Lade Inhalt...

Eignungsdiagnostisches Gutachten zur Berufseignung von Tina E.

Ausarbeitung 2010 77 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorabinformation und Anlass des Gutachtens

2. Fragestellung

3. Psychologische Variablen
3.1. kognitive Variablen
3.2. motivationale Variablen
3.3. emotionale Variablen
3.4. soziale Variablen
3.5. Umgebungsvariablen
3.6. Organismusvariablen

4. Untersuchungsplan
4.1. Standardisierte Verfahren
4.1.1. WILDE-Intelligenztest (WIT 2)
4.1.2. Explorix. Das Werkzeug zur Berufswahl und Laufbahnplanung
4.1.3. Bochumer Inventar zur berufsbezogenenen Persönlichkeits-beschreibung
4.2. Teilstandardisiertes entscheidungsorientiertes Gespräch
4.3. Unstandardisierte Verhaltensbeobachtung (VB)
4.4. Darstellung des Unterschungsplans

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1. Darstellung der Ergebnisse der standardisierten Verfahren
5.1.1. Ergebnisse des WILDE Intelligenztests (WIT-2)
5.1.2. Ergebnisse des Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)
5.1.3. Ergebnisse des Explorix. Das Werkzeug zur Berufswahl und Laufbahnplanung
5.2. Ergebnisse des entscheidungsorientierten Gesprächs (EOG)
5.2.1. Allgemeine Angaben
5.2.2. Kognitive Variablen
5.2.3. Motivationale Variablen
5.2.4. Emotionale Variablen
5.2.5. Soziale Variablen
5.2.6. Umgebungsvariablen
5.2.7. Organismusvariablen
5.3. Ergebnisse der Verhaltensbebachtung (VB)

6. Psychologischer Befund
6.1. Kognitive Variablen
6.2. Motivationale Variablen
6.3. Emotionale Variablen
6.4. Soziale Variablen
6.5. Umgebungsvariablen
6.6. Organismusvariablen

7. Zusammenfassung und Empfehlungen

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1. Ergebnisse des Wilde Intelligenztests
9.2. Ergebnisse des Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)
9.3. Ergebnisse des Explorix. Das Werkzeug zur Berufswahl und Laufbahnplanung

1. Vorinformation und Anlass des Gutachtens

Tina E. ist 18 Jahre alt und lebt seit drei Jahren bei ihrem Vater in S., zuvor hat sie nach der Trennung der Eltern (sie war zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt) bei ihrer Mutter gewohnt.

Sie geht seit 2002 auf ein katholisches Gymnasium in S. und schloss dort auch 2008 die 10. Klasse mit der mittleren Reife (Notendurchschnitt 2,5) ab. Die Fächer, die ihr in der Schulzeit am meisten Freude bereitet haben, sind vor allem die sprachlichen Fächer, weshalb sie jetzt in der 12. Jahrgangstufe auch die Leistungskurse Englisch und Spanisch belegt.

Sie machte 2009 ein zweiwöchiges, kaufmännisches Betriebspraktikum bei der Firma Bayer sowie vor ca. einem Jahr ein dreiwöchiges Praktikum in einem Altenheim und hat nebenher als Babysitterin gearbeitet. Die Arbeit im kaufmännischen Bereich habe ihr gar nicht zugesagt und sei zu „langweilig“ gewesen, das Praktikum im Altenheim habe ihr schon gefallen, allerdings habe sie die Arbeit (Plege alter Menschen) dort als zu wenig „anspruchsvoll“ empfunden.

Sie habe die Frage der Berufsentscheidung lange eher vor sich „hergeschoben“ und beschäftige sich seit ca. einem Jahr zum Teil in Form von „Berufstests“ im Internet und Gesprächen mit ihren Eltern damit, welcher berufliche Werdegang für sie in Frage komme; sie habe aber bisher keinen passenden Beruf gefunden und wisse gar nicht, was sie machen wolle bzw. in welche berufliche Richtung sie sich orientieren wolle. Generell sei sie unsicher, worin ihre tatsächlichen Interessen, die in ihrem Beruf eine Rolle spielen sollen, liegen, gleichzeitig sei sie aber gerade deshalb offen für viele unterschiedliche Berufsbilder und schließe von Vorne rein nur wenige Berufe komplett für sich aus.

Aufgrund einer depressiven Störung und psychosomatisch bedingten Kopfschmerzen konnte Tina seit ca. 1 Jahr nur unregelmäßig am Unterricht teilnehmen und hat daher nach dem ersten Halbjahr in der zwölften Jahrgangsstufe für sie nicht zufrieden stellende Ergebnisse erzielt (Durchschnitt 3,0: im Vergleich dazu hatte sie in Jahrgangsstufe 10.1, 10.2 und 11.2 einen Durchschnitt von 2,5, in 11.1. von 2,4), weshalb sie die 12 Jahrgangstufe noch einmal wiederholen wolle. Sie ist sich sicher, dass sie auf jeden Fall das Abitur machen wolle, weiß aber nicht, wie es danach weitergehen solle. Aus diesem Grund wurde sie über den schulpsychologischen Dienst S. an den Untersucher vermittelt. Sie wünscht sich eine grundlegende Untersuchung ihrer Fähigkeiten, Interessen und Vorstellungen. Die psychische Problematik hingegen soll neben der Untersuchung ihrer Interessen und Fähigkeiten innerhalb des Gutachtens nur am Rande berücksichtigt werden.

Dabei betont sie, dass die Erstellung des Gutachtens relativ schnell und „dringend“ erfolgen solle, weil sie eventuell bald in eine Fachklinik solle und sich vorher aber schon ein paar Anregungen für ihre weitere berufliche Entwicklung wünsche.

2. Fragestellung

Das vorliegende Gutachten soll Aufschluss darüber geben, welcher Beruf beziehungsweise welche berufliche Richtungen für Tina E. hinsichtlich ihrer Eigenschaften, Fähigkeiten und Interessen nach dem Abitur am besten geeignet sind sowie eine Einschätzung über den Erfolg der damit verbundenen, zu absolvierenden Ausbildung geben.

Tina E. zieht in Betracht, nach dem Abitur entweder eine geeignete Ausbildung oder ein Hochschulstudium aufzunehmen. Es wird also die Fragestellung untersucht, welche Ausbildungen und / oder Studiengänge für Tina E. nach dem Abitur in Frage kommen bzw. ihrem Fähigkeits- und Interessenprofil entsprechen.

Das Fähigkeits- und das Interessenprofil dienen in diesem Zusammenhang als Basis für eine Empfehlung im Hinblick auf ihre besondere Eignung für ein bestimmtes Berufsprofil beziehungsweise für mehrere in Frage kommende Berufsprofile

Verschiedene Berufsbilder und Ausbildungswege sind mit jeweils unterschiedlichen Anforderungen an eine Person verbunden. Deshalb gilt es, die Bedingungen zu beschreiben, die es erlauben, das in der Fragestellung angesprochene Verhalten zu erklären und vorherzusagen (Westhoff & Kluck, 2008).

Die Grundannahme der Psychologie ist, dass in dem von ihr untersuchten Bereich (dem menschlichen Verhalten und Erleben) regelhafte und gesetzmäßige Zusammenhänge zwischen Variablen zu beobachten sind. Variablen sind Merkmale, Eigenschaften oder Verhalten von Personen und sie können unterschiedliche Ausprägungen annehmen, eine Variable ist zum Beispiel Intelligenz. Die regelhaften und gesetzmäßigen Zusammenhänge zwischen Merkmalen indviduellen menschlichen Verhaltens können dazu genutzt werden, Verhalten von Individuen zu beschreiben, erklären und vorherzusagen (Westhoff & Kluck, 2008).

Deshalb werden zunächst die Variablen erläutert, die im Zusammenhang mit der Fragestellung für die Vorhersage des Verhaltens als notwendig erachtet werden. Aus den Variablen werden dann die relevanten Fragestellungen abgeleitet.

Die anschließend erfolgte Auswahl geeigneter Verfahren dient dazu, die zuvor bestimmten Variablen zu überprüfen. Die Ergebnisse aus den Untersuchungen werden dann zu einem Befund zusammengefasst und stellen die Grundlage für die darauf folgende Beantwortung der Fragestellung und einer anschließenden Empfehlung dar.

3. Psychologische Variablen

Individuelles Verhalten ist in der Entscheidungsorientierten Diagnostik eine Funktion folgender Variablengruppen:

- Kognitive Variablen
- Motivationale Variablen
- Emotionale Variablen
- Soziale Variablen
- Umgebungsvariablen
- Organismusvariablen

Diese Variablen werden im Folgenden erläutert, wobei insbesondere die relevanten Aspekte zur Beantwortung der oben genannten Fragestellung und die damit verbundene Auswahl der Erhebungsverfahren hervorgehoben werden.

3.1. Kognitive Variablen

Kognition im Allgemeinen wird in der Psychologie verstanden als Leistungsfähigkeit, sie umfasst allerdings ebenso die Inhalte des Wahrnehmens, Denkens und Lernens; damit deckt der Begriff Kognition den gesamten Bereich der Informationsverarbeitung und geistigen Leistungen ab. (vgl. Westhoff & Kluck, 2008)

Zur Ausübung vieler Berufe und zur Absolvierung der dafür notwendigen Ausbildung ist es wichtig, viele verschiedene Informationen aus unterschiedlichen Fachbereichen verarbeiten und speichern zu können. Diese Aufgabe bewältigen verschiedene Personen auf unterschiedliche Weise, sie beschäftigen sich z.T. vorrangig mit jeweils anderen Inhalten, können aber auch unterschiedliche Grade von Leistungsfähigkeit an den Tag legen. In jedem Studium und in jedem Beruf, sind bestimmte Anforderungen und kognitive Fähigkeiten von besonderer Relevanz für den Erfolg.

Die allgemeine Intelligenz und die Intelligenzstruktur sind ein zentrales Merkmal bei der Beurteilung der kognitiven Bedingungen. Sie ermöglichen das Einarbeiten in neue Wissensbereiche, den Ausbau der persönlichen Kompetenzen etc. und gerade in einem Hochschulstudium ist z. B. interdisziplinäres Denken (in unterschiedlichem Ausmaß) relevant.

Der Abschluss eines Hochschulstudiums setzt eine mindestens durchschnittliche Intelligenz voraus, daher wird die Ausprägung der allgemeinen Intelligenz von Frau E. erhoben.

Kenntnisse über die individuelle Intelligenzstruktur bringen Hinweise auf besondere Stärken und Schwächen im Rahmen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Ist die Intelligenzstruktur bekannt, können Überforderung und Unterforderung in Schule, Studium und Beruf gezielter vermieden werden. Darüber hinaus weisen verschiedene Berufe unterschiedliche Anforderungsprofile auf, die Eignung für die Ausübung eines Berufes hängt demnach mit von der Passung ab zwischen dem Fähigkeits- und dem Anforderungsprofil.

Im Rahmen der Erfassung der Intelligenzstruktur von Frau E. wird ein besonderes Augenmerk auf die sprachlichen Fähigkeiten gelegt, da Frau E. sich in der Schule besonders für Sprachen begeistert und interessiert und sich vorstellen kann, dass Sprachen in einem für sie geeigneten Beruf eine Rolle spielen könnten. Für den erfolgreichen Abschluss eines Studiums oder einer Ausbildung, in dem sprachliche Fähigkeiten im Zentrum stehen, ist eine mindestens durchschnittliche Sprachfähigkeit Voraussetzung.

Eine weitere Variable, die für die Frage, welche Berufe bzw. Ausbildungswege für Tina E. in Frage kommen, ist die Konzentrations- und Gedächtnisleitung. Gerade während eines Studiums folgen Prüfungen oft in sehr kurzen, zeitlichen Abständen aufeinander und setzen die Fähigkeit voraus, sich auf viele, unterschiedliche Inhalte konzentrieren zu können und das Gelernte über lange Zeit zu behalten. Ob die dafür erforderlichen mindestens durchschnittlichen Fähigkeiten für Konzentrations- und Gedächtnisleistungen bei Frau E. gegeben sind, wird im Rahmen dieses Gutachtens ebenfalls erhoben.

In den Bereich der Konzentration fällt außerdem die Arbeitseffizienz, d. h. die Fähigkeit, auch monotone Tätigkeiten mit hoher Konzentration und Ausdauer durchführen zu können, die in vielen Berufen eine Rolle spielt. Eine hohe Arbeitseffizienz ist besonders in Berufen wichtig, in denen planerische und verwaltungsbezogene Tätigkeiten im Vordergrund stehen, zum Beispiel bei Bürotätigkeiten. Tina E. schließt für sich eine „reine Bürotätigkeit“ aus, kann sich aber vorstellen, einen Beruf zu ergreifen, in dem Organisation eine Rolle spiele. Von Vorteil ist daher, wenn bei Tina E. die Fähigkeit zum effizienten Arbeiten mindestens durchschnittlich ausgeprägt ist.

Für bestimmte Berufsbilder z. B. im mathematischen oder naturwissenschaftlichen Fachbereich oder auch im kaufmännischen Bereich ist ferner eine mindestens durchschnittliche Rechenfähigkeit notwendig. Eine mindestens durchschnittliche Fähigkeit zum räumlichen Denken ist sinnvoll in zum Beispiel künstlerischen Berufen.

Auch die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken ist relevant, sprich, die Fähigkeit, logische Beziehungen zum Beispiel zwischen Zahlen oder auch Wörtern zu erkennen und um allgemeine Zusammenhänge zu erfassen. Diese sollte die hier auch erfasste Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken bei Tina E. mindestens durchschnittlich sein.

Ein entscheidender Faktor bei Leistungen in Schule, Studium und Beruf ist die individuelle Art, Arbeitsaufgaben anzugehen und zu bewältigen und Disziplin beim Arbeiten zu halten, dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung eines individuellen Lernrhythmus – also der persönliche Arbeitsstil.

Eng verbunden mit dem Arbeitstil sind organisatorische und planerische Fähigkeiten, die für den erfolgreichen Abschluss eines Abschlusses an einer Universität oder Fachhochschule notwendig sind. Diese sind ebenso zu erfassen wie Flexibilität und Gründlichkeit bzw. Genauigkeit bei der Bewältigung von Anforderungen und Aufgaben.

Zusammenfassend sollen bei Tina E. folgende kognitive Variablen erhoben werden:

- Allgemeine Intelligenz
- Intelligenzstruktur
- Sprachfähigkeit /sprachliches Denken
- Rechenfähigkeit /rechnerisches Denken
- räumliches Denken
- schlussfolgerndes Denken
- Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisleistung (Merkfähigkeit)
- Arbeitsstil und Arbeitseffizienz
- Planungs- und Organisationsfähigkeit

3.2. Motivationale Variablen

Die Motivation eines Menschen ist ausschlaggebend für seine Entscheidungen, sein Verhalten und die Verfolgung seiner Ziele, Motivation bestimmt das menschliche Verhalten und Handeln und lässt eine Aussage über die Stärke der Motive, die Zielstrebigkeit zu (Brockhaus, 2001, S. 380). Gerade das langfristige Aufrechterhalten und Verfolgen eines Berufswunsches ist nie unabhängig von motivationalen Bedingungen zu betrachten: Individuelle Neigungen und Interessen beeinflussen, welche Berufe und Tätigkeiten als besonders interessant und ansprechend bzw. als besonders langweilig und schwierig empfunden werden.

Zufriedenheit und Erfolg in Ausbildung, Studium und Beruf setzen demnach voraus, dass das angestrebte Tätigkeitsfeld den besonderen Neigungen, Interessen und Zielen von Frau E. zumindest in bedeutsamen Aspekten entspricht.

Für den Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums ist ein mindestens durchschnittliches Maß an Leistungsmotivation notwendig. Ebenso gibt es gerade beim Umgang mit Sprache – des Bereiches, den Tina E. besonders faszinierend findet - nie einen Punkt, an dem man sich nicht mit neuen und aktuellen Informationen, Anforderungen und auch Literaturwerken auseinandersetzen muss. Es ist für Frau E. daher erforderlich sein, sich zum Beispiel für diesen Fachbereich immer wieder auf`s Neue begeistern zu können und sich weiterzubilden, daher soll geprüft werden, ob Frau E. über die mindestens durchschnittliche Fähigkeiten der Selbstmotivation und Ausdauer verfügt.

Ebenso wichtig für die Abschätzung des Erfolgs besonders im Studium sind die Erwartungen und Vorstellungen, die Frau E. bezüglich einer für sie geeigneten Ausbildung beziehungsweise eines für sie geeigneten Studiums und dessen Anforderungen hat. Entsprechen diese nicht den realen Gegebenheiten, würden Enttäuschungen und Misserfolge wahrscheinlich werden. Deshalb sind innerhalb dieses Gutachtens Tina E.s Erwartungen und Vorstellungen an einen Beruf auch dahin gehend zu prüfen, ob sie realistisch und realisierbar sind.

Für die Beantwortung der Frage, welcher Beruf beziehungsweise welche Berufsrichtung die geeignete für Tina E. ist, spielt als weitere Variable die Führungsmotivation eine Rolle. Neben der fachlichen Ausrichtung geben die Ergebnisse dieses zu messenden Merkmals Aufschluss über die persönliche Fähigkeit und das Interesse, Menschen anzuleiten, so zum Beispiel die Leitung einer Sprachenschule oder Ähnliches zu übernehmen. Dafür soll die Führungsmotivation mindestens durchschnittlich ausgeprägt sein.

Zu den motivationalen Aspekten zählt außerdem die Gestaltungsmotivation, die besonders dann relevant ist, wenn innerhalb eines Berufs künstlerisch-kreative Aufgaben bewältigt werden müssen oder es darum geht, eigene Ideen zu entwickeln und zu entwerfen.

Zusammenfassend sollen für Tina E. folgende motivationale Variablen erhoben werden:

- Interessen und Neigungen
- Erwartungen und Vorstellungen
- Leistungsmotivation
- Selbstmotivation und Ausdauer
- Führungsmotivation
- Gestaltungsmotivation

3.3. Emotionale Variablen

Für die Erklärung und die Vorhersage von Verhalten ist es bedeutsam zu wissen, wie jemand empfindet und wie er mit seinen Gefühlen umgeht, denn jedes Verhalten wird nach Westhoff und Kluck (2008) nicht nur von „Emotionen begleitet, sondern gleichermaßen von ihnen mitbestimmt und „gefärbt“ (S. 29).

Ein entscheidendes Kriterium der Emotionen ist die Stressresistenz, eine Eigenschaft, die es einer Person ermöglicht, leichter mit Belastungen umzugehen und diese besser zu verarbeiten. Zu Belastungen zählen u. a. der Leistungs- und Zeitdruck in universitären Prüfungen: es ist es notwendig, in kurzer Zeit viel Lernstoff vorzubereiten und mit der so entstehenden Stressbelastung umgehen zu können. Gerade da Frau E. über längere Zeit in der Schule nur unregelmäßig am Unterricht teilnehmen konnte, wird sie schon in der Abiturzeit sehr viel Lernstoff nacharbeiten müssen und zugleich für die anstehenden Abiturprüfungen lernen müssen. In einem Studium kann besonders z. B. die eigenständige Strukturierung des Studiums und die Finanzierung für Stresssituationen sorgen. Deshalb soll dieses Merkmal bei Frau E. mindestens durchschnittlich ausgeprägt sein.

Ein entscheidender Aspekt bei der Berufswahl ist die psychische Belastbarkeit und die emotionale Stabilität, die je nach Anforderungen bestimmter Berufe unterschiedlich ausgeprägt sein muss. Die Bewältigung von stressreichen Lern- und Prüfungsphasen in einem Studium wird eine Herausforderung darstellen. Deshalb wird erhoben, ob Tina E. über eine mindestens durchschnittliche Ausprägung des Merkmals „emotionale Stabilität“ verfügt.

Wenn man eine Ausbildung oder ein Studium erfolgreich bewältigen will, müssen auch immer wieder Hürden genommen und Enttäuschungen verarbeitet werden werden, dies können z. B. Misserfolgserlebnisse in Klausuren oder Auseinandersetzungen mit Dozenten sein. Eine Eigenschaft, die dabei von Bedeutung ist, stellt demnach auch die Frustrationstoleranz bzw. der Umgang mit Frustrationen dar. Die Ausprägung dieses Merkmals bei Frau E. soll im Rahmen dieses Gutachtens ebenfalls erfasst werden und soll mindestens durchschnittlich ausgeprägt sein.

Auch die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein von Frau E. sind Faktoren, die einen Einfluss auf den Erfolg ihrer schulischen und beruflichen Pläne nehmen. Zum Beispiel in Berufen, in denen Kontakt zu Menschen im Vordergrund steht, in denen Argumentation und Meinungsaustausch notwendig sind etc. ist ein mindestens durchschnittlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein notwendig. Generell ein gutes Selbstbewusstsein mit der Auffassung verbunden, die Ziele, die man sich gesetzt hat, auch erreichen zu können. Diese Überzeugung schlägt sich in dem Merkmal der Selbstwirksamkeitsüberzeugung nieder. Dieses Merkmal wird daher bei Tina E. ebenfalls erhoben und sollte je nach in Frage kommendem Beruf mindestens durchschnittlich ausgeprägt sein.

Zusammenfassend sollen für Tina E. folgende emotionale Variablen erhoben werden:

- Stressresistenz
- Emotionale Stabilität
- Frustrationstoleranz
- Selbstbewusstsein (Selbstwirksamkeitsüberzeugung)

3.4. Soziale Variablen

Der Mensch gilt als „soziales Wesen“ (Westhoff und Kluck, 2008, S. 28), sein Verhalten findet immer vor einem sozialen Hintergrund statt und seine Lebensumwelt und seine sozialen Kontakte bedingen in weiten Teilen sein Verhalten. Die Art und Weise, wie sich eine Person in einem sozialen Gefüge verhält und zurecht findet, sagt demnach immer auch etwas über die sozialen Fähigkeiten der Person aus, die sich vor allem im Umgang mit anderen Personen zeigen. Es ist daher zum Beispiel zu fragen, ob Tina E. dafür geeignet ist, in einem beruflichen Umfeld zu arbeiten, in dem Sozialkontakte im Vordergrund stehen (z. B. als Lehrerin für Fremdsprachen) und ob sie die notwendige soziale Unterstützung für die anstehenden Stresssituationen während Ausbildung und Studium erfahren wird,

Soziale Kompetenz meint die Fähigkeit eines Menschen, Gefühle in Bezug auf sich selbst und andere Personen auszudrücken, zu verstehen und zu regulieren und ist z. B. für Berufe im pädagogischen und psychologischen Bereich besonders notwendig. Diese ist auch dann notwenig, wenn beispielweise die Studienwahl von Frau E. mit einem Ortswechsel verbunden ist, der die Orientierung in einem neuen sozialen Umfeld (neue Freunde und Bekannte finden) notwendig macht. Sie sollte insbesondere für ein Hochschulstudium, in dem gemeinsames Arbeiten mit anderen Studenten im Vordergrund steht, insgesamt durchschnittlich ausgeprägt sein, was in diesem Gutachten ebenfalls untersucht wird.

Unter soziale Kompetenz fällt auch eine mindestens durchschnittlich ausgeprägte Kontaktfreudigkeit, die besonders bei der oben genannten möglichen Orientierung in einem neuen sozialen Umfeld notwendig ist.

In nahezu jedem Beruf ist Teamfähigkeit eine bedeutsame Fähigkeit. unabhängig von dem künftigen, auszuübenden Beruf, sei es zum Beispiel als Angestellte in einem Team oder als Selbstständige in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten, sollte Tina E. eine mindestens durchschnittliche Ausprägung der Variable haben. Teamfähigkeit zeigt sich in der Fähigkeit, mit anderen Personen zu kooperieren und sie wertzuschätzen sowie die eigene Person zugunsten der Arbeitsgruppe zurückzunehmen. In der Konsequenz ermöglicht die Teamfähigkeit die Integration in eine Gruppe und kann zu einer angenehmeren Arbeitsatmosphäre führen.

Das Einfühlungsvermögen eine andere Menschen ist eine weitere, wichtige Komponente der sozialen Kompetenz, die in fast allen Arbeitsfeldern unabdingbar ist. Auch diese Variable wird deshalb in dem Gutachten erfasst und sollte mindestens einen durchschnittlichen Wert bei Tina E. haben.

Gleichzeitig ist je nach Berufsfeld auch ein mindestens durchschnittlich ausgeprägtes Maß an Durchsetzungsvermögen notwendig; eine zu geringe Ausprägung des Durchsetzungsvermögens kann im Berufsalltag z. B. in Berufen wie dem des Lehrers ein massives Problem darstellen.

Ferner soll die Ausprägung des Verantwortungsbewusstseins von Tina E. geprüft werden, die für Berufe, in denen selbstständiges Arbeiten gefordert ist oder Verantwortung für Arbeitsaufgaben oder Menschen übernommen wird, mindestens durchschnittlich ausgeprägt sein muss.

Zusammenfassend sollen für Tina E. folgende soziale Variablen erhoben werden:

-Soziale Kompetenz
- Kontaktfreudigkeit
- Teamfähigkeit
- Einfühlungsvermögen
- Durchsetzungsvermögen
- Verantwortungsbewusstsein

3.5. Umgebungsvariablen

Umgebungsbedingungen umfassen äußere Lebensbedingungen wie die Wohnsituation und die finanzielle Situation eines Menschen; sie gehören somit nicht unmittelbar zu den psychologischen Variablen, bestimmen allerdings deutlich mit, welche Verhaltensoptionen jemand hat und welche unterstützenden und hinderlichen Einflüsse auf den beruflichen Erfolg und die Arbeitszufriedenheit bestehen.

Ein wichtiger Faktor bei der Erstellung von Empfehlungen für Frau E.s Berufswahl ist ihre finanzielle Situation. Dazu zählt die Frage, ob es für Frau E. notwendig sein wird, während des Studiums oder der Ausbildung Nebentätigkeit auszuüben, um sich zu finanzieren und in welchem Umfang diese Nebentätigkeiten das Studium oder die Ausbildung beeinflussen. Es ist daher wichtig, Informationen über ihre finanzielle Lage in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen.

Ebenso ist zu prüfen, ob die Wohnsituation und die familiären Verhältnisse von Frau E. es gegebenenfalls zulassen, z. B. für ein Studium den Studienort flexibel zu wählen, da z. B. manche Studiengänge nur an bestimmten Universitäten angeboten werden und/oder Frau Tina E. eine Zulassung nur an einer bestimmten Universität erhalten könnte. Die zeitliche Flexibilität und die Mobilität von Frau E. spielen hierbei entscheidende Rollen.

Zusammenfassend sollen für Tina E. folgende Umgebungsvariablen erhoben werden:

- finanzielle Situation
- zeitliche Flexibilität
- Mobilität

3.6. Organismusvariablen

Organismusbedingungen beziehen sich auf Aspekte wie Gesundheit und körperliche Belastbarkeit bzw. Krankheiten und Behinderungen oder andere Einschränkungen körperlicher Art. Studium und Beruf setzen in der Regel ein durchschnittliches Maß an Gesundheit und körperlicher Belastbarkeit voraus. Diese Variablen werden bei Frau E. ebenfalls erhoben sowie gegebenenfalls vorhandene Einschränkungen der Gesundheit oder Belastbarkeit, die Einfluss auf die Wahl der angemessenen Ausbildung, des angemessenen Studiums bzw. des Berufs haben.

Zusammenfassend sollen für Tina E. folgende Organismusvariablen erhoben werden:

- allgemeine körperliche Belastbarkeit
- gesundheitliche Beeinträchtigungen

4. Untersuchungsplan

4.1 standardisierte Verfahren

4.1.1 Wilde-Intelligenztest (WIT 2)

Der Wilde-Intelligenztest-2 (WIT-2) ist ein testpsychologisches Instrument, das die detaillierte Erfassung der geistigen Leistungsfähigkeit, sprich der kognitiven Fähigkeiten von Jugendlichen und Erwachsenen von 14-42 Jahren, erlaubt. Er kann vor allem verwendet werden, um die Intelligenzstruktur aufzuschlüsseln, sprich, der spezifischen Stärken und Schwächen, die Tina E. im Bereich der geistigen Leistungsfähigkeit hat. Außerdem ist mit Hilfe des WIT-2 eine Schätzung der allgemeinen Intelligenz[1] möglich.

Der Aufbau des WIT-2 orientiert sich am Strukturmodell der Intelligenz nach Thurstone (1938) und setzt sich aus 11 Untertests mit jeweils verschiedenen Aufgabentypen zusammen. Die Leistungen der Untertests lassen sich zudem so gruppieren, dass sie Aufschluss über die Ausprägung folgender Fähigkeiten geben (vgl. Kersting et al.,, 2008, S. 29). Die englischen Bezeichnungen stammen von Thurstone (1938).

1) sprachliches Denken (V = Verbal) = die Fähigkeit, mit sprachlichen Konzepten umzugehen, sprachlogisches Denken
2) rechnerisches Denken ( N = Number) = Die Fähigkeit, einfache Rechenoperationen (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division) durchzuführen und in Sinnzusammenhänge eingebettete mathematische Aufgaben zu lösen.
3) räumliches Denken ( S = Space) = Die Fähigkeit zur Vorstellung räumlicher Verhältnisse
4) schlussfolgerndes Denken / allgemeine Intelligenz ( R = Reasoning) = die Fähigkeit, logische Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und anwenden zu können.
5) Merkfähigkeit /Gedächtnis ( M = Memory) = Die Fähigkeit, sich kurz zuvor eingeprägte Informationen und Assoziationen zu merken und wiederzuerkennen.
6) Arbeitseffizienz: Die Fähigkeit, relativ einfache Informationen bei andauernder Konzentration effizient zu verarbeiten und anzuwenden, Arbeitsgeschwindigkeit, Selektion und Extraktion relevanter Informationen
7) Wissen Wirtschaft
8) Wissen Informationstechnologie

Der Test liegt in zwei Formen vor: der A und der B Form – hier wurde die Form A gewählt. Dies ist aber für das Ergebnis des Gutachtens irrelevant, da die Formen sich nur durch die Reihenfolge der Items unterscheiden.

Kersting et al. (1983, S. 30 (leicht gekürzt)) nehmen eine Beschreibung der Aufgabentypen[2] in den jeweiligen Untertests wie folgt vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Wie vom Testentwickler empfohlen, wird als Schätzung für die allgemeine Intelligenz (g-Faktor) das Gesamtergebnis in den Untertests zum „schlussfolgernden Denken“ herangezogen und nicht das Ergebnis des gesamten Tests. Die Annahme eines g-Faktors ist umstritten. Da Tina E. aber die Zulassung zum Gymnasium sowie zur gymnasialen Oberstufe erhalten hat, ist davon auszugehen, dass ihre allgemeine Intelligenz mindestens durchschnittlich ausgeprägt ist und es steht eher die Intelligenzstruktur für die Fragestellung im Vordergrund.

[2] Wie Testentwickler empfohlen, werden auf Grund zu geringer Reliabilitäten der einzelnen Subskalen diese nicht einzeln interpretiert, sondern nur die Dimensionen. Die Aufführung der Subskalen ist nur als Information für die Testperson gedacht.

Details

Seiten
77
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640761418
ISBN (Buch)
9783640761470
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159716
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Department Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
Gutachten Psychologie Eignungsdiagnostik Personalpsychologie Berufseignung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Eignungsdiagnostisches Gutachten zur Berufseignung von Tina E.