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Individuum und orixá im Candomblé von Bahia

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Candomblé?
2.1. Der transatlantische Sklavenhandel- Die Entstehungsgeschichte des Candomblé
2.2. Struktur einer Candomblé-Kultstätte
2.3. Trance, Besessenheit und Ritus

3. Orixá- das göttliche Gegenstück zum Mensch
3.1. Die Orixá
3.2. Die Initiation
3.3. Das individuelle Verhältnis zu einem orixá

4. Fazit

Literaturhinweise

Glossar

1. Einleitung

Candomblé ist eine afroamerikanische Religion, die ihren Ursprung in Brasilien hat. Doch vor allem ist Candomblé die Bezeichnung für die vielen verschiedenen Kultstätten, die sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts von ihrem Zentrum Salvador da Bahia aus verbreiteten. Denn jeder Candomblé ist anders. Das mag damit zusammenhängen, dass im Candomblé schriftliche Überlieferungen, wie man sie aus den Weltreligionen kennt, gänzlich fehlen und die verschiedenen Riten und Traditionen in jeder religiösen Gemeinschaft, anders gedeutet werden. Mit den Sklaven, fanden auch die afrikanischen Gottheiten ihren Weg nach Brasilien. Über Jahrhunderte hinweg mussten die Sklaven ihre Götter, die orixá, im Verborgenen halten. Sie nutzten die katholischen Heiligen als „Maske“ für ihre eigenen Gottheiten, so entstand mit der Zeit eine religiöse Vermischung, die Wissenschaftler als Synkretismus bezeichnen. Dennoch gelten die afrikanischen Anteile im Candomblé als die stärksten unter den afroamerikanischen Religionen. Im Candomblé spielt das Phänomen der Besessenheit eine große Rolle. Es hilft den Initiierten mit ihren Göttern in Kontakt zu treten. Für die Gläubigen ist die Trance der Zustand, in dem die größtmögliche Verbindung mit den orixá realisiert werden kann.

Doch was genau sind die orixá? Und vor allem was für eine Bedeutung nehmen sie im Leben der Menschen ein? Im Folgenden wird diesen Fragen, anhand der Forschungsergebnisse verschiedener Ethnologen, die sich alle ausführlich mit dieser Religion beschäftigt haben, auf den Grund gegangen . Vor allem die individuelle Beziehung zwischen den orixá und einem Individuum wird genauer betrachten, denn genau diese zeichnet den Candomblé besonders aus.

„Das ganze Glaubenssystem windet sich um die genaue Erkenntnis der inneren Natur eines Individuums und seines Verhältnisses zur äußeren Natur, den Orixá, was auch wiederum seine Innere ist.“ (Hohenstein 1991, 448)

Um die Beziehung der Menschen zu den orixá zu verstehen, muss man zuerst die Geschichte dieser Religion kennen und vor allem das Phänomen der Besessenheit begreifen. Letztendlich wird zu erkennen sein, dass der Candomblé eine auf Regeln und Pflichten basierende Religion darstellt und auch, dass das Phänomen der Besessenheit, welches eine so starke Faszination auf den europäischen Kulturkreis ausübt, kontrolliert wird und nur nach bestimmten Regeln und Mustern verläuft.

2. Was ist Candomblé?

2.1. Der transatlantische Sklavenhandel- Die Entstehungsgeschichte des Candomblé

Mit dem großflächigen Anbau von Zuckerrohr und dem damit wachsenden Bedarf an Arbeitskräften im Nordosten Brasiliens, begann in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts der Import afrikanischer Sklaven. Salvador da Bahia, zu dieser Zeit Hauptstadt Brasiliens, galt dreihundert Jahre lang als wichtigster Einfuhrhafen für Sklaven in ganz Südamerika. Noch heute wird Bahia daher, als „Wiege des Candomblé“ (Reuter 2003, 72) bezeichnet. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert wurden schätzungsweise zehn bis zwölf Millionen Afrikaner deportiert, vierzig Prozent von ihnen wurden auf dem brasilianischen Markt verkauft (Reuter 2003, 72 f.;+13).

Die in Bahia eintreffenden Sklaven bestanden hauptsächlich aus zwei Bevölkerungsgruppen, den Yoruba der westafrikanischen Küstengebiete und den Bantu der Angola-Kongo-Region.Von den Händlern wurden sie nach ihrer Herkunftsregion in nacoes (Nationen) eingeteilt. Da man den Candomblé auf diese beiden Gruppen zurückführt, werden noch heute die verschiedenen Candomblé-Richtungen als Nationen bezeichnet[1] (Reuter 2003, 15;+74 f.).

Bestehende kulturelle Bande lösten sich nach der Ankunft in der neuen Heimat schnell. Gemeinsamkeiten in Sprache, Kultur und Religion waren kaum vorhanden. Jedoch verstanden es die Versklavten ihre Götter, über die Zeit der Sklaverei hinweg, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Möglich war dies auf

Grund der Fehlinterpretation der Landbesitzer von Tanz und Musik der Sklaven auf den Plantagen, sowie der aktiven Förderung der Organisation von „Bruderschaften“ durch die Kirche (Reuter 2003, 26). Diese waren jeweils einem Priester unterstellt, der mit ihnen unter anderem die Messe hielt. Auf Grund der Parallelen, zwischen katholischen Heiligen und den Göttern der Afrikaner, sowie der Gemeinsamkeiten bei rituellen Verehrungen und Opfergaben, entwickelte sich bald eine Synkretisierung, d.h eine Vermischung der Religionen (Reuter 2003, 19-28).

Bis zur ersten belegbaren Gründung einer eigenen Kultstätte dauerte es allerdings einige Zeit. Es seien drei befreite Sklavinnen einer katholischen Schwesternschaft gewesen, die Anfang des 19. Jahrhunderts den noch heute in Bahia existierenden „ Candomblé Casa Branca do Engenho Velho “ gründeten. Zu dieser Zeit gehörte der Candomblé nach dem brasilianischen Gesetzbuch in den Bereich von Zauberei und Magie. Die polizeiliche Meldepflicht der Kulte wurde erst im Jahre 1967 abgeschafft (Reuter 2003, 67 f.).

2.2. Struktur einer Candomblé-Kultstätte

Der Begriff Candomblé, bei dem es sich vermutlich um ein Bantu-Wort handelt, ist äußerst vielschichtig. So werden neben der Religion, auch die kultischen Handlungen (Hohenstein 1991, 157), sowie die Kultstätte selbst, das sogenannte terreiro, mit dem Begriff Candomblé bezeichnet (Reuter 2003, 75). Dem Wort selbst werden verschiedene Bedeutungen zugesprochen. Die Vermutungen reichen von „Haus der Initiation“, über „Versammlungen“, bis hin zu „heiliger Tanz“ (Hohenstein 1991, 158). Seine Wurzeln hat der Candomblé in Salvador da Bahia, einer Stadt an der Ostküste Brasiliens (vgl. Kap.2.1.), von wo aus er sich in der brasilianischen Stadtlandschaft und weit über die Landesgrenzen hinaus ausbreitete. Zur Zeit von Inger Sjorslevs Feldforschung in Bahia (1995) befanden sich allein in dieser Stadt schon mehrere tausend Kulthäuser (Sjorslev 1999, 8;+11).

„Ein terreiro ist ein hierarchisch gegliedertes System von Posten und Aufgaben seiner Mitglieder“ (Becker 1995, 62). So gibt es Aufgaben in der Candomblé-Kultstätte selbst, jedoch auch solche, die die Kultstätte nach außen hin repräsentieren. Es gibt immer nur einen Leiter des terreiro, die mae - oder den pai- de-santo, was wörtlich übersetzt soviel bedeutet wie „Mutter- , oder Vater des orixá“[2]. Sie sind für das spirituelle Wohl des terreiros und dessen Mitglieder verantwortlich (Becker 1995, 62 f.). Um in diesen Priesterstand aufsteigen zu können, muss man jedoch mindestens sieben Jahren initiiert sein. Nur dann ist gewährleistet, dass der Gläubige sich hinreichend mit den rituellen Abläufen sowie der mystischen Geschichte des Candomblé auseinandergesetzt hat (Reuter2003, 85).

Männliche Kultleiter kommen weitaus seltener vor als Weibliche. Denn „der Candomblé gehört (...) zu den wenigen Religionen, in denen die Führerschaft der Frauen unumstritten ist“ (Reuter2003, 83). Hierzu gibt es verschiedene Theorien. Astrid Reuter sieht den Grund in den harten Arbeitsbedingungen der Sklaverei, denen vor allem die Männer unterlegen waren. Die Frauen, die häufig im Haus arbeiteten, hatten eine höhere Lebenserwartung und so die Möglichkeit, als „religiöse Trümmerfrauen“ ihre Machtposition auf den Überresten ihrer Traditionen aufzubauen (Reuter 2003, 84). Sjorslev hat einen anderen Ansatzpunkt. Sie sagt, dass der Candomblé Menschen die Möglichkeit gibt, in der Besessenheit, die verschiedensten Rollen anzunehmen. Ihre These besteht darin, dass vielleicht gerade Frauen, die sich in ihren kulturell akzeptierten Geschlechterrollen eingesperrt und machtlos fühlen, sich auf Grund der Möglichkeit eines Rollentausches dem Candomblé zuwenden (Sjorslev 1999, 110).

Die mae-de-santo wählt sich unter den Mitgliedern ihrer Kultstätte eine Assistentin aus, die mae-pequena (kleine Mutter). Diese spielt vor allem bei der Initiation eine große Rolle, da sie mit den Initianden in direktem Kontakt steht (Becker 1995, 67). Die mae-pequena ist nicht die warme Mutter, wie ihre

Vorgesetzte, vielmehr ist sie Repräsentantin der strenge Mütterlichkeit, die den „Kindern“ die religiösen und kulturellen Werte anerzieht (Hohenstein 1991, 525). Gerade während der Initiation sind diese Eigenschaften von großer Wichtigkeit. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie die direkte Nachfolgerin der mae-de-santo wird (Sjorslev 1999, 596).

[...]


[1] Es gibt eine Vielzahl von Nationen- zu den bekanntesten gehören die nagô, die jeje die ketu sowie die angola u. die angola-congo. Mittlerweile existieren jedoch viele Kultstätten die eine Mischform der verschiedenen nacoes darstellen, so z.B. die nagô-ketu (Reuter 2003, 75).

[2] Die Bezeichnung Vater u. Mutter ist eher ein Hinweis auf ihre Position. Sie selbst bezeichnen sich jedoch als Kinder der orixá, die in der Hierarchie als Einzige über ihnen stehen (Becker 1995, 63).

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640738892
ISBN (Buch)
9783640738991
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160793
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Kulturwissenschaft
Note
1.3
Schlagworte
Candomblé; afroamerikanische Religionen; Magie; Brasilien Synkretismus

Autor

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