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Der Vergleich von Grillparzers und von Horns Drama über König Ottokar und die Reaktion der tschechischen künstlerischen Öffentlichkeit auf beide Dramen

Srovnání Grillparzerova a Hornova Krále Ottokara a reakce české umělecké veřejnosti na obě dramata

Diplomarbeit 2010 125 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Přemysl Otakar II. in der deutschen und tschechischen Dichtung
1.1 Poesie
1.2 Dramen
1.3 Romane

2. König Ottokars Glück und Ende von Grillparzer
2.1 Charakteristik der Entstehungszeit
2.2 Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen
2.3 Mähren
2.4 Arbeit an König Ottokars Glück und Ende
2.5 Zensur – Vorzeichen der Reaktionen
2.6 Reaktion der Böhmen in Wien
2.7 Besuch in Prag

3. König Otakar /Ottokar von Uffo Horn
3.1 Charakteristik der Entstehungszeit
3.2 Uffo Horn – Abstammung und erste Einflüsse
3.3 Vorgeschichte
3.4 Horns Engagement für deutsch-tschechische Beziehungen
3.4.1 Vormärz
3.4.2 März – Mai 1848
3.4.3 Juniaufstand
3.4.4 Herbst 1848
3.4.5 Nach 1848
3.4.6 Verhältnis zu den Tschechen

4. Vergleich der Dramen
4.1 Horns König Otakar vs. Ottokar
4.1.1 Namen und Figuren
4.1.2 Szenenabfolge
4.2 Grillparzer vs. Horn
4.2.1 Formaler Aufbau
4.2.2 Handlung
4.2.2.1 Horns Vorrede und Vorspiel
4.2.2.2 Exposition
4.2.2.3 Komplikation
4.2.2.4 Peripetie
4.2.2.5 Retardation
4.2.2.6 Katastrophe
4.2.3 Dargestellte Zeit
4.2.4 Dargestellter Ort
4.2.5 Figuren
4.2.6 Figurenkonstellation
4.2.7 Charakteristiken
4.2.7.1 König Ottokar
4.2.7.2 Rudolf von Habsburg
4.2.7.3 Zawis(ch) (von Falkenstein)
4.2.7.4 Kunigunde von Massovien (Machovien)
4.2.7.5 Bruno von Olmütz vs. Andreas von Ritschan
4.2.7.6 Milota (von Dedic)
4.2.7.7 Merenberg vs. Emmerberg
4.2.7.8 Prager Bürger
4.2.8 Slawisch vs. deutsch
4.2.9 Vergleich
4.2.9.1 Ähnlichkeiten
4.2.9.2 Unterschiede

5. Reaktionen
5.1. Grillparzers Ottokar
5.2. Horns Otakar/Ottokar

Schluss

Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Nachschlagwerke
Periodika

Liste der Anlagen

Anlage

Einleitung

Für meine Diplomarbeit habe ich zum Vergleich zwei Dramen gewählt, die denselben Haupthelden haben und den identischen historischen Stoff bearbeiten. Im Jahre 1825 wurde im Wiener Burgtheater das TrauerspielKönig Ottokars Glück und Endevon Franz Grillparzer uraufgeführt und genau zwanzig Jahre später erschien in Prag das TrauerspielKönig Otakarvon Uffo Daniel Horn. Allein diese zwei Tatsachen rufen viele Fragen hervor, die ich mich in der vorliegenden Diplomarbeit zu antworten bemühe. Ist es ein bloßer Zufall, dass zwei Autoren denselben Stoff aufgegriffen haben? Warum haben deutsche Dichter über böhmische Geschichte geschrieben? Wie haben es die Böhmen[1], bzw. die Tschechen empfunden? Wieso werden diese Dramen auf den tschechischen Bühnen nicht aufgeführt? Aus welchem Grund gibt es keine herausgegebene tschechische Übersetzung von diesen Dramen?

Zuerst beantworte ich jedoch die Frage, wie ich auf dieses Thema gekommen bin. Den österreichischen Dichter Grillparzer lernte ich zum ersten Mal in Wien näher kennen, als ichDas goldene Vliesim Burgtheater miterlebte. Ich verstand nur wenig, aber es war eben der Grund für mich, das Werk zu Hause in Ruhe nachzulesen und weitere Informationen darüber zu suchen. So stieß ich auch auf das TrauerspielKönig Ottokars Glück und Ende. Ich sah die Inszenierung, die im Jahre 1955 anlässlich der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters aufgeführt wurde, auf der Videoaufnahme. Ich fand sie furchtbar pathetisch und sie erinnerte mich sofort an die tschechische Hussiten-Trilogie, die eben in derselben Zeit von Otakar Vávra in der damaligen ČSSR verfilmt wurde. Obwohl ich in dieser 1955-Aufnahme vonKönig Ottokarauch nicht alles verstand, fühlte ich, dass mein Patriotismus betroffen wurde und so war es Schluss mit dem alten Herrn Grillparzer, dessen Novellen mir doch sonst sehr gefielen.

Den Namen Uffo Daniel Horn kannte ich ziemlich gut, denn ich absolvierte das Gymnasium in Trutnov, wo ab und zu über den deutschen Stadtbürger die Rede war. An seiner Büste im Stadtpark ging ich regelmäßig vorbei und sie gefiel mir sehr. Sein Werk war mir jedoch nicht vertraut. Erst als Germanistik-Studentin las ich zum ersten Mal über sein TrauerspielKönig Otakarim Zusammenhang mit Bohemismus. Der unbekannte deutsche Dichter wurde allmählich ein Rätsel für mich und die Diplomarbeit war eine Gelegenheit, ihn besser kennen zu lernen und sich zugleich mit meinem verletzten Patriotismus auseinander zu setzen.

Obwohl dieses Thema auf den ersten Blick als höchst interessant für die tschechische Literaturwissenschaft scheint, wurde es nur relativ wenig beschrieben und wissenschaftlich bearbeitet, sowie die ganze Geschichte der Deutschböhmen im 19. Jahrhundert überhaupt. Trotzdem hat sich letztendlich eine Reihe von Quellen herausgestellt, die an dieser Stelle zu nennen sind.

Ich fange an mit den anderen Diplomarbeiten, wo ich die ersten Spuren zu weiteren Quellen und Literatur gefunden habe. Hana Sojková[2]befasste sich in ihrer Diplomarbeit mit der Rezeption Grillparzerschen Werke mit dem tschechischen historischen oder mythologischen Stoff. Im Institut für Germanische Studien beschäftigten sich mit der Frage „Grillparzer und die Böhmen bzw. die Tschechen“ Karel Maršík[3]und Otokar Pazdziera[4], deren Arbeiten jedoch bereits lange überholt sind.

Am nützlichsten war mir die Diplomarbeit von Martin Vavroušek[5], die Horns Werke sowie Sekundärliteratur übersichtlich anbietet. In der Orientierung auf der politischen Ebene und in der biographischen Faktographie half mir sehr vor allem die Bakkalaureatsarbeit von Barbora Čermáková[6].

Im ersten Kapitel bemühte ich mich, eine Übersicht der deutschen sowie der tschechischen Dichtungen über Přemysl Otakar II. zusammen zu stellen. Dazu benutzte ich vor allem die Monographie von Arnošt Kraus im Falle der deutschen Dichtung, im Falle der tschechischen Literatur wählte ich die Titel aus dem Katalog der Nationalbibliothek, die also bis heute relativ zugänglich blieben.

Das zweite Kapitel widmete Franz Grillparzer: der Entstehungsgeschichte vonKönig Ottokars Glück und Ende, der Zensurgeschichte und den ersten böhmischen Reaktionen in Wien, Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen, bzw. zu den Tschechen und seinen Aufenthalten in Böhmen. Dafür waren mir außer einigen Biographien Grillparzers vor allem PörnbachersErläuterungen und DokumentezuKönig Ottokarsowie GrillparzersSelbstbiographieoderBriefesehr hilfreich.

Kapitel drei beinhaltet dasselbe über Uffo Horn, nur etwas ausführlicher, denn seine Persönlichkeit ist mit Böhmen viel enger verbunden als diejenige von Grillparzer. Vor allem die Informationen über Horns politisch-gesellschaftliche Tätigkeit im Revolutionsjahr 1848 sowie über seinen Gesinnungswandel in den 50er Jahren sind sehr interessant und rufen viele weitere Fragen hervor. Da sich alle diese Tatsachen in seinem TrauerspielKönig Otakareinigermaßen widerspiegeln, halte ich es für notwendig, alle diese Aspekte zu berücksichtigen und in dieser Diplomarbeit zu beschreiben. Horns öffentliche Wirkung ist aus der historischen Fachliteratur über die Revolution 1848 und aus Memoiren von Frič zu rekonstruieren. Sehr nützlich erweisen sich die biographischen Studien über Horn von Fischer, Hansgirg, Loužil, Urban oder Wurzbach. Einige Informationen können natürlich auch den zeitgenössischen Periodika, wieBohemia,entnommen werden. Im Archiv der Hauptstadt Prag befindet sich der unverarbeitete Nachlass von Uffo Horn in vier Kartonen. Es gibt dort leider nur wenige Beweise seines politischen Engagements, denn es geht meistens um seinen fragmentarischen dichterischen Nachlass, der nur aus einem geringen Anteil herausgegeben wurde. Eine von den dort sich befindlichen Handschriften halte ich jedoch für besonders wichtig. Es ist seine unvollendete und unveröffentlichte ZeitstudieVor dem 11. März, die ich in der Diplomarbeit kurz beschreibe und in der Anlage als Transkript zur Verfügung stelle.

Das vierte Kapitel beinhaltet den Vergleich beider Dramen. Von GrillparzersKönig Ottokars Glück und Endegibt es nur eine einzige herausgegebene Fassung, während Horn seinenKönig Otakarspäter in denKönig Ottokarumgestaltet hat. Ein oberflächlicher Vergleich von diesen zwei Hornschen Versionen ist hier ebenfalls zu finden. Die zweite Fassung von Horn aus dem Jahre 1859 ist sogar digitalisiert und auf den Webseiten der Nationalbibliothek Prag verfügbar. Für die Dramenanalyse verwende ich das theoretische Handbuch von Hans Krah und beim Vergleich nehme ich vor allem die Monographie von Arnošt Kraus zur Hilfe.

Die Reaktionen auf beide Dramen seit dem 19. Jahrhundert bis heute zähle ich im fünften Kapitel chronologisch mit konkreten Zitierungen auf. Diese entnehme ich den Studien und Rezensionen von Bozděch, Frič, Glückselig, Kraus, Loužil, Hansgirg, Jelinek, Mikovec, Neruda, Tureček, Wurzbach usw., die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, sowie Almanachen und Jahrbüchern veröffentlicht wurden. Es lässt sich darin eine bestimmte Entwicklung verfolgen, die oft von der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre abhängig war.

Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich zum Ziel, die bisherigen relevanten Informationen über beide Autoren und deren Dramen zu sammeln und eine Übersicht daraus zusammen zu stellen, aus der man neue Folgerungen ziehen könnte. Ich bemühe mich möglichst genaue Informationen aus den ursprünglichen Quellen mit Hilfe der buchstäblichen Zitierungen zu wiedergeben und möglichst wenig zu interpretieren, denn wie ich mich selbst davon überzeugt habe, kann jede Interpretation der Fakten die ursprüngliche Information sehr verzeichnen.

1. Přemysl Otakar II. in der deutschen und tschechischen Dichtung

Die historische Figur des böhmischen Königs Přemysl Otakar II.[7]inspirierte in der Geschichte der Literatur mehrere Autoren zur Bearbeitung dieses historischen Stoffes. Er ist einer der meist besungenen Herrscher dieses Geschlechts seit dem Mittelalter. Es entstanden Loblieder, Elegien, seit dem 17. Jahrhundert Dramen und seit dem 18. Jahrhundert auch Romane. Vor allem sein tragisches Ende lockt sowohl die Dichter als auch die Leser an. Für eine bessere Orientierung in der Problematik dient die folgende summarische Übersicht der wichtigsten deutschen und tschechischen literarischen Werke zu diesem Thema, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind.

1.1 Poesie

Eine der ersten Dichtungen stammt von Otakars Zeitgenossen Ulrich von Eschenbach (auch Etzenbach), dem ersten in Böhmen geborenen deutschen Dichter, der am Hofe Otakars tätig war. Seine umfangreicheAlexandreisbesingt den Fürsten, dessen Wappen ein weißer Löwe im roten Feld zeichnet (Kraus, 1999, S. 290f). Als die schönste Dichtung wird das lateinische LiedCantilena de rege Bohemiaebetrachtet, das durch die Chronik von Colmar erhalten bleibt (Kraus, 1994, S. 291). Ein anderer Zeitgenosse, Namensvetter und Feind des Königs Přemysl Otakar II. hieß Ottokar von Steiermark (falsch genannt auch Horneck), aus dessenÖsterreichischen ReimchronikGrillparzer Stoff für sein DramaKönig Ottokars Glück und Ende[8]schöpfte. Grillparzer legte dort dem Chronikschreiber einen berühmten Monolog in den Mund (Kraus, 1994, S. 292f). Noch bevor Grillparzer sein Drama verfasste, schrieb er seine vier RomanzenRudolf und Ottokar[9].In derselben Zeit wie Grillparzers Drama entstand das GedichtRudolph von Habsburgvon dem hohen kirchlichen Würdenträger Ladislaus Pyrker aus Ungarn (Kraus, 1994, 299ff). Der Schauspieler Anschütz, der 1825 Grillparzers Ottokar darstellte, schrieb das GedichtDie Marchenfeldschlacht(Kraus, 1994, S. 303). Zwei Jahre vor der Erscheinung des Vorspiels zu Horns Drama, wurde in demselben AlmanachLibussadas patriotische Gedicht von Emanuel FederOttokar der Großeabgedruckt. Seine Quelle war nicht wie bei den vorangehenden Autoren dieÖsterreichische Reimchronik,sondern dieCantilena de rege Bohemiae(Kraus, 1994, S. 306).

In der tschechischen Literatur befindet sich nur ein bedeutenderes poetisches Werk, das ausschließlich dem König Přemysl Otakar II. gewidmet ist. Es geht um das historische Gedicht von Vojtěch Nejedlý[10], das unter dem TitelOtokar[11]in 3 Bänden im Jahre 1835 in Prag erschien. Dieses dichterisch nicht besonders bedeutende Epos präsentiert in 20 Gesängen die von oben verbreiteten Ideen der aufklärerischen Rationalität und Vollkommenheit. In Otokars Traum tritt die ganze künftige böhmische Geschichte vor, in der nur die starken Individuen den allgemein herrschenden Zerfall besiegen können. (DČL 2, 1960, S. 80).

1.2 Dramen

Eins der ersten Dramen über Přemysl Otakar II. schrieb 1595 Georgius Calaminus. Bereits in seinem TitelRudolphottocaruszeigt sich, was alle Dramen mit diesem Stoff verbindet, nämlich die zwei gegeneinander stehenden Helden: Der Habsburger Rudolph und Přemysl Otakar II. (Kraus, 1994, S. 306). Da es eine historische Tatsache bleibt, dass Rudolf römischer Kaiser wurde und den böhmischen König besiegte, wird dieser in meisten Dramen viel mehr besungen als Otakar selbst.

Im 17. Jahrhundert wurden mehrere Jesuitenspiele über Rudolf und daher wohl auch über Otakar aufgeführt. In der JesuitentragödieOttocarus, Bohemiae rexvon Nicolai Vernulaeus ist Otakar die Hauptperson (Kraus, 1994, S. 307). Auffällig ähnlich ist das zeitgenössische Drama von Lope de VegaLa imperial de Oton (Otons Kaiserkrone)[12].Oton gleicht dem böhmischen König, der Name des Kaisers Rudolf bleibt unverändert (Kraus, 1994, S. 308).

Im Jahre 1785 wurde am Hoftheater in WienRudolph von Habsburgdes jungen schwäbischen Dichters Werthes uraufgeführt (Kraus, 1994, S. 310). Der ehemalige Jesuit Anton von Klein stellte sich nach der Aufhebung des Ordens ganz in den Dienst der Aufklärung und verfasste ebenfalls im Jahre 1785 seine TragödieRudolph von Habsburg.Sie wurde dann mehrmals umgearbeitet und gekürzt (Kraus, 1994, S. 314-319). Selbst Schiller habe einenRudolph von Habsburgzu schreiben geplant (Kraus, 1994, S. 320).

Im Jahre 1804 legte Leutnant der kaiserlichen Garde Anton Popper sein DramaRudolph von Habsburgder Zensur vor, das jedoch nie weder aufgeführt noch gedruckt wurde. Die Zensur wandte ein, „dass auf der Bühne unselige Zeiten geschildert wurden, als die Völker, die jetzt nur einem einzigen Zepter untertan waren, in wildem Kriegsgetümmel gegeneinander entbrannten“ (Kraus, 1994, S. 320). 1806 reichte der Hofschauspieler Ziegler das patriotische DramaThekla, die Wienerinder Zensur ein, aber es wurde erst 1809 uraufgeführt.Die Rücksicht auf die Tschechen spielte bei der Zensur auch hier eine gewisse Rolle (Kraus, 1994, S. 322). Erfolglos blieb das SchauspielRudolf von Habsburgvon M. H. Mynart, das 1812 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde (Kraus, 1994, S. 324).

Auch das Drama des bekannten August von Kotzebue wurde von der Wiener Zensur ursprünglich verboten. Schreyvogel hat es aber überarbeitet und es wurde 1815 unter dem TitelOttokars Tod„mit kühler Anerkennung angenommen“ (Kraus, 1994, S. 324). Im Jahre 1816 schickte Direktor im polnischen Kolberg anlässlich der Feierlichkeiten zur Hochzeit des Kaisers sein DramaRudolf von Habsburgnach Wien.Hier spielt Přemysl Otakar die Hauptrolle, die Zensur schickte das Stück zurück mit dem Wunsch, Rudolf bald zum Hauptheld eines patriotischen Dramas werden zu lassen, die Veränderung wurde jedoch nicht unternommen (Kraus, 1994, S. 329). Vor allem Kotzebues Drama diente Caroline Pichler als Vorlage für ihr LibrettoRudolf von Habsburg(Kraus, 1994, S. 329).

Im Jahre 1825 folgte GrillparzersKönig Ottokars Glück und Ende,auch dieses Drama stieß auf Ablehnung der Zensur und von den Tschechen wird es ebenfalls sehr negativ aufgenommen (Kraus, 1994, S. 330-370). Eine entschlossene Reaktion auf GrillparzersOttokarverfasste 1845 der deutschböhmische Dichter Uffo Horn mit seinemKönig Otakar(Kraus, 1994, S. 371). Diese zwei höchst interessante Widerspiegelungen der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden in dieser Diplomarbeit ausführlicher behandelt.

Unter den tschechischen Dichtern befinden sich zwei Vertreter, die ihre Werke dem König Přemysl Otakar II. widmeten. Václav Vlček veröffentlichte im Jahre 1865 sein Trauerspiel unter dem TitelPřemysl Otakar: truchlohra v pěti jednáních. Im Jahre 1909 erschienPřemysl Otakar II: historická tragédie ve čtyřech jednáníchvon Bohumil Bouška.

1.3 Romane

In der Romanliteratur tritt der historische Roman von Friedrich Christian Schlenkert hervor, den er 1794 als vierbändige Biographie Rudolfs von Habsburg beendete (Kraus, 1994, S. 391). AlsHistorisches Gemälde der Vorzeituntertitelte im Jahre 1830 Theodor Montanus seinen RomanKönig Ottokar der Stolze oder der Böhmen Kreuzzug im Preussenlande.(Kraus, 1994, S. 394). In Witzlebens AlmanachVielliebchenerschien 1841 die letzte Erzählung des Autors A. von TromlitzKönig Przemysl Ottocar(Kraus, 1994, S. 395).

Während die Dramenautoren den König Otakar meistens mit Rudolf von Habsburg verbanden, spielte in Romanen der Rosenberg Záviš von Falkenstein[13]eine entscheidende Rolle. So ist es in den ersten zwei Teilen des dreiteiligen RomansZáviš von Rosenberg, genannt von Falkenstein,der 1860 in Prag erschienen ist. Sein Autor August Peters nannte sich nach seinem Heimatdorf bei Chemnitz Elfried von Taura. Er schildert die böhmische Vergangenheit, als ob er ein tschechischer Patriot wäre. Peters gehörte nach Kraus „zu der geringen Zahl aufrichtiger Freunde der Versöhnung der Völker auf dem Boden der Freiheit, die sich nicht einmal vom Jahr 1848 täuschen ließen“ (Kraus, 1994, S. 397f). Das Gegenteil von Peters’ Záviš bildet derjenige von August Sperl, erschienen 1897 in München. Der RomanDie Söhne des Herrn Budivoj, mit dem sich Sperl einen klangvollen Namen in der modernen Literatur erwarb, bemüht sich die Vorgänge getreu der zeitgenössischen Quellen zu schildern (Kraus, 1994, S. 402).

Die tschechische Romanliteratur verfügt über einen bedeutenderen historischen Roman. Der stammt von der tschechischen Autorin der nationalen Wiedergeburt Sofie Podlipská. Ihr historischer RomanPřemysl Otakar II.erschien in den Jahren 1892 – 1893 und besteht aus drei Bänden: 1. Buch:Anežka Palceřík. Nomeda, 2. Buch:Markéta Babenberská, 3. Buch:Kunhuta. Anežka Přemyslovna.

2. König Ottokars Glück und Ende von Grillparzer

2.1 Charakteristik der Entstehungszeit

Grillparzers Trauerspiel in fünf AufzügenKönig Ottokars Glück und Endeentstand in der ersten Hälfte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts. Es war eine sowohl politisch als auch wirtschaftlich relativ stabile Zeit zwischen zwei revolutionären Ereignissen, nämlich zwischen der Französischen Revolution, die dadurch entfesselten napoleonischen Kriegen mitgerechnet, und dem Revolutionsjahr 1848. Alle diese historischen Meilensteine bestimmten das Kulturleben in der Habsburgischen Monarchie maßgebend mit.

Nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo 1815 und seiner Verbannung wurden die Beschlüsse umgesetzt, die auf dem Wiener Kongress ausgehandelt worden waren. Es ging um eine Ordnung Europas mit dem Ziel einer Restauration, d. h. der Wiederherstellung jener Verhältnisse, die vor der Französischen Revolution Europa geprägt hatten. Zu diesem Zweck gingen die konservativen Monarchen, der österreichische Kaiser Franz I., der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III. ein Bündnis ein. Eine bedeutende politische Rolle spielte der Fürst Metternich, der im Dienst des österreichischen Kaisers stand. Er setzte die sogenannten Karlsbader Beschlüsse von 1819 durch, die eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung der Öffentlichkeit bedeuteten. Es wurde eine strenge Zensur für alle Veröffentlichungen eingeführt.

In der österreichischen Literatur entwickelten sich unter diesen Bedingungen parallel zur Romantik einerseits die Strömung des Biedermeiers und andererseits der österreichische Klassizismus, der vor allem durch Franz Grillparzer (1791 – 1871) repräsentiert wird. Der Ausdruck „Biedermeier“ bezieht sich zum einen auf die subtile Wohnkultur und Kunst des Bürgertums, zum anderen auf die Literatur der Zeit. Als typisch für diese Zeit galt die Flucht ins Idyll und die Begrenzung des politisch-öffentlichen Engagements auf rein wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeit. Man wandte sich mehr der Ausbildung zu. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben spielte sich in Folge der politischen Einschränkungen im Privaten ab. Die einzige Ausnahme bildete das Theater.

Bereits seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in den führenden Kreisen der Wiener Regierung das Bestreben, alles zu unterstützen, was die Vaterlandsliebe heben und beleben konnte. Das Theater diente damals als einer der wenigen öffentlichen Versammlungsorte, den die schaulustigen Wiener fleißig besuchten. So erschien die dramatische Kunst als das wirksamste Mittel zur Erreichung des patriotischen Zweckes. Zu den beliebtesten gehörten zu dieser Zeit vor allem Goethes und Schillers historische Trauerspiele (Necker, o. J., Band 5, S. 4f). Österreich verfügte bisher jedoch nicht über seine eigene, dermaßen hervorragende, schöpferische Persönlichkeit des Dramas und der Literatur überhaupt.

2.2 Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen

Franz Grillparzer wurde 1791 in Wien geboren, wo er in der bürgerlichen Familie eines Rechtsanwaltes aufwuchs. Für ihn war damals Böhmen eins der vielen Länder im Vielvölkerstaat der Habsburgischen Monarchie, das er während einiger Aufenthalte teilweise kennen lernen konnte.

Kraus beschreibt das Bild der Böhmen in Augen der Wiener Bürger, für die Wien die „einzige Kaiserstadt“ war und das übrige Reich nur Provinz darstellte, die die Bedürfnisse der Hauptstadt zu decken hat. Die ganze Provinz schickte ihre Stellvertreter nach Wien, nach diesen sich die Wiener ein Bild von allen Völkern machten. Der stärkste Zustrom aus Böhmen kam aus Norden, von der „Taborlinie“. Es waren überwiegend Handwerker, Arbeiter und Lehrlinge, armes Volk mit Schwielen an den Händen, ungeschliffen, pöbelhaft und erniedrigt. Sie wurden „Böhm’“ genannt, dieses Wort bekam einen so unfreundlichen Bedeutungsgehalt, dass Grillparzer, der die Tschechen in ihrem Heimatland kennen gelernt hat, sie scherzhaft von diesem Namen befreien wollte. Und deshalb nannten diese Böhmen sich selbst lieber „Tschechen“. „Der Adel, die Bürger, die Beamten, die Gelehrten, die aus Böhmen kamen, unterschieden sich in nichts von den deutschen Österreichern; wenn sie irgendeine Besonderheit, zum Beispiel in der Aussprache, aufwiesen, sahen sie zu, sie loszuwerden und empfanden sie als einen Makel“ (Kraus, 1999, S. 362f).

Abgesehen vom Umgang mit den Böhmen in Wien gründete Grillparzer sein Verhältnis zu den Böhmen größtenteils auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen aus den wenigen Böhmenaufenthalten, die nicht immer unter glücklichen Bedingungen verliefen. Seine Schilderungen und Bemerkungen in derSelbstbiographie,BriefenundTagebüchernklingen für Böhmen nicht immer schmeichelhaft aus. Die weitere Entwicklung der Beziehung Grillparzers zu den Böhmen wird im Kapitel 2.6 Reaktion der Böhmen in Wien weitergeführt.

Grillparzer war ein sehr empfindsamer Mensch, der sich leicht durch äußere Anregungen stark und langfristig, wenn auch nicht endgültig beeinflussen ließ. Gerhart Reckzeh analysiert ausführlich Grillparzers Verhältnis zu den Tschechen anhand dessen Aussagen in der MonographieGrillparzer und die Slaven[14].Die Anschauungen über die Tschechen bei Grillparzer modifizierten sich je nach der momentanen politischen Lage und nach der intensiveren oder geringeren direkten Berührung mit dieser Nation.

Ausgehend von einer physischen Antipathie in den Jugendjahren, wächst Grillparzers Abneigung allmählich zu politisch begründeter Feindschaft und gleichzeitiger Verachtung des tschechischen Nationalcharakters wie Missachtung seiner Lebensansprüche. Nach Reckzeh erreicht Grillparzers feindseliger und zugleich verächtlicher Standpunkt einen Höhepunkt gerade imKönig Ottokar. Dann nimmt er zögernd dies und jenes zurück, aber immerhin bleibt in seinem spärlichen Lob ein Tadel verborgen. Aus der anfänglich unterschiedslosen Verneinung entwickelte sich eine bloße Anerkennung der realen Bedeutung dieser Nation, jedoch nie eine Anerkennung ihrer inneren Werte, ihres nationalen Wesens (Reckzeh, 1929, S.11f).

Zusammenfassend könnte man die Entwicklung der Beziehung Grillparzers zu den Böhmen etwa so charakterisieren. Im Allgemeinen kann man diese Beziehung als eine ambivalente bezeichnen, sie hat sich jedoch nach der Uraufführung vonKönig Ottokars Glück und Enderadikal verschlechtert. Eine bestimmte Rolle spielten gewiss auch Grillparzers Besuche des Landes und der zweite Besuch in Mähren spiegelte sich direkt in seinemKönig Ottokarwider.Nach dem Besuch Prags, das ihn begeisterte, hat er seine Meinung vorübergehend aufgewertet, nach 1848 kritisierte er wiederum den wachsenden tschechischen Patriotismus.

2.3 Mähren

Als 1809 Grillparzers Vater verstarb, geriet die Familie in Not und der 18jährige Franz musste als der älteste Sohn noch während des Jurastudiums seine Mutter und drei jüngere Brüder materiell sichern (Auernheimer, 1972, S.17f). Seit März 1812 gab Grillparzer Unterricht dem Neffen des Grafen Josef August von Seilern[15]. Mit dieser Familie besuchte Grillparzer als 21jähriger zum ersten Mal Böhmen, bzw. Mähren (Müller, 1963, S. 23). Die Familie verbrachte den Sommer 1812 an ihren Gütern in Kralitz[16]und Lukow[17], wo Grillparzer mit seinem, bloß ein Jahr jüngeren, Zögling völlig beschäftigt war und daher fast keine Zeit für seine eigenen dichterischen Bemühungen hatte, was ihn sehr verstimmte. Die ersten Eindrücke aus dem Aufenthalt in Mähren beschrieb er in dem Brief an seine Mutter aus dem 2. August 1812:

Das Land wollte mir anfangs gar nicht behagen, aber das gibt sich nach und nach, ich kann jetzt schon beinahe die Mährischen Bauernweiber hören, sehen und riechen, ohne mich zu übergeben, was mir anfangs sehr schwer gelingen wollte. (Grillparzer, 1913, S. 36f)

Daraus lässt sich schließen, dass ihn die mährische Landschaft trotz allem allmählich eingenommen hatte. In seinen Erinnerungen in derSelbstbiographie, die mit etwa vierzigjährigem Abstand geschrieben worden ist, drückt er sich allerdings viel freundlicher aus:

Das Landleben ist angenehm für sich, und so fand ich mich denn endlich zurecht. Ich fing sogar an, die böhmische Sprache zu lernen, habe es aber nie weiter gebracht, als zur Benennung der Speisen, den Schimpfnamen und den Jagdausdrücken. (Grillparzer, 1924, S. 185)

Den nächsten Sommer 1813 verbrachte Grillparzer mit der Familie Seilern wieder in Mähren. Diesmal nahm der Landaufenthalt ein böses Ende. Als nämlich der junge Grillparzer den alten Grafen von Seilern auf dessen ausdrücklichen Wunsch in der offenen Kutsche in die Kirche begleitete, erkältete er sich beim Regenschauer so stark, dass er mehrere Tage im Fieber lag. Er wurde außerhalb des Schlosses in einem Badhaus vom Personal versorgt, das kaum Deutsch sprach und das ihn noch bestahl. Ihm ging es so schlimm, dass man zu ihm sogar einen Geistlichen rief. Diese Erfahrung muss in dem jungen Mann einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben, um so mehr, als er nach seiner Rückkehr in Wien an Rezidiv litt und nachher bei Seilerns als Erscheinung betrachtet wurde, denn man habe an seine Genesung nicht mehr geglaubt und einen neuen Hofmeister bestellt (Grillparzer, 1924, S. 187ff).

Die Zeit in Seilerns Diensten bezeichnet Grillparzer aus vielen Gründen als „die traurigste Zeit meines Lebens, hat die übelste Wirkung auf meine Stimmung und Jugendentwicklung gehabt und nur die Lagen und dringenden Bitten meiner Mutter hielten mich ab, den Zwang gewaltsam zu durchbrechen“ (Grillparzer, 1924, S. 186).

Es gibt Vermutungen, dass Grillparzer Inspiration zu derAhnfraubei einem der mährischen Aufenthalte in der Schlossbibliothek in Groß Ullersdorf (Velké Losiny) gefunden habe (Antonín, 2007, S. 15). Nach Luboš Antonín habe Grillparzer den Stoff zuAhnfraugeschöpft aus der Legende über Borotiner weißer Frau, die auf deutsch in der GeschichteDie blutende Gestalt mit Dolch und Lampe oder Die Beschwörung im Schlosse Stern bei Pragbearbeitet wurde (Antonín, 2007, S. 15).Das lässt sich jedoch nicht zuverlässig nachweisen[18].

Eine Szene inKönig Ottokars Glück und Endeerinnert allerdings ganz offensichtlich an Orte des zweiten mährischen Aufenthalts im Jahre 1813, als Grillparzer krank in einem Badhaus hilflos lag:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seit 1815 wurde Grillparzer als Konzeptspraktikant bei der Hofkammer (der späteren Finanzkammer) angestellt, wo er den Grafen Stadion kennen lernte, der seine literarische Arbeit unterstützte. Grillparzer verbrachte als Ministerialkonzipist beim Finanzminister Stadion[19]und dessen Familie in Jamnitz[20]einige Monate im Jahre 1823, was er jedoch als „unleidlich“ bezeichnete (Grillparzer, 1924, S. 247). Hier entstand das GedichtEntzauberung[21]. Noch drei Jahre später auf der Reise nach Deutschland über Znaim erinnert er sich an „jene Frohnfahrten“ mit dem Grafen Stadion (Grillparzer, 1916, S. 221).

2.4 Arbeit an König Ottokars Glück und Ende

Das TrauerspielKönig Ottokars Glück undEnde gehört zu den frühen Werken Grillparzers, trotzdem war er in der Zeit der Entstehung dieses Dramas kein unerfahrener Dramatiker mehr. Aus den Jahren 1809 bis 1815 stammen zahlreiche dramatische Ansätze, Entwürfe und auch seine erste vollendete JambentragödieBlanka von Kastilien(1810),die jedoch nicht zu seinen Lebzeiten uraufgeführt wurde (Müller, 1973, S. 20f).

Der Anfang der öffentlichen dramatischen Tätigkeit Grillparzers datiert sich wohl seit seiner Bekanntschaft mit dem Burgtheaterdirektor Josef Schreyvogel[22]im Jahre 1816. Dieser gab dem jungen Dichter Zutrauen in seine dramaturgische Begabung und ermunterte ihn zu literarischer Tätigkeit. Es entwickelte sich in der Folgezeit zwischen den beiden eine enge Freundschaft. Der „beamtete Dichter oder der dichtende Beamte“ Franz Grillparzer führte mit seinen ersten Stücken eine Wende herbei, denn unmittelbar nach dem erfolgreichen SchicksalsdramaAhnfrau(Uraufführung 31. 1. 1817) entstand in kurzer Zeit von drei WochenSappho(21. 4. 1818).Sein Ruf verbreitete sich von jetzt an über die Grenzen des österreichischen Kaiserstaates. Die deutschsprachigen Bühnen begannen seine Stücke aufzuführen, auch der Buchmarkt wurde auf Grillparzer aufmerksam gemacht. Im Mai 1818 wurde er für die kommenden fünf Jahre zum Theaterdichter ernannt und begann an der TrilogieDas goldene Vlieszu arbeiten (Mikoletzky, 1990, S. 11f).

Zur böhmischen Mythologie und Geschichte neigte Grillparzer seit seinen Schuljahren[23]und auch in seinem ersten erfolgreichen DramaAhnfrauhabe er eine alte böhmische Legende bearbeitet. So istKönig Ottokars Glück und Endeweder das erste noch das letzte Werk Grillparzers mit einer böhmischen Thematik. Es sind noch weitere Dramen zu nennen:Libussa, Ein Bruderzwist in Habsburgund ein FragmentDrahomira[24].

Mitte November 1818, noch während der Arbeit amGoldenen Vlies,las Grillparzer in Pubitschkas[25]Chronologischer Geschichte Böhmens.Das brachte ihn auf den Gedanken, ein TrauerspielKönig Ottokarzu schreiben (Pörnbacher, 1970, S. 31). Bereits im Dezember 1818 und im Januar 1819 verfasste Grillparzer vier Romanzen im trochäischen Versmaß unter dem TitelRudolf und Ottokar(Pörnbacher, 1970, S. 52). Nach dem Selbstmord seiner Mutter[26]reiste Grillparzer zur Ablenkung von dem traurigen Ereignis nach Italien, wo er das verhängnisvolle „römische“ Gedicht verfasste, das von Zensur als „Papsttum beleidigende“ bezeichnet wurde und einige Schwierigkeiten dem jungen Autor bereitete (Mikoletzky, 1990 S. 20).

Am 6. März 1821 verlobte sich Grillparzer mit Katharina Fröhlich, die er jedoch nie heiratete (Mikoletzky, 1990, S. 18). Noch in demselben Monat, am 26. und 27. März, war dasGoldene Vlieszur Uraufführung gekommen ohne einen besonderen Erfolg (Mikoletzky, 1990, S. 23). Im August desselben Jahres wurde Grillparzer von der Allgemeinen Hofkammer[27]ins Finanzministerium versetzt und beendete daher seinen besoldeten Vertrag mit dem Burgtheater, dessen Dichter er aber weiterhin blieb (Mikoletzky, 1990, S. 23).

Als Grillparzer im Juli 1821 über Napoleons Tod erfuhr, begann er sich mit dieser Persönlichkeit näher zu beschäftigen und fand bestimmte entfernte Ähnlichkeiten mit dem Böhmenkönig Ottokar II. Seitdem fing er mit dem intensiven Studium der böhmischen Geschichte des Mittelalters an, wozu er auch Mittelhochdeutsch lernte, denn eine seiner Hauptquellen war die Reimchronik Ottokars von Horneck[28](Grillparzer, 1924, S. 240). Die mehrmals überarbeitete Reinschrift des Trauerspiels reichte er nach Mitte Oktober 1823 beim Hofburgtheater ein (Pörnbacher, 1970, S. 64).

2.5 Zensur – Vorzeichen der Reaktionen

Der Polizeipräsident Graf Sedlnitzky[29]verkannte „keineswegs die gute Absicht des Verfassers, das Andenken des großen Stifters der Habsburgischen Dynastie, somit einer der glänzendsten Epochen in der Geschichte des österreichischen Kaiserhauses anzuregen“ (Pörnbacher, 1970, S. 73). Andererseits wendete er unter anderem ein, dass dasHauptmotiv der Katastrophe, nämlich die Scheidung Ottokars von seiner ersten kinderlosen Gemahlin Margarethe von Österreich und die Vermählung mit Kunigunde von Massovien,von dem Publikum auf die Geschichte der neuesten Zeit bezogen werden und sohin den Anlaß zu unangenehmen Erinnerungen geben dürfte“[30]. Es ist genau eine der Ähnlichkeiten mit Napoleon, die Grillparzer an Ottokar II. bereits 1821 erinnerte, wie er es auch in seinerSelbstbiographieerwähnt (Grillparzer, 1924, S. 240). Sedlnitzky befürchtete weiter, durchaus berechtigt, wie es sich auch später zeigte, dass „die im grellsten Lichte hier dargestellten, die Hauptmotive und Momente des Trauerspiels begründenden heftigen Reibungen der verschiedenen Völkerstämme des österreichischen Kaiserstaates untereinander, besonders aber der Kontrast, in welchem die Österreicher gegenüber denen überall mit den ungünstigsten Farben geschilderten Böhmen hier dargestellt werden, billigen Anstand gegen die Zulässigkeit des vorliegenden Trauerspieles erregen dürfte“ (Pörnbacher, 1970, S. 67).

Die amtliche Stellungnahme von der Hof- und Staatskanzlei folgte schon nach zehn Tagen und teilte mit, dass „ohne gänzliche Umarbeitung“ das Trauerspiel weder im Druck erscheinen noch auf irgendeiner österreichischen, desto weniger auf der Bühne des k. k. Hoftheaters aufgeführt werden durfte (Pörnbacher, 1970, S. 69). Es wurde jedoch von der Zensur kein offizieller Erlass veröffentlicht. Erst in einem amtlichen Verzeichnis der nicht zugelassenen Stücke vom 21. Januar 1824 stand auch das TrauerspielKönig Ottokarda und zwar „aus politischen Gründen“ (Pörnbacher, 1970, S. 70).

Nur reiner Zufall hat dem Stück zur Aufführung verholfen und zwar, dass die Kaiserin Karoline Auguste sich zu dieser Zeit „unwohl befand“ (Grillparzer, 1924, S. 248). Während sie etwas zum Lesen suchte, fiel ihr ein, sich etwas von der Zensurstelle holen zu lassen. Der Dichter Matthäus Collin[31]empfahl ihr gerade Grillparzers TrauerspielKönig Ottokar, das Kaiserin sehr beeindruckte. Als sie vor dem Kaiser ihre Verwunderung aussprach, dass dieses Stück von der Zensurhofstelle vorenthalten wird, betraute Kaiser seinen Leibarzt Stifft[32]mit Beurteilung des Trauerspiels. Dieses Gutachten beseitigte durch schlagende Argumente alle Einwände und Befürchtungen des Graphen Sedlnitzky und bewertete das historische Stück auch künstlerisch sehr hoch. Zur Frage der potentiellen Völkerunruhen äußert sich Stifft folgend:

Grillparzers Stück lässt die Nationen als solche ganz aus dem Spiele; keine wird getadelt, gegen keine kommt etwas Anzügliches, Anstößiges oder Herabwürdigendes vor, und die Böhmen erscheinen in Ottokars Glück sehr hoch gestellt, geachtet von anderen Nationen und als tapfere Krieger und Besieger der Ungarn mit Ruhm bedeckt. Ottokar’s Fall wird einzig aus seinem rauen, ungerechten und tollen Benehmen entwickelt, ohne Bezug und Schattenwurf auf die Böhmische Nation, deren Große durch gewaltsame Einziehung ihrer Güter er so ungerecht als die Edlen von Österreich und Steyermark behandelte. Und sogar Ottokar’s Character wird von dem Dichter gemildert, dass von seiner Wildheit mehr dem Zeitalter als der Person zu gehören scheint, ja am Ende lässt er ihn vollends zu Besinnung, zur Reue, zum Vorsatz für die Zurückstellung des seinen Edlen Geraubten kommen. Die Nebenpersonen sind nach den Daten geschildert, welche die Geschichte aufbewahrte, und wenn Einer von ihnen im Schatten steht, so kann dieß keinen Bezug auf die Nation haben, zu der er gehört. Herzerhebend und ganz geschichtlich ist die Schilderung des Kaisers Rudolphs, als des gerechten, weisen, klugen, thätigen, festen, einfachen und schlichten auch nach der Erhebung auf den Kaiserthron, auf dem er so bald der allgemeine Wohlthäter so vieler Völker, von ganz Deutschland und hierdurch auch von Böhmen wurde. (zitiert nach Pörnbacher, 1970, S. 76f.)

In wieweit diese Argumentation faktographisch kompetent ist, wäre eine weitgehende Aufgabe für eine historiographische Analyse, die den geschichtlichen Kenntnisstand der Zeit einbeziehen müsste[33]. Für unser Thema ist jedoch ausschlaggebend, dass solche Diskussion schon vor der Aufführung des Stückes angefangen hat, denn in diesem Falle zeigten sich die Vorbehalte der Zensur, insbesondere im Falle der Reaktion der Böhmen als völlig berechtigt. Das stiftet allerdings keine Rechtfertigung dafür, dass das umstrittene Theaterstück verboten sein sollte, so war jedoch die damalige österreichische Zensur angestellt. Die entscheidende Rolle spielte damals vor allem die Person des Polizeipräsidenten, des Graphen Sedlnitzky, der bekanntlich aus einem alten böhmischen Geschlecht stammte. Auf diese Tatsache kann sich die flüchtige Bemerkung in Stiffts Gutachten des Trauerspiels beziehen:

In der Note der geh. Staatskanzley wird gar kein eigentlicher Grund angegeben, welcher das Stück unzulässig machen soll; daher dagegen nichts zu erinnern ist. Überdieß ist es Eu. M. a[llerhöchst]bekannt, in welchen Händen das Censur-Wesen bey der Staatskanzley sey. (zitiert nach Pörnbacher, 1970, S. 77)

Es ist zwar nur eine Hypothese, dass eben die böhmische Abstammung Sedlnitzkys bei seiner Entscheidung über GrillparzersKönig Ottokareine Rolle spielte. Diese Hypothese bekräftigt jedoch weiter noch eine Bemerkung Grillparzers, dass „sich die Stimmung der Böhmen“ nach der Uraufführung „nicht ohne Aufhetzerei erzeugte“ und beschuldigt dabei den Staatskanzlei-Rat Franz Josef Freiherrn von Bretfeld-Chlumczansky, der ebenfalls böhmischer Herkunft war[34]und „der wohl auch seinen Anteil an den ursprünglichen Zensurhindernissen beigesteuert hatte“ (Grillparzer, 1924, S. 250f).

Die Hindernisse der Zensur erklärten sich letztendlich sehr prosaisch, falls man die in GrillparzersSelbstbiographiegeschilderte „Zensuranekdote“ für glaubwürdig hält: Nach ein paar Jahren reiste Grillparzer in einem Wagen mit „einem Hofrat der Zensurhofstelle“, die Rede kam auf denKönig Ottokar. Auf Grillparzers direkte Frage, was habe der Zensor an dem Stück Gefährliches gefunden, versetzte dieser: „Gar nichts, [...] aber ich dachte mir: man kann doch nicht wissen –!“(Grillparzer, 1924, S. 253)

Jedenfalls reichte Grillparzers Verleger Wallishausser[35]im April 1824 mit Erfolg das Stück zur Erteilung der Druckbewilligung. Die Staatskanzlei vermutete, dass „die bloße Durchlesung“ dieses „mit sehr grellen Farben entworfenen“ Theaterstückes nicht so einen „tiefen und bleibenden Eindruck“ hervorruft wie eine Vorstellung desselben, denn das „lesende Publikum“ sei viel kleiner und in der Geschichte gebildeter als das schaulustige Publikum Wiens (Pörnbacher, 1970, S. 78f).

Erst Ende Dezember desselben Jahres habe Kaiser die mündliche Erlaubnis auch für eine Aufführung mit Verpflichtung zu nochmaliger genauer Durchsicht gegeben (Pörnbacher, 1970, S. 79). Die folgenden Streichungen vermieden die Namen der Nationen zu nennen, so wurde „Ungarn“ in „Feind“ umgewandelt, „Bayern“ und „Böhmen“ soweit wie möglich gestrichen (Pörnbacher, 1970, S. 80).

Sedlnitzky wollte die Verantwortung für die Bewilligung des Stückes anscheinend nicht übernehmen und wandte sich daher am 16. Februar 1825 an den Kaiser um sich seine schrifftliche Willensmeinung zu erbitten, zwei Tage später bekam er folgende schlichtw Antwort:

Ich habe die Aufführung des in der Anlage zurückfolgenden Trauerspiels mit den in selbem erforderlichen Abänderungen gestattet. Franz (zitiert nach Pörnbacher, 1970, S. 81)

Dieses Drama hatte Probleme mit der Zensur nicht nur in Wien. Anfang März 1826 wurde es zur Begutachtung ebenfalls der Brünner Zensur vorgelegt. Die Zensoren haben es nach zwei geringen Veränderungen bewilligt. Während dessen traf jedoch aus Wien eine Liste der zum 1. Januar 1825 verbotenen Schauspiele ein, wo GrillparzersKönig Ottokarnoch stand. Die Tragödie bekam die Bewilligung daher nicht. Erst nach der Berichtigung der Liste wurde das Schauspiel zugelassen, diesmal aber mit wesentlichen Veränderungen an fünfundfünfzig Stellen im Text, die den Sinn der Sätze oft völlig änderten und den Inhalt damit verzeichneten. Außerdem wurden auch ganze Passagen durchgestrichen. Das Trauerspiel wurde endlich am 1. Juni 1827 genehmigt und gleich am 18. Juni desselben Jahres in Brünn aufgeführt (Uhlíř, 2003, S. 794f).

2.6 Reaktion der Böhmen in Wien

Die Uraufführung fand am 19. Februar 1825 im Wiener Hoftheater statt. Die große Menge der Zuschauer schreibt Grillparzer eher dem „Gerücht“ zu, „dass das Stück von der Zensur verboten gewesen sei, was dem Publikum die Aussicht auf einen allfälligen Skandal eröffnete“ (Grillparzer, 1924, S. 249). Über die Reaktion des Publikums schreibt Grillparzer in seinerSelbstbiographie:

Es wurde ungeheuer viel geklatscht, oder vielmehr, da das Gedränge das Klatschen unmöglich machte, gejubelt und gestampft, aber ich merkte wohl, dass der Eindruck nicht lebendig ins Innere gedrungen war. Der Beifall erhielt sich bei allen Wiederholungen, dem ungeachtet war es als ob das Stück durchgefallen wäre, wenigstens wichen mir alle Freunde und Bekannten aus, als ob sie ein Gespräch über das neueste theatralische Ereignis gefürchtet hätten. (Grillparzer, 1924, S. 250)

Daraus lässt sich schließen, wie sowohl das Thema als auch Grillparzers Bearbeitung desselben von den damaligen gebildeten Zuschauern aus Grillparzers Umgebung als kompliziert und problematisch empfunden wurden und sie reagierten daher sehr verlegen. Trotzdem war die Kritik voll von Respekt und stellte sich eher positiv. Die Befürchtungen der Zensur über die nationalen Reibungen begannen sich jedoch zu bewahrheiten. Einer der negativen kritischen Stimmen, der darauf aufmerksam machte, war der Wiener Journalist Ebersberg[36], der unter anderem behauptete, dass der Dichter besser getan hätte, wenn er „manche harte Aeußerung über die mit Oesterreich vereinigten Nationen“ vermieden hätte, „besonders sei das herrliche Böhmen mitgenommen“ (Glossy, 1899, S. 241f). Für diese Kritik verdiente er von Glossy die Beschuldigung, dass er seine Feder in Dienst der Zensur gestellt habe.

Von Seiten der Wiener Böhmen erhob sich eine Welle der Missstimmung gegen Grillparzer, die er sich folgendermaßen erklärte:

Was bei den übrigen heimlich rumorte, sprachen in höchster Entrüstung die in Wien lebenden Böhmen aus. Die tschechische Nation ist gewohnt den König Ottokar als den Glanzpunkt ihrer Geschichte zu betrachten. Darin haben sie ganz recht, wenn sie ihm aber durchaus löbliche Eigenschaften zuteilen, so widerlegt sie schon der Umstand, dass seine neuen Untertanen sich gegen ihn gewendet und seine alten ihn verlassen haben. (Grillparzer, 1924, S. 250)

„Die nationelle Aufregung, die von böhmischen Studenten in Wien ausging“, habe sich auch nach Prag fortgesetzt. Grillparzer beschwert sich in derSelbstbiographie„von dort anonyme Drohbriefe“, bekommen zu haben, die voll von Grobheiten waren und ihm „mit Hölle als Strafe“ für seine „teuflischen Verleumdungen“ drohten (Grillparzer, 1924, S. 251). Dies bezeugt auch die österreichische Schriftstellerin Karoline Pichler[37], die jedoch zugleich den Nationalstolz der Böhmen bewundert:

In Prag erklärte man sich sehr gegen das Stück. Die untergeordnete Rolle, welche der wilde, gewaltsame Ottokar, den sein Ehrgeiz und ein böses Weib rücksichtslos forttreiben, neben dem würdigen, ruhigen, weisen Rudolf spielt […] – alles dies reizte und verletzte den Nationalstolz der Böhmen. Und wenn ich schon sagen muß, daß dies die Nationaleitelkeit gegenüber einem trefflichen Werke [...] zu weit treiben heißt, […] so muß ich doch diesen Zug an einer Nation ehren, und von Herzen wünschen, daß meine gute Landsleute, die Österreicher, etwas von dieser Verletzbarkeit fühlten, und nicht allein geduldig, sondern sogar beifällig die Spöttereien und geringschätzigen Urteile Fremder über sich fürder nicht mehr anhören möchten. (zitiert nach Höhne, 2008, S. 44)

Grillparzer wurde sogar von seinen Freunden davor gewarnt, sich während seiner Deutschlandsreise im Herbst 1825 in Prag aufzuhalten. Er ließ sich jedoch davon nicht abraten und konstatierte dann in derSelbstbiographieaus dem Jahre 1853, dass er „während eines dreitätigen Aufenthaltes wohl schiefe Gesichter gesehen, aber sonst nichts Unangenehmes“ erfahren habe (Grillparzer, 1924, S. 251).

Grillparzer fasste „diese Übertreibungen“ als Missverständnis auf, dass er ohne Absicht veranlasst und tat es ihm sehr Leid, dass sich „ein ehrenwerter […] Volksstamm seine harmlose Arbeit zu einer Verunglimpfung und Beleidigung formuliere“ (Grillparzer, 1924, S. 251f). Die Ursache sieht er eben darin, dass Österreich „in seinem Länderkomplex zwei der eitelsten Nationen dieser Erde einschließt, die Böhmen nämlich und die Ungarn“ (Grillparzer, 1924, S. 252).

Die folgende retrospektive Aussage Grillparzers aus seinerSelbstbiographiedrückt seine Meinung über die Völker und deren Emanzipationsstreben im Rahmen der Habsburgischen Monarchie im Vormärz aus und enthüllt vielleicht auch einige seiner Beweggründe in der Art und Weise, wie er seinen König Ottokar verfasst hatte:

Damals [nach der Uraufführung des König Ottokars] schlummerte diese Eitelkeit noch und war in dem Streben nach einer allgemeinen Bildung eingehüllt, als aber in der Folge die deutsche Literatur die Nationalitäten hervorhob, wobei sie aber nicht die Deutschen zur Wahrung ihres Nationalcharakters ermuntern, sondern ihnen einen ganz neuen Charakter anbilden, sie aus einem ruhigen, verständigen, bescheidenen und pflichttreuen Volke zu Feuerfressern und Weltverschlingern machen wollte, da übersetzten Tschechen und Magyaren die deutsche Albernheit unmittelbar ins Böhmische und Ungrische, dünkten sich originell in der Nachahmung und erzeugten jene Ideenverwirrung, die im Jahre 1848 sich so blutig Bahn gebrochen hat. Sie vergaßen dabei, alle andere abgerechnet, dass ein Volksstamm kein Volk, so wie ein Idiom oder Dialekt keine Sprache ist, und wer nicht allein stehen kann, sich anschließen muss. (Grillparzer, 1924, S. 252)

Aus dieser Aussage wird klar, dass Grillparzer sowohl die Böhmen als auch die Ungarn nicht als selbständige vollberechtigte Nationen empfand, die das Recht gehabt hätten, ihre Sprache und Kultur unabhängig von der österreichischen bzw. der deutschen fortzuentwickeln.

Diese Ansicht bekräftigte er erneut in seinen Erinnerungen an das Jahr 1848, wo er die Bestrebungen des Grafen Thun[38]beschreibt:

So hat er früher schon in einer böhmisch geschriebenen Broschüre die tschechische Nationalität in Schutz genommen, welche Nationalität nur den Fehler hat, dass sie keine ist, so wie die Tschechen keine Nation sind, sondern ein Volksstamm und ihre Sprache nicht mehr und nicht weniger als ein Dialekt. (Grillparzer, 1925, S. 49)

Im Jahre 1849 prägte Grillparzer die prophetischen und zugleich für das Bildungsideal der Aufklärung vernichtenden Worte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ohne Begeisterung hätte man folgendes Epigramm über den Reichstag in Kremsier vom Februar 1849 aufgenommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ende 1849 verfasste Grillparzer einen Aufsatz über František Palacký, wo er vor den politisch nicht existenzfähigen Volksstämmen warnt[39]. Ein Jahr vor seinem Tod, kommentierte Grillparzer mit Befürchtungen die Verhandlungen über den Österreichisch-böhmischen Ausgleich im Epigramm1871:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund dieser Aussagen kann dann GrillparzersKönig Ottokarals eine fundamentale Kritik an den politischen Bestrebungen der Tschechen gelesen werden und er wurde tatsächlich von den meisten Tschechen auch so empfunden.

2.7 Besuch in Prag

Der letzte Besuch im Königreich Böhmen verlief während seiner Reise nach Deutschland, die Grillparzer am 21. August 1826 eintrat, mehr als ein Jahr nach der Uraufführung desKönig Ottokars, die ihm so große Enttäuschung bereitete. Er plante diese Reise als Heilmittel seiner Verstimmung, der damit verbundenen Schaffenskrise und der „Herzensangelegenheiten“ (Grillparzer, 1924, S. 254). Bereits am 23. August kam er über Znaim und Iglau in Prag an:

In Prag genoß ich die verkörperten historischen Erinnerungen der herrlichen Stadt, und vorbereitete Stoffe aus der böhmischen Geschichte gingen auffordernd durch meinen Sinn. (Grillparzer, 1924, S. 255)

Das Vorhaben, den böhmischen Stoff wieder aufzuarbeiten, drückte er auch im Brief an seine Verlobte Katharina Fröhlich während seiner Deutschlandreise aus[40], diesmal in einem heiteren, beinahe nachsichtigen Ton:

Ich war mit der Stadt Prag so zufrieden, daß die Einwohner darüber einigermassen Gnade vor meinen Augen gefunden haben. Ich will ein Lobgedicht auf die Böhmen schreiben und dann sagen, man thue Ihnen Unrecht, sie Böhmen zu heißen. (Grillparzer, 1913, S. 336)

Ein schneller Meinungswechsel, wenn man Grillparzers Brief an „Kathi“ nach Prag aus dem 4. Juni desselben Jahres in Rechnung zieht:

Lassen Sie sich Prag nicht allzugut gefallen! Ich lieb die Stadt nicht zu sehr, und fürchte überdieß, Sie möchten von dort etwa einen Haß gegen Ottokar und seinen Verfasser mitbringen. (Grillparzer, 1913, S. 328)

Obwohl diese Warnung wohl halb scherzhaft gemeint war, trotzdem spürt man, wie tief sich Grillparzer von der böhmischen Reaktion auf denKönig Ottokarverletzt fühlte.Die Bitterkeit sollte jedoch bald zumindest für einige Zeit aufgelöst werden.

Die eigenen unmittelbaren Eindrücke aus Prag hat er in seinemTagebuch auf der Reise nach Deutschlandunter dem 23. August beschrieben:

Ich kam mit einer Art Vorurteil gegen Prag hier an. Das wahrhaft läppische Mißverstehen meines Ottokar, die lächerliche Wut, in welche der beschränkte Nationalsinn der hiesigen Einwohnerschaft über dieses unschuldig gemeinte Stück geriet, hatte mich höchst ungünstig vorbereitet. Demungeachtet aber konnte ich mich des grandiosen Eindruckes nicht erwehren, den diese Stadt auf jeden Beschauenden machen muß. (Grillparzer, 1916, S. 223)

Grillparzer bewunderte die Stadt Prag völlig rückhaltlos; Ihre Lage in der Landschaft, die Architektur. Es erinnerte ihn sogar an die italienischen Architekturperlen wie Venedig und Florenz. Es gibt noch eine erwähnenswerte Bemerkung in dieser Schilderung Prags, die Moldau betrifft:

[…] dieser ärmliche Fluß dehnt sich hier zum breiten Strome aus, freilich ebenso seicht als er breit ist. Verhüte Gott, daß er je ein Symbol der Nationalbildung sei! (Grillparzer, 1916, S. 224)

Am nächsten Tag besuchte er Hradschin, das königliche Schloss gefiel ihm jedoch nicht und er zog ihm die Wiener Burg vor. Die Domkirche hatte ihn dagegen sehr eingenommen und er besah sich natürlich auch Otakars Grabmal, das er folgend beschrieb:

Die Figur verstümmelt, die Nase fort, kaum eine Physiognomie erkennbar. Der Körper tüchtig, nicht allzu groß. Ich habe den Mann aufrichtig um Verzeihung gebeten, wenn ich ihm irgend worin unrecht gethan haben sollte. Übrigens zeichnet sein Grab nichts aus und er liegt ununterschieden unter den Spitigneven und anderen Tröpfen, vor denen er so ausgezeichnet war. (Grillparzer, 1916, S. 225)

Grillparzer erwähnt in seinemTagebuch, dass die Domkirche „übervoll“ von Andachtsbildern des heiligen Wenzels und seines Bruders Boleslav ist und wundert sich, das es in Prag „kaum eine Spur von Rudolf II. zu finden“ ist, denn er muss doch „für Prag so viel gethan haben. Das königliche Schloß trägt seines Bruders Matthias Namen an der Stirne. Hat es denn nicht schon Rudolf bewohnt? Der stille Kaiser Rudolf.“ (Grillparzer, 1916, S. 225)

Dieser erste und zugleich letzte Besuch in Prag veränderte Grillparzers ungünstigen und verhängnisvollen Eindruck von Böhmen, wie er es selbst zum Schluss seiner Prager-Eintragung im Tagebuch erwähnt:

Diese Stadt hat mich einigermaßen mit der böhmischen Nation ausgesöhnt, die ich nie habe leiden mögen. Eigentlich sollte man über kein Volk aburteilen, bevor man es in seiner Heimat gesehen. […] Gewisse Eigenschaften bedürfen gewisser Unterlagen und Umgebungen, außer dem Zusammenhange wird das Konsequenteste absurd. (Grillparzer, 1916, S. 226)

3. König Otakar /Ottokar von Uffo Horn

3.1 Charakteristik der Entstehungszeit

DieTragödie in fünf Akten und einem VorspieleKönig Otakar[41]von Uffo Horn erschien zum ersten Mal 1845, sie war jedoch nach Loužil[42]bereits um die Jahreswende 1837/38 im Wesentlichen fertig.

Zu dieser Zeit erlebte Böhmen eine weitgehende Erneuerung des nationalen Selbstbewusstseins, das sich bereits Ende des 18. Jahrhunderts als Reaktion auf den Wiener Zentralismus entwickelte. Diese anwachsende Nationalbewegung orientierte sich zuerst auf die tschechische Sprache und auf die altböhmischen Traditionen und manifestierte sich im Aufblühen der tschechischen Literatur. Der nationale Konflikt zwischen Tschechen und Deutschen war um 1800 allerdings noch weitgehend verdeckt. Vorherrschend war ein böhmischer und gesamtösterreichischer Landespatriotismus, der sogenannte Bohemismus, wie ihn der Prager Gelehrte Bernard Bolzano vertrat, der das friedliche Zusammenleben der beiden „Stämme Böhmens“ leidenschaftlich beschwor (Bahlcke, 2003, S. 64f).

Steffen Höhne definiert Bohemismus als „ein Integrationsmodell für die Böhmischen Länder, welches die nationalen Interessen und Divergenzen zwischen Tschechen und Deutschen zugunsten eines übernationalen Landespatriotismus aufzulösen sucht und dabei von einer prinzipiellen Gleichheit im Sinne einer allgemeinen, auch sprachlichen Gleichberechtigung der Böhmen ‚slawischen wie deutschen Stammes’ ausgeht“ (Höhne, 2003, S. 625). Im Lichte der kultur-politischen Entwicklung nach 1848 zeigte sich allerdings dieses Modell des Zusammenlebens als ein „utopischer und zusehends anachronistisch werdender Ansatz“ (Höhne, 2003, S. 626).

Im Rahmen dieses intellektuellen Konzeptes wurden trotzdem einige nachhaltige Projekte ins Leben gerufen, wie die Gründung des Böhmischen Vaterländischen Museums (Höhne, 2003, S. 628) oder der Gesellschaft „Matice česká“. In der tschechischen sowie in der deutschen Literatur in Böhmen entstanden literarische Bearbeitungen der böhmischen Geschichte, z. B. Karl Egon Eberts[43]DramaBretislaw und Jutta(1828) und NationaleposWlasta(1829).Einen Höhepunkt erreichte das bohemistische Denken im beginnenden Vormärz, ab 1837 gab Rudolf Glaser die ZeitschriftOst und Westheraus und ab 1842 Paul Alois Klar[44]das JahrbuchLibussa, an dem sich Uffo Horn seit dem ersten Jahrgang maßgeblich beteiligte.Beide Periodika ermöglichten und vermittelten Kontakt der tschechischen und deutschen Autoren (Höhne, 2003, S. 631).

Nach Höhne lässt sich in den 40er Jahren sogar „von der Mode sprechen, ‚böhmisch zu dichten’“ und „die Beschwörung der historisch-heroischen Vergangenheit Prags und Böhmens wird zum Alternativmodell gegenüber dem erwachenden tschechischen Nationalismus“ (Höhne, 2003, S. 632). Anfang März stand die Revolution 1848/49 noch unter dem bezeichnenden Motto ‚Tscheche und Deutscher – ein Leib’, so äußerte sich Josef Václav Frič in der ersten Wenzelsbadversammlung, da die Forderungen der Revolutionäre zunächst weniger national als vielmehr demokratisch und sozialrevolutionär geprägt waren. Bald führten jedoch die divergierenden Interessen zu offenen Konflikten. Die Zeit nach 1848/49 ist durch einen fortschreitenden Prozess wechselseitiger Abgrenzung gekennzeichnet (Höhne, 2003, S. 634f). Dieser Stimmungswechsel in der böhmischen Gesellschaft lässt sich eben in Horns Meinungsentwicklung sehr anschaulich verfolgen.

[...]


[1] Die Bezeichnung „Böhme“ bedeutet einen übergeordneten Terminus für alle in Ländern der Böhmischen Krone lebenden oder aus diesen stammenden Personen. Als „Deutschböhmen“ bezeichnete man diejenigen Böhmen, die überwiegend deutsch sprachen und sich zur deutschen, bzw. österreichischen Kultur bekannten. Und die „Tschechen“ sind wiederum Böhmen slawischen Stammes, die sich um die tschechische Sprache und Kultur einsetzten (siehe dazu das erste KapitelČech, český, Čechy, Česko: Ein Land und seine Namenvon Alexander Stich in: Koschmal, Walter/ Nekula Marek/ Rogall, Joachim (Hrsg.). Deutsche und Tschechen: Geschichte, Kultur, Politik.München: Verlag C.H.Beck, 2003. S. 14-24).

[2] Hana Sojková:Problematika recepce děl Franze Grillparzera s tematikou z českých dějin a mytologie. Leitung: Gabriela Veselá, Diplomarbeit (Mgr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav translatologie. Praha, 2009. 82 S. verfügbar aus http://digitool.is.cuni.cz/R/?func=dbin-jump-full&object_id=76820

[3] Karel Maršík:Franz Grillparzer a Češi. Diplomarbeit (Mgr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 1965. 150 S.

[4] Otokar Pazdziera:Franz Grillparzer a Češi. Dissertation (PhDr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 1969. 75 S.

[5] Vavroušek, Martin:Daniel Uffo Horn (1817-1860 über sein Leben und Werk), Leitung: Václav Maidl, Diplomarbeit (Mgr.),Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 2007. 146 S. verfügbar aus http://digitool.is.cuni.cz/R/?func=dbin-jump-full&object_id=45270

[6] Barbora Čermáková:Nacionalizace českých Němců roku 1848 na příkladu básníka Uffo Horna. Leitung: Jiří Rak, Bakkalaureatarbeit (Bc.),Univerzita Karlova. Fakulta sociálních věd. Institut mezinárodních studií. Mezinárodní teritoriální studia, Praha, 2001. 95 S.

[7] In dieser Diplomarbeit wird für die historische Person des böhmischen Königs die tschechische Bezeichnung „Přemysl Otakar II.“ benutzt. Für die literarische Figur des Dramas von Grillparzer wird die verdeutschte Form „Ottokar“ verwendet. Für die Figur im Drama von Horn wird die verkürzte Form „Otakar“ verwendet. Im Falle der Notwendigkeit die beiden Fassungen von Horn zu unterscheiden, wird für seine erste Fassung Bezeichnung „Otakar“, für die zweite Fassung von 1859 „Ottokar“ gebraucht.

[8] Weiter verkürzt aufKönig Ottokar.

[9] Sieh dazu Kapitel2.4Arbeit an König Ottokars Glück und Ende, S. 21.

[10] Vojtěch Nejedlý(1772 – 1844), tschechischer Geistliche, Dichter, inspiriert von deutschen Dichtern Bürger, Wieland und Klopstock verfasste historischen Epen aus der tschechischen Geschichte (Karel IV., Svatý Václav, Poslední soud, Vratislav), Freund von Šebestián Hněvkovský, Veröffentlichungen inKvěty, HlasatelundČasopis Muzejní, populär zu seiner Zeit unter den Landleuten (Otto 18, 1902, S. 44f).

[11] DČL und Otto 18 geben den Titel alsPřemysl Otakar v Prusíchan. Das Epos ist jedoch alsOtokarin digitalisierter Form unter http://kramerius.nkp.cz/kramerius/MShowMonograph.do?id=24474&author=Nejedlý_Vojtěch verfügbar.

[12] Das Drama von Lope de Vega inspirierte auch den tschechischen Schriftsteller Jiří Lebduška, der das Drama Přemysl Otakar II.: Hra o 11 obrazech na námět Lope de Vegyim Jahre 1971 veröffentlichte.

[13] Ähnlich wie beim Přemysl Otakar II. wird auch die historische Person des Rosenbergs in dieser Diplomarbeit mit dem tschechischen Namen „Záviš“ bezeichnet. Grillparzer nennt seine literarische Figur mit dem deutschen Äquivalent „Zawisch“, Horn benutzt in der ersten Fassung „Zawiš von Falkenstein“ in der zweiten Fassung „Zawis von Falkenstein“.

[14] Kapitel I: Direkte Aeußerungen Grillparzers über das Slaventum. 1. Die Tschechen

[15] Besitzer der Fideicommissherrschaften Litschau in Niederösterreich, Kralitz u. Lukow etc. in Mähren (Pierrer’s 15, 1862, S. 796).

[16] Kralitz (tschechisch Kralice na Hané) befindet sich 5 km östlich von Prostějov.

[17] Grillparzer spricht über Lukow, so hieß die ehemalige Burg, 1804-1810 ließen die Seilern in der Nähe ein Schloss mit Fasanerie bauen, das heute Lešná genannt wird (http://www.zoozlin.eu/cz/zamek-lesna/).

[18] Siehe dazu den Beitrag von Pavel Schafferhans:Byla skutečně Pramáti na hradě Borotíně?In:Pod Blaníkem, Jg. XI. (XXXIII.), Nr. 3, S. 9-13.

[19] Johann PhilippeI. Graf v. Stadion(1763-1824) hat als öster. Minister des Äußern und der Finanzen große Verdienste um Wiederherstellung und Ordnung des zerrütteten öster. Finanzwesens erworben (Brockhaus 4, 1841, S. 272).

[20] Tschechisch Jemnice, 1815-1826 gehörte dem Grafen J. P. von Stadion (http://www.mesto-jemnice.cz/vismo/dokumenty2.asp?id_org=5822&p1=1227&id=46227).

[21] Franz Grillparzer:Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 161 verfügbar aus http://www.zeno.org/Literatur/M/Grillparzer,+Franz/Gedichte/Gedichte/Entzauberung?hl=entzauberung.

[22] Josef Schreyvogel(1768-1832), Dramaturg und Dichter, studierte in Wien, privatisierte 1794–97 in Jena, wo er an SchillersThaliaund WielandsMerkurmitarbeitete, und war 1802 an Kotzebues Stelle als kaiserlicher Hoftheatersekretär nach Wien berufen. Nachdem er 1814 in sein früheres Amt als Hoftheatersekretär zurückgetreten ist, erwarb er sich große Verdienste um die Hebung des Burgtheaters, besonders durch seine treffliche Bearbeitung spanischer Dramen. Grillparzer schätzte ihn als Freund und literarischen Berater sehr hoch (Meyers 18, 1905, Seite 37).

[23] Im Sommersemester 1807 entstand der Entwurf einer Schulaufgabe unter dem TitelRede zum Lobe Rudolfs von Habsburg(Pörnbacher, 1970, S. 51).

[24] Zu diesem Thema siehe Hana Sojková, l.c.

[25] FranzPubitschka(1722 – 1807), Jesuit und Geschichtsschreiber, Lehrer in Prag, Olmütz und andern Orten, 1785 philosophischer Doktorgrad an der Prager Universität, verblieb auch nach der Aufhebung seines Ordens in Prag, Historiograph des Königreichs Böhmen:Chronologische Geschichte Böhmens unter den Slaven(Prag 1770–1808, in 10 Bänden), die erste in deutscher Sprache abgefasste Geschichte Böhmens bis auf Kaiser Ferdinand II. (Meyers 16, 1908, S. 435).

[26] 23. Januar 1819 (Auernheimer, 1972, S. 88f).

[27] Ab 2. März 1815 als Konzeptspraktikant bei der Allgemeinen Hofkammer (Mikoletzky, 1990, S. 10).

[28] OttokarvonHorneck, war aus Steyermark im Gefolge Rudolfs von Habsburg, ritterlicher Dienstmann des Grafen Otto von Lichtenstein und starb um 1320. Er verfasste zwischen 1300 und 1317 eine Österreichische Chronik in Versen, welche die Begebenheiten der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. erzählt, herausgegeben in 3 Bänden von Pez,Scriptores rerum austriacarum(Pierer's 8, 1859, S. 542).

[29] Joseph Graf Sedlnitzky von Choltitz(1778 – 1855) österreich. Polizeipräsident, geboren in Troplowitz in Österreichisch-Schlesien aus einem alten böhmischen, früh nach Mähren übergesiedelten Geschlecht, diente zuerst beim Landesgubernium in Lemberg, kam dann als Kreiskommissar nach Brünn, 1806 als Kreishauptmann nach Troppau, später als Gubernial-Vizepräsident nach Lemberg und wurde 1815 Vizepräsident, 1817 Präsident der obersten Polizei- und Zensurhofstelle in Wien, der er bis zum Jahre 1848 als rechte Hand des Ministers Metternich vorstand. Der von ihm ausgeübte Zensurdruck und sein Polizeispürsystem trugen viel zum Ausbruch der Märzrevolution bei (Meyers 18, 1909, S. 244).

[30] Aus der Note der Polizei-Hofstelle an die k. k. geh. Hof- und Staatskanzlei von 21. 12. 1823, zitiert nach Pörnbacher, 1970, S. 67.

[31] Matthäus von Collin(1779 – 1824) Dichter und Ästhetiker, studierte neben der Rechtswissenschaft auch Philosophie und Geschichte, wurde 1808 Professor der Ästhetik an der Universität Krakau und später Proffessor der Geschichte und Philosophie in Wien. 1815 übernahm er die Erziehung des Herzogs von Reichstadt (Sohn Napoleons I. und Marie-Luise von Österreich, der in Wien erzogen wurde) (Meyers 4, S. 227).

[32] Andreas Joseph Freiherr von Stifft(1760 – 1836) wurde 1795 Stadtphysicus, 1796 Hofarzt, 1798 wirklicher Leibarzt, 1803–8 auch Direktor des medizinischen Studiums in Wien, 1813 geheimer Rat, Staats- u. Konferenzrat und 1826 geadelt. Seinem Einfluss auf Kaiser Franz I. verdankte man 1832 die Aufhebung der Cholerasperre in Österreich (Pierer's 16, 1863, S. 828).

[33] Um solche Analyse bemühte sich bereits Alfred Klaar in seinem WerkKönig Ottokars Glück und Ende: eine Untersuchung über die Quellen der Grillparzer'schen Tragödie,Leipzig: G. Freytag, 1885 oder Ferdinand Seibt:König Ottokars Glück und Ende – Dichtung und Wirklichkeit.In:Probleme der böhmischen Geschichte. Vorträge der wissenschaftlichen Tagung des Collegium Carolinum in Stuttgart vom 29. bis 31. Mai 1963. München 1964, S. 7 – 9. In der neusten Forschung gibt es die tschechische Monographie von Václava Kofránková:26. 8. 1278 – Moravské pole: Poslední boj Zlatého krále, Praha: Havran 2006, wo die historische Realität mit verschiedenen historisch-literarischen Quellen über Přemysl Otakar II. verglichen wird.

[34] Franz Joseph Thomas Ritter und Edler Herr von Bretfeld, ab 1807Freiherr von Bretfeld zu Cronenburg, ab 1833Freiherr von Bretfeld-Chlumczansky zu Cronenburg, auchJosef Chlumczansky von Bretfeldgenannt (* 1777 in Prag; † 1839 in Wien) böhmischer Jurist, Historiker, Genealoge und Schriftsteller (Procházka, 1973, S. 51).

[35] Wallishausser, Johann Baptist(II) entstammte einer alten Buchhändler- und Buchdruckerfamilie; die Firma reicht bis auf das Jahr 1782 zurück, in welchem Jahre einJohann Baptist Wallishausser(I) aus Hohenzollern-Hechingen in Wien ein Antiquariat gründete. 1788 etablierte er am Kohlmarkt eine Buchhandlung, die bald als Spezialität einen umfassenden Verlag theatralischer Werke schuf. Grillparzers, Th. Körners, Ifflands und Kotzebues Werke erschienen bei Wallishausser und die gesamte Wiener Lokalmuse von Nestroy an bis zu Elmar, Berg u.a. ging aus demselben Verlag hervor, der durch diese Publikationen mit dem Kulturleben des älteren Wiens aufs engste verknüpft erscheint (Schmidt, 1908, S. 1020).

[36] Josef Sigmund Ebersberg(1799 – 1854) Jugendschriftsteller und Journalist, Erzieher und Sekretär in Adelshäusern, gründete 1824 die JugendzeitschriftDie Freistunden, die er zu hohem Ansehen führte (ÖBL 1, 1957, S. 209).

[37] Karoline Pichler(1769 – 1843) österr. Schriftstellerin, historische Romane (Die Schweden in Prag– 1827), und Dramen, Balladen, OperntextRudolf von Habsburg(ADB 26, 1888, S. 106ff).

[38] Graf Leo von Thun(1811 – 1888) wurde in der Revolution 1848 in Prag Landesverweser u. Gubernialpräsident der provisorischen Regierung, diesen Posten verlor er nach der Einnahme Prags durch Windischgrätz, 28. Juni 1849 erhielt das Portefeuille des Kultus u. öffentlichen Unterrichts, das er in Folge der Einführung der Konstitution im Octbr. 1860 abgab. Als Kultusminister hat er sich sehr um das Unterrichtswesen in Österreich verdient gemacht; unter ihm wurde auch das Konkordat 1855 abgeschlossen. Er schr. u.a.: Über den gegenwärtigen Zustand der Böhmischen Literatur, Prag 1842; Über die Stellung der Slowaken in Ungarn, ebd. 1843. (Pierer's 17, 1863, S. 558)

[39] Grillparzers Aussagen über Palacký und über die tschechische Nationalbewegung vgl. Franz Grillparzer (1930):Professor Palacky. Ende 1849.– In:Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe.Hrsg. Von August Sauer, fortgeführt von Reinhold Backmann. 1. Abt., Band 13:Prosaschriften I. Erzählungen, Satiren in Prosa, Aufsätze für Zeitgeschichte und Politik. Wien: Anton Schroll, 217 – 219. verfügbar aus http://www.literature.at/viewer.alo?objid=408&viewmode=fullscreen&scale=3.33&page=233

[40] Brief an Katharina Fröhlich, Dresden, 27. August 1826, Nr. verfügbar aus http://www.literature.at/viewer.alo?objid=372&viewmode=fullscreen&scale=2&page=360

[41] Weiter aufKönig Otakarverkürzt.

[42] Loužil, 1969, S. 194 und Hansgirg, 1849, S.403 (verfügbar aus http://kramerius.nkp.cz/kramerius/ontheflypdf_MGetPdf?app=10&id=6320&start=406&end=406.

[43] KarlEgon Ebert(1801 – 1882) deutschböhmischer Dichter, begann mit einer Reihe von Dramen, von denen mehrere in Prag aufgeführt wurden, aber zunächst nur das DramaBretislaw und Jutta(Prag 1835) im Druck erschien. Bedeutender war E. als Lyriker und Balladendichter in denGedichten(1828), ohne sich aber zu kraftvoller Selbständigkeit durchringen zu können. Sein großes böhmischnationales HeldengedichtWlasta(Prag 1829) leidet an rhetorischen Allgemeinheiten (Meyers 5, 1906, S. 343).

[44] Paul Alois Klar(1801 – 1860) Verwaltungsbeamter, Filantrop und Schriftsteller, erweiterte bedeutend die von seinem Vater Alois Klar gegründete Blindenanstalt, für die er in Prag ein neues Gebäude errichten ließ, 1842 – 60 Herausgeber des deutschenböhmischen AlmanachsLibussa, für den er selbst Beiträge über Denkwürdigkeiten der Kunst und Geschichte Böhmens schrieb (ÖBL 3, 1961, S. 369f).

Details

Seiten
125
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640731480
ISBN (Buch)
9783640731510
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159852
Institution / Hochschule
Univerzita Karlova v Praze
Note
1
Schlagworte
Přemysl Ottokar II. Franz Grillparzer König Ottokars Glück und Ende Biedermeier Zensur historisches Drama Uffo Daniel Horn Revolution 1848 König Otakar Prager deutsche Literatur politisches Drama Vormärz

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Titel: Der Vergleich von Grillparzers und von Horns Drama über König Ottokar und die Reaktion der tschechischen künstlerischen Öffentlichkeit auf beide Dramen