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Die Ästhetik und Poetik der Erinnerung in W.G. Sebalds Roman Austerlitz

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Problemstellung und Zielsetzung

2. Die Ästhetik des Verdrängungs- und Erinnerungsprozesses des Protagonisten Jacques Austerlitz

3. Architektur und Orte als Erinnerungstopoi

4. Die Funktion der Fotografien in dem Roman Austerlitz

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

1. Einleitung – Problemstellung und Zielsetzung

„Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.“[1]

So schrieb Friedrich Nietzsche in seinem Werk „Unzeitgemäße Betrachtungen“ von 1899.
Interessant ist das Zitat deshalb, weil es zu einem gewissen Grad die zwiespältige Situation des Protagonisten Jacques Austerlitz des Romans Austerlitz von Winfried Georg Sebalds (1944 – 2001) widerspiegelt.

Als Kind und Jugendlicher aufgewachsen in England ohne Erinnerung an und ohne Wissen über seine Herkunft, lebt Austerlitz viele Jahrzehnte, vielleicht nicht „glücklich“, aber ohne größere Aufregungen sein Leben, ehe eine blitzartige Vision auf dem Bahnhof den ersten Stein aus der Mauer des Vergessens bricht, die er über Jahre um sich herum aufgebaut hat. Innerhalb von mehreren Jahrzehnten sucht Austerlitz die Bruchstücke seiner deutsch-jüdischen Vergangenheit und die seiner Eltern zusammen; eine aufreibende Suche, die ihn verschiedene psychosomatische Beschwerden und sogar einen Nervenzusammenbruch erleiden lassen.

Hier dran zeigt sich, wie wichtig und notwendig das Vergessen für Austerlitz’ Seelenleben auf der einen Seite war; andererseits nagten die verdrängten und unbewussten Erinnerungen an ihm und versuchten sich gewaltsam einen Weg ins Bewusstsein zu bahnen. Fast scheint es, als könne Austerlitz weder mit noch ohne Erinnerung glücklich leben, und bleibt damit ein Rastloser, wie auch andere Figuren aus Sebalds Werken wie Schwindel.Gefühle (1990), Die Ausgewanderten (1992) und die Ringe des Saturns (1995):

Sebalds Wanderer sind Geisteskranke, Melancholiker oder Neurotiker, wie man sie nennen will. Sie sind besessen von Scham und Grauen, wiederkehrende Motive. Der Mensch ist Verstörungen ausgesetzt, die nicht von ihm verursacht wurden, sondern aus der Vergangenheit stammen, und oft, namentlich bei Jacques Austerlitz, […], aus verdrängten Erinnerungen.[2]

W.G. Sebald, der in Deutschland 1944 geboren wurde, in der Schweiz studierte und in England als Lektor arbeitete und später als Professor lehrte, war selbst nicht nur ein Ausgewanderter, sondern auch ein Wanderer[3]: „Viele seiner Literatur-Geschichten sind Mischungen aus Reflexion, Bericht, Nacherzählung, die beim Gehen über Land formuliert wurden und beim Sinnieren während des Wanderns oder des Innehaltens vor entdeckten Erzählanstößen.“[4]

Austerlitz und die oben genannten drei Prosatexte verbinden ein polyphoner Diskurs der Erinnerung und die Frage „nach dem Ort von Geschichte im individuellen und kollektiven Bewusstsein.“[5]

Schon beim ersten Lesen fällt auf, dass die Erzählungen aller Figuren des Romans (Austerlitz, der Ich-Erzähler, Vêra, der Geschichtslehrer Andrè Hilary u.a.) die Vergangenheit betreffen. Da diese nur durch Erinnern erschlossen werden kann, wird klar, dass das Thema der Erinnerung sich wie ein roter Faden durch das Prosawerk zieht, der es in seinen Bestandteilen verbindet. Diese Gewichtung der Erinnerung in dem Roman macht ihre eingehende Betrachtung interessant.

Ziel der vorliegenden Hausarbeit soll es sein, diesen polyphonen Diskurs in einzelne Bestandteile zu gliedern und zu diskutieren: Wie wird ‚Erinnerung’ in Austerlitz thematisiert? Wie entfaltet sich der Verdrängungs- und Erinnerungsprozess des Protagonisten? Welche Stilmittel verwendet Sebald, um die Thematik der Erinnerung darzustellen? Wie fügen sich die zahlreichen Architekturschilderungen und die im Roman verstreuten Fotografien in den Erinnerungsdiskurs?

In den nachfolgenden Kapiteln sollen diese Fragen diskutiert werden.

2. Die Ästhetik und Poetik des Verdrängungs- und Erinnerungsprozesses von Jacques Austerlitz

Was bedeutet es, sich zu erinnern? Und was bedeutet es für das einzelne Subjekt?

Matthais Kettner (1997) konstatiert die subjektive Aktivität des Erinnern als eine Re-Interpretation: „kein Wiederfinden oder Wiedererkennen von Objekten, sondern erneutes Verstehen von schon einmal (irgendwie) Verstandenem. [...] Erinnern ist, als Re-Interpretation, eine konstruktive und assoziative, bedeutungssuchende und bedeutungsgewinnende Aktivität.“[6]

Im Laufe der Hausarbeit wird sich zeigen, dass diese Definition nur schwierig auf den Protagonisten anzuwenden ist und dass sich im Laufe seiner Lebensgeschichte eine Besonderheit im Hinblick auf die Erinnerungsarbeit ergibt. Denn Austerlitz kann nur auf die Erinnerungen seines vierjährigen Ichs - die naturgemäß verschwommen sind - und auf Erzählungen von Zeitzeugen zurückgreifen. Es wird sich zeigen, dass für Austerlitz das Erinnern, neben einer Re-Interpreation, zusätzlich auch in dem Wiederfinden oder Wiedererkennen von Objekten besteht.

Das Besondere ist außerdem, dass sich Austerlitz seiner traumatischen Erinnerungen zu Beginn des Romans nicht bewusst ist. Im Alter von vier Jahren kommt er mit einem Kindertransport aus Prag nach England und wächst in Wales bei einem Pfarrerehepaar auf. Seit seiner Kindheit und Jugend hat er nicht gewusst, wer er ist, jedoch stellt er erst Nachforschungen an, als ihn, mehr oder weniger überfallartig, eine visionsartige Erinnerung in der Liverpool Street Station trifft, wie er vor vielen Jahrzehnten von seiner Mutter dem Kindertransport überlassen wurde. Bekräftigt wird diese Erkenntnis, als Austerlitz zufällig die Erzählungen zweier Frauen im Radio mit hört, die das gleiche Schicksal wie er erlitten haben.

In den Jahren 1938 bis 1938 billigte das Nazi-Regime die Ausreise von ca. 10.000 deutscher, österreichischer und tschechoslowakischer jüdischer Kinder, wenn jemand dafür zahlte.[7] Sebald behandelt damit in seinem Roman eine der Randzonen des Holocaust, welche in der Forschungsliteratur erst relativ spät Erwähnung findet.[8]

Vorbild für seine Geschichte war das Schicksal eines dreijährigen Susi Bechhöfer, die nach Wales zu Adoptiveltern kam, welche von Beginn an versuchten, die deutsch-jüdische Herkunft des Mädchen zu verheimlichen. Jahrzehnte später ging sie auf Spurensuche ihrer Vergangenheit.

Sebald faszinierte die Geschichte, veränderte einige Details zu Gunsten der Fiktionalität, und ließ in seine Figur Austerlitz neben den Lebensdetails eines tschechischen Architekturhistorikers auch noch eigene Persönlichkeitszüge einfließen[9]:

Nicht so sehr konkrete Lebensdetails, sondern eher Sebalds lebenslange Auseinandersetzung mit dem jüdischen Vermächtnis, sein Deutschlandkomplex und seine Art und Weise, die Welt zu betrachten, gehen als autobiographische Elemente in den Text ein. Autobiographisch konzipiert ist vielleicht deshalb nicht nur die Hauptperson, sondern vielleicht noch deutlicher sein anonymer Zuhörer (bzw. der Erzähler), dessen erhöhte Aufmerksamkeit für die Auslegungen des Juden (eine Aufmerksamkeit, die fast an Identifikation grenzt) und Weltsicht im Allgemeinen sich auf Sebalds ererbte Schuldproblematik zurückführen lassen.[10]

Sebald hat sich häufig zu dem prekären Verhältnis von Faktizität und Fiktionalität im Hinblick auf historisch-brisante Themen wie den Holocaust geäußert:

Die Reproduktion des Grauens oder besser: die Rekreation des Grauens, ob mit Bildern oder mit Buchstaben, ist etwas, das im Prinzip problematisch ist. Ein Massengrab lässt sich nicht beschreiben. Das heißt, man muss andere Wege finden, die tangentieller sind, die den Weg über die Erinnerung gehen, über das Archäologisieren, über das Archivieren, über das Befragen von Personen.[11]

Die Gattung des Romans ist damit fähig, etwas so Unfassbares wie den Massenmord an Millionen von Juden greifbar zu machen. Damit bewegt sie sich auf einen schmalen, schwierigen Pfad, denn wie Jörn Rüsen (2001) betont, ist es „notwendig und unmöglich zugleich, sich an den Holocaust historisch zu erinnern.“[12] Notwendig, weil es das erschütternste Ereignis des 20. Jahrhunderts ist, das nicht vergessen werden darf; unmöglich, da jede historische Sinnbildungsleistung an dem Holocaust scheitert.[13]

Archäologisieren, Archivieren, Befragen[14] – damit werden nach Horst Feldmeier „Schlüsselbegriffe des Sebaldschen narrativen Verfahrens benannt, die man im Text genau aufspüren kann […]. […] [D]ie Frage der Erinnerung bei Jacques Austerlitz, die aufs engste mit der Identitätsfindung zusammenhängt, kann ja als ein, wenn nicht gar das Hauptthema gelten.“[15]

Die Identitätsfindung von Austerlitz erstreckt sich über drei Jahrzehnte: Der namenlose Ich-Erzähler trifft den Protagonisten zum ersten Mal Ende der sechziger Jahre, und das letzte Mal Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts:

An verschiedenen Orten (Antwerpen, London, Paris, Luzern) nimmt der Erzähler die Erzählungen seines „Helden“ entgegen, in die wieder andere Erzählungen, etwa die Erzählungen von Austerlitz’ Prager Kindermädchen Vera eingelagert sind, aber auch, wie etwa bei Austerlitz’ Ortsbesichtigungen des ehemaligen Lagers in Terezin (Theresienstadt), Berichte und Dokumentationen realer Personen […].[16]

Die Sebaldsche Erzählkonstruktion ist damit ein mehrfach verschachtelter Rekonstruktionsprozess:

Der Erzähler resümiert den Prozess, innerhalb dessen Austerlitz seine ursprüngliche Identität wiederherzustellen sucht. Innerhalb dieses Prozesses berichtet Austerlitz aber auch von dem Versuch, die Lebensgeschichte seiner Eltern zu rekonstruieren und vor dem Vergessen zu bewahren. Und schließlich leistet der Roman Austerlitz auf diese Weise einen Beitrag zur Erinnerung an das Schicksal jüdischer Familien im Zusammenhang mit den Kindertransporten […].[17]

Über den namenlosen Ich-Erzähler erfährt der Leser nicht viel: er ist jünger als Austerlitz, ähnlich wie dieser an Architektur hochinteressiert und leidet mit fortschreitenden Alter an einer Sehschwäche.

„Im Bezug auf Austerlitz’ Lebenserzählung verhält sich der Ich-Erzähler [...] wie ein ‚neutrales’ Medium. Weder unterbricht er Austerlitz’ Erzählfluss durch Fragen, noch streut er emphatische oder skeptische Reflexionen ein.“[18] Damit ähnelt die kommunikative Konstellation des einen biographischen Interviews, dessen Intention es ist, den Erzählenden in der ersten Phase des Gesprächs nicht zu lenken oder zu unterbrechen.[19]

Nach Anne Fuchs (2004) ist dem Sebaldschen Erzählmodell ein Verständnis von Zeugenschaft als vorbehaltlose Zuhörerschaft eingeschrieben[20]:

Über weite Teile ist der Roman als ein durch den Mund des Ich-Erzählers gefilterter Monolog des Protagonisten angelegt, welcher sich von seinen bau- und kulturgeschichtlichen Exkursen zur eigentlichen Erinnerungsarbeit, die seine verdrängte Vorgeschichte betrifft, vortastet.[21]

Der Ich-Erzähler, der sich offensichtlich erst durch das genaue Zuhören, als Austerlitz über die Architektur des Antwerpener Bahnhof spricht, für die Rolle des Zeugen für Austerlitzens Erinnerungen qualifizieren muss, lässt sich nicht zur Identifikation verleiten:

[...]


[1]

[2] Klüger, In: Text + Kritik 2003, S. 95

[3] vgl. Arnold, In: Text + Kritik 2003, S. 3

[4] Arnold, In: Text + Kritik 2003, S. S. 3

[5] Mosbach 2008, S. 15

[6] Kettner, In: Die dunkle Spur der Vergangenheit 1997, S.38

[7] vgl. Feldmeier, In: Literatur und Holocaust 2009, S. 69

[8] vgl. ebd. S. 68

[9] vgl. zu den realen Vorbildern des Jaques Austerlitz: ebd. S. 69

[10] Solheim 2006, S. 319

[11] Hage 2003, S. 264

[12] Rüsen 2001, S. 181

[13] vgl. ebd., S. 181f.

[14] vgl. Hage 2003, S. 264

[15] Feldmeier, In: Literatur und Holocaust 2009, S. 70

[16] Ritte 2009, S. 169

[17] Mosbach/Pethes, In: Bios, 21, 2008, S. 57f.

[18] Mosbach/Pethes, In: Bios, 21, 2008, S. 59

[19] vgl. ebd., S. 59

[20] vgl. Fuchs 2004, S. 41

[21] ebd. S. 41

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640731909
ISBN (Buch)
9783640732456
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160187
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Poetik Erinnerung Sebalds Roman Austerlitz

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