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Ein Vergleich der Auslegung des Begriffs "Religion" durch Schleiermacher und Spalding

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sinn und Geschmack fürs Unendliche: Der Religionsbegriff nach Schleiermacher
2.1 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: ein biografischer Abriss
2.2 Über das Wesen der Religion

3. Sinn und Geschmack fürs Göttliche: Der Religionsbegriff nach Spalding
3.1 Johann Joachim Spalding: ein biografischer Abriss
3.2 Über das Wesen der Religion

4. Vergleich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Übergänge haben es in sich. Sie sind Brücken aus dem Vertrauten ins Fremde, sie gewäh­ren Gleichzeitigkeit von Herkunft und Zukunft, und sie verbinden das eine mit dem andern zu einer neuen, aus Kontinuität und Diskontinuität eigentümlich gemischten Gestalt. Über­gänge haben es in sich, weil sie das Bisherige mit sich führen ins Neue hinein. “[1]

Diese Übergänge, von denen Albrecht Beutel in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1999 spricht, entsprechen genau dem Zustand der Menschen, wie er sich im Wechsel vom 18. ins 19. Jahr­hundert darstellte, einer Zeit, in der mit den gravierenden sozialen wie wirtschaftlichen Um­wälzungen auch die Frage nach der Religion wieder zunehmend ins Interesse gerückt ist und mit der sich auch die Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Johann Joachim Spalding beschäftigt und in ihren zu jener Zeit erschienenen Religionsschriften zu beantwor­ten gesucht haben, wobei gerade dem Werk Schleiermachers 'Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" aus dem Jahre 1799 eine ungeheure, bis in die Gegenwart hineinreichende Bedeutung beigemessen wird. Aber was macht das Werk Schleiermachers so nachhaltig bedeutsam? Und inwieweit steht dies mit dem nur zwei Jahre zuvor erschienenen Werk Spaldings 'Religion, eine Angelegenheit des Menschen" in Zusammenhang? Wie wird Religion nach Schleiermacher und Spalding bestimmt? Bedeutet dieser Begriff für beide das­selbe? Oder unterscheiden sich die beiden Religionsverständnisse? Und wenn dem so ist, worin unterscheiden sie sich?

Die Beantwortung dieser Fragen bildet das Hauptanliegen dieser Arbeit. Beginnend mit Schleiermacher sollen so zunächst beide Religionsverständnisse im Einzelnen und in Anleh­nung an ihre jeweiligen, oben genannten Werke herausgestellt (dabei gehen jedem derselben zur Orientierung wesentliche biografische Aspekte des Autors voraus) und daran anschlie­ßend einem Vergleich unterzogen werden. Hierbei muss vorab allerdings darauf verwiesen werden, dass es sich dabei nicht um eine alles erfassende Darstellung der den beiden Werken zugrunde liegenden Abweichungen und Berührungspunkte handeln kann, da dies dem Rah­men dieser Arbeit in Anbetracht der Komplexität der beiden Schriften bei weitem nicht ge­recht werden würde. Insofern werden einzig die wesentlichsten Elemente beider Religionsver­ständnisse berücksichtigt werden können. Den Abschluss dieser Arbeit bildet sodann ein Fa­zit, mit dem allerdings weniger auf eine nochmalige Zusammenstellung aller Ergebnisse im Einzelnen als vielmehr auf die Herstellung einer Brücke zwischen den beiden Werken einer­seits und ihrer jeweiligen Bedeutung für die Gegenwart andererseits abgezielt werden soll.

2. Sinn und Geschmack fürs Unendliche: Der Religionsbegriff nach Schleiermacher

Mit seinem 1799 zunächst anonym veröffentlichten Werk 'Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" hat Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher nicht nur seine Gedanken zu der in jener Zeit laufenden Debatte um die Religionsthematik zum Ausdruck gebracht, sondern zugleich einen innovativen Entwurf über die Religion dargelegt, dem noch zu seinen Lebzeiten drei weitere Auflagen folgten (1806, 1821, 1831).[2] Doch was beinhaltet sein Religionsbegriff konkret? Und was macht ihn so innovativ und nachhaltig bedeutsam? Diese Fragen sollen im Laufe dieser Arbeit, beginnend mit der Biografie und dem Religions­verständnis Schleiermachers ihre Beantwortung finden.

2.1 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: ein biografischer Abriss

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher wurde am 21. November 1768 als zweites Kind des reformierten Feldgeistlichen Gottlieb Adolph Schleyermacher im schlesischen Breslau gebo­ren. Nach einem Umzug der Familie in das bei Pleß gelegene Dorf Anhalt wurden Friedrich und seine Geschwister auf Wunsch der Eltern im Jahre 1783 der Herrnhuter Brüdergemeine zur Erziehung übergeben - Friedrich und sein vier Jahre jüngerer Bruder Carl traten in das Studienkloster, das Pädagogium der Herrnhuter Brüdergemeine zu Niesky bei Görlitz ein, während seine drei Jahre ältere Schwester Charlotte das Schwesternhaus Gnadenfrei in Nie­derschlesien bezog -, da deren Schulen als vorbildliche Ausbildungsstätten galten und der bis dahin eher planlose Unterricht der Kinder durch den oft nicht anwesenden Vater sowie später auf der Stadtschule in Pleß, wo der Unterricht zwar geregelter war, aber der sich dort erstmals regende Hang Schleiermachers zu Skepsis und kritischem Nachdenken den Eltern eine gewis­se Sorge bereitete, in rechte Bahnen gelenkt werden sollte - eine Entscheidung, mit der Fried­rich für immer von seinen Eltern Abschied nehmen musste: denn während seine ihm sehr na­he stehende Mutter nur ein Jahr später verstarb, brach der Kontakt zu seinem Vater weitestge­hend ab. Während seiner Zeit in Niesky wuchs Schleiermacher dabei ganz in die herrnhuti- sche Frömmigkeit hinein und der Tod seiner Mutter bestärkte ihn noch darin, „die Führung des Heilands und das 'Gnadenlos" der Gemeine zu bejahen“[3]. Zugleich entwickelte Schleier­macher neben dem Eifer für die sprachlichen Studien auch ein reges Interesse für die Natur­wissenschaften und die Mathematik, sodass er schließlich im Jahre 1785 voller Zuversicht in das Seminar der Brüdergemeine nach Barby, der Fakultät zur Vorbereitung künftiger Theolo­gen überwechselte.[4]

In Barby herrschte neben einer 'streng pietistischen Bevormundung" und Kontrolle der Stu­dierenden ein strikter Vorrang des Religiösen bei jeglichen Beurteilungen. Bei den Vorlesun­gen überwog das Philosophische, jegliche Form von praktischen Disziplinen fehlte aber. Im Vordergrund standen vor allem Elemente der angewandten Mathematik, der Physik, der Chemie und der Geschichte inklusive enzyklopädischer Kenntnisse, neue philosophisch­wissenschaftliche Literatur jedoch wurde ihnen vorenthalten. Schleiermacher und seine Freunde widersetzten sich bald dieser strengen Kontrolle, indem sie die verbotenen Lektüren von Kant, Wieland, Goethe und 'zeitgenössische sentimentale Romane" heimlich lasen. Zwei­fel und Unzufriedenheit stiegen in ihnen auf und wurden letztlich so groß, dass Schleierma­cher seinerseits seinem Vater im Januar 1787 einen Brief schrieb, mit der Bitte, sein Theolo­giestudium in Halle fortsetzen zu dürfen, was dieser letztlich befürwortete, da es sich weiter­hin um das Studium der Theologie handeln sollte. Sein noch im Jahre 1787 begonnenes Stu­dium in Halle, welches er vorwiegend bei dem Philosophen und Wolfianer Johann August Eberhard (ein ursprünglicher Theologe und scharfer Gegner Kants, der über Platon und Aris­toteles lehrte) und dem Philologen Friedrich August Wolf (ein Wegbereiter des Neuhumanis­mus, bei dem die griechischen Klassiker im Vordergrund standen) absolvierte, nutzte Schlei­ermacher dabei vor allem auch für seine geistige Bildung: neben zeitgenössischer theologi­scher Literatur von z.B. Sack, Töllner, Michaelis und Leß studierte er auch die Werke Kants, die moralischen und metaphysischen Schriften von Aristoteles, Arbeiten seines Lehrers Wolf wie auch Xenophon und Untersuchungen zur griechischen Geschichte, stets auf der Suche nach einer einheitlichen Weltanschauung.[5]

Nach dem Bestehen seiner ersten theologischen Prüfung in Berlin im Mai 1790 bekam Schleiermacher eine Hauslehrerstelle im Hause des Burggrafen Dohna in Schlobitten vermit­telt, wo er drei Jahre lang blieb. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Grafen verließ Schleiermacher die Familie desselben dann im Mai 1793 und kam über verschiedene zeitwei­lige Tätigkeiten als Erzieher, Lehrer und Hilfsprediger, durch die er sowohl theologisch, phi­losophisch als auch menschlich zusehends heranreifte (in diese Zeit fiel neben seinem Beste­hen des zweiten theologischen Examens und Erhalt der Ordination zum geistlichen Amt auch der Tod seines Vaters, mit dem er sich mittlerweile ausgesöhnt hatte) im Jahre 1796 schließ­lich nach Berlin, um dort eine Stelle als Prediger an der Charité anzunehmen.[6] Mit Berlin erschloss sich Schleiermacher nach anfänglichem Aufenthalt „in den Häusern der Prediger Sack und Spalding, in denen der Geist der Aufklärung [...] mit Eifer hochgehalten wurde“[7] eine ganz neue Welt, die Welt der Romantik, in die er vor allem durch das so ge­nannte Salonleben, einem literarischen Kreis weniger Personen um den Hofrat und Arzt Dr. Marcus Herz, der sich durch Gespräche und gemeinsame Lektüre verschiedener, zumeist ro­mantischer Werke auszeichnete, und die innige Freundschaft mit Henriette Herz, der Frau von Dr. Marcus Herz, und Friedrich Schlegel, mit dem sich Schleiermacher ab Ende 1797 eine Wohnung in der Nähe der Charité teilte, hineingeführt wurde und die für den literarischen Werdegang Schleiermachers von unsagbarer Bedeutung waren, hatten beide ihn doch zum Verfassen seiner 'Reden" mehr oder weniger gedrängt und ihn auch während seines Schrei­bens immer wieder motiviert und unterstützt. Den inneren Anlass zum Verfassen seiner Re­den bildete dabei aber vor allem auch das Unverständnis einiger seiner Freunde für die Reli­gion, welches sich offenbar in vorherigen Gesprächen im Salon herauskristallisiert hatte. Sein im Jahre 1799 zunächst anonym erschienenes Werk 'Über die Religion. Reden an die Gebil­deten unter ihren Verächtern" stellte dabei nur eines der bedeutenden Werke Schleiermachers dar, dem noch etliche weitere Schriften folgen sollten.[8]

Im Jahre 1804 wechselte Schleiermacher dann nach Halle, um an der Universität erst als au­ßerordentlicher, später als ordentlicher Hochschulprofessor der Theologie und Philosophie zu arbeiten. In Halle blieb er jedoch nur bis 1807; dann ging er aufgrund der kriegsbedingten zeitweiligen Schließung der Universität nach Berlin zurück, wo er nicht nur Henriette von Willich heiratete (zu den zwei Kindern, die sie mit in die Ehe brachte, kamen vier gemeinsa­me hinzu), sondern ab 1809 auch als bedeutender und einflussreicher Prediger an der Dreifal­tigkeitskirche wirkte und sich zudem für die Gründung der Friedrich-Wilhelms-Universität einsetzte, an der er dann ab 1810 bis zu seinem Lebensende als ordentlicher Professor der Theologie lehrte. Zudem übernahm Schleiermacher, im Jahre 1814 zum Sekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften ernannt, 1815 das Rektorat der Universität. Neben seiner litera­rischen und akademischen Wirksamkeit war es dabei auch Schleiermachers kirchenpolitisches Engagement und seine Reisen nach England, Schweden, Norwegen und Dänemark, die sein Leben bis zu seinem Tod am 12. Februar 1834 infolge einer Lungenentzündung prägten.[9]

2.2 Über das Wesen der Religion

Was ist nun aber unter dem Begriff der Religion, so wie ihn Schleiermacher in seinen 'Reden" von 1799 dargelegt hat, konkret zu verstehen?

Gemäß der Ausführungen Schleiermachers ist die Religion eine innere Anlage jedes Men­schen, die über eine „eigne Provinz im Gemüthe“[10] verfügt und ihre Ausbildung notwendig zum Menschsein dazugehört, da sie einen eigenen Zugang zur Wirklichkeit verschafft. Dies bedeutet zum einen, dass die Religion als eigenständige Anlage einzig aus dem Inneren des Menschen hervorgehen und nichts Äußeres, d.h. keine äußere Einwirkung in Form von Lehre oder Erziehung auf die Ausbildung der Religiosität eines Menschen Einfluss haben kann, zum anderen betont Schleiermacher damit, dass die Religion gleichberechtigt neben der Moral, die den Willen steuert und der Metaphysik, die das Erkenntnisvermögen regiert steht und insofern nicht mit ihnen verwechselt werden darf, auch wenn sie sich trotz ihrer unterschiedlichen Aufgaben an manchen Stellen ähnlich sehen, eben weil sie überall vermischt vorzufinden sind und alle den gleichen Gegenstand haben: das Universum und das Verhältnis des Menschen zu ihm. Nichtsdestotrotz bildet die Religion das höchste und übergeordnete Moment dieser drei, das notwendige und unentbehrliche Dritte, welches aufgrund ihres empfangenden Bezugs zum Universum von beiden anderen strikt abgegrenzt werden muss, denn im Unterschied zur Metaphysik und Moral zeichnet sich die Religion nicht durch Denken oder Handeln aus, son­dern einzig durch 'Anschauung und Gefühl"; im Anschauen des Universums liegt demnach der Kern, „die allgemeinste und höchste Formel der Religion“[11].

Doch was bedeutet es nun, wenn Schleiermacher betont, das Wesen der Religion sei 'An­schauung und Gefühl"? Wenn Schleiermacher vom 'Anschauen des Universums" spricht, so impliziert dies für ihn weniger die zu jener Zeit übliche Betrachtung eines Gottes (der Glaube an eine Gottheit stellt nach Schleiermacher einzig eine 'einzelne religiöse Anschauungsart" dar) als vielmehr ein staunendes Anschauen des einzelnen Endlichen, in dem sich das Unend­liche in seiner ununterbrochenen Tätigkeit in jedem Augenblick offenbart. Dabei geschieht dieses Anschauen jedoch nicht spontan oder unabhängig vom Angeschauten; vielmehr unter­liegt alles Anschauen des Einzelnen dem Einfluss des Universums, einer ursprünglichen und unabhängigen Handlung des Unendlichen im Endlichen also, wodurch der Einzelne in seiner 'kindlichen Passivität", in seinem rezeptiven Bezug zum Unendlichen ergriffen wird und alles Anschauen letztlich nicht die Natur der Dinge selbst (die äußere Natur bildet nur den äußers­ten Vorhof der Religion), sondern lediglich das Resultat des Wirkens des Universums im Endlichen darstellt. So ist alles Einzelne, was sich in der Welt entwickelt, jedes Dasein, jede Form, jedes Wesen und jede Begebenheit als ein Werk des Universums begreifbar, als eine Darstellung und Ausführung seiner Gesetze, `von der Gottheit durchdringen und Eins´, was sowohl die Kraft und Gesetzmäßigkeit der Natur, ihre Ordnung und Zweckmäßigkeit als auch die Menschheit als Ganze in ihrem Sein wie in ihrem Werden, d.h. in ihrer fort- und immerwährenden Entwicklung bis hin zu dem für jeden Einzelnen gegenwärtigen Zustand unweigerlich mit einschließt.[12]

[...]


[1] Beutel (1999): Aufklärer höherer Ordnung, S.277.

[2] Vgl. Meckenstock (2001): Historische Einführung, S.1. In: Schleiermacher (1799): Reden.

[3] Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.18.

[4] Vgl. Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.9-13. 17-18.

[5] Vgl. Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.18-29.

[6] Vgl. Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.38-39.

[7] Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.41.

[8] Vgl. Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.40ff. sowie Ehrhardt (2005): Religion, S.19-21.

[9] Vgl. Kantzenbach (1967): Schleiermacher, S.84ff. sowie http://www.bbkl.de/s/s1/schleiermacher f d e.shtml. (10.03.09).

[10] Schleiermacher (1799): Reden, S.37.

[11] Schleiermacher (1799): Reden, S.37ff. 50-55. 138ff.

[12] Vgl. Schleiermacher (1799): Reden, S.38-56. 77-79. 82-87. 122-130. 236-237. 244-250. 271-276. 286. 312. sowie Ehrhardt (2005): Religion, S.22-24. 28-32. 38-42. 66. 73-78.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640734627
ISBN (Buch)
9783640734559
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160327
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
Vergleich Auslegung Begriffs Religion Schleiermacher Spalding

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