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Populärkultur in Heinrich Manns "Professor Unrat"

Hausarbeit 2006 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Die Suche nach der Künstlerin Fröhlich

II. Das Tingeltangel „Der Blaue Engel“

III. Die Kunst der Verwandlung

Schluss

Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, den Roman „Professor Unrat“ von Heinrich Mann in bezug auf die Populärkultur zu untersuchen. Dabei beschränke ich mich auf den Ort des Variétés, das in diesem Roman vorkommt. Es handelt sich um den „Blauen Engel“, in dem Professor Unrat und die Künstlerin Fröhlich aufeinandertreffen. Da ich mich auf die Passagen beschränke, die aus der personalen Sicht Unrats geschildert werden und andere, aus der Sicht Lohmanns zum Beispiel, vernachlässige, kommt in dieser Arbeit nur die Wahrnehmung der Figur des Professor Unrat vom „Blauen Engel“ zur Geltung.

I. Die Suche nach der Künstlerin Fröhlich

Bevor Professor Unrat den „Blauen Engel“ ausfindig macht, begibt er sich auf eine mühsame Suche. Schon parallel zu Unrats Suche wird eine Imagination der Künstlerin Fröhlich provoziert, da sein Weg ihn in immer unsichere Bereiche der Stadt führt.[1] Das Bild der Künstlerin Fröhlich und des „Blauen Engels“ wird quasi ex negativo durch ausschließende Bestimmung vorkonstruiert. Unrat wirkt bei seiner Suche nach der Künstlerin Fröhlich wie ein Raubtier auf der Jagd.[2] Diese Jagd lässt sich auf den Mythos von Artemis und Aktäon beziehen, der einige Analogien mit dem Verlauf des Romans aufweist, so wird Unrat von der Gesellschaft angeklagt, nachdem er mit der Künstlerin Fröhlich vertrauter geworden ist, wie Aktäon von Hunden in Stücke gerissen wird, nachdem er Artemis nackt gesehen hat.[3] Der Abstieg Unrats zur Hafengegend wirkt auch wie der Abstieg in eine Hades-Welt, die Jagd Unrats ist also auch mythisch konnotiert.[4] Als er den „Blauen Engel“ gefunden hat, stürzt er sich in das Haus „wie in einen Abgrund“.[5] Unrats Besuch im „Blauen Engel“ ist also eindeutig mit negativen Vorzeichen versehen, die nachfolgenden Ereignisse scheinen dadurch einer schicksalhaften Notwendigkeit zu folgen. Der „Blaue Engel“ ist vorbestimmt als ein Ort des Untergangs. Bezieht man sich auf Nietzsche, kann man den „Blauen Engel“ auch als Ort des Dionysischen deuten, wobei die Künstlerin Fröhlich als dionysische Rauschkünstlerin erscheint und Unrat sich zu Beginn als Repräsentant des apollinischen Prinzips darstellt.[6]

II. Das Tingeltangel „Der Blaue Engel“

Der Blaue Engel ist ein Variété klassischer Prägung. Er verbindet die Unterhaltung auf der Bühne mit Gastronomie, wobei hier die verbreitetste Form des Variétés mit dem geringsten Inszenierungsaufwand, das Nummernvariété, dargeboten wird, das verschiedene Darbietungen locker aneinander reiht. Star des Programms ist die Künstlerin Fröhlich mit ihren Gesangsdarbietungen, auch das ist typisch für das Variété. Es handelt sich beim „Blauen Engel“ allerdings um eine primitivere Form des deutschen Variétés, ein sogenanntes Tingeltangel.[7] Präzise zeichnet Heinrich Mann in der Bühnenpräsentation der Künstlerin Fröhlich die Gestaltungsprinzipien der zeitgenössischen Artistinnen nach, wobei sie es beherrscht, genau die erotische Wirkung zu erzeugen, die von einer Tingeltangel-Sängerin erwartet wird.[8] Die Kunstleistung, die das Publikum von einer Sängerin in erster Linie erwartete, war die Darbietung sinnlicher Reize. Auch die Künstlerin Fröhlich beherrscht das Spiel des „retroussé“, des Darbietens und wieder Verschwindenlassens von Beinen und Dessous.[9] Die andere, nicht erotische Seite des Variétés wird am Auftritt des Ehepaars Kiepert deutlich.[10] Ihr Auftritt bezieht sich auf Politik und hat artistische Elemente, er erscheint wie das Gegenstück zum Auftritt der Künstlerin Fröhlich. Dieser Auftritt wird aber von der Künstlerin Fröhlich als künstlerisch minderwertig beurteilt, wobei ihr Unrat zustimmt.[11] Die Atmosphäre des „Blauen Engels“ hat zunächst eine vermenschlichende Wirkung auf Unrat, weil er hier als Gleicher unter Gleichen akzeptiert wird.[12] Für einen Moment kann er in der sonst von ihm verachteten Masse untertauchen. Diese Rolle behält er aber nicht lange bei, sie ermöglicht ihm nur den Weg zur Künstlerin Fröhlich.

[...]


[1] Grisko, Michael; Der ‚blaue Engel’ als ‚vamp fatale’. Reflexivität, Medialität und Diskursivität einer Ikone; in: Scheuer, Helmut/ Grisko, Michael (Hg.); Liebe, Lust und Leid. Zur Gefühlskultur um 1900; Kassel 1999; S. 412.

[2] Koopmann, Helmut; Der Tyrann auf der Jagd nach Liebe. Zu Heinrich Manns „Professor Unrat“; in: Koopmann, Helmut/ Schneider, Peter-Paul (Hg.); Heinrich Mann-Jahrbuch; Lübeck, 11/ 1993; S. 39.

[3] Von Ranke-Graves, Robert; Griechische Mythologie, Quellen und Deutung; Hamburg 2000; S. 73.

[4] Koopmann, Helmut; Der Tyrann auf der Jagd nach Liebe; S. 49.

[5] Mann, Heinrich; Professor Unrat; Hamburg 2005; S. 50.

[6] Martin, Ariane; Erotische Politik, Heinrich Manns erzählerisches Frühwerk; Würzburg 1993.; S. 74 f.

[7] Hügel, Hans-Otto (Hg.); Handbuch Populäre Kultur, Begriffe, Theorien und Diskussionen; Stuttgart 2003; S. 460 ff.

[8] Tebben, Karin; Verführungskunst, Heinrich Manns Professor Unrat; in: Tebben, Karin (Hg); Frauen – Körper – Kunst: Literarische Inszenierungen weiblicher Sexualität; Göttingen 2000; S. 235.

[9] Schmitt, Christine; Artistenkostüme, Zur Entwicklung der Zirkus- und Varietégarderobe im 19. Jahrhundert; Tübingen 1993; S. 164.

[10] Professor Unrat; S. 67 ff.

[11] Ebd.

[12] Trapp, Frithjof; „Kunst“ als Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik bei Heinrich Mann; Berlin, New York 1975; S. 171.

Details

Seiten
7
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640739202
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160888
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
Heinrich Mann Professor Unrat Populärkultur Variété Deutsch Germanistik

Autor

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Titel: Populärkultur in Heinrich Manns "Professor Unrat"