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Das Frauen- und Männerbild in Hartmanns ‚Erec’

Essay 2009 8 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Frauen können nicht einparken und Männer dafür schlecht zuhören – das sind nur zwei bekannte und vor allem weit verbreitete Klischees. Natürlich gibt es noch Unmengen weiterer Vorurteile, die deutlich machen, wie unterschiedlich Mann und Frau sind und wie sie in der Gesellschaft oft dargestellt werden. Diese Art des „Schubladen-Denkens“ ist aber keinesfalls ein Phänomen des heutigen Zeitalters, denn schon im Mittelalter wurden Frauen und Männern verschiedene Rollen zugewiesen. So auch im „Erec“ Hartmanns von Aue. Dieses Essay wird die verschiedenen Geschlechterrollen des Werkes thematisieren.

Die Frau in der höfischen, mittelalterlichen Epik hatte meist eine eher untergeordnete Rolle. Zumindest scheint das im deutschsprachigen Raum der Fall gewesen zu sein, denn der Titel des Romans bezieht sich eindeutig nur auf den männlichen Protagonisten Erec. In der französischen Originalfassung dagegen heißt es „Erec et Enide“ und das auch nicht ohne Grund, denn die Figur der Frau ist ihrem männlichen Pendant zumindest literarisch ebenbürtig konzipiert, was allerdings nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es macht den Anschein, dass Enite zwar der Grund für die Aventiuren des Helden ist, ansonsten aber im Handlungsverlauf keine tragende Rolle mehr inne hat. Erec erscheint hier als Hauptperson, in der alle Stränge zusammenlaufen, Enite dagegen wirkt auf den ersten Blick lediglich als elfenhaftes und vollkommenes Wesen, welches ihm zur Seite gestellt ist. Diese Figurenkonzeption ist aber zum Beispiel in einem anderen Werk Hartmanns ganz anders: So tritt die weibliche Figur der Laudine im „Iwein“ als Landesherrin und Minnedame Iwein gegenüber sogar verhältnismäßig dominant auf. Außerdem ist die Rolle der Enite sehr wohl durchdacht, sowohl in Bezug auf die Person selbst als auch als Partnerin. Anders als Erec durchlebt sie zwar keine persönliche Entwicklung, für die Handlung ist sie aber immens wichtig, denn ihr sind bestimmte Aufgaben innerhalb des thematischen Rahmens zugewiesen: Sie ist Vermittlerin zwischen ihrem Mann und ihrer gemeinsamen Umwelt, sie ist eine Art „Zeigerfigur“ und sie stellt das Idealbild einer Frau dar, denn sie ist ihrem Mann in allen Belangen eine Stütze. Das gilt sowohl für ritterliche als auch für soziale Bewährungsproben unseres Helden. Erec ist also der aktivere Teil der Partnerschaft, während Enite eher passiv in Erscheinung tritt. Sie ist dennoch wichtig für die Geschichte, denn sie unterstützt Erec dabei, seine Proben im Leben zu bestehen, sie ist die Schaltstelle zwischen ihrem Mann und der Gesellschaft. Bei der Betrachtung beider Charaktere stellt sich allerdings ein Problem, denn es ist schwierig, beide gänzlich unabhängig voneinander zu betrachten und ihr jeweiliges Verhalten separat zu analysieren. Immerhin sind beide sehr eng miteinander verknüpft und an vielen Stellen muss man sie als Paar bewerten.

Aber wie unterschiedlich sind beide Charaktere wirklich? Beginnen wir bei unserem Helden Erec und der Frage, was einen Mann zur damaligen Zeit in den Artusromanen überhaupt ausmacht. Zunächst natürlich die Aventiuren, bestehend aus Hilfe für Bedürftige, also Frauen, Verarmte oder solche, denen Unrecht und/oder Gewalt widerfahren ist. Dem folgt die Ehre, ohne sie ist der Mann der Gesellschaft nicht würdig. Dazu Minne, Muot, Wîsheit (Prudentia), Kraft, Mâze, Alter und gewisse Auszeichnungen, Hult (Gratia), und in Kampfsituationen Genâde. Bezieht man dies alles mit ein, stellt man sich schnell einen richtigen Macho und ganzen Kerl vor. Wer aber denkt, Erec sei ein gestandener Kerl, der irrt. Denn von einem Helden kann bei ihm zunächst eigentlich keine Rede sein, im Gegenteil. Er hat als Königssohn des Königs Lac (V. 2) zwar prinzipiell die besten Voraussetzungen, legt aber einen eher holprigen Start hin. Das beginnt schon bei den Äußerlichkeiten, denn Erec ist laut Einleitung zunächst gekleidet und ausgestattet wie ein Mädchen und ist lediglich mit einem Schwert bewaffnet. Außerdem reitet er anfangs mit der Königin anstatt mit auf die Jagd nach dem weißen Hirsch zu gehen, eine Jagd, die nur den edlen Rittern des Artushofes gebührt. Offensichtlich ist Erec dieser Aufgabe noch nicht würdig, vielleicht befindet er sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Ausbildung. Die Königin schickt auch nicht Erec, sondern lieber ihr Hoffräulein zu einem, ihnen entgegenkommenden fremden Ritter, was auch nicht gerade für seine Männlichkeit spricht, denn offensichtlich traut sie ihm diese Aufgabe nicht zu. Trotzdem zeigt Erec schon früh in dieser Szene, dass in ihm eigentlich mehr steckt, denn als das Mädchen geschlagen wird, hat Erec trotzdem „Rachegedanken“ und will die Ehre des Mädchens wieder herstellen (V. 66-82). Zwar wird er von dem Zwerg geschlagen und auch dafür will er sich später rächen, aber er hat sich im Griff und zeigt damit deutlich eine der wichtigsten Tugenden eines Ritters, nämlich die der Mâze und den unbedingten Willen, seine Ehre und die des Mädchens wieder herzustellen (V. 125-128). Gegen die sofortige Rache spricht allerdings auch die Tatsache, dass er unbewaffnet ist (V. 103). Er reitet dem Zwerg entsprechend nach und trifft auf seinem Weg auf Enites Vater, einen ehemaligen Grafen, und bittet ihn um eine Rüstung und – weil sie günstigerweise gerade da ist – auch noch um seine Tochter Enite, die er nach seinem Sieg auf dem Fest von Enites Onkel Imain natürlich auch heiraten will. Aber das ist kaum verwunderlich, immerhin wird sie als das schönste Mädchen beschrieben, das man je gesehen hat (V. 310f.). Sie ist weit und breit die Schönste und auch wenn sie zerschlissene Kleider trägt, schimmert ihr anmutiger, schwanenweißer Körper durch ihre grün gehaltene Kleidung hindurch.

Auf dem Turnier verhält sich Erec rühmlich, wenn auch etwas übermütig, und erlangt durch seine Kämpfe Ehre (ab V. 2469). Außerdem lebt er eher asketisch (V. 2378-2387), was im Widerspruch zu seinem späteren Verhalten am Hof steht. Auf seiner Heimreise lehnt er es ab, Enite besser einzukleiden und Geld oder andere Güter anzunehmen (V. 1406-1415). Das spricht dafür, dass er Enite so nimmt, wie sie ist und dass er es nicht für nötig hält, sie elegant auszustatten. Diese Meinung wird er allerdings im späteren Handlungsverlauf noch einmal ändern. Ingesamt erwischt die Minne Erec und Enite auf ihrem Weg heftig (V.1484-1497). Sogar so heftig, dass sie von der Minne förmlich beherrscht werden (V. 1859). Und genau das wird beiden nur kurze Zeit später zum Verhängnis, denn am Hof geben sie sich nur noch ihrer Liebe und Leidenschaft hin und verlieben sich. Erec wird faul und bequem, kümmert sich nur noch um Enite, aber nicht mehr um seine Pflichten als Herrscher und dadurch verliert er vor seinem Hof das Ansehen und damit auch die Ehre (V. 2928-2995). Erec ist also im ersten Teil der Liebende, der aber im Gegenzug seine ritterlichen Pflichten komplett vernachlässigt. Das spricht für die mangelnde Erfahrung, die bereits angedeutet wurde. Er ist an dieser Stelle noch nicht in der Lage, das richtige Maß, den goldenen Mittelweg zu finden und gibt sich blind der Liebe hin. Aber es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn an diesem Punkt alles eitel Sonnenschein gewesen wäre. Damit hätte auch die Geschichte ein schnelles Ende gefunden.

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Details

Seiten
8
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640762378
ISBN (Buch)
9783640762439
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159985
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Frauen- Männerbild Hartmanns

Autor

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Titel: Das Frauen- und Männerbild in Hartmanns ‚Erec’