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Das Lied als inszenierte Kunstlosigkeit - "Der Leiermann" von Franz Schubert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Leiermann von Wilhelm Müller
2.1. Entstehungshintergrund des Zyklus Die Winterreise
2.2. Analyse von Der Leiermann

3. Schuberts Entwicklung als Liedkomponist bis zur Winterreise op.

4. Der Leiermann von Franz Schubert
4.1. Entstehungshintergrund des Zyklus und Tonartencharakteristik
4.2. Analyse von Der Leiermann
4.2.1. Vorspiel (Takte 1-8)
4.2.2. Die beiden Großstrophen (Takte 9-52)
4.2.3. Dritte Strophe und Nachspiel (Takte 53-61)

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Leiermann von Franz Schubert wurde als letztes Lied seines Zyklus Winterreise bereits aus vielerlei Perspektiven musikwissenschaftlich beleuchtet. Dessen eingedenk und berücksichtigend soll in den folgenden Ausführungen dennoch der Versuch unternommen werden, eine weitere Herangehensweise zu wagen.

Es gilt diesbezüglich zunächst, das zugrunde liegende Sujet, Wilhelm Müllers Gedicht Der Leiermann, vor seinem Entstehungshintergrund zu betrachten. Von dieser Grundlage ausgehend wird es im weiteren Verlauf besser nachzuvollziehen sein, ob und wie die sich hieraus ergebenden Deutungsmöglichkeiten von der Interpretation Schuberts divergieren. Das Betrachten des künstlerischen Werdegangs Schuberts als Liedkomponist bis hin zu seinem Zyklus Winterreise soll dann, zusammen mit dem Sujet, das Fundament für eine eingehende Analyse des Leiermanns bilden. Um dies jedoch in angemessener Weise bewerkstelligen zu können, sollen ferner die Entstehungsgeschichte des Schubertschen Zyklus sowie die Tonartenproblematik mit berücksichtigt werden. Wie sich später erweisen wird, werden beide Aspekte für die Deutung des Liedes eine nicht unbedeutende Rolle spielen. In der Schlussbetrachtung sollen die zuvor gewonnenen Ergebnisse schließlich zusammengeführt werden, um die sich aufdrängende Frage nach der musikästhetischen Bedeutung des Leiermanns in adäquater Weise diskutieren zu können.

2. Der Leiermann von Wilhelm Müller

2.1. Entstehungshintergrund des Zyklus Die Winterreise

Der am 7. 10. 1794 in Dessau geborene Wilhelm Müller war „als Herausgeber und Redakteur literarischer Periodika und einer Enzyklopädie tätig“ und „galt als Gelehrter von umfassenden Kenntnissen.“[1] Zu Berühmtheit gelangte Müller hauptsächlich „durch seine graecophilen Lieder, weshalb er auch der ‚Griechen-Müller’ genannt wurde.“[2]

Die ersten zwölf Gedichte seines Zyklus Die Winterreise wurden unter dem Titel Wanderlieder von Wilhelm Müller. Die Winterreise. In 12 Liedern im Almanach Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823, Leipzig und Berlin 1823 publiziert.[3]

Wilhelm Müller beließ es indessen nicht bei diesen 12 Gedichten; er erweiterte den Zyklus – wohl unmittelbar nach der Veröffentlichung im Almanach Urania – um weitere 12 Gedichte. Die der Erweiterung zugrunde liegende Idee ist unmittelbar einleuchtend. Die zunächst lose Folge winterlicher Wanderer-Lieder wurde vom Dichter im zweiten Anlauf zu einer novellistischen Erzählung in Versen umgeformt, die einen Anfang und ein Ende hat.[4]

Diese „novellistische Erzählung“ thematisiert eine winternächtliche Wanderung, „die am Abend beginnt und am frühen Morgen in des Köhlers Haus endet, mit den Nebensonnen am Himmel und dem Leiermann draußen auf dem Eis.“[5] Zur Verwirklichung des von ihm verfolgten Konzepts erschien es Müller notwenig, vereinzelte Umstellungen in der Reihenfolge der bereits veröffentlichten Gedichte vorzunehmen. Den sich nunmehr aus 24 Gedichten konstituierenden Zyklus veröffentlichte er schließlich im Jahre 1824 in Dessau.[6] Der vollständige Titel des Zyklus lautet: Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Zweites Bändchen. Lieder des Lebens und der Liebe. Dem Meister des deutschen Gesanges Carl Maria von Weber als Pfand seiner Freundschaft und Verehrung gewidmet vom Herausgeber.

Wilhelm Müller und Franz Schubert sind sich nach aktuellem Forschungsstand, trotz Müllers Aufenthalt in Wien in den Jahren 1817/18, wohl niemals persönlich begegnet.[7] Der Dichter starb am 30.9. 1827 in Dessau, im gleichen Jahr also in dem Schubert dessen Gedichtzyklus vertonte.[8]

Was man jedoch […] nicht begreift, das ist, wie dieser Dichter – und nicht etwa am Ende seines Lebens […] sondern mitten in seinem sonstigen Verfertigen von Gedichten – mit einem Male die Winterreise hat schreiben können.[9]

Das obige Zitat von Rolf Vollmann weist bereits darauf hin, dass sich Die Winterreise vom sonstigen, romantischen Schaffen Wilhelm Müllers stark zu unterscheiden scheint. Worin diese spezifische Besonderheit begründet liegt, soll sich anhand der Untersuchungen des folgenden Kapitels erweisen.

2.2. Analyse von Der Leiermann

Der Leiermann ist das 24. und damit abschließende Gedicht des Zyklus Die Winterreise. Das Gedicht umfasst fünf Strophen von jeweils vier Versen, deren Metrum durchgängig aus dreihebigen Trochäen besteht. Jede dieser Strophen folgt dem Reimschema a b c b, wobei es sich bei den reimenden zweiten und vierten Versen durchweg um männliche Endreime handelt. Auffallend ist die Übereinstimmung im Aufbau der Strophen eins und vier, beziehungsweise zwei und drei. Diese Kongruenz liegt in der Tatsache begründet, dass die Strophen eins und vier am Ende des zweiten Verses ein Komma aufweisen, wohingegen sich in den Strophen zwei und drei an gleicher Stelle ein Semikolon findet. In den Strophen eins bis vier fungiert das lyrische Ich ausschließlich als Erzähler, während es in der fünften Strophe in Kommunikation zum Leiermann tritt. Nachfolgend werden die fünf Strophen jeweils einzeln aufgeführt und, unmittelbar daran anschließend, genauer untersucht:

Drüben hinterm Dorfe

Steht ein Leiermann,

Und mit starren Fingern

Dreht er was er kann.[10]

Mit „Drüben hinterm Dorfe“ wird gleich zu Beginn der ersten Strophe die distanziert perspektivische Beschreibung des Leiermanns eröffnet. Rolf Vollmann spricht in diesem Kontext sogar davon, dass das ganze Gedicht „reine Beschreibung, ohne irgendein unnötiges Wort“[11] sei. Die fantasielos wirkende Konjunktion „und“, die auch in den folgenden drei Strophen immer wieder verwendet wird, verbindet beide Satzteile auf denkbar banalste Weise miteinander. Der Leiermann dreht seine Leier „mit starren Finger“. Dies erzeugt einerseits die unmittelbare Assoziation von Kälte und Erstarrung, andererseits wird jedoch auch die Verhinderung von etwaiger Entwicklungsmöglichkeit angedeutet. Auf metrischer Ebene wird die hierzu passende Monotonie des Drehens der Leier durch die permanente Wiederkehr der dreihebigen Trochäen unterstützt.

Barfuß auf dem Eise

Schwankt [ Wankt ] er hin und her;

Und sein kleiner Teller

Bleibt ihm immer leer.

„Barfuß“, also ungeschützt der Kälte des „Eises“ ausgeliefert, bewegt sich der Leiermann „hin und her“. Das in eckiger Klammer stehende „ Wankt “ entspricht der textlichen Abänderung Schuberts in dessen Vertonung. Es scheint einerseits die Hilflosigkeit des Frierenden noch mehr zu betonen als Müllers „schwankt“, andererseits, durch die geringere Zahl an Konsonanten, aber auch besser singbar zu sein. Das bereits zuvor angesprochene Semikolon sorgt am Ende des zweiten Verses für eine größere Zäsur als das entsprechende Komma der ersten Strophe. Diese Zäsur unterstützt die Vorstellung von Zeitlosigkeit und sorgt zugleich für eine Intensivierung der nachfolgenden beiden Verse. Was dort jedoch intensiviert wird, ist lediglich die Vergeblichkeit des Unterfangens; denn der Leiermann wird nicht etwa für sein Spielen entlohnt, sondern muss sich mit einem „immer“ leeren Teller abfinden.

Keiner mag ihn hören,

Keiner sieht ihn an;

Und die Hunde brummen [ knurren ]

Um den alten Mann.

Bleibt bereits der Teller „immer leer“, so wird die Trostlosigkeit des Leiermanns zu Beginn der dritten Strophe noch gesteigert. Durch die verstärkend wirkende Anapher „keiner“ zu Beginn des ersten und zweiten Verses ist vollends klar, dass sich kein menschliches Wesen, außer dem lyrischen Ich, auch nur im Entferntesten für den Leiermann zu interessieren scheint. Zugleich wird in diesen beiden Versen die Bedeutung der Sinne Hören und Sehen thematisiert. Dem Sehen von etwas Bestimmtem, hier dem Leiermann, kann man sich durch Schließen der Augen oder Wegsehen entziehen. Dem Hörsinn ist diese Verweigerung nicht so ohne weiteres möglich. Daher hört man den Leiermann, obwohl man ihn doch eigentlich nicht hören „mag“. Wie bereits in der zweiten Strophe, so weist auch die dritte Strophe am Ende des zweiten Verses ein Semikolon auf. Die Zäsur erzeugt wiederum Emphase zum zweiten Teil der Strophe, wo sich die Alliteration „und“/„um“ findet. Lediglich „die Hunde“, die bereits im 17. Gedicht (Im Dorfe) „bellen“[12], interessieren sich insofern für den „alten Mann“, als dass sie ihn bedrohen. Schuberts Verwendung des Wortes „[ K ] nurren “ intensiviert diese Bedrohlichkeit mehr noch als Müllers „[ B ] rummen “. Die soeben beschriebene Alliteration sorgt, zusammen mit der Anapher der ersten beiden Verse, für eine besondere Gewichtung der dritten Strophe. Folglich könnte von einer Verdüsterung der Atmosphäre hin zur dritten Strophe, dem negativen Gipfel an Einsamkeit, Bedrohlichkeit und Ausweglosigkeit, gesprochen werden.

Und er läßt es gehen

Alles, wie es will,

Dreht, und seine Leier

Steht ihm nimmer still.

Vor dem Hintergrund der zuvor angesprochenen Intensivierung der Atmosphäre ließe sich die vierte Strophe als Spannungsabfall deuten. Der Leiermann „läßt es gehen“, wird von seiner Umgebung bestimmt anstatt diese selbst zu bestimmen. Aktiv dreht er lediglich weiter „seine Leier“, die „ihm nimmer still“ steht. Innerhalb des zu Beginn dieses Kapitels festgestellten Komplexes der ersten vier Strophen entsteht hierdurch eine Symmetrie im Sinne von atmosphärischer Verdichtung und Gehenlassen.

[...]


[1] Hilmar, E., Franz Schubert, hrsg. von Wolfgang Müller und Uwe Naumann, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 96-97.

[2] Ebd., S. 97.

[3] Vgl.: Budde, E., Schuberts Liederzyklen. Ein musikalischer Werkführer, hrsg. von Siegfried Mauser, München 2003, S. 69.

[4] Ebd.: S. 69.

[5] Ebd.: S. 69.

[6] Vgl.: Ebd.: S. 70.

[7] Vgl.: Hilmar, E., Franz Schubert, hrsg. von Wolfgang Müller und Uwe Naumann, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 96-97.

[8] Vgl. Kriewalski, D., Art.: „Müller, Wilhelm“ in: Knaurs Lexikon der Weltliteratur, aktualisierte Neuausgabe, München 2003, S. 414.

[9] Vollmann, R., „Wilhelm Müller und die Romantik“, in: Wilhelm Müller und Franz Schubert, Die schöne Müllerin. Die Winterreise, hrsg. von Rolf Vollmann., Stuttgart 2007, S. 79.

[10] Müller, W. und F. Schubert, Die schöne Müllerin. Die Winterreise, hrsg. von Rolf Vollmann, Stuttgart 2007, S. 63.

[11] Vollmann, R., „Wilhelm Müller und die Romantik“, in: Wilhelm Müller und Franz Schubert, Die schöne Müllerin. Die Winterreise, hrsg. von Rolf Vollmann, Stuttgart 2007, S. 81.

[12] Müller, W. und F. Schubert, Die schöne Müllerin. Die Winterreise, S. 56.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640731893
ISBN (Buch)
9783640732463
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160185
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Leiermann Franz Schubert Lied Kunstlosigkeit

Autor

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