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Völker auf dem Balkan

Besiedelung, Identitätsbildung und Zusammensetzung in den Staaten der ehemaligen FVR Jugoslawien und Albanien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historische Besiedlungsvorgänge und ethnische Identitätsbildung
2.1 Besiedlung in Antike und Mittelalter
2.2 Identifikation durch kulturell-ökonomische Traditionen
2.3 Macht der Religion
2.4 Die Herausbildung ethischer Identifikation
2.4.1 Serbien
2.4.2 Montenegro
2.4.3 Kroatien
2.4.4 Slowenien
2.4.5 Mazedonien
2.4.6 Bosnien und Herzegowina
2.4.7 Kosovo
2.4.8 Albanien

3 Fazit

4 Literatur

5 weblinks

1 Einleitung

Der Gegenstand dieser Seminararbeit ist die Betrachtung folgender Staaten: Serbien, Montenegro, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Albanien in Hinblick auf ihre ethnische Zusammensetzung und die Ursachen der sich heute darbietenden Gemengelage.[1]

Anhand der teilweise in jüngster Zeit in diesen Staaten durchgeführten Volkszählungen lässt sich eine für diese Region fast typische starke ethnische Durchmischung der Bevölkerungen erkennen. Sie sind charakterisiert durch einen Stammanteil, den eine Hauptethnie bildet und sind angereichert durch verschiedene andere Minderheiten, welche insgesamt, wie im Beispiel Montenegro und Bosnien-Herzegowina, einen Anteil von über 50 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Andere, wie die Republik Kosovo und Albanien haben jedoch nur einen relativ geringen Anteil an Minderheiten von 5 – 8 % aufzuweisen; die Anteile der restlichen Staaten liegen zwischen 10% (Kroatien) und 36 % (Mazedonien).

Vergleicht man die Situation mit Deutschland, haben wir es mit den anerkannten Ethnien der Sorben, Dänen, Friesen und weiteren kleineren Gruppen zu tun, die an der Gesamtbevölkerung keinen großen Anteil haben. Doch um dem Gegenstand dieser Arbeit nahe zukommen, kann man die Gruppe der in Deutschland lebenden Dänen heranziehen. Sie leben teilweise seit vielen Generationen vor allem im nördlichen Schleswig-Holstein, welches im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 zu Preußen (und Österreich) kam, und haben feste, eigenständige, kulturelle Strukturen ausgebildet. Zusammen mit dem Rheinland, welches in seiner Phase der französischen Herrschaft wenigstens in Elementen gallizisiert wurde, hat Deutschland an seiner Peripherie sozio-kulturelle Effekte zu verzeichnen, welche jedoch für manche Länder des Balkan vom Alltagsgeschäft bis in die Anordnung der Verfassungsorgane strukturgebend sind. Ethnische Konflikte haben zu Unterdrückung und Kriegen geführt. Die staatlichen Neuordnungen nach dem Zerfall des kommunistischen Jugoslawien sollen mit Unterstützung der Vereinten Nationen und der Europäischen Union das „Pulverfass“ Balkan entschärfen.

Im Folgenden sollen die besonderen, historischen Linien nachgezeichnet werden, die für die Bevölkerungen der o. a. Staaten prägend waren. Dabei werden die Besiedlungsvorgänge in Antike und Mittelalter dargestellt und es wird auf prägende politische und religiöse Herrschaftsverhältnisse eingegangen.

Dieser Arbeit liegt dabei ein Verständnis von Ethnie, Volk und Volksgemeinschaft zugrunde, welches nicht nur Kategorien wie Abstammung und Verwandtschaft oder Staatszugehörigkeit beinhaltet, sondern in starkem Maße das Zugehörigkeitsgefühl berücksichtigt. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist folglich kein streng messbares Merkmal, sondern ist sozial konstruiert, mithin Veränderungen unterworfen. Loyalitäten und gemeinschaftliche Solidarität gründen sich auf gefühlte und tradierte soziale Normen, welche sich im Verlauf der Geschichte schnell oder langsam ändern können.[2]

2 Historische Besiedlungsvorgänge und ethnische Identitätsbildung

2.1 Besiedlung in Antike und Mittelalter

Es kann gesagt werden, dass besonders von der Spätantike bis ins frühe Mittelalter hinein von einer stark inhomogenen Besiedlung des Balkangebietes gesprochen werden kann. Erste Spuren der Einwanderer stammen allerdings schon aus der Zeit ca. 2000 bis hin ins 12. Jahrhundert v. u. Z., in der es den Griechen im Süden, den Illyrern im Westen und den Thrakern im Osten gelang, diese Gebiete für sich zu behaupten. Diese wanderten aus Asien ein und sind indoeuropäischer Abstammung. Während die griechische Ethnie aufgrund der sprachlichen Kontinuität bis heute unstrittig nachzuweisen ist, wird die direkte Abstammung heute, dort lebender anderer Völker von den genannten alten Ethnien lediglich von einigen regionalen Wissenschaftlern, beispielsweise in Albanien oder Rumänien, angenommen.[3]

Zwar ist an der östlichen Peripherie Europas der Wanderungsstrom stets hauptsächlich von Asien nach Europa nachzuweisen, doch gab es innerhalb unseres Kontinentes zu verschiedenen Zeiten ebenso Wanderungsbewegungen. Im Zeitraum der Antike, ab 168 v. u. Z., sind hier Gruppen römischer Veteranen zu nennen, die, italischer Herkunft, auf Gebieten des Balkans angesiedelt wurden. Die Versorgung der Veteranen mit Land diente dabei nicht nur ihrer Entlohnung für ihren Dienst in der Armee des Römischen Reiches, sondern führte auch zur fortschreitenden Romanisierung der Gebiete, zu einer Verbesserung der Infrastruktur und zur Sicherung der eroberten Gebiete gegen innere und äußere Feinde. Die Besiedelung von der apenninischen Halbinsel aus fand zum größten Teil an der adriatischen Küste statt und verstärkte sich nochmals in der Zeit der venezianischen Herrschaft. Allerdings leben heute nur noch Bruchteile der ursprünglichen italisch-italienisch stämmigen Bevölkerung auf dem Balkan, da mit den Regelungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges Italien diese Gebiete verlor und infolgedessen eine Rückwanderung stattfand. Reste dieser Gruppen finden sich heute noch in Slowenien und Kroatien.[4]

Ein wesentlicher nächster Besiedelungsschub fand im 6./7. Jahrhundert durch wandernde Slawen statt. „Heute bilden die Nachkommen dieser Zuwanderer die tragenden nationalen Elemente der Staaten Slowenien, Kroatien, Jugoslawien (d. i. Serbien, d. A.), Bosnien und Herzegowina, Bulgarien und Mazedonien.“[5]

Obwohl über die Jahrhunderte hinweg von einer nicht unerheblichen Zahl Siedler aus den deutschsprachigen Ländern gesprochen werden kann (die Zahl ihrer Nachkommen betrug vor dem Zweiten Weltkrieg knapp 2 Millionen) ist ihr Anteil auf unter 200 000 Einwohner gesunken. Siedlungswellen fanden nach der Eroberung der Gebiete der Awaren durch Karl den Großen im 9. Jahrhundert statt, mehr noch im 12. und 14. Jahrhundert, doch hauptsächlich im 18. Jahrhundert zur Sicherung der habsburgischen Gebiete nach dem Rückzug der Osmanen.[6]

2.2 Identifikation durch kulturell-ökonomische Tradition

Die augenscheinlich vorhandenen, vielfältigen Lebensmuster im Gebiet des Balkans zeichnen sich durch kulturell-ökonomische Eigenheiten der Bewohner aus. Diese sind ein Produkt der unterschiedlichen ethnischen Herkunft ihrer Träger und auch Ausdruck unterschiedlicher Herrschafts- und Einflussbereiche.

Im Zusammenhang mit den unterschiedlichen historischen Besiedlungsgruppen lassen sich drei grobe Schichten ausmachen, welche sich durch ihre Traditionen und Lebensstrategien unterscheiden und heute zur Betrachtung der Unterschiede einer sozio-kulturellen Mentalität der Bewohner des Balkan herangezogen werden können. Die chronologisch zuerst stehende Kulturschicht ist die griechisch-byzantinische. „Sie steht für kontinuierliche Urbanität, Schriftlichkeit, Schifffahrt, Geldwirtschaft, entwickelten Handelsverkehr, eine differenzierte ländliche sowie städtische Gesellschaft, ein Konzept des Kaisertums, das auch Menschen von einfacher Herkunft den Weg auf den Thron ermöglichte, und für Konstantinopel als Zentrum und Hauptstadt, das in der Lage war, mannigfaltige kulturelle Impulse zu setzen.“[7] Als nächstes wären zuwandernde Reitervölker zu nennen, die sich durch ihre hohe Mobilität und schnelle Inbesitznahme des Landes auszeichnen. Sich anschließende Reichsgründungen und Sesshaftwerdung dieser Völker sind wohl der kleinräumigen Besiedlungsstruktur Europas zu verdanken, welche einem Weiterzug im Wege standen. Ihre ökonomischen Strategien waren eher auf den Handel mit Nachbarn ausgerichtet, um ihren Mangel an landwirtschaftlichen Erzeugnissen auszugleichen. Die dritte Gruppe ist die der bäuerlich orientierten Stämme der slawischen Zusiedler, deren Wirtschaftsweise auf die eigene Bedarfsdeckung ausgerichtet ist und folglich auf ein höheres Maß an Außenhandel verzichten kann.[8]

Es ist leicht, sich vorzustellen, dass die beschriebenen, äußerst unterschiedlichen Lebensweisen verknüpft sind mit einer Vielzahl an moralischen Vorstellungen und Weltbildern, welche die Einstellung zur eigenen Gruppe und das Verhältnis zu anderen stark prägen. Unterschiede in diesen Wertemustern führen zu Trennlinien innerhalb der menschlichen Gemeinschaft und zu der Herausbildung eigener Identitäten und gruppenspezifischem Solidaritätsverhalten.

[...]


[1] Diese Auswahl bezieht sich auf die Eingrenzung, welche im Seminar „Politik, Gesellschaft und Kultur in Südosteuropa“ unter der Leitung von PD Dr. Olaf Leiße im Sommersemester 2009 getroffen wurde.

[2] Vgl.: Emeliantseva, Ekaterina; Malz, Arié; Ursprung, Daniel: Einführung in die Osteuropäische Geschichte, Zürich 2008, S. 47-51.

[3] Vgl.: Kaser, Karl: Raum und Besiedlung, in: Hadshikjan, Magarditsch; Troebst, Stefan (Hrsg.): Südosteuropa: Gesellschaft, Politik. Wirtschaft und Kultur; ein Handbuch, München 1999, S. 54-55.

[4] Vgl.: ebd., S. 55-56.

[5] Ebd.: S. 56.

[6] Vgl.: Kaser: Raum und Besiedlung, S. 58-59.

[7] Kaser, Raum und Besiedlung, S. 60.

[8] Vgl.: ebd. S. 60.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640727414
ISBN (Buch)
9783640728060
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159783
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Balkan Geschichte Völker Jugoslawien

Autor

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Titel: Völker auf dem Balkan