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Sprechakte der Entschuldigung im Sprachvergleich Spanisch - Katalanisch

Magisterarbeit 2003 169 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichte der katalanischen Sprache und Kultur
2.1 Allgemeine Worte zum Katalanischen
2.2 Die Ursprünge der katalanischen Sprache
2.3 Von der Schriftsprachlichkeit zur Blüte der katalanischen Literatur
2.4 Die Decadència
2.5 Von der Renaixença zur Francodiktatur

3 Soziolinguistik und Sprachpolitik in Katalonien
3.1 Entwicklung der katalanischen Soziolinguistik
3.2 Sprachpolitik der Generalitat
3.2.1 Llei de Normalització Lingüística
3.2.2 Llei de Política Lingüística

4 Die Sprechakttheorie
4.1 Austin
4.1.1 Austins Unterscheidung zwischen performativen und konstativen Äußerungen
4.1.2 Austins Theorie der Sprechakte
4.1.3 Performative Äußerungen und illokutionäre Akte
4.2 Searle
4.2.1 Sprechakte
4.2.2 Bedingungen der illokutionären Akte
4.2.3 Klassifikation der Illokutionsakte

5 Grice
5.1 Implikatur
5.2 Das Kooperationsprinzip
5.3 Kooperationsprinzipien und Implikatur

6 Höflichkeit
6.1 Leech
6.2 Brown und Levinson
6.2.1 Face Threatening Acts
6.2.2 Strategien, einen FTA auszuführen
6.2.2.1 Direkt [bald on record]
6.2.2.2 Positive Höflichkeit
6.2.2.3 Negative Höflichkeit
6.2.2.4 Verdeckt [off record]

7 Der Sprechakt der Entschuldigung
7.1 Klassifizierung der Entschuldigung
7.2 Entschuldigungen und Rechtfertigungen
7.3 Entschuldigungen und Image

8 Die Untersuchung
8.1 Empirische Arbeiten im Bereich der Sprechakte
8.2 Methode
8.2.1 Die Fragebögen
8.2.2 Strategien
8.2.3 Intensivierung und Abschwächung
8.2.4 Erwartungen
8.2.5 Die statistische Vorgehensweise
8.3 Die Ergebnisse
8.3.1 Beurteilung der Faktoren
8.3.2 Soziale Faktoren und Menge der Strategien
8.3.2.1 Soziale Distanz
8.3.2.2 Sozialer Status
8.3.2.3 Schwere des Deliktes
8.3.2.4 Der Einfluss des Geschlechts
8.3.2.5 Kapitelschlussfolgerungen
8.3.3 Entschuldigungsstrategien
8.3.3.1 Nicht-situationsbezogene – explizite Strategien
8.3.3.1.1 Ausdruck des Bedauerns
8.3.3.1.2 Bitte um Entschuldigung
8.3.3.2 Nicht-explizite Strategien
8.3.3.2.1 Erklärung / Rechtfertigung
8.3.3.2.2 Angebot der Entschädigung
8.3.3.2.3 Einmaligkeit
8.3.3.2.4 Keine Absicht
8.3.3.2.5 Selbstkritik
8.3.3.2.6 Positive Höflichkeit
8.3.3.2.7 Explizite Selbstbeschuldigung
8.3.3.2.8 Ablehnung der Verantwortung
8.3.3.3 Übernahme der Verantwortung vs. keine Übernahme von Verantwortung
8.3.3.4 Modifizierung der gesamten Aussage
8.3.3.5 Kapitelschlussfolgerungen

9 Allgemeine Schlussbetrachtung

10 Abkürzungsverzeichnis

11 Literaturverzeichnis

12 Verzeichnis der Tabellen und Grafiken
12.1 Tabellen
12.2 Grafiken

Anhang

Anhang I

Anhang II

Anhang III

Anhang IV

1 Einleitung

Sprache wird seit jeher als bedeutendstes Merkmal einer Kultur aufgefasst. So schrieb schon Antonio de Nebrija:

“[...] que siempre la lengua fue compañera del imperio; & de tal manera lo siguió, que junta mente començaron, crecieron florecieron, & después junta fue la caida de entrambos." (GC, fol.1 r.)

Die Sprache ist ein allgegenwärtiges und besonders auffälliges Zeichen einer Gemeinschaft und stellt so eines der wichtigsten Identifikationsmerkmale einer Gruppe dar, da sie nicht zuletzt ein bedeutendes Verbindungsglied zur eigenen Vergangenheit ist.

„Sprache ist das primäre Faktum innerhalb der menschlichen Ordnung und zugleich der wichtigste Faktor für deren Entwicklung, so dass man immer noch, mit den Griechen, Sprache und Vernunft (logos) miteinander identifizieren und mit ihnen geradezu den Menschen definieren kann.“ (Beck, 1980: 8)

Die Sprache der Menschen bestimmt ihre Art und Weise zu denken, definiert sie in ihrer Gruppe und ermöglicht über die Kommunikation hinausgehende soziale Interaktionen. So werden durch bestimmte festgelegte Äußerungen Veränderungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit bewirkt: Menschen werden verheiratet und geschieden, Versprechen werden gegeben und gebrochen, Entschuldigungen werden gemacht und verweigert, und dies alles nur durch die Äußerung von Worten.

„So erscheint es uns heute ganz normal, von ‚Pragmatik’ im Zusammenhang mit Linguistik, von ‚Sprechhandlungen’ u.a. zu sprechen. Es ist heute allgemein anerkannt, dass Sprache nicht nur in Handlungen eingebunden ist und diese beeinflusst, sondern dass sie selbst handlungshaft ist.“ (Beck, 1980: 9)

Was geschieht aber in einer Kultur, einer Gruppe von Individuen oder einer Gesellschaft wie der katalanischen, in der zwei Sprachen und damit verbunden zwei verschiedene Identifikationsmerkmale und zwei verschiedene Systeme zum Vollziehen dieser Sprechhandlungen existieren?

Anhand eines Vergleichs des sehr stark konventionsgebundenen Sprechaktes der Entschuldigung sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen zwei Systemen untersucht werden. Die pragmatische Analyse von Sprechakten oder Sprechhandlungen soll es dabei ermöglichen, soziale Einflüsse auf die Sprache zu untersuchen und zu verstehen.

„Speech act analysis made some of the connections among speakers, situation, and language explicit. The work of Austin (1961), Searle (1969), and Grice (1975) started by noticing and outlining specific conditions on utterances; for example, what does it take (in terms of speakers, hearers, their intentions, the circumstances of the utterances) to properly make a promise, give an assurance, or name a ship. It was shown that acts in language could be accomplished in many different ways. […] Given, then, that there are many-to-one and one-to-many relations between expressions and the acts they accomplish, the task is to understand how the mapping takes place.” (Fine, 1988:18)

Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. In einem kurzen Abriss über die Geschichte der katalanischen Sprache und Kultur, deren Entwicklung und deren Soziolinguistik, soll ein Eindruck von der heutigen Situation in Katalonien gewonnen werden. Die Geschichte der Gesetzgebung und der Sprachentwicklung ist dabei von großer Bedeutung, da sie das Sprachbewusstsein entscheidend geprägt hat.

Im zweiten Teil wird die Entwicklung von der ordinary language philosophy über die Sprechakttheorie zur Höflichkeitstheorie dargestellt. Es soll ein Einblick gewonnen werden in die Fragen: Was ist ein Sprechakt? Wie wird er im Gespräch verstanden? Welche Umstände determinieren ihn? Diese Arbeit versucht nicht einen kompletten Überblick über die Sprechakttheorie zu leisten, es sollen vielmehr die wichtigsten Ansätze und Modelle herausgearbeitet werden. So werden einige Sprachphilosophen wie zum Beispiel Habermas und Wunderlich nur am Rande oder gar nicht erwähnt.

Die erlangten Kenntnisse werden dann auf den Sprechakt der Entschuldigung angewendet.

Die Untersuchung selbst befasst sich zunächst mit dem theoretischen Aufbau der Befragung und dem zugrunde liegenden Analysemodell. Die gefundenen Strategien werden zunächst zusammengefasst und mit den ermittelten Variablen verglichen, um grundlegende Zusammenhänge zwischen den Variablen und dem Sprachverhalten zu erkennen. Im Anschluss daran werden die einzelnen Möglichkeiten, sich zu entschuldigen, nach ihrem Aufbau und ihrem Verhältnis zu den Variablen untersucht.

Die allgemeine Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und belegt oder widerlegt die am Anfang der Studie aufgestellten Hypothesen. Mehrere Fragebögen und längere Tabellen sind im Anhang zu finden.

2 Geschichte der katalanischen Sprache und Kultur

2.1 Allgemeine Worte zum Katalanischen

Katalanisch ist die offizielle Sprache in Katalonien, in der valenzianischen Gemeinschaft, auf den balearischen Inseln und im Fürstentum Andorra. Sie wird außerdem in einem Gebiet in Südostfrankreich, in einem Landstrich Aragoniens und in der Stadt l'Alguer auf Sardinien gesprochen. Seit 1979 besitzt Katalonien eine autonome Regierung in Spanien, und elf Jahre später (1990) wurde das Katalanische vom Europaparlament mittels einer Resolution als eine europäische Sprache anerkannt.

In vielerlei Hinsicht nimmt die katalanische Sprache eine Sonderstellung ein. So bleibt zum Beispiel bis heute die Herkunft des Namens català ungeklärt. Er leitet sich zwar von den Begriffen catalunya für das Land Katalonien und català für die Bewohner ab. Nachweise über den Ursprung der Bezeichnungen reichen jedoch nur bis zum 12. Jahrhundert. Zahlreiche Theorien wurden über die Herkunft aufgestellt. Rudolf Brunner beispielsweise leitet den Begriff über verschiedene Etymologien her. Unter anderem, könnte er sich über Gotholandia > Gotolania > Catalunya (Land der Goten und Alanen) oder Catalaunia (nach den Catalauni, einem Volk in Nordgallien) > Catalunya entwickelt haben (Brunner, 1975: 9-10). Piel hält demgegnüber beide Herleitungen für nicht mehr tragbar. Obwohl die Wissenschaft nach seiner Ansicht ‘vor einem etymologischen Trümmerfeld’ stehe, schlägt er eine weitere Möglichkeit vor. Piel führt den Begriff auf den Satznamen cata-luohn ‘Schau in die Weite’, zurück. Die Bezeichnung könnte zunächst eine Örtlichkeit mit einem außergewöhnlichen Fernblick bezeichnet haben und sich dann auf die umgebende Region übertragen haben (Piel, 1988: 437ff).

Für die Sprache in dieser Region wird ähnlich wie in anderen Gebieten der Romania zunächst der Begriff romanç verwendet. Erst Ende des 13. Jahrhunderts tauchen die Begriffe catalanesch und, kurz darauf im 14. Jahrhundert, llengua catalana auf. Es soll jedoch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dauern, bis das Katalanische im Zuge der Renaixença als eigenständige Sprache angesehen wird. (Brunner, 1975: 10 ff).

Über die dialektale Aufgliederung des Katalanischen gibt es kaum einheitliche Meinungen. Die Normierung der Sprache hat sich fast nur im öffentlichen Bereich vollzogen, die gesprochene Umgangssprache wechselt zum Teil von Ort zu Ort, ja sogar von Sprecher zu Sprecher[1]. Insgesamt lässt sich das Gebiet jedoch in die Sprachbereiche Ost- und Westkatalanisch (català oriental und català occidental) unterteilen. Die Grenze verläuft sich von Norden nach Süden, östlich vorbei an Andorra und endet westlich von Tarragona an der Küste. Diese Sprachgrenze wird durch Isoglossen im Bereich der Phonetik und Morphologie sowie im Bereich der Lexik bestätigt (Veny, 1984: 37).

2.2 Die Ursprünge der katalanischen Sprache

Viele unterschiedliche Faktoren sind verantwortlich für die heutige Ausprägung des Katalanischen. Laut Brunner kann man heute davon ausgehen, dass die Geburtsstätte der Sprache nördlich wie südlich der Pyrenäen liegt. Diese These wird auch durch die Zusammenstellung der Substratvölker bestätigt. Zu diesen zählen, vor dem Eindringen der Römer, zum einen die Iberer. Sie besiedeln den Küstenstreifen von Campello (nördlich von Alicante) bis Ensérune (Béziers) und darüber hinaus das anliegende Festland im Gebiet des heutigen Kataloniens. Weder Kelten noch Keltiberer sind in diesem Bereich zu finden. Zum anderen gründen die Griechen Küstenstädte im Küstenbereich: Massila (heute Marseille), Agathe (Agade) und südlich der Pyrenäen Rhode (heute Rosas bzw. Roses) und Emporion (heute San Martín de Ampurias) (Brunner, 1975:13f).

Ab dem Jahr 218 v. Chr. setzt die römische Eroberung der iberischen Halbinsel ein. ’Hispania Citerior’ bzw. die ’Provincia Tarraconensis’ wird überwiegend von römischen Veteranen besiedelt (Röntgen, 1990: 7).

Es lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Gebieten nördlich und südlich der Pyrenäen erkennen. In den ehemals griechischen Städten wird die römische Kultur und lateinische Sprache schnell angenommen. Auf diese Weise werden die Gebiete nördlich und südlich der Pyrenäen frühzeitig (in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt) romanisiert (Brunner, 1975: 15).

Nach dem Zerfall des römischen Reiches fallen im 5. Jahrhundert die Westgoten in die iberische Halbinsel ein und beherrschen diese teilweise bis zum 7. Jahrhundert. Die westgotische Eroberung umfasst Katalonien, Valencia und Roussillon.

Um 711 erobern die Araber das Land. Jedoch ist die Besetzung Kataloniens im Gegensatz zum Rest der Halbinsel nur von relativ kurzer Dauer. Die Araber werden frühzeitig aus Septimanien vertrieben und können so nicht bis Roussillon vordringen. Schon 785 beginnt die Wiedereroberung in Girona und Barcelona. Dies hat eine Änderung der sprachlichen Situation zur Folge. Bis zu diesem Punkt gibt es eine gemeinsame sprachliche Entwicklung, dann jedoch setzt die Aufteilung in zwei voneinander abgetrennte Gebiete ein. Davon jedoch unbeeinflusst bilden bis heute Altkatalonien und Roussillon einen sprachlich zusammenhängenden Bereich. Hier ist laut Brunner der Ursprung der katalanischen Sprache zu suchen, die sich von dort im Laufe der Reconquesta in die anderen Gebieten des heutigen Sprachraumes ausbreiten konnte (Brunner, 1975: 16).

2.3 Von der Schriftsprachlichkeit zur Blüte der katalanischen Literatur

Nach der Entstehung der Spanischen Mark ('Marca Hispanica') unter Karl dem Großen vereint Giufré el Pilòs ("Wilfried der Haarige") einige Grafschaften unter sich; die so geschaffene Region wird auch Catalunya Vella genannt (Röntgen: 1990, 7).

Laut Gergen ist der im 11. Jahrhundert veröffentlichte Canço de Santa Fé (1030 - 1070) eines der ersten Schriftstücke, das in katalanischer Sprache verfasst wurde. Es stammt entweder aus dem Gebiet der nördlichen Ostpyrenäen oder dem Roussillon (Gergen, 2000: 10).

1137 vereinigen sich die Grafschaft Barcelona und das Königreich Aragon zur "Krone Aragon". Im Laufe der folgenden Wiedereroberung, der Reconquesta, erobert die Krone Aragon im Jahre 1235 die Balearen und im Jahre 1238 Valencia. Durch die Neubesiedlung der eroberten Gebiete breitet sich die Sprache bis nach Valencia aus. In den folgenden Jahren beherrscht die Krone Aragon das westliche Mittelmeer und erobert unter anderem das Königreich Sizilien (1282), Sardinien (1326) und Neapel (1442) (Röntgen: 1990, 8).

Die ersten wirklichen katalanischen Sprachzeugnisse entstehen Mitte des 12. Jahrhunderts aus einer Übersetzung einer westgotischen Gesetzessammlung, dem Forum Iudicum (1250). Mit der Übersetzung der Bibel ins Katalanische wird eine erste Standardisierungsphase der katalanischen Schriftsprache (1137 - 1276) eingeleitet. Von da an ist Katalanisch in der Liturgie und Theologie vertreten (Gergen, 2000: 11).

Durch die Expansion nach Norden gerät die katalanische Sprache mit dem Provenzalischen (auch Okzitanischen) in Kontakt. Vor allem die Troubadourlyrik hat einen großen Einfluss auf die katalanischen Dichter, sodass 1393 in Barcelona nach dem Vorbild von Toulouse die Jocs Florals (ein Gedichtwettbewerb) ins Leben gerufen werden. Zu den Begründern der katalanischen Prosasprache gehört Ramon Llull (1232-1316) mit seinem Llibre de contemplació, angelehnt an die Confesiones von Augustinus. Durch den Einfluss von Ramon Llull wird das Katalanische zur ersten romanischen Sprache, in der philosophische und wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben werden (Röntgen, 1990: 8). Die darauf folgende Epoche vom 14. bis zum 15. Jahrhundert stellt die Blütezeit der katalanischen Schriftsprache dar.

Aus dem bis dahin einheitlichen Sprachbild beiderseits der Pyrenäen folgert Brunner, dass die Mozaraber sich der Sprache der Katalanen angepasst haben müssen (1975: 16).

2.4 Die Decadència

Mit der Heirat der sogenannten "Katholischen Könige" Isabella von Kastilien und Ferdinand II von Aragon (1469) kommt es 1479 zur Vereinigung der Krone Aragon mit dem Königreich Kastilien. Im beginnenden Siglo de Oro setzt sich Kastilisch als Sprache durch. Das bis dahin weit verbreitete Katalanisch verschwindet allmählich aus dem öffentlichen Bereich.

Zeitgleich mit dem Siglo de Oro in Kastilien setzt in Katalonien im 15. Jahrhundert die Decadència (der literarische Verfall vom 15.-18. Jh.) ein. Von nun an verliert das Katalanische immer mehr an Funktion im öffentlichen Bereich und Kastellanismen dringen in die katalanische Umgangssprache ein (Gergen, 2000: 12).

Durch den spanisch-französischen Krieg muss Spanien mit dem Pyrenäenfrieden 1659 die nordkatalanischen Gebiete an Frankreich abtreten. 1716 verliert Katalonien seine Autonomie und Katalanisch wird erstmals als offizielle Sprache verboten. Das eingesetzte Decreto de Nueva Planta bewirkt, dass von nun an ausschließlich Spanisch als Amtssprache, als Sprache der oberen Gerichte in Katalonien und ab 1768 als Unterrichtssprache benutzt werden darf. Ab 1772 muss sogar die private Buchführung in Kastilisch gehalten sein. Die Einschränkung findet 1779 ihren Höhepunkt in dem Verbot, Theaterstücke in Katalanisch aufzuführen (Gergen, 2000: 13).

In der katalanischen Literatursprache aus der Blütezeit der mittelalterlichen Renaissance gibt es so gut wie keine mundartlichen Unterschiede, folglich muss die Aufsplittung in Dialekte erst im Zuge der Decadència eingesetzt haben. So ist es laut Brunner unwahrscheinlich, dass die Substratvölker Ursache für die dialektale Gliederung sind (1975: 16).

2.5 Von der Renaixença zur Francodiktatur

Begünstigt durch die Romantik kommt es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Renaissance des Katalanischen. Erst in dieser Zeit erhält die Sprache für das Gebiet Kataloniens ihren heutigen Namen “català“.

Im Zuge der allmählichen Besserung der wirtschaftlichen Lage und dem zunehmenden Interesse an der katalanischen Kultur erlebt der Katalanismus einen neuen Aufschwung. Es sind vor allem Liberale, Akademiker und Begüterte, die allen Neuerungen positiv gegenüberstehen. In dieser Zeit erlebt die katalanische Sprache und Literatur, beeinflusst durch die europäische Romantik, ihre Wiedergeburt. Zahlreiche katalanische Gedichte werden veröffentlicht und 1877 folgt eine Widereinführung der Jocs Florals (Röntgen, 1990: 9).

Nach der Gründung des Institut d’Estudis Catalans (1907) wird in den folgenden Jahren eine Sprachreform zur Fixierung und Normierung der katalanischen Sprache eingeführt, die die Schaffung einer einheitlichen Grammatik für das Katalanische zum Ziel hatte. Einen bedeutenden Beitrag hierzu leistet Pompeu Fabra (1868-1948), der sowohl die Normes Ortogràfiques (1913) als auch das Diccionari Ortogràfic (1917) und die Gramàtica Catalana (1918) veröffentlicht (Röntgen, 1990: 9).

Die erste autonome Verwaltung Kataloniens des 20. Jahrhunderts ist die Mancomunitat (1912-1914). Die Provinzialräte Kataloniens verbünden sich zur Mancomunitat Interprovincial de Catalunya mit ihrem ersten Präsidenten Enric Prat de la Riba. In dieser Zeit wird Katalanisch wieder zur Amtssprache der Verwaltung und Publikationen, wie Amtsblätter, Zeitschriften, Broschüren etc. werden in Katalanisch oder zweisprachig veröffentlicht (Gergen, 2000: 19).

Mit dem Autonomiestatut vom 15.09.1932 beginnt die zweite kurze Selbstregierungsphase. Die Selbstregierung besteht aus Parlament, Regierungsrat und Präsident (erster Präsident ist ab November 1932 Macià). In dieser Zeit wird die katalanische Sprache in Katalonien beziehungsweise auf dem Gebiet der Generalitat neben Kastilisch als offizielle Sprache anerkannt und in allen Bildungsstufen der Schulen und Universitäten benutzt (Gergen, 2000: 19).

Die Autonomie Kataloniens endet 1936 mit dem Sieg Francos im spanischen Bürgerkrieg. Nach der Eroberung Barcelonas durch das frankistische Regime wird das republikanische Regierungssystem aufgelöst. Von nun an wird das Katalanische als offizielle Sprache wieder verboten und aus dem öffentlichen Bereich verbannt. So werden zum Beispiel katalanische Namen in standesamtlichen Registern nicht mehr zugelassen und katalanische Firmennamen, Markenzeichen und Briefköpfe untersagt. Filmdialoge dürfen nur noch auf Kastilisch gezeigt werden. Das Institut d'Estudis Catalans und weitere Einrichtungen zur Förderung der katalanischen Kultur werden aufgelöst. Das Verbot führt sogar zur Schließung der Universitat Autònoma de Barcelona und öffentlichen Bücherverbrennungen (Gergen, 2000: 20).

Mit dem Tod Francos (1975) endet die Diktatur. Das am 31. 10. 1975 veröffentlichte Dekret 2929 / 1975 regelt den öffentlichen Gebrauch von Sprachen und erkennt die Existenz des Katalanischen an. Am 11. 09. 1977, dem Nationalfeiertag Diada in Katalonien, demonstrieren mehr als eine Million Menschen erfolgreich für ihre Autonomie. 1979 gewinnt Katalonien seine Eigenständigkeit zurück. Ein Jahr darauf wird ein eigenes Parlament eingesetzt (Gergen, 2000: 21). Das Katalanische gilt von nun an neben Kastilisch erneut als offizielle Sprache in Katalonien (Röntgen, 1987: 10).

3 Soziolinguistik und Sprachpolitik in Katalonien

Cosa privada és desitjada.

(Eine private Sache ist erwünscht.)

3.1 Entwicklung der katalanischen Soziolinguistik

Die katalanische Soziolinguistik hat nach dem Tode Francos und der damit verbundenen politischen Wende einen regelrechten Boom erlebt. Zahlreiche Studien zur Verbreitung und zum Gebrauch der beiden Sprachen in der katalanischsprachigen Region erscheinen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Normierung des Katalanischen.

Die katalanische Soziolinguistik teilt sich nach Strubell und Vallverdú in drei Perioden ein: die vorsoziolinguistische Periode, die antifrankistische Periode und die autonome Periode (Boix i Fuster, 1998: 34).

Die vorsoziolinguistische Periode enthält Initiativen, die man im weitesten Sinne schon als soziolinguistisch betrachten könnte und die eine Vorreiterfunktion erfüllen. Mit zu den wichtigsten Institutionen des 20. Jahrhunderts gehört das Institut d'Estudis Catalans unter der Leitung von Pompeu Fabra. Während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts wird nicht zuletzt durch die Arbeiten dieses Instituts , die normative Anarchie überwunden, und es entsteht eine Literatursprache, die auf den Kriterien der Ausgewogenheit zwischen den Dialekten und der sprachlichen Reinheit basiert. Zu dieser Zeit herrschen noch viele Vorurteile gegenüber der katalanischen Sprache, obwohl der Wille zur Ausbreitung durchaus präsent ist. Darüber hinaus kommen Diskussionen über die Konsequenzen der Immigration und der Integration auf, da die Industrialisierung und Urbanisierung in Katalonien viele Immigranten aus den übrigen Gebieten Spaniens nach Katalonien lockt. Für kurze Zeit entsteht eine Sprachplanung zugunsten des Katalanischen im offiziellen Sprachgebrauch. Diesen Vorgängen wird allerdings durch die Diktatur Francos ein jähes Ende gesetzt (Boix i Fuster, 1998: 34f).

Aufgrund der zentralistischen Sprachpolitik des Frankismus (1936/39-1976) gibt es in den ersten zwei Jahrzehnten der Frankodiktatur keinerlei linguistische Aktivität in Katalonien (Boix i Fuster, 1998: 35). Erst in den 60er Jahren kommt eine kritische Debatte auf und es folgen Ideen, die man schon als klar soziologisch betrachten kann. Auch ändern sich die Prioritäten, es wird von nun an mehr Gewicht auf die Funktion der Sprache als auf ihren Gebrauch gelegt.

Zwei der wichtigsten Forschungszentren in dieser Zeit sind Valencia und Barcelona. Der in Valencia existierende Kern bestand vor allem aus Juristen. Aracil ist zum Beispiel der erste Soziolinguist, der nicht nur eine Disziplin fordert, die sich gleichzeitig mit der Sprache und der Gesellschaft befasst, sondern auch eine, die sich mehr auf den Gebrauch der Sprache als auf ihre Struktur konzentriert. Sprache soll seiner Meinung nach als Instrument und Produkt angesehen werden. Insgesamt entstehen in dieser Zeit viele Studien darüber, wie und wo welche Sprache gesprochen wird, beziehungsweise gesprochen werden sollte (Boix i Fuster, 1998: 35f).

Während der Übergangsperiode von 1975 bis 1980 formiert sich beim internationalen Kongress der Soziolinguistik in Toronto el Grup Català de Sociolingüística, die die Zeitschrift Treballs de Sociolingüística Catalana herausgeben wird (Boix i Fuster, 1998: 37).

Da Ende der 70er Jahre da immer noch eine gewisse Unsicherheit über der den korrekten Gebrauch der Sprache herrscht, wird erkannt, dass die Soziolinguisten die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllt haben (Boix i Fuster, 1998: 38).

Mit dem Fall der Diktatur 1976 beginnt die autonome Periode in der katalanischen Soziolinguistik. Das Ende der Diktatur hat drei wichtige Konsequenzen für die katalanische Soziolinguistik:

1. die Institutionalisierung der Soziolinguistik,
2. die Diversifikation der Perspektiven und Zielsetzung der katalanischen Soziolinguistik und ihre Eingliederung in die internationale Soziolinguistik und
3. die Abschwächung des militanten Charakters des Katalanismus.

Mit der Autonomie erhält die katalanische Sprache wieder einen offiziellen Status in Katalonien. So entstehen neue Einrichtungen, die sich mit Fragen der Soziolinguistik beschäftigen. Dazu zählen zum Beispiel die Direcciò General de Política Lingüística, das Institut de sociolingüística Catalana, das Consosri per a la Normalització Lingüística und viele mehr. In den 80er Jahren wird in den katalanischen Universitäten Soziolinguistik als Studiengang und später der katalanischen Philologie eingeführt (Boix i Fuster, 1998: 38).

Zunächst gibt es eine breite Opposition gegen die Förderung des Katalanischen. Doch mit der Zeit und vor allem durch den katalanischen Schulunterricht kann sich die Sprache in der Bevölkerung immer weiter ausbreiten. Ende der 80er kommt der Gedanke auf, der Unterricht reiche alleine nicht aus, um das Katalanische in die Bevölkerung zu integrieren. Daher wird darüber diskutiert, ob das Katalanische in den Medien vertreten sein sollte (Boix i Fuster, 1998: 39).

3.2 Sprachpolitik der Generalitat

Ende der 50er Jahre kam in den USA erstmals der Gedanke der Sprachplanung auf. Einar Haugen fertigte eine Analyse der Sprachplanung in Norwegen an. Das daraufhin erscheinende Buch: Can Language Be Planned? von Joshua A. Fischman, Björn Jernudd, Jyotirindra da Gupta, Joan Rubin und anderen warf die Frage auf, ob es die Möglichkeit gäbe Sprache, gezielt zu manipulieren, um bestimmte Ziele zu erreichen.

Thesen wie diese erzielen große Aufmerksamkeit, vor allem in den nach dem zweiten Weltkrieg neu gebildeten Staaten, die ihre Mehrsprachigkeit irgendwie bewältigen mussten (Boix i Fuster, 1998: 17).

Diese Art der Sprachplanung beinhaltet zum einen Corpus Planning, das heißt die Kodifikation und Standardisierung sowie die Schaffung und Vereinheitlichung von Begriffen. Zum anderen beinhaltet sie die Planung der Funktionen der Sprache sowie des Status, der die Bereiche und die Gelegenheiten für den Gebrauch der jeweiligen Sprache festlegt.

Besonders im zweiten Feld entwickeln sich die Sprachgesetze. Sie beschäftigen sich vor allem mit der Gesetzessprache und dem Recht auf Unterricht in der jeweiligen Sprache. Der Schutz von Minderheitensprachen geht auf das Ende des ersten Weltkrieges zurück.

Laut Boix i Fuster ist die katalanische Sprachpolitik vor allem durch die Erfahrungen in Kanada und Belgien beeinflusst worden (Boix i Fuster, 1998: 17ff).

Die heutige weite Verbreitung des Katalanischen lässt sich auf die Sprachpolitik der katalanischen Regierung (Generalitat de Catalunya) zurückführen. Diese finanziert unter anderem weltweit ca. 65 Lektoratsstellen für Katalanisch­unterricht.

Ziel der Sprachpolitik in Katalonien ist vor allem la Normalitzaciò lingüística, die Normierung und soziale Ausbreitung des Katalanischen.

„Se produce un proceso de normalización lingüística cuando en una comunidad con un conflicto lingüístico, se inicia, por causas a menudo complejas, una recuperación de la lengua dominada tanto en los aspectos de la extensión social de su uso (ganando nuevos ámbitos de uso y también nuevos hablantes).“ (Vallverdú, 1991: 29).

Die Methode, mit der diese Ziele durchgesetzt werden sollen, wird im Englischen als language planning bezeichnet. Dieser Begriff beinhaltet zum einen language status planning und zum anderen language corpus planning.

Language status planning vollzieht sich durch staatliche Regelungen, welche den Gebrauch der jeweiligen Sprache festlegen. So wird zum Beispiel im Falle von Katalonien festgelegt, dass Katalanisch die bevorzugte Sprache für das Schulwesen und die öffentliche Verwaltung sein soll.

Language corpus planning beschäftigt sich mit der Sprache selbst, um diese zu verändern beziehungsweise zu verbessern. Das beinhaltet vor allem eine Erweiterung des Wortschatzes.

3.2.1 Llei de Normalització Lingüística

Bei dem Llei de Normalització Lingüística handelt es sich um das erste Sprachgesetz, das von der Generalitat eingeführt wird.

Den Weg für das erste Sprachgesetz ebnen die bereits existierenden Gesetze. So wird nach Artikel 2 der spanischen Verfassung vom 27.12.1978 „das Recht der Nationalitäten und Regionen auf Autonomie“ ausdrücklich anerkannt und gewährleistet. Die spanische Nation definiert sich hier als Zusammensetzung aus den Nationalitäten (nacionalidades históricas) und Regionen.

Nach Artikel 3 des katalanischen Autonomiestatutes wird das Katalanische als Landessprache Kataloniens bestimmt und ist dort zusammen mit dem Kastilischen, das in ganz Spanien als offizielle Landessprache gilt, Amtssprache. Nach Artikel 3 Absatz II des katalanischen Autonomiestatutes ist Katalanisch nur in der Region der Generalitat mit Kastilisch kooffiziell. Gesamtstaatlich wird von einer ‚asymmetrischen Kooffizialität' gesprochen, eine völlige rechtliche Gleichstellung existiert nicht (Gergen, 2000: 23ff).

Das erste Sprachgesetz der Generalitat, das Llei de Normalització Lingüística (LNL), wird am 06.04.1983 erlassen. Es hat zum Ziel, die Normalisierung voranzutreiben, den Kenntniserwerb und die Anwendung sowie den offiziellen Gebrauch des Katalanischen effizienter zu gestalten. Mit diesem Gesetz bekommt das Katalanische einen begünstigten Status in der öffentlichen Verwaltung, auf allen Unterrichtsebenen, in den Massenmedien und im täglichen Leben. Es werden zwei Leitlinien verfolgt: Zum einen der Gedanke der Normalització und zum anderen die Erreichung eines ausgewogenen Gleichgewichts zwischen Katalanisch und Kastilisch. Die Wahrnehmung dieser Aufgaben soll durch die Generalitat erfolgen. Es soll zwar kein Zwang auf private Unternehmen ausgeübt werden, jedoch sollen im öffentlichen Gebrauch die Kenntnisse des Katalanischen sichergestellt werden (Gergen, 2000: 28f).

Die Normalisierung des Katalanischen wird von der Regierung exakt geplant. 1983 wird von der katalanischen Regierung die Direcció General de Política Lingüística ins Leben gerufen, eine Verwaltungsbehörde, die die Sprachpolitik beziehungsweise die aus ihr resultierende Gesetzgebung umsetzen soll. 1990 folgt die Einrichtung einer eigenen Secció de Normalització Lingüística beim Generalsekretariat des Departement d'Economia i Finances, welches heute die Direcció General de Política Lingüística repräsentiert (Gergen, 2000: 29ff).

Das Gesetz von 1983 schreibt Katalanisch als Amtssprache vor. Jeder Bürger hat jedoch das Recht, auch in Kastilisch mit der Verwaltung zu kommunizieren. Überregional hat die Verwaltung in Kastilisch zu erfolgen, was zur Folge hat, dass Urkunden und Gesetze immer auch in Kastilisch verfasst werden müssen. Die Bestimmungen führen dazu, dass für den Zugang zu öffentlichen Ämtern katalanische Sprachkenntnisse geprüft werden (Gergen, 2000: 29f).

Das 1907 gegründete Institut d’Estudis Catalans (IEC) unterhält seit den 80er Jahren eine Secció Filològica und betreibt praktische Sprachpolitik. So wird auch 1995 das Diccionari de la llengua catalana publiziert, welches die Bevölkerung mit einem sicheren Vokabular versorgen soll.

Nach dem Gesetz von 1983 steigt die Zahl der auf Katalanisch verfassten Presseerzeugnisse drastisch an. Zu den regelmäßig veröffentlichten gehören unter anderen El Temps, AVUI, Diari de Barcelona und Punt diari, die zusammen 25% der täglichen Presse in Barcelona ausmachen. Neben der Presseproduktion steigt auch die Buchproduktion. Katalonien hat eine ausgeprägte Buchkultur, die sich auch im Fest Sant Jordi (23. 4.) widerspiegelt. Dieser Feiertag wird zum Tag des Buches in Europa erklärt. Das Katalanische kann sich sogar auf den Bereich des Fernsehens ausbreiten. Der katalanische Sender TV3 sendet sein gesamtes Programm in katalanischer Sprache und ist außer in Katalonien auch auf den Balearen und in Valencia zu empfangen (Gergen, 2000: 32ff).

Haupthindernisse der Normalització in Katalonien sind vor allem ein fehlendes Sprach- und Nationalbewusstsein sowie eine fehlende Sprachloyalität. So hatte die katalanische Sprache ihre Funktion als Identifikationsmerkmal zur Abgrenzung von anderen ethnischen Gruppen verloren. Die Loyalität gegenüber der katalanischen Sprache hat zwar in Katalonien seit dem LNL von 1983 stetig zugenommen, sie stagniert allerdings in Valencia und auf den Balearen (Gergen, 2000: 37).

Das Gesetz von 1983 schreibt Katalanisch als Sprache des Erziehungswesens vor. Von anfänglich fünf Unterrichtsstunden pro Woche steigt der Anteil der katalanischen Sprache. Das Katalanische überwiegt inzwischen als Unterrichtssprache (Gergen, 2000: 40). Der Unterricht an der Universitat de Barcelona wird zum Beispiel zu über 60% auf Katalanisch abgehalten.

3.2.2 Llei de Política L ingüística

Das Llei de Política Lingüística (LPL) ist eine Reaktion auf die erfolgreichen Normalisierungsergebnisse der LNL. Zunächst soll das Gesetz die Pflicht, Katalanisch selbst zu sprechen, das heißt eine allgemeine Sprachpflicht, beinhalten. Dies Grundidee wird jedoch nicht umgesetzt. Zusammengefasst stärkt das Gesetz Katalanisch als Sprache des Unterrichtwesens, der Firmen und des Handels, der Produktetikettierung, der Verwaltung des Staates, der Gerichte und der Justiz, öffentlicher Dokumente und der Einheit Kataloniens.

Die Zeitung El Pais stellt am 30.12.1997 die Schlüsselpunkte des neuen Gesetzes folgendermaßen zusammen:

“Derechos y deberes del ciudadano:

Libre elección.

El ciudadano tiene derecho a elegir la lengua en la que comunicarse con las administraciones catalanes (local y autonomía), las corporaciones y las empresas públicas.

Documentos Públicos.

El ciudadano elige la lengua de los documentos públicos: notariales, registros, facturas y notificaciones de empresas públicas y parapúblicas. En caso de precisar traducción, no implicará coste ni retraso alguno para el ciudadano.

Nombres.

El ciudadano tiene derecho a la i entre los apellidos. Los topónimos serán siempre en catalán, también en los rótulos indicativos.

Documentos entre dos partes.

Hay libre elección de la lengua en los convenios y certificados. Si no se especifica, se hará en catalán. Si hay discrepancia entre partes, en catalán y castellano.

Como mínimo en catalán

Los cheques, talonarios, pagares y formularios e impresos oficiales se emitirán en catalán, y en castellano sólo si alguien lo pide.

Obligaciones.

El catalán es de conocimiento obligado para ser funcionario de las administraciones catalanes; para obtener el certificado de graduado en secundaria, para ser docente en cualquier nivel, salvo los profesores universitarios invitados. Para ser funcionario deberá acreditarse el conocimiento oral y escrito del catalán. Notarios y fedatarios públicos deberán tener personal que pueda atender al ciudadano en la lengua que éste elija. La lengua vehicular de la enseñanza no universitaria será el catalán.

Cuotas.

Podrán establecerse cuotas de catalán en el cine, con límite de 50%. Se marca la cuota del 25% de canción catalana en emisoras de radio; 50% de la programación en emisoras de radio de concesión autonómica y en local; y 50% de la programación de producción propia audiovisual pro cable.

Rótulos y anuncios.

Para todas las empresas públicas y privadas con atención al público: la rotulación, comunicación por megafonía, anuncios, avisos a los usarios, serán en catalán como mínimo. No se incluye el nombre de la firma, pero sí los carteles. El cliente tiene derecho a usar la lengua que quiera y el dependiente debe atenderle, pero no necesariamente en la misma.

Subvenciones.

Empresas subvencionadas: todo lo relacionado con la ayuda deberá figurar como mínimo en catalán.

Etiquetado.

Las etiquetas de los productos tradicionales distribuidos en Cataluña serán como mínimo en catalán.” (zitiert nach: Gergen, 2000: 149f).

Wie bereits erwähnt, gibt es eine lange und heftige Diskussion über die einzelnen Punkte des Gesetzes. Im Folgenden sollen die wichtigsten Kritikpunkte kurz skiziert werden.

Laut der CiU (Convergència i Uniò) bedeutet das Gesetz ein Fortschritt für die juristische Gleichstellung der Sprachen. Die CiU ist bereit, mit Unterstützung der Bevölkerung in Zukunft noch weiter zu gehen, da es immer noch spanische Gesetze gebe, die den Gebrauch des Katalanischen einschränken (Gergen, 2000: 150f).

Es gibt aber auch weitaus radikalere Meinungen in jede Richtung. So behauptet das ERC (Esquerra Republicana de Catalunya), das Gesetz führe zum ‘Monolinguismus des Kastilischen’ und die ‘spanische Verfassung müsse endlich von der Absolutheit des Kastilischen befreit werden’. Demgegenüber kam die PP (Partido Popular) zur gegenteiligen Ansicht, dass das Gesetz zum ‘katalanischen Monolinguismus führe’ (Gergen, 2000: 151f).

Die Coordinadora de Afectados en Defensa del Castellano (Cadeca) meinte, das LPL führe dazu, dass die Kinder weder im Katalanischen noch im Kastilischen Sicherheit gewinnen würden und der Katalanischunterricht in der Schule dazu missbraucht werde, die Kinder mit nationalistischen Ideen vertraut zu machen.

Die Kritik ging sogar so weit, dass Ende Februar 1998 eine Bittschrift an den spanischen Bürgerbeauftragten, den Defensor del Pueblo, überreicht wurde, das LPL vom spanischen Verfassungsgerichtshof auf seine Verfassungsmäßigkeit überprüfen zu lassen (Gergen, 2000: 154).

Die heftigen Diskussionen und vielen Kritikpunkte zeigen, dass in Katalonien durchaus die Sprache als Identifikationsmerkmal der Kultur gesehen wird, ob es nun das Spanische oder das Katalanische ist. Nach der Meinung eines Großteils der Bevölkerung ist die Diskriminierung einer Sprache gleichzusetzen mit einer Einschränkung der betreffenden eigenen Kultur.

Insgesamt hatten die Sprachgesetze zur Folge, dass heutzutage fast jeder Einwohner des Gebietes der Generalitat das Katalanische zumindest passiv beherrscht. Jugendliche und junge Erwachsene, die bereits katalanischsprachigen Unterricht hatten, beherrschen beide Sprachen in Wort und Schrift etwa gleich gut. Nicht zuletzt führten katalanisch synchronisierte Erstausstrahlungen amerikanischer Serien wie „Dallas“ im katalanischen Fernsehen dazu, dass das Interesse an dieser Sprache stetig stieg.

Das starke Interesse an der eigenen Sprache und Kultur spiegelt sich deutlich in der Reaktion auf die in dieser Untersuchung durchgeführte Befragung wider.

4 Die Sprechakttheorie

Tal dit, tal fet.

(Gesagt, getan.)

Die sprachwissenschaftlichen Theorien, auf denen diese Arbeit basiert, sind vor allem die Sprechakttheorie und die Theorie der Höflichkeit.

Der Ursprung der Sprechakttheorie beziehungsweise Sprechhandlungstheorie ist in der englischen ordinary language-philosophy zu finden. Bei den Begründern dieser Theorie handelt es sich also nicht um Sprachwissenschaftler, sondern um Philosophen (Thomas, 1995: 28f).

Die Hauptthese der Sprechakttheorie lautet, dass Sprache nicht ausschließlich dazu dient, wie bis dahin gedacht, über Dinge in der Welt zu kommunizieren. Austin (1962) fand heraus, dass manche Äußerungen zwar die grammatische Form von Tatsachenfeststellungen haben, aber keine Tatsache festgestellt, sondern vielmehr neue Tatsachen durch den Vollzug dieser Handlung geschafft werden. Diese Art der Äußerung nannte er performative Äußerung. Searle nahm diese Theorie auf, systematisierte sie und entwickelte sie weiter.

4.1 Austin

John Langshaw Austin lebte von 1911-1960, veröffentlichte zu seinen Lebzeiten jedoch wenig. Das Hauptwerk, How to do things with words, auf das sich diese Arbeit bezieht, ist eine posthum zusammengestellte Sammlung der Vorlesungen Austins, die viele unvollständige und voneinander abweichende Vorstellungen beinhaltet. Austins Theorie basiert auf einer Unterscheidung zwischen einer Behauptung einerseits und einer explizit performativen Äußerung andererseits. Im Laufe der Vorlesungen verwirft er seine erste Vorstellung über performative Äußerungen und entwickelt eine neue Theorie über Sprechakte.

4.1.1 Austins Unterscheidung zwischen performativen und konstativen Äußerungen

Austins erste Vorlesung beginnt mit den Worten: „What I shall have to say here is neither difficult nor contentious; the only merit I should like to claim for it is that of being true, at least in parts.“ (Austin, 1975: 1)

Austin äußert seine Unzufriedenheit mit der bis dahin existierenden Auffassung über sprachliche Äußerungen. Die bloße Behauptung, dass Feststellungen oder Aussagen nur einen Sachverhalt beschreiben, genügt ihm nicht. Er führt an, dass aus Sicht der Grammatiker nicht alle Sätze Aussagen seien (d.h. benutzt werden, um Aussagen zu machen), sondern dass es darüber hinaus auch noch Fragesätze, Ausrufesätze, Befehls-, Wunsch- und Konzessivsätze gäbe (Austin, 1975: 1).

Nach neueren Untersuchungen über Aussagen müssten Äußerungen über Tatsachen ‘verifizierbar’ sein. Das würde aber bedeuten, dass viele Aussagen lediglich Pseudoaussagen seien, da sie nicht verifizierbar sind. Viele solcher sogenannten Pseudoaussagen sollen jedoch nach Austins Auffassung gar nicht erst als Aussagen einzustufen sein. Dies treffe zum Beispiel auf ethische Aussagen zu, die Gefühle hervorrufen, Verhalten vorschreiben oder beeinflussen sollen. Nicht alle verifizierbaren Aussagen sind also als Beschreibungen einzustufen. Austin nennt diese Art von Aussagen konstative Äußerungen (Austin, 1975: 3). Den konstativen Äußerungen stellt er die performativen Äußerungen gegenüber (vgl. 3.1), die weder verifizierbar sind, noch eine Beschreibung darstellen.

Zunächst beschäftigt sich Austin mit Äußerungen, die in keine bekannte grammatische Kategorie fallen und folglich als Aussagen zu qualifizieren seien. Diese Aussagen beinhalten allesamt alltägliche Verben in der ersten Person Singular des Indikativ Präsens aktiv und müssen die folgenden Bedingungen erfüllen:

„A. they do not ‚describe’ or ‚report’ or constate anything at all, are not ‘true or false’; and

B. the uttering of the sentence is, or is a part of, the doing of an action, which again would not normally be described as, or as ‘just’, saying something.” (Austin, 1975: 5)

Es handelt sich hierbei also weder um eine Beschreibungen von dem, was getan wird, noch um eine Feststellungen, sondern vielmehr um Handlungen, die vollzogen werden, indem sie geäußert werden. Diese Art von Äußerungen nennt Austin performative Äußerung. Der Begriff leitet sich vom englischen Wort „to perform“ (etwas vollziehen) ab (Austin, 1975: 6).

Die Unterscheidung zwischen performativ und konstativ lässt sich im Grunde auf den Unterschied zwischen Tun und Sagen zurückführen. Eine konstative Äußerung entspricht also entweder den Tatsachen, oder sie entspricht ihnen nicht, während eine performative Äußerung den Vollzug einer Handlung darstellt. Sie kann weder wahr noch falsch sein.

Wichtig für das Glücken einer solchen performativen Aussage sind die passenden Umstände. Austin stellt dafür folgende Gelingensbedingungen [felicity conditions] auf:

„(A.1.) There must exist an accepted conventional procedure having a certain conventional effect, that procedure to include the uttering of certain words by certain persons in certain circumstances, and further

(A.2.) the particular persons and circumstances in a given case must be appropriate for the invocation of the particular procedure invoked.

(B.1.) The procedure must be executed by all participants both correctly and

(B.2.) completely.

(Γ.1.) where, as often, the procedure is designed for use by persons having certain thoughts or feelings, or for the inauguration of certain consequential conduct on the part of any participants, then a person must in fact have those thoughts or feelings, and the participants must intend so to conduct themselves, and further

(Γ.2.) must actually so conduct themselves subsequently.“ (Austin, 1975: 15)

Ein Verstoß gegen eine dieser Regeln führt dazu, dass die performative Äußerung misslingt. So hat ein Verstoß gegen die Bedingungen A oder B zur Folge, dass keine Handlung stattfindet, während ein Verstoß gegen die Bedingung Γ bewirkt, dass die Handlung unehrlich ist. Diese Bedingungen sind auf alle zeremoniellen Handlungen anwendbar (Austin, 1975: 15ff).

Die letzten beiden Bedingungen sind nicht zwingend notwendig für das erfolgreiche Vollziehen einer Handlung, da eine unehrliche Äußerung durchaus nicht ihren performativen Charakter verliert.

„Die Bedingungen Γ1 und Γ2 sind für das 'Glücken' von Sprechakten [...] bedenklich und irreführend [...] es ist offenkundig, dass auf die den 'A' - und 'B'- Normen zugrunde liegende 'pragmatische Semantik' eine Sprechakttheorie nicht verzichten kann, dass sie hingegen verzichten muss auf die Formulierung alles dessen, was (a) nach einem Sprechakt und durch diesen alles bewirkt werden kann, (b) auf alle möglichen besonderen und weitergehenden Interessen eines Sprechers.“ (Beck: 1980: 105f)

Neben Formen in der ersten Person Indikativ Präsens Aktiv gibt es auch Formen in der zweiten oder dritten Person Singular oder Plural oder auch im Passiv, die einen performativen Charakter haben, zum Beispiel: ‘Sie werden hiermit angewiesen, den Platz sofort zu räumen.’ Selbst Formen mit einem unpersönlichen Subjekt sind möglich: ‘Hiermit wird allen für ihre freundliche Anteilnahme am Grabe des Verstorbenen gedankt.’(Austin, 1979: 57f)

Es gibt aber noch weitere Probleme bei der Kennzeichnung einer performativen Äußerung. Erstens können performative Äußerungen zustande kommen, ohne dass sie das entscheidende performative Verb enthalten (z. B. „Kurve!") und zweitens kann das performative Verb fallen, ohne dass es eine performative Äußerung gibt. Letzteres trifft vor allem auf Äußerungen in einer Vergangenheitsform zu (Austin, 1979: 59).

Um den Unterschied zwischen einer ‘typischen’ performativen Äußerung und einer Äußerung ohne performatives Verb zu verdeutlichen, hat Austin die Begriffe explizit performative und primär performative Äußerung eingeführt. Eine explizit performative Äußerung beinhaltet ein performatives Verb, zum Beispiel ‘Ich verspreche, dass ich da sein werde‘. Eine primär performative Äußerung hat dagegen zwar den Charakter einer performativen Äußerung, enthält jedoch kein performatives Verb, wie zum Beispiel: ‘Ich werde da sein.’ (Austin, 1975: 70).

Neben dem Sprachmittel der explizit performativen Äußerung können auch andere Sprachmittel wie zum Beispiel der Modus, die Betonung, Konjunktionen oder die Umstände einer Äußerung einige der Funktionen des explizit performativen Verbs übernehmen. So differenziert zum Beispiel die Betonung bei dem Satz: ‘Es geht gleich los!/?/!?’ zwischen einer Warnung, einer Frage oder einem Protest (Austin, 1979: 74ff).

Diese vielen verschiedenen Formen von performativen Äußerungen stellen Austin vor das Problem, woran man nun eine performative Äußerung eindeutig von einer konstativen Äußerung unterscheiden kann. Mit verschiedenen Tests versucht er zu ermitteln, ob es sich im jeweiligen Fall um eine explizit performative Äußerung handelt. So stellt er folgende Fragen, um den performativen Charakter zu prüfen:

1. Ist es sinnvoll, wenn man fragt: „Hat er es denn wirklich getan?“?
2. Hätte er die Handlung vollziehen können, ohne die performative Äußerung zu tun?
3. Könnte er es absichtlich tun? Könnte er bereit sein, es zu tun?

(Austin, 1975: 86ff).

Trotz vieler verschiedener Ansätze und Beschreibungsversuche scheitert Austins Versuch, einheitliche grammatische Kriterien für performative Äußerungen aufzustellen. Selbst in der expliziten performativen Form kann man nicht sicher sein, ob es sich wirklich um eine performative Äußerung handelt. Austin gibt die Unterscheidung zwischen performativ und konstativ zugunsten einer einheitlichen Beschreibung von Sprechakten auf.

Beck fügt hierzu an:

„Die Preisgabe der in ihren Grenzen durchaus nützlichen alten Distinktionen zwischen performativ und konstativ ist mit Recht vielfach kritisiert worden, u. a. deshalb, weil nun der Begriff ‚performativ' – abgesehen von seiner je ‚expliziten' oder ‚impliziten' Realisierung – tatsächlich leer würde, da er kein Gegenteil mehr hätte.“ (1980: 42)

Obwohl Austins Versuch gescheitert ist, eindeutige grammatikalische Kriterien für eine performative Äußerung aufzustellen, ist durch seine Überlegungen eine weitere Dimension von Sprache deutlich geworden, und zwar die des aktiven Eingreifens in die außersprachliche Realität und deren Veränderung.

4.1.2 Austins Theorie der Sprechakte

Im zweiten Teil seiner Vorlesungen beschäftigt sich Austin mit den äußeren Umständen, unter denen eine Äußerung getan wird.

Etwas zu sagen bedeutet:

„(A.a) always to perfrom the act of uttering certain noises (a ‘phonetic’ act), and the utterance is a phone;

(A.b) always to perform the act of uttering certain vocables or words, i. e. noises of certain types belonging to and as belonging to a certain vocabulary, in a certain construction, i.e. conforming to and as conforming to a certain grammar, with a certain intonation, &c. This act we may call a ‘phatic act’, and the utterance which it is the act uttering a ‘pheme’ (as distinct from the phememe of linguistic theory); and

(A.c) generally to perform the act of using that pheme or its constituents with a certain more or less definite ‘sense’ and a more or less definite ‘reference’ (which together are equivalent to ‘meaning’). This act may call a ‘rhetic‘ act, and the utterance which it ist the act of uttering a ‘rheme’.” (Austin, 1975: 92f)

Die gesamte Handlung, durch die etwas gesagt wird, bezeichnet Austin als lokutionärer [locutionary] Akt, bestehend aus phonetischem, phatischem und rhetischem Akt.

Um einen phatischen [phatic] Akt zu vollziehen, muss der Sprecher gleichzeitig einen phonetischen vollziehen oder besser ausgedrückt, er vollzieht den einen, indem er den anderen vollzieht. Die Umkehrung dessen ist jedoch nicht möglich. Ein phatischer Akt besteht aus Vokabular, Grammatik und Intonation. So ist es möglich, einen phatischen Akt nachzuahmen, das heißt einschließlich der Intonation, Zwinkern, Gesten etc. Bei der Wiedergabe des phatischen Aktes handelt es sich also um eine genaue Wiedergabe des Gesagten.

Der rhetische [rhetic] Akt ist, wie bereits erwähnt, die eigentliche Handlung. So berichtet zum Beispiel die indirekte Rede über den rhetischen Akt. Ein rhetischer Akt kann nicht vollzogen werden, ohne über etwas zu sprechen.

Das Phem [pheme] ist eine Einheit der Sprache (langue); ist dieses fehlerhaft, dann verliert es seinen Sinn. Das Rhem [rheme] dagegen ist eine Einheit der Rede (parole); wenn dieses fehlerhaft ist, dann ist die Äußerung vage und unklar, verliert aber nicht ihren Sinn.

Indem man einen lokutionären Akt vollzieht, vollzieht man im Allgemeinen auch einen illokutionären [illocutionary] Akt. Zu diesen illokutionären Akten gehören zum Beispiel: Fragen stellen und beantworten, informieren, eine Versicherung abgeben, warnen, sich entschuldigen und so weiter. Der illokutionäre Akt ist demzufolge der Akt, den man vollzieht, indem man etwas sagt (Austin, 1975: 98).

Die Theorie der verschiedenen Funktionen, die eine Sprache haben kann, nennt Austin die Theorie der „illokutionären Rollen" [illocutionary forces]. Er unterscheidet zwischen der Rolle einer Äußerung und ihrer Bedeutung, das heißt zwischen dem, worüber gesprochen wird, und dem, was gesagt wird (Austin, 1975: 99).

Wer einen lokutionären Akt und damit auch einen illokutionären Akt äußert, kann gleichzeitig noch einen dritten Akt vollziehen, den perlokutionären Akt [perlocutionary act]. Dieser Akt bezeichnet die Wirkung der vorangegangenen Akte. Zum Beispiel:

„Act (A) or Locution

He said to me ‚Shoot her’ meaning by ‚shoot’ shoot and referring by ‚her’ to her.

Act (B) or Illocution

He urged (or advised, ordered, &c.) me to shoot her

Act (C) or Perlocution

(C.a) He persuaded me to shoot her.

(C.b) He got me to (or made me, &c.) shoot her.“ (Austin, 1975: 102)

Die Unterscheidung zwischen einem illokutionären Akt und einem perlokutionären Akt ist also im Prinzip die Unterscheidung zwischen der Handlung selbst und ihren Folgen. Der illokutionäre Akt kann nicht gelingen, ohne dass eine gewisse Wirkung erzielt wird. Glückt der illokutionäre Akt nicht, wird er nicht erfolgreich vollzogen. Im Allgemeinen besteht die Wirkung darin, dass Bedeutung und Rolle der Äußerung verstanden werden. Folglich gehört zum Vollzug eines illokutionären Aktes, dass man verstanden wird. Ein illokutionärer Akt schafft keine Sachverhalte in der Natur. Er fordert aber, Kraft der Konvention, häufig zu einer Antwort oder Reaktion auf. Der illokutionäre Akt ist also auf drei Arten mit seiner Wirkung verknüpft: Erstens muss das Verständnis sichergestellt sein, zweitens muss er wirksam sein und drittens zu einer Antwort auffordern (Austin, 1975: 117f).

Die Perlokution erreicht das durch den illokutionären Akt beabsichtigte Ziel (zum Beispiel: überzeugen, überreden) oder erzeugt ein Nachspiel. Austin unterscheidet also zwischen dem lokutionären Akt (phonetischen, phatischen und rhetischen Akt), das heißt dem Äußern der Laute, sofern diese Äußerung Bedeutung hat und wenn sie eine Rolle spielt, dem illokutionären Akt, und vorausgesetzt, durch die Äußerung wird eine Wirkung erzielt, dem perlokutionären Akt (Austin, 1975: 118).

Damit man die Handlung benennen kann, zum Beispiel als Warnen, muss um eine konventionale außersprachliche Handlung vorliegen. Perlokutionäre Akte sind dagegen nicht konventional.

Austin teilt die illokutionären Akte in fünf verschiedene Klassen ein.

Ein Sprecher, der ein amtliches oder auch nichtamtliches Urteil abgibt, vollzieht eine verdiktive Äußerung.

Durch exzerzitive Äußerungen wird sich für oder gegen ein bestimmtes Verhalten entschieden. Dies geschieht in der Regel durch Ausübung von Macht oder Rechten, wie durch befehlen, verfügen etc..

Wenn ein Sprecher sich auf ein bestimmtes Verhalten festlegt, zum Beispiel durch Willens- und Absichtserklärungen oder durch ein Versprechen, dann vollzieht er eine kommissive Äußerung.

Konduktive Äußerungen verdeutlichen die Einstellung des Sprechers gegenüber einem Verhalten in der Gesellschaft. Beispiele hiefür sind: Entschuldigen, Beglückwünschen, Empfehlen etc.

Expositive Äußerungen machen deutlich, wie die Äußerungen aufzufassen sind, mit denen Meinungen dargestellt oder Begründungen durchgeführt werden. Sie stellen den Platz in einer Konversation sicher. Als Beispiel lässt sich anfügen: ich antworte ..., behaupte ... (Austin, 1979: 151-155).

Zusammenfassend lässt sich seine Theorie über die Sprechakte tabellarisch so darstellen:

Tabelle 4.1: Austins Sprechakte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.1.3 Performative Äußerungen und illokutionäre Akte

Abschließend kommt Austin wieder auf seine Ursprungsidee zurück und stellt die Frage, wie nun die performativen Äußerungen und illokutionären Akte zueinander in Verbindung stehen. Aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen wird der Anschein erweckt, eine explizit performative Äußerung sei auch gleichzeitig ein illokutionärer Akt.

Er ging in den ersten Thesen davon aus, dass

„(1) the performative should be doing something as opposed to just saying something; and
(2) the perfomative is happy or unhappy as opposed to true or false.“ (Austin, 1975: 133)

Diese Unterscheidung zwischen performativen und konstativen Akt stellt er jedoch inzwischen, wie bereits erwähnt, in Frage; es scheint so, als ob prinzipiell immer beides vorliege. Eine Äußerung kann glücken oder ‘verunglücken’, ebenso wie sie wahr oder falsch sein kann. So muss es also nicht im Widerspruch zueinander stehen, dass man mit einer Äußerung etwas tut,und diese wahr oder falsch sein kann, wie im Beispiel ‘Ich warne Sie, er geht gleich los.’ Diese Äußerung ist eine Warnung und zugleich kann die aufgestellte Behauptung wahr oder falsch sein (Austin, 1975: 133ff).

Dieser Aspekt in Austins Theorie wird vielfach kritisiert. Austins Theorie beruht auf der Behauptung, dass eine explizit performative Handlung nicht als wahr oder falsch beurteilt wird, sondern nur nach dem Gelingen der Handlung. Kritiker werfen die Frage auf, warum man nicht annehmen sollte, dass der Sprecher diese Art von Handlungen wahrmacht, indem er sie äußert. Was Austin also unter den Gebrauchsbedingungen für performative Verben vorgestellt habe, sei einfach Teil der Bedeutung dieser Wörter (Levinson, 1984: 269).

Austin zufolge geht es in der Unterscheidung zwischen performativ, konstativ und Illokution letztendlich um Folgendes:

„ (a) With the constative utterance, we abstract from the illocutionary (let alone the perlocutionary) aspects of the speech act, and we concentrate on the locutionary: moreover, we use an over-simplified notion of correspondence with the facts – over-simplified because essentially it brings in the illocutionary aspect. This is the ideal of what would be right to say in all circumstances, for any purpose, to any audience, &c. Perhaps it is sometimes realized.
(b) With the performative utterance, we attend as much as possible to the illocutionary force of the utterance, and abstract from the dimension of correspondence with facts.“ (Austin, 1975: 145f)

Ein direkter Unterschied zwischen konstativ, performativ und Illokution besteht also nur in der Betrachtungsweise der Äußerung. Während die erste sich auf die Oberflächenstruktur beschränkt, beschäftigt sich die Unterscheidung zwischen Lokution und Illokution mit der Funktion der Äußerung.

Laut Austin kann die Differenzierung zwischen lokutionären und illokutionären Akten bestehen bleiben. Allerdings muss für alle Typen von illokutionären Akten gesondert untersucht werden, ob und in welcher besonderen Weise diese Warnungen, Schätzungen, Urteile und Feststellungen in Ordnung und „richtig" sein können oder nicht (Austin, 1975: 147).

Häufig wird kritisiert, dass Austin sich zu sehr auf zeremonielle Anlässe beschränkt. So hat Austin laut Strawson die illokutionäre Rolle falsch eingeschätzt, da er sich in seinen Untersuchungen nur auf institutionalisierte Illlokutionen beschränkt hat, wie zum Beispiel Taufen oder Wetten. Den wesentlichen Teil der Kommunikation machen jedoch nicht solche institutionalisierten Illlokutionen aus, sondern bestimmte Klassen kommunikativer Intention (siehe 5.1 Grice) (zitiert nach Levinson,1984: 262).

Insgesamt waren Austins Beobachtungen revolutionär in einer Epoche, in der andere Sprachphilosophen sich mit Aussagesätzen und deren Propositionen beschäftigten und auf die Erforschung der Wertbarkeit nach richtig und falsch beschränkten. Im Gegensatz dazu legte Austin Wert auf die Untersuchung der Umgangssprache (ordinary language). Es ist jedoch zu bemängeln, dass er sich auf rituelle Akte in institutionalisierten Kontexten beschränkte (Placencia, 2002: 2).

4.2 Searle

John R. Searle, ein Schüler von Austin, entwickelte dessen Theorie weiter und systematisierte sie. Das Werk, Sprechakte, ein sprachphilosophischer Essay, auf das sich diese Arbeit hauptsächlich bezieht, ist hervorgegangen aus der 1959 in Oxford vorgelegten Dissertation über Sense and Reference.

Searle hat Austins Theorie über die Sprechakte gewissermaßen systematischer und teilweise auch strikter formuliert und auf diese Weise weiterentwickelt (Levinson, 1984: 259).

Die Hauptfragen, die er klären möchte, sind zum einen, worin die Beziehung von Wörtern zur Welt besteht und zum anderen, welchen Unterschied es macht, ob man etwas sagt und es meint, oder ob man etwas sagt, ohne es zu meinen (Searle, 1969: 3).

So versucht er in seinem Werk hauptsächlich Regeln aufzustellen, nach denen ein Akt zu einem bestimmten Sprechakt zu zählen ist, da für Searle die Akte von Regeln bestimmt sind (Placencia, 2002: 3).

Ausgehend von der These, dass das Sprechen einer Sprache die Ausführung von Sprechakten bedeutet, die nach bestimmten Regeln erfolgt, begründet er seine Untersuchung damit, dass zu jeder Kommunikation sprachliche Akte gehören.

„The unit of linguistic communication is not, as has generally been supposed, the symbol, word or sentence, or even the token of the symbol, word or sentence, but rather the production or issuance of the symbol or word or sentence in the performance of the speech act.“ (Searle, 1969: 16)

Und etwas weiter unten heißt es:

„More precisely, the production or issuance of a sentence token under certain conditions is a speech act, and a speech act [...] are the basic or minimal units of linguistic communication.“ (Searle, 1969: 16)

Eine weitere Prämisse ist das von ihm so genannte Prinzip der Ausdrückbarkeit. Dies bedeutet prinzipiell nur, dass man alles, was man meint, auch sagen kann.

4.2.1 Sprechakte

Eine der Hypothesen des Buches ist, dass das Sprechen einer Sprache eine regelgeleitete Form des Verhaltens darstellt. Mit anderen Worten: Sprechen bedeutet, in Übereinstimmung mit Regeln Akte zu vollziehen (Searle, 1969: 22).

So haben zum Beispiel die folgenden vier Arten von Sprechakten bestimmte Akte gemeinsam.

1. Sam raucht gewohnheitsmäßig.
2. Raucht Sam gewohnheitsmäßig?
3. Sam, rauch gewohnheitsmäßig!
4. Würde Sam doch gewohnheitsmäßig rauchen!

Das erste Beispiel ist eine Behauptung, das zweite eine Frage, beim dritten handelt es sich um einen Befehl und beim vierten um einen Wunsch oder ein Verlangen. Dessen ungeachtet haben alle diese Akte bestimmte andere Akte gemeinsam. Bei jeder Äußerung verweist der Sprecher auf ein bestimmtes Objekt (Sam), beziehungsweise erwähnt oder bezeichnet es. Diesen Vorgang nennt Searle Referenz. Er präzisiert das Objekt, auf das er verweist, als ‘raucht gewohnheitsmäßig’. Dieser Vorgang ist die Prädikation. In allen vier Sätzen sind also Referenz und Prädikation identisch. Mit der gleichen Referenz und Prädikation kann man folglich unterschidlichen Sprechakte ausführen. Diese vollständigen Sprechakte nennt Searle ebenso wie Austin illokutionäre Akte (Searle, 1969: 22f).

Es werden nach Searle bei einer Äußerung immer drei Akte gleichzeitig vollzogen:

(a) die Äußerung von Wörtern (Morphemen, Sätzen). Diesen Akt nennt Searle den Äußerungsakt.
(b) Referenz und Prädikation. Dies bezeichnet Searle als den Vollzug eines propositionalen Aktes.
(c) der Illokutionäre Akt. Er beinhaltet behaupten, fragen, befehlen versprechen usw. (Searle, 1969: 23f).

Diese drei beziehungsweise vier Akte, wenn Prädikation und Referenz getrennt voneinander betrachtet werden, unterscheiden sich durch ihre voneinander abweichenden Identitätskriterien. So können zwar Wortreihen geäußert werden, also ein Äußerungsakt, ohne dass ein illokutionärer Akt vollzogen wird, allerdings nicht umgekehrt. Indessen können Referenz und Prädikation identisch sein, und es kann sich um den gleichen illokutionären Akt handeln wie im ersten Beispiel, und doch kann der Äußerungsakt ein anderer sein, wie in dem folgenden Beispiel: 5. ‘Mr. Samuel Martin ist ein regelmäßiger Tabakraucher.’ (Searle, 1969: 24)

Den illokutionären und propositionalen Akt charakterisiert die Äußerung von Wörtern im Satzzusammenhang, in bestimmten Kontexten, unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Intentionen.

Darüber hinaus fügt Searle seiner Theorie noch einen weiteren Akt hinzu, und zwar Austins perlokutionären Akt. Dieser ist eng verbunden mit der Wirkung des illokutionären Aktes (vgl. 3.1.2.) (Searle, 1969: 25).

Prädikation und Referenz bilden zusammen die Proposition.

„Whenever two illocutionary acts contain the same reference and predication, provided that the meaning of the referring expressions is the same, I shall say the same proposition is expressed.“ (Searle, 1969: 29)

So kommt in den oben genannten Beispielen 1.-5. die gleiche Proposition vor. Wie auch in der Äußerung:

6. Der Satz, dass Sam gewohnheitsmäßig raucht, ist uninteressant.

Hier ist sie allerdings Teil einer anderen Proposition. Die Proposition ist folglich von ihrer Behauptung oder Aussage streng zu unterscheiden. Sie kann nicht selbstständig vorkommen, das heißt, man kann eine Proposition nicht ausdrücken, ohne nicht noch etwas anderes zu tun, da sie immer mit einem vollständigen Sprechakt vollzogen wird (Searle, 1969: 29).

Searle unterscheidet zwischen dem illokutionären Akt und dem propositionalen Gehalt des illokutionären Aktes. Dennoch verfügen nicht alle illokutionären Akte über einen propositionalen Gehalt, wie zum Beispiel: ‘Hurra’ oder ‘Aua’.

Damit verbunden sind zwei Elemente in der syntaktischen Struktur des Satzes: Zum einen der propositionale Indikator und zum anderen der Indikator der illokutionären Rolle. Der Indikator der illokutionären Rolle zeigt an, wie die Proposition aufzufassen ist, das heißt, welchen illokutionären Akt der Sprecher vollzieht. Dazu zählen Wortfolge, Betonung, Intonation, Interpunktion, der Modus des Verbs und performative Verben (vgl. 4.1 Austin). Ebenso häufig spielt auch der Zusammenhang eine wichtige Rolle (Searle, 1969: 30).

Insgesamt unterscheidet Searle zwischen den folgenden Klassen von Akten:

Tabelle 4.2: Searles Einteilung der Sprechakte im Überblick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2.2 Bedingungen der illokutionären Akte

El prometre no fa pobre.

(Das Versprechen macht einen nicht arm.)

Nach Searles Definition müssen illokutionäre Akte eine Bedeutung haben, und der, der sie verwendet, muss etwas meinen. Jedoch ist das, was der Sprecher meint, nicht immer gleichbedeutend mit dem, was er ausdrückt. Searle bringt den Zusammenhang zwischen Absicht und Bedeutung wie folgt auf den Punkt:

„To say a speaker S meant something by X is to say that S intended the utterance of X to produce some effect in a hearer H by means of the recognition of this intention.“ (Searle, 1969: 43)

Diese Intention hat nach Searle eine ausschlaggebende Funktion beim Vollzug eines Sprechaktes. Durch die Intention bringt der Sprecher den Zuhörer zu der gewünschten Reaktion.

Searle stellt darauf hin eine Reihe von Bedingungen auf, nach denen dieser Effekt beim Zuhörer erreicht wird. Anhand einer Analyse des Sprechaktes des Versprechens möchte Searle folgende Frage klären: Welche Bedingungen sind notwendig und hinreichend, damit der Akt des Versprechens mittels der Äußerung eines gegebenen Satzes erfolgreich und vollständig vollzogen wird?

Insgesamt stellt er neun Bedingungen für den Akt des Versprechens auf.

„Given that a Speaker S utters a sentence T in the presence of a hearer H, then, in the literal utterance of T, S sincerely and nondefectively promises that p to H if and only if the following conditions 1-9 obtain:“ (Searle, 1969: 57)

1. Normale Eingabe- und Ausgabe - Bedingungen

Dies schließt beispielsweise mit ein, dass beide Sprecher der gleichen Sprache mächtig sind, diese verstehen und beherrschen.

2. In der Äußerung von T drückt S die Proposition aus, dass p.

3. Indem S ausdrückt, dass p, sagt S einen zukünftigen Akt A von S aus.

Im Falle eines Versprechens sagt der Sprecher eine zukünftige Aktion voraus. Die Bedingungen zwei und drei nennt Searle Bedingungen des propositionalen Gehaltes.

4. H sähe lieber S’ Ausführung von A als die Unterlassung von A, und S glaubt, H sähe lieber seine Ausführung von A als die Unterlassung von A.

Ein Versprechen ist die Zusage, etwas zu Gunsten des Adressaten zu unternehmen. Dies ist der entscheidende Unterschied zum Sprechakt der Entschuldigung.

5. Es ist sowohl für S als auch für H nicht offensichtlich, dass S bei normalem Verlauf der Ereignisse A ausführen wird.

Etwas zu versprechen, was S ohnehin tun würde, würde das Versprechen sinnlos machen. Die Bedingungen vier und fünf sind die sogenannten Einleitungsbedingungen.

6. S beabsichtigt, A zu tun.

Nach Searle ist es wichtig für das Gelingen eines Versprechens, dass S dies auch beabsichtigt. Diese Bedingung nennt er die Aufrichtigkeitsbedingung.

7. Es liegt in der Absicht von S, sich mit der Äußerung von T zur Ausführung von A zu verpflichten.

In der Übernahme der Verpflichtung liegt nach Searle eines der Hauptmerkmale des Versprechens. Dies ist die wesentliche Bedingung.

8. S beabsichtigt (I-i), bei H die Erkenntnis (K) zu bewirken, dass die Äußerung von T als S' Übernahme der Verpflichtung zur Ausführung von A anzusehen ist. S beabsichtigt K durch die Erkenntnis von I-i zu bewirken, und es liegt in seiner Absicht, dass I-i auf Grund von (mittels) Hs Kenntnis der Bedeutung von T erkannt wird.

9. Die semantischen Regeln des Dialekts, den S und H sprechen, sind von solcher Beschaffenheit, dass T korrekt und aufrichtig dann und nur dann geäußert wird, wenn die Bedingungen 1-8 erfüllt sind. (Searle, 1969: 57-61)

Jedoch ist ein Sprechakt des Versprechens auch dann noch ein Versprechen, wenn dieser nicht aufrichtig gemeint war. Für diesen Fall führt Searle eine weitere Regel an: 6a. Es liegt in S’ Absicht, mit der Äußerung von T die Intention zur Ausführung von A anzuerkennen (Searle, 1969: 62).

Searle stellt nun Bedingungen für verschiedene Typen von Sprechakten auf. Diese Bedingungen unterteilt er in vier Klassifikationen, abhängig davon, wie sie den propositionalen Gehalt, die Einleitungsbedingungen, die Bedingungen der Aufrichtigkeit und die wesentlichen Bedingungen spezifizieren (Levinson, 1984: 261).

Als Beispiel soll ein Vergleich zwischen den Sprechakten des Ratens und Dankens nach Searle dienen (Searle, 1971: 102,104):

Tabelle 4.3: Gelingensbedingungen für Raten und Danken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutlich wird hier, dass Searle immer wieder auf die Bedeutung der Aufrichtigkeit zurückkommt. So glücken auch diese Akte nur dann vollständig, wenn der Sprecher wirklich das empfindet, was er ausdrücken will.

4.2.3 Klassifikation der Illokutionsakte

Searle unterteilt die Illokutionsakte in fünf verschiedene Klassen. Seine Klassifizierung basiert nicht wie bei Austin auf performativen Verben, sondern auf dem Zweck der Sprechhandlung, dem Illokutionszweck.

Es gibt folgende Klassen:

Die Repräsentativa sollen den Sprecher darauf festlegen, dass etwas der Fall ist, also dass eine bestimmte Äußerung sich auf die Realität bezieht. Alle Sprechakte dieser Kategorie sind verifizierbar und entsprechen demgemäß auch den von Austin als konstativ bezeichneten Äußerungen. Zu den Verben dieser Klassen können zum Beispiel behaupten, feststellen, schließen und folgern gehören.

Mit den Direktiva versucht der Sprecher, den Hörer zu einer Handlung zu veranlassen. Zu diesen Illokutionsakten gehören zum Beispiel Fragen, Befehle, Aufforderungen und Bitten.

Die Kategorie der Kommissiva hat Searle von Austin übernommen. Der Illokutionszweck besteht darin, den Sprecher auf eine zukünftige Handlung festzulegen. Der Hauptunterschied zu den Direktiva liegt in der Entsprechungsrichtung der Illokutionsakte. Während die Direktiva den Hörer zu einer Handlung veranlassen, sollen die Kommissiva den Sprecher zu einer Handlung veranlassen. Zu diesen gehören unter anderen versprechen, geloben und drohen.

Der Illokutionszweck der Expressiva besteht darin, „die in der Aufrichtigkeitsbedingung spezifizierte psychische Einstellung zu einem im propositionalen Gehalt spezifizierten Sachverhalt auszudrücken.“ (Searle, 1980: 95). Hierzu gehören danken, gratulieren, entschuldigen, kondolieren, beklagen, willkommen heißen etc..

Die fünfte Klasse der Deklarationen entspricht Austins erstem Konzept der performativen Äußerungen. Der erfolgreiche Vollzug dieser Sprechakte bringt ihren propositionalen Gehalt mit der Wirklichkeit zur Deckung: Durch die Äußerung wird diese zur Wirklichkeit. In diese Gruppe lassen sich zum Beispiel folgende Äußerungen einordnen: Ich trete zurück. Sie sind entlassen. Ich exkommuniziere dich. Ich ernenne Sie (Searle, 1980: 92-107).

Insgesamt entwickelt Searle eine hoch philosophische und stark regelgeleitete Darstellung von Sprechakten. Sein Hauptverdienst liegt in der präzisen Einteilung der Sprechakte, die auch in Zukunft immer häufiger Verwendung finden wird.

Jedoch liegt dieser hohe Genauigkeit von Searle der Versuch zu Grunde die Sprechakttheorie bis ins letzte Detail auf Regeln zurückzuführen. So setzt sich Searle im Gegensatz zu Austin mehr mit der abstrakten Form von Sprechakten auseinander.

“Searle se ocupa de presentar solamente [...] las condiciones ‘no defectuosas’ que permiten que un enunciado se reconozca como un determinado acto, a diferencias de Austin que se interesa por ‘problemas en la transmisión e interpretación de mensajes’ y el ‘contexto social’ donde ocurren diversos actos. A través de las condiciones que Searle propone, se puede decir que destaca algunos de los factores del contexto en la realización de un acto [...]. La preocupación de Searle, no obstante, está en la descripción de actos de habla en lo abstracto y no conferencia y usuarios del lenguaje específicos, dentro de un entorno social particular.” (Placencia 2002:3)

5 Grice

No hi ha paraula ben dita que no pugui ser mal compresa.

(Es gibt kein schöng gesagtes Wort,

was nicht falsch verstandn werden könnte.)

In seinem Aufsatz Logic and Conversation beschäftigt sich Grice zum einen mit dem Unterschied zwischen Sprecherbedeutung und Satzbedeutung und zum anderen mit dem Konzept der Implikatur. Dies ist im Wesentlichen eine „Theorie des Sprachgebrauchs", die darauf basiert, dass es übergeordnete Regeln gibt, die den Gesprächsverlauf steuern (Levinson, 1984: 111).

Basierend auf der Annahme, dass Sprechen ein besonderer Fall zweckgebundenen und rationellen Handelns ist, möchte er zeigen, dass sein Kooperationsprinzip ein rationales Prinzip ist. Jeder, der ein Ziel in einem Gespräch verfolgt, muss sich laut Grice an diese Regeln halten. Mit der folgenden Theorie und den daraus resultierenden Maximen legt Grice den Ursprung für die Höflichkeitstheorie. Sie ermöglicht, komplexe Sprechakte weiter zu analysieren.

5.1 Implikatur

Grice beschäftigt sich wie Searle stark mit der Intention des Sprechers. Doch im Gegensatz zu Searle unterscheidet Grice zwischen der Bedeutung der Äußerung und der Bedeutung des Satzes. Um seine Erläuterungen einzuleiten, gibt er folgendes Beispiel, an dem er die Bedeutung der Implikatur verdeutlichen möchte:

„Suppose that A and B are talking about a mutual friend C, who is now working in a bank. A asks B how C is getting on in his job, and B replies, Oh quite well, I think; he likes his colleagues, and he hasn’t been to prison ye t.” (Grice, 1989: 24)

An diesem Punkt wird A wohl fragen, was B mit dem Satz, „er war noch nicht im Gefängnis“, implizieren wolle oder was er damit meine. Auf diese Frage kann es laut Grice zwar viele Antworten geben, sie ist allerdings wahrscheinlich schon im vornherein aus dem Zusammenhang deutlich geworden. Es ist laut Grice offensichtlich, dass das was B meinte eindeutig nicht das ist, was er sagte.

Um diesen Sachverhalt zu bezeichnen, benutzt er die Bezeichnungen implizieren [implicate] , Implikatur [implicature] für den Vorgang des Implizierens und das Implizierte [implicatum] für den implizierten Sachverhalt (Grice, 1989: 24) . Die Implikatur ist also der Unterschied zwischen dem, was der Sprecher meint und dem, was der Satz ausdrückt.

Grice unterscheidet zwischen einer konventionellen Implikatur und einer nicht konventionellen Implikatur. So wird in einigen Fällen das Implizierte durch die konventionelle Bedeutung der Wörter bestimmt und nicht durch den Kontext. Nicht konventionelle Implikaturen, auch Gesprächsimplikaturen [conversational implicature] genannt, sind abhängig vom Gesprächszusammenhang. Um diese Art von Implikatur genauer erkennen und erklären zu können, entwickelt Grice das Kooperationsprinzip und die damit zusammenhängenden Maximen (Grice, 1989: 26).

[...]


[1] Im Folgenden wird für die Gesamtheit der Sprecher und Sprecherinnen nur die maskuline Form benutzt, um komplizierte Konstruktionen wie z.B. er/sie, ihm/ihr zu vermeiden.

Details

Seiten
169
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638210133
ISBN (Buch)
9783638699440
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16064
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Romanisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Sprechakte Entschuldigung Sprachvergleich Spanisch Katalanisch

Autor

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Titel: Sprechakte der Entschuldigung im Sprachvergleich Spanisch - Katalanisch