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Rache und Vergebung als zwei Konfliktlösungsmodelle in Lessings "Miss Sara Sampson"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Quellen
1.1 Biblische, englische und französische Vorbilder
1.2 Intertextualität: Medea

2 Die Konflikte
2.1 Die Vergebungs-Handlung
2.2 Die Rache-Handlung
2.3 Analyse von geführten Verhandlungen
2.4 Zusammenhang zwischen der Vergebungs- und der Rache-Handlung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Literaturgeschichte gilt Lessings Miss Sara Sampson (1755) als das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel.[1] In der vorliegenden Arbeit wird es aber nicht darum gehen, das Konzept des bürgerlichen Trauerspiels vorzustellen. Es soll stattdessen um die Analyse der in dem Drama geführten Verhandlungen gehen.

Das Drama Miss Sara Sampson wirft im Verlauf seiner Handlung im Wesentlichen zwei verschiedene Modelle oder auch Lösungsstrategien auf, um Konflikte zwischen zwei Parteien zu lösen: Auf der einen Seite steht die Rache und auf der anderen Seite die Vergebung. Diese beiden Modelle - das Modell der Rache und das der Vergebung - werden in dem Drama unterschiedlich ausgetragen. Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werden folgende Fragestellungen beantwortet:

1. Welche Lösungsstrategien finden die Parteien in ihrer jeweiligen Konfliktsituation, um ihren Standpunkt durchzusetzen?
2. Worin besteht der Zusammenhang zwischen der Rache- und der Vergebungs-Handlung?

Um diese Analyse vornehmen zu können, wird in einem ersten Schritt die Quellenfrage der Miss Sara Sampson geklärt, nicht zuletzt, um die eindeutige Intertextualität zur Geschichte der Medea zu klären. Es wird sich zeigen, dass die Forschungsliteratur im Wesentlichen immer wieder dieselben Vorbilder für Lessings Trauerspiel findet.

Im Anschluss daran werden die Personen und ihre Motive zur Rache-Handlung bzw. zur Vergebungs-Handlung vorgestellt. Danach stellt die Arbeit anhand dieser Strukturierung des Trauerspiels zwei geführte Verhandlungen zwischen den einzelnen Interessengruppen dar und analysiert diese.

In einem abschließenden Fazit sollen die vorgestellten Ergebnisse in Zusammenhang gebracht werden, um die Verbindung zwischen Quelle, Rache-Handlung und Vergebungs-Handlung darzustellen.

1 Die Quellen

1.1 Biblische, englische und französische Vorbilder

Bei der Beantwortung der Quellenfrage der Miss Sara Sampson gingen Lessings Zeitgenossen im Wesentlichen von drei Vorbilder aus: den Werken der englischen Autoren Lillo und Richardson, der Bergpredigt sowie der Medea-Geschichte[2].[3] In diese Tradition reiht sich auch die in den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte Forschungsliteratur ein, die davon ausgeht, dass „Samuel Richardsons empfindsamer Familienroman Clarissa (1747-48) [...] zusammen mit George Lillos bürgerlichem Trauerspiel The London Merchant (1731) als Quelle [diente].“[4]

Doch spätestens seit Paul P. Kies im Jahr 1926 in Frage gestellt hat, dass Lessing The London Merchant vor 1755 überhaupt auf der Bühne gesehen hat, gelten die englischen Werke von Lillo und Richardson nicht mehr als direkte Quellen, sondern eher als exemplarische Vorbilder, die die Geistesströmungen Anfang 1700 widerspiegeln.[5] Hinzu kommt, dass die Motive, „die zunächst in der Komödie aus England und Frankreich nach Deutschland kamen“[6], die in der frühen Forschungsliteratur oft Lillo und Richardson zugeschrieben wurden, „schon längst im Umlauf waren“.[7] Kies nennt demzufolge andere englische Dramen, die seiner Meinung nach als Hauptquelle

Lessings zu sehen sind: Thomas Shadwells The Squire of Alsatia (1688), Charles Johnsons Caelia (1733) und Susanna Centlivre The Perjur’dHusband (1700)[8].

Kies kommt bei seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Lessing zunächst den Handlungsumriss, die Verführung eines Mädchens durch den männlichen Protagonisten mit einer eventuellen Eheschließung, vereinfacht aus The Squire of Alsatia übernommen hat. Außerdem hat Lessing hier die Motive der Flucht aus dem Elternhaus, anschließender Reue und die darauf folgende väterliche Vergebung entnommen. Darüber hinaus finden sich in diesem Stück die Vorbilder der drei Hauptfiguren aus Lessings Stück, Marwood, Mellefont und Miss Sara, wieder. Des Weiteren gibt es sogar komplette Entsprechungen einzelner Szenen. In beiden Dramen finden die Gespräche zwischen Sara und Mellefont[9], zwischen Mellefont und Marwood[10], sowie zwischen Sara und Marwood[11] statt.[12]

Das Trauerspiel Caelia teilt mit Miss Sara Sampson die drei Hauptmotive der Verführung, der Flucht und der Vergebung. Außerdem liefert dieses Stück Lessing die Modelle für seine Figur des Sir Sampsons und dessen Diener. Hinzu kommen die Parallelen der beiden Titelheldinnen. Sowohl Miss Sara als auch Caelia besitzen eine gesteigerte Tugendhaftigkeit, beide lernen ihren Verführer im Haus des Vaters kennen und sind beim Einsetzen der Handlung bereits zwei Monate auf der Flucht. Außerdem gibt es in beiden Dramen einen Briefwechsel zwischen Vater und Tochter sowie die letztendliche Versöhnung am Sterbebett der Tochter[13].

Die Verbindung zu The Perjur’d Husband sieht Kies in erster Linie durch das Motiv der Verkleidung als angebliche Verwandte, um die Begegnung der Kontrahentinnen zu erreichen.[14]

Eine Verbindung zum Neuen Testament stellt Ter-Nedden in erster Linie durch die verwendete christliche Sprach-, Bilder- und Vorstellungswelt her und damit, dass die Figuren ihre persönlichen Erlebnisse auf einer „quasi-theologischen Ebene“ thematisieren.[15] Letztlich ist das Thema des Stückes Rache und Vergebung, womit eine Verbindung zum Vaterunser geschaffen ist. Allerdings handelt es sich in der Sara nicht um die göttliche Vergebung, sondern um die zwischenmenschliche Vergebung, die in der Bergpredigt thematisiert wird. Im Prinzip bricht Lessing an dieser Stelle mit der christlichen Auffassung des 18. Jahrhunderts, wenn es ihm in der Sara darum geht, zu verdeutlichen, dass die Menschen Gottes Gnade dadurch erhalten, dass sie ihren Mitmenschen vergeben und das Gute um ihrer selbst Willen tun und nicht, weil sie tugendhaft erscheinen wollen.[16] Lessing stellt diese Meinung der praktischen Vernunft in der Miss Sara Sampson durch die Figur Waitwell dar[17].

An dieser Stelle sei auf die sehr ausführliche Auseinandersetzung einer möglichen Verbindung zwischen der Theologie und Miss Sara Sampson von Rolf-Christian Zimmermann in seinem Aufsatz Über eine bildungsgeschichtlich bedingte Sichtbehinderung bei der Interpretation von Lessings „Miß Sara Sampson“ verwiesen.[18]

Einer weiteren Quelle, die Lessing für seine Dramenkonzeption genutzt hat, ist von der Forschungsliteratur bisher keine hohe Beachtung geschenkt worden: Lessings Auseinandersetzung mit der französischen Schauspieltheorie, v.a. mit der von Francois Riccobonis 1750 erschienenen Abhandlung L’Art du Théâtré. Die Autorin Jutta Golawski-Braungart[19] geht davon aus, dass das 1755 uraufgeführte bürgerliche Trauerspiel Lessings Auseinandersetzung mit dieser theoretischen Schrift über die Schauspielerei reflektiert und Lessing einige Vorschläge Riccobonis erprobt[20].

Nach dieser Darstellung der Vorbilder, die Lessing für sein bürgerliches Trauerspiel genutzt hat, bringen die Worte der Marwood: „Sieh in mir eine neue Medea![21] das Trauerspiel in unmittelbare Nähe der Medea-Dramen. Auf diese Intertextualität soll im folgenden Teilkapitel eingegangen werden.

1.2 Intertextualität: Medea

Das Motiv der Medea ist in der Literaturgeschichte über mehrere Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen, vertieft und erweitert worden[22]. Für die Deutung der Miss Sara Sampson ist es wichtig heraus zu arbeiten, ob Lessing lediglich das Medea-Motiv in der Figur der Marwood zitiert hat, oder ob er eine Neubearbeitung dieses Motivs verfolgte[23].

[...]


[1] Vgl. Hoffmann, „Miss Sara Sampson“, in: Walter Jens (Hrsg.), Kindlers neues Literatur Lexikon, Bd. 10: La-Ma, München 1990, S. 325-326, hier S. 325.

[2] Auf das Vorbild der Medea-Geschichte wird in dem Unterkapitel 1.2 ab S.4 detailliert eingegangen.

[3] Vgl. Ter-Nedden, Lessings Trauerspiele. Der Ursprung des modernen Dramas aus dem Geist der Kritik, Stuttgart 1986, S. 13.

[4] Richel, Erläuterungen und Dokumente. G. E. Lessing Miss Sara Sampson, Stuttgart 2003, S. 19.

[5] Vgl. ebd., S. 19,21 sowie Ter-Nedden, Trauerspiele, S. 16.

[6] Schmitt, „Kommentar“, in: Lessing, Miß Sara Sampson. Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen. Berlin 1755. Mit einem Kommentar von Axel Schmitt, Frankfurt a. M. 2005, S. 119-188, hier S. 137.

[7] Richel, Erläuterungen, S. 23.

[8] Vgl. ebd., S. 21.

[9] Vgl. Lessing, Miß Sara Sampson, Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen, Berlin 1755, Mit einem Kommentar von Axel Schmitt, Frankfurt a. M. 2005, (I,7) S.16-23.

[10] Vgl. ebd., (II,3) S. 30-36 und (II,7) S. 42-45.

[11] Vgl. ebd., (IV,8) S. 84-94.

[12] Vgl. Richel, Erläuterungen, S. 21-22.

[13] Vgl. ebd., S. 22.

[14] Vgl. ebd., S. 22-23.

[15] Ter-Nedden, Trauerspiele, S. 32.

[16] Vgl. ebd., S. 33f.

[17] Z.B. in: Lessing, Sara, (III,3) S. 52-60.

[18] Zimmermann, „Über eine bildungsgeschichtlich bedingte Sichtbehinderung bei der Interpretation von Lessings Miß Sara Sampson“, in: Wolfgang Wittkowski (Hrsg.), Verlorene Klassik? Ein Symposium, Tübingen 1986. S. 255-285.

[19] Vgl. Golawski-Braungart, „Lessing und Riccoboni. Schauspielkunst und Rollenkonzeption im Trauerspiel Miß Sara Sampson“, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 26. Jahrgang, 1995, 75/76, S. 184-204.

[20] Vgl. ebd., S. 185.

[21] Lessing, Sara, (II,7) S. 44.

[22] Vgl. Daemmrich/Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur: Ein Handbuch, Tübingen u.a. 21995, S. 252.

[23] Vgl. Schmitt, Kommentar, S. 139.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640740062
ISBN (Buch)
9783640740505
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160770
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Miss Sara Sampson Lessing Verhandeln im Drama Drama 1800 Drama Rache und Vergebung als Motiv Lessings Miss Sara Sampson

Autor

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