ Allein die Dosis macht das Gift “ .

Da unmöglich auf alle potentiell süchtig machenden Substanzen eingegangen werden kann, soll exemplarisch der Alkohol - dem die meisten Abhängigen verfallen sind - näher beleuchtet werden.

Alkohol, die älteste Droge der Menschheit, wurde wahrscheinlich durch das Vergären von Honig oder Früchten entdeckt (Lindenmeyer, 2006). Einigen Historikern zufolge hätten unsere Vorfahren in der Frühzeit möglicherweise Tiere beobachtet, die gegorene Früchte fraßen und anschließend ein seltsames Verhalten an den Tag legten. Ein paar Abenteuerlustige sollen daraufhin beschlossen haben, der Ursache auf den Grund zu gehen, warum diese Tiere so torkeln, sodass die Herstellung der ersten alkoholischen Getränke nicht mehr lange auf sich warten ließ (Chopra, 2005). Ab 3500 v. Chr. hatten die Babyloner und Sumerer sowie später die Griechen, Römer, Wikinger und Germanen eine hoch entwickelte Alkoholkultur (Bühringer, 2006). Damals wie heute galt Alkohol als angenehmes Genussmittel, dessen wichtigste soziale Funktion die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und das kurzfristige Vergessen der Alltagsrealität war. In vielen Regionen der Welt ist Alkohol zu einem zentralen Bestandteil der Ess- und Trinkkultur geworden. Noch im Mittelalter war der alltägliche Alkoholrausch (durch Bier und Wein) in Europa selbstverständlich. Mit der zunehmenden Verbreitung des Branntweins im 16. Jahrhundert wurde Alkohol als gefährliche Droge betrachtet und exzessiver Konsum erstmals systematisch verboten. Der Krankheitsbegriff für zwanghafte Trinker entstand allerdings erst Ende des 18. Jahrhunderts. Die Ursache wurde in der Substanz, die Verantwortung für die Entwicklung der Erkrankung allein in der Haltlosigkeit des Trinkers (moralisches Modell) gesehen. Nur absolute Abstinenz kam als Lösung in Frage. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde angenommen, dass die Mehrheit der Bevölkerung alkoholische Getränke problemlos vertrage (medizinisches Modell) und nur einige Personen (ohne dafür moralische Verantwortung zu tragen) eine Erkrankung entwickeln. Mittlerweile wird von einem biopsychosozialen Modell mit Schutz- und Risikofaktoren ausgegangen, die die Wahrscheinlichkeit einer Störungsentwicklung beeinflussen. Das Phänomen Sucht wurde zwar bereits ab dem 19. Jahrhundert Gegenstand einer medizinisch-therapeutischen Betrachtungsweise, adäquate Behandlungsangebote konnten jedoch erst entwickelt werden, als Alkoholkonsum 1968 als Krankheit gesetzlich anerkannt wurde (Bühringer, 2006; Lindenmeyer, 2006). Ob Abstinenz oder kontrolliertes Trinken (eine maßvolle Form des Alkoholkonsums, die Extreme völliger Abstinenz bzw. Trunkenheit meidet) Therapieziel sein sollte, ist umstritten. Es sprechen einige Befunde dafür, dass der Verzicht auf völlige Abstinenz bzw. die Bagatellisierung des Konsums als Ausrutscher bei Alkoholabhängigen kontraproduktiv ist und längerfristig zu vermehrten Problemen (Rückfällen) führt (Davison et al., 2007).

Alkohol besitzt eine sogenannte Zwei-Phasen-Wirkung: Solange der Blutalkoholspiegel steigt, wirkt er stimulierend und positive Emotionen überwiegen. Beginnt er zu sinken, wirkt Alkohol sedierend und es treten vermehrt negative Emotionen auf (Davison et al., 2007). Besonders bei größeren Mengen werden Denk- und Urteilsvermögen, motorische Koordination, Gleichgewicht, Sprache und Sehvermögen beeinträchtigt. Die Auswirkungen eines abrupten Alkoholentzugs können bei chronischen, starken Trinkern dramatisch sein, da sich der Körper an die Droge gewöhnt hat. Betroffene fühlen sich oft ängstlich, depressiv, schwach, ruhelos und können nicht schlafen. Auch kann es zu einem ausgeprägten Tremor (v. a. der kleinen Muskulatur der Finger, des Gesichts, der Augenlider, Lippen u. Zunge) kommen. Der Puls beschleunigt sich, Körpertemperatur und Blutdruck steigen. Wenn der Blutalkoholspiegel plötzlich sinkt, kann bei Menschen, die über Jahre stark getrunken haben ein Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens) auftreten. Betroffene zittern, ihr Bewusstsein ist getrübt und sie haben visuelle, mitunter aber auch taktile Halluzinationen:

Unangenehmes und sehr lebhaftes Getier - Schlangen, Kakerlaken, Spinnen und dergleichen - scheint die Wände hinauf oder über den eigenen Körper zu kriechen oder den ganzen Raum zu füllen. Fiebernd, desorientiert und voll Angst und Schrecken kratzt sich der Alkoholiker wie rasend, um das Ungeziefer loszuwerden; oder er kauert in einer Ecke, um einer vorrückenden Armee nie gesehener Lebewesen zu entkommen. (Davison et al., 2007, S. 413)

Chronisches Trinken führt meist zur Abhängigkeit. Die Droge wird kaum noch konsumiert um sich gut zu fühlen, sondern um negativen Gefühlen zu entfliehen. Neben psychischen Problemen kann es zu schwerwiegenden körperlichen Schädigungen wie Unterernährung, Leberzirrhose oder dem amnestischen Syndrom kommen (Davison et al., 2007). „Eine ausführliche Aufzählung der körperlichen Schäden durch Alkohol könnte viele Seiten füllen, ebenso wie eine Bilanz der Behandlungskosten“ (Chopra, 2005, S. 59).

2.2 Nicht-stoffgebundene Süchte

Unter nicht-stoffgebundenen Süchten sind exzessive Verhaltensweisen wie Arbeits-, Spiel- oder Sexsucht zu verstehen, die in der ICD-10 meist unter „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ (F63) subsumiert werden:

In dieser Kategorie sind verschiedene nicht an anderer Stelle klassifizierbare Verhaltensstörungen zusammengefasst. Sie sind durch wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation gekennzeichnet, die nicht kontrolliert werden können und die meist die Interessen der betroffenen Person oder anderer Menschen schädigen. Die betroffene Person berichtet, aufgrund von dranghaften Impulsen zu handeln. (Dilling & Freyberger, 2006, S. 239)

Wie substanzbezogene Abhängigkeiten sind auch Störungen der Impulskontrolle dadurch gekennzeichnet, dass sie die psychische und teilweise körperliche Gesundheit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen (Heidenreich et al., 2009). Während dem Körper bei stoffgebundenen Süchten ein Stoff zugeführt wird, werden bei nicht-stoffgebunden Süchten körpereigene Wirkstoffe (z. B. Morphin, Adrenalin, Endorphine, Amphetamine) aktiviert. Daher können Betroffene den Entzug von einem nicht-stoffgebundenen Suchtverhalten wie den Entzug von einer Droge erleben. Sie leiden u. a. an innerer Unruhe, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Herzbeschwerden. Einige nicht- stoffgebundene Süchte sollen kurz vorgestellt werden; die häufigsten sind arbeiten und essen (Röhr, 2008).

Generell hat Arbeit überwiegend positive Funktionen (Lebensunterhalt, Tagesstruktur, Wert, Sinn). Sich in Arbeit zu flüchten kann jedoch zum (Abhängigkeits-)Problem werden - vor allem dann, wenn die Frustration über die eigene Lebenssituation so stark ist, dass nur noch Arbeit Erleichterung schafft. Ohne Arbeit fühlen sich die Betroffenen unruhig, sinnlos und leer. Es entwickelt sich ein innerer Zwang zu arbeiten, der vergleichbar ist mit dem Kontrollverlust bei stoffgebundenen Abhängigkeitsstörungen (Röhr, 2008). Im Gegensatz zur Alkoholabhängigkeit ist totale Abstinenz nicht möglich. Daher gehe es um den Verzicht auf die Droge Arbeit. Arbeit wird also auf ihren eigentlichen Sinn reduziert und nicht mehr als Problemlösungsmittel missbraucht.

Auch der Umgang mit Essen kann (in einer Überflussgesellschaft) für viele Menschen problematisch sein. Esssüchtige haben die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren. Ähnlich wie bei einer stoffgebundenen Abhängigkeit, entwickeln sie eine unwiderstehliche Gier, Essen in großen Mengen in sich hineinzustopfen (Kontrollverlust). Auch hier kann natürlich keine totale Abstinenz vom Essen angestrebt werden. Das Ziel ist es, abstinent zu werden von der Droge Nahrungsmittel. Betroffene können meist nicht unterscheiden, wann sie aus Frust, Gier, Wut, Unsicherheit oder ähnlichen Gründen essen. So gehe es laut Röhr (2008) wie bei jeder Abhängigkeitsstörung auch bei der Esssucht darum, die wahren Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen.

Spielsüchtige verlieren beim Spiel den Kontakt zur Realität. Sie steigern sich in einen Rausch und verlieren die Kontrolle über ihr Spielverhalten. Auch die neuen Medien bieten Röhr (2008) zufolge starke Anreize: Die Flucht vor einer trostlosen grauen Welt, vor Konflikten, Kränkungen, Minderwertigkeitsgefühlen etc. in eine bunte Scheinwelt könne suchtartigen Charakter annehmen. Betroffene verbringen mehr Zeit vor dem PC als geplant, sodass das eigentliche Leben zunehmend im Internet stattfindet. Diese Problematik sei nicht zu unterschätzen, da virtuelle Welten einerseits immer lebensechter werden und andererseits immer mehr Menschen in einer immer anspruchsvolleren, komplizierteren Gesellschaft den eigenen Erwartungen oder denen anderer nicht mehr gerecht werden könnten.

Sportsüchtige bringen ihren Körper über die körpereigene Hormonproduktion dazu, Endorphine zu produzieren, d. h. sie versuchen durch exzessives Sporttreiben in einen Rauschzustand zu gelangen. Grundsätzlich hat die Hormongruppe der Endorphine eine äußerst positive körperliche und seelische Wirkung (Chopra, 2005). Beispielsweise ist sie auch für das vielen Sportlern bekannte „runner`s high“ (Hochgefühl beim laufen) verantwortlich. Sportsüchtige suchen diesen Kick immer wieder, auch dann noch, wenn sie körperlich längst nicht mehr dazu in der Lage sind (z. B. Schädigung der Gelenke). Sport wird zum zentralen Lebensinhalt. Ohne Training stellen sich Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Verstimmung, Schuldgefühle oder auch Depression ein. Wie bei anderen Abhängigkeiten erfolge die Behandlung laut Röhr (2008) nach dem Muster, Störungseinsicht, Abstinenz (von Sport als Droge) und Bearbeitung der Hintergründe. Weitere Schwerpunkte der Suchttherapie sind die Motivationsarbeit und die Rückfallprävention (Lindenmeyer, 2006).

3 Das Problem des Rückfalls

Bei vielen psychischen oder somatischen Störungen hat der Klient ein eigenes Interesse an seiner Heilung, bei Abhängigkeitsstörungen ist dies eher selten der Fall (Bühringer, 2006). Die Kooperation ist aufgrund der Illegalität bzw. der sozialen Missbilligung des Verhaltens gering. Hinzu kommt, dass der Klient im Frühstadium einer Störung die Problematik nicht erkennt und im Stadium der Abhängigkeit sich selbst gegenüber nicht akzeptieren will. So kommen viele Betroffene nur auf äußeren Druck in Behandlung (z. B. Erkrankung, Führerscheinverlust, Druck des Partners oder Arbeitgebers). Daher ist es bereits während der Anamnese nötig, eine eigenständige Motivation zur Behandlung aufzubauen. Kanfer, Reinecker und Schmelzer (2006) haben den diagnostisch- therapeutischen Prozess in sieben Phasen (bzw. Ziele für die Motivierung von Klienten) unterteilt: (1) Eingangsphase - Schaffung günstiger Ausgangsbedingungen, (2) Aufbau von Änderungsmotivation und vorläufige Auswahl von Änderungsbereichen, (3) Verhaltensanalyse und funktionales Bedingungsmodell, (4) Vereinbaren therapeutischer Ziele, (5) Planung, Auswahl und Durchführung spezieller Methoden, (6) Evaluation therapeutischer Fortschritte und (7) Endphase - Erfolgsoptimierung und Abschluss der Therapie. Wichtig dabei ist es, das Verständnis des Klienten für die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung aufgrund des äußeren Drucks zu wecken (z. B. Abstinenz zur Wiedererlangung des Führerscheins). Auch sollen die Vorteile dieser Verhaltensänderung gefunden sowie die Überzeugung des Klienten gestärkt werden, dass er die Veränderungen meistern kann („self efficacy“). Erst im Anschluss daran sind therapeutische Maßnahmen zur Erreichung der angestrebten Ziele und zur Rückfallprävention sinnvoll (Bühringer, 2006).

Während es unter medizinischer Kontrolle gut möglich ist, Abhängige von ihren jeweiligen Suchtstoffen körperlich zu entziehen, stellt die hohe Rückfallgefahr das Hauptproblem der Suchttherapie dar. So wird auch nach erfolgreicher Entzugsbehandlung ein Großteil der Klienten erneut rückfällig (Heidenreich et al., 2009).

Dem kognitiv-behavioralen Rückfallmodell (Abbildung 1) zufolge sind sogenannte Hochrisikosituationen (Tabelle 1) von zentraler Bedeutung für das Rückfallgeschehen (Marlatt & Witkiewitz, 2008; Witkiewitz & Marlatt, 2004). Diese können entweder effektiv bewältigt, was zu einer Erhöhung der Selbstwirksamkeitserwartung und damit zu einer verminderten Rückfallwahrscheinlichkeit führt, oder nicht effektiv bewältigt werden, was eine Beeinträchtigung der Selbstwirksamkeitserwartung, initialen Substanzgebrauch und eine erhöhte Rückfallgefährdung zur Folge hat. Es wird angenommen, dass die Art und Weise, wie der Betroffene kognitiv auf einen Rückfall reagiert, darüber entscheidet, ob er diesen Rückfall schnell überwindet und auf dem Weg der Abstinenz bleibt oder wieder beginnt, exzessiv zu trinken. Initialer Substanzgebrauch müsse daher nicht mit einem Rückfall („relapse“) im Sinne eines längeren, ausgeprägten Konsums einhergehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das kognitiv-behaviorale Rü kfallmodell

Aus “Relapse prevention for alcohol and drug problems: That was zen, this is tao” von K. Witkiewitz & G. A. Marlatt, 2004, American Psychologist, 59 (4), p. 225.

Ob sich ein Ausrutscher („lapse“) zu einem Rückfall entwickelt, hänge unter anderem vom sogenannten Abstinenzverletzungseffekt ab: “Individuals who choose to indulge may be vulnerable to the ‘abstinence violation effect’ (AVE), which is the self-blame, guilt and loss of perceived control that individuals often experience after the violation of self-imposed rules …” (p. 3). Der AVE ist also dann zu erwarten, wenn Klienten trotz starken Abstinenzvorsatzes die entsprechende Substanz konsumiert haben, infolgedessen ausgeprägte Schuld- und Schamgefühle entwickeln und diese wiederum mit der entsprechenden Substanz bekämpfen.

Tabelle 1: Rückfallsituationen bei Abh ä ngigkeit

(vgl. Breslin et al., 2002)

1) negative Gefühlszustände

2) negative körperliche Zustände

3) positive Gefühlszustände

4) Austesten persönlicher Kontrolle

5) Verlangen und Versuchungen

6) interpersonelle Konflikte

7) sozialer Druck zu trinken

8) angenehme Zeiten mit anderen Menschen

Basierend auf neueren empirischen Ergebnissen entwickelten Witkiewitz und Marlatt (2004) ein komplexes dynamisches Rückfallmodell (Abbildung 2), das die Komplexität des Rückfallgeschehens adäquater abbilden kann als ein statisches Modell. Neben „tonischen Prozessen“ wie soziale Unterstützung, Familiengeschichte und kognitive Prozesse werden auch „phasische Reaktionen“ wie Copingverhalten und Substanzgebrauch in einzelnen Situationen berücksichtigt. Hochrisikosituationen werden dabei als kontextuelle Faktoren betrachtet, die neben intra- und interpersonellen Determinanten (Tabelle 2) eine Rolle für den Rückfallverlauf spielen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das dynamische Rückfallmodell

Aus “Relapse prevention for alcohol and drug problems: That was zen, this is tao” von K. Witkiewitz & G. A. Marlatt, 2004, American Psychologist, 59 (4), p. 230.

Tabelle 2: Determinanten für einen Rückfall bei problematischer Substanzeinnahme

(vgl. Witkiewitz & Marlatt, 2004)

Intrapersonelle Determinanten

- Selbstwirksamkeitserwartung (das Ausmaß, in welchem ein Individuum sich sicher fühlt, ein bestimmtes Verhalten in einer spezifischen Situation vollziehen zu können)
- Outcome-Erwartungen (Erwartungen an die Effekte einer zukünftigen Erfahrung)
- Craving (Verlangen, bestimmte Drogen zu konsumieren)
- Motivation (sowohl für Verhaltensänderung als auch für weitere Substanzeinnahme)
- Bewältigung (verschiedene Varianten wie z. B. emotionales oder behaviorales Coping)
- Emotionale Zustände (hauptsächlich negativer Affekt)

Interpersonelle Determinanten (soziale und emotionale Unterstützung)

[...]

Details

Seiten
54
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640729371
ISBN (Buch)
9783656880714
Dateigröße
961 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159677
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,3
Schlagworte
Achtsamkeit Achtsamkeitsprinzip Abhängigkeitsstörungen mindfulness Sucht

Autor

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Titel: Achtsamkeitsbasierte Ansätze in der Psychotherapie von Abhängigkeitsstörungen