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Foucault und die Konfrontation differenter Subjektivierungsregime am Beispiel der DDR und Bundesrepublik

Essay 2010 14 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Versuch einer subjektiven Sicht

Es ist vielleicht nicht wahr, aber es spricht einiges dafür. Wofür? Dafür, die konfrontative Transformation differenter Subjektivierungsregime am Beispiel von DDR und Bundesre- publik mit Konzepten und Begriffen von Michael Foucault zu betrachten. Dabei sollenmit einem kontemplativen Blick auf die politische, territoriale, kulturelle Aufpfropfung der DDR auf die BRD verschiedene Überlegungen zu anomischen Vorgängen während der reaktiven Wendejahre getätigt werden.

Mithilfe der foucaultschen Konzeption von Macht, welche sich in verschiedenen Moral- sphären unterschiedlich ausprägt, sowie seinem Subjektverständnis soll versucht werden die Beziehungen und Bedingtheiten von Subjekt, Freiheit und Macht darzustellen, umdamit im Folgenden zeigen zu können, dass die Annahme der Individualisierungsthese, dass im Osten der Individualisierungsgrad geringer gewesen sei als im Westen, direkt auf die Art der dort vorherrschenden Form von Moralreflexion zurückzuführen ist.

Letztlich lässt sich so ein Punkt aufzeigen, warum die BRD (neben all den anderenFaktoren) wirtschaftlich produktiver war als die DDR. Im Osten eher Herrschaft (beiFoucault eine Sonderform von Macht), im Westen eher Machtwirkungen auf Basis der Technologien des Selbst, die charakteristischen Ordnungsprinzipien waren. Am Ende soll versucht werden, daraus abgeleitet ein Modell einer temporären Schwächung bestimmter Machtwirkungen bei der ostdeutschen Bevölkerung zu entwickeln, um einen alternativen, auf die Subjektivierungsdifferenzen zurückzuführenden Erklärungsansatz möglich zu macdt dem es möglich ist, verschiedene Phänomene der unmittelbaren Wendezeit abseits des gängigen Verständnisses von Anomie zu betrachten.

Anzumerken wäre, dass im vorhergehenden Absatz der Begriff der Wiedervereinigung bewusst vermieden wurde, da dieser, wenn auch prozesshaft, eine Gleichzeitigkeit von politischer, kultureller und territorialer Vereinigung suggeriert. Vielmehr ist es, zumindest im Kontext dieses Essays, relevant, dass die politischen Institutionen ebenso wie die neuen territorialen Bezüge quasi sprunghaft präsent waren und im Sinne eines Institutionen- transfers Achtung einforderten, während die Moralreflexion über den eigenen Lebensstil, die kulturellen Erfahrungen, die Mentalitäten zumindest vorerst in einer Art geteiltem Deutschland verblieben.

Da die territorialen Zustände sowie die großen Institutionen nicht an subjektivierteIndividuen gekoppelt sind, können sich diese schnell verändern. Die Veränderung vonModellen der Lebensführung, die durch eine Art Praxis an subjektivierten Individuengekoppelt sind, erfordert allerdings eine andauernde, veränderte Praxis der jeweiligen Lebensführung selbst, welche unter anderem in Selbstbeherrschung, Askese undÜbungen bestehen kann. In ihrer Arbeit ”DerSuizidund ”dieWende“inderDDR“vermutetSibylle Straub diesen, natürlich niemals vollständig abzuschließenden, mentalen Transformati-onsprozess um 1993 von einem Großteil der betroffenen Bevölkerung als bewältigt. Zu diesem Zeitpunkt nämlich begriffen die Menschen der sogenannten Neuen Bundesländer die Veränderungen nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern begannen ihn als Normalität zu antizipieren. Uns interessiert der Ausnahmezustand.

Aber beginnen wir vielleicht erst einmal mit einer Gegenüberstellung. Um zu einem besseren Verständnis für die Funktionsweisen von Macht zu gelangen, befragte Foucault in ”DerGebrauchderLüste“diehistorischaufeinanderfolgendenPeriodendergriechisch römischen Antike und des europäischen Christentums nach ihren je spezifischen Mora- len, um diese gegeneinander, übereinander und durcheinander zum Sprechen zu bringen.

Zentraler Blickpunkt sind dabei die Formen, in denen sich die Individuen als Subjekte (an)erkennen können und müssen. Neben der Analyse der speziellen, strategisch und taktischen Formierung von Wissen innerhalb bestimmter Diskurse und der Analyse von Machtsystemen, die die Ausübung von Macht institutionalisiert regeln, ist dieser Aspekt der Machttechniken, nämlich die Genese subjektivierter Individuen besonders in seinen spä- teren Texten immanent wichtig, um die umfassenden Machtwirkungen überhaupt erklären zu können.

In dem Foucault Moral und Selbstpraktik in Beziehung setzt stellt er ein rudimentäres Modell der Moralreflexionen auf, mittels welchem die unterschiedlichen Subjektivierungs- weisen in Abhängigkeit zu stehen scheinen. Wobei Moral zum einen die präskriptiven Elemente meint, die Foucault Moralcode nennt und zum anderen das ex -und implizite Mo-ralverhalten der Individuen in Bezug auf den Moralcode. In diesem Verhältnis bleibt einem dann nicht mehr viel übrig als ein Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln. Moralreflexion als Modus Operandi von Selbstreflexion. Dieses Verhältnis wird aber in unterschiedlichster Art in den verschiedenen Moralreflexionen ausgearbeitet. Eines aber gibt Foucault klar zu verstehen: ”keinemoralischeLebensführung,dienichtdieKonstitutionalsMoralsubjekt erfordert; und keine Konstitution des Moralsubjekts ohne ohne ”Subjektivierungsweisen“und ”Asketik“oder ”Selbstpraktiken“,diesiestützen“.

Vereinfacht kann man dieses Modell folgendermaßen darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Achse der Moralen

Auf der einen Seite der Achse befinden sich die Moralen, welche stark durch Code- Elemente (juridische Regeln, Verbote, Gesetze) das Handeln der Individuen zu bestimmen versuchen. Die Reflexion der individuellen bzw. kollektiven Subjekte orientiert sich dabei zentral am Gehorsam und ist bezogen auf ein: Wie man leben muss. Auf der anderen Seite findet man Moralen welche nicht so sehr Vorschriften sondern eher Mahnungen und gut gemeinte Ratschläge als handlungsleitendes Mittel verwenden. Diese Moralen sind von Askese-Momenten gekennzeichnet, von der Selbstkontrolle, von den Techniken des Selbst, von der nicht juridisch eingeforderten Disziplin und Mäßigung, von der Übung und dem vorausschauenden Verzicht. Die Reflexion: Wie man leben möchte, ist dabei im gewissen Sinne eine Eigenleistung der individuellen bzw. kollektiven Subjekte. Das eigene Sein wird als Werk betrachtet, das an den eigenen ästhetischen Ansprüchen herzustellen und zu bewerten ist.

Auf dieser Achse nun steht bei Foucault die Antike eher auf der Seite der Askese-Momente und das Christentum, mit dem sich in ihm herausbildenden Machttypus derPastoralmacht, eher auf Seite der Code-Elemente. Thomas Lemke fasste dies in etwa folgendermaßen zusammen: Fungierte bei den Griechen und Römern Gehorsam noch als ein Instrument von Machtmitteln unter vielen, um zu bestimmten Tugenden zu gelangen, ist in der christlich-religiösen Konzeption der Gehorsam selbst der relevante Zustand, die zentrale Tugend.

Tauscht man nun versuchsweise die historischen Begriffe Antike und Christentum mit jenen der DDR und der BRD so lassen sich interessante, wenn auch unregelmäßige Denkli- nien hineinschlagen in Diagnosen von Individualisierungsgraden, anomischen Zuständen und Freiheiten der Subjekte. Besonders interessant scheint mir dabei der Moment der Überlagerung bzw. des Zusammenfallens dieser beiden Subjektivierungsregime, im Zuge der Wiedervereinigung von DDR und Bundesrepublik zu sein. Dazu später mehr.

Zuvor sollen allerdings noch ein paar kleine Anmerkungen zu Befunden aus DDR und BRD gemacht werden, welche, im Sinne dieses Textes, die tendenzielle Einordnung von DDR bzw. BRD auf der Achse der Moralen verdeutlichen werden.

Die DDR (1949 bis 1990) wird häufig als politisch-ideologisches Herrschaftssystem be- schrieben, in welchem die Durchherrschung, also die politisch zentrale Reglementierung aller Gesellschaftsbereiche charakteristisch war. Es gab klare sanktionsbekräftigte Vorga- ben, wo zu wohnen sei, was für Bücher geschrieben, was für Bilder gemalt werden sollten, welche Ausbildung zweckmäßig wäre, welche Medien genutzt werden sollten, bei welchen öffentlichen Veranstaltungen man gesehen werden musste, wie, wann, wo und mit wem einem Urlaub zustand. Öffentliche und private Sphäre wurden versucht zu verschmelzen um beide gleichermaßen der Ordnung, der Herrschaft zugänglich zu machen. Dies geschah unter anderem durch den gesetzlich verankerten Arbeitszwang, welcher die Individuen in sozialistische Arbeitskollektive einband. Diese Kollektive sollten auch die Aktivitäten der Individuen in deren Freizeit dominieren, wobei die Familien der Brigade- oder Kollek- tivmitglieder mit integriert wurden. Zugewiesene Urlaubsplätze durch den Betrieb oder gemeinsame regelmäßige Kegelrunden wären dafür Beispiele. Sichergestellt und dennoch immer wieder (fast schon kollektiv) ausgehebelt (wie bei totalen Institutionen üblich) wurde diese umfassende Ordnung durch eine sublime Überwachungs- und Kontrollinstitution, welche unter anderem mittels teilnehmender Beobachtung besonders qualitativ Daten der Staatsbürger erhob. Nachzulesen in ”DieWendealsIndividualisierungsschub“vonGitta Scheller. Mit Foucault sollen solche Methoden der Moralisierung der Individuen, welche auf Verboten, Vorschriften, Verordnungen, also letztlich auf Gehorsam beruhen, hier als Code-Elemente bezeichnet werden. Diese äußerst knappe Darstellung, der juridischen Überformung der DDR-Gesellschaft soll unabhängig von den inneren Wandlungsprozessen dieser, einmal als Ausgangspunkt für die bereits angesprochene Gegenüberstellung von DDR und BRD genutzt werden.

Will man nun versuchen die BRD ähnlich verkürzt darzustellen und Jahrzehnte auf ein Argument hin zusammenzuschmelzen, so könnte man sagen, dass die BRD (betrachtetist hier einmal der Zeitraum zwischen 1960-1990) durch verstärkt eingetretene Freiset- zungsprozesse, wie sie auch Beck mittels seiner Individualisierungsthese beschreibt, einen Modernisierungsschub durchmachte, der die traditionellen Lebensbereiche der Republik für eine individuelle Ausgestaltbarkeit öffnete und die Individuen gleichzeitig zwang diese auch SELBST auszugestalten. Diese Flexibilisierung, so Manfred Moldaschl, führt dazu, dass das Subjekt nicht nur entfaltet, sondern zugleich auch gefaltet, instrumentalisiert, fremden Zwecken unterworfen, entfremdet wird.

Hinzuweisen wäre hier vielleicht auf die, fast nur für die BRD relevante, neue Globalisie- rungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg (z. B. die weltweite Einführung der Container- schifffahrt) und die Ausweitung des freien Welthandels mit welchem eine Verdichtung der transnationalen Wirtschafts-und Finanzbeziehungen einher gingen. Schaut man nun auf die starken sozialen Bewegungen der 70iger und 80iger Jahre (zum Beispiel die Studen- tenbewegung und in deren Folge die sogenannten Neuen sozialen Bewegungen) und deren Kritik an den alten ständischen Eliten sowie der eigenen Einforderung an gesellschaftlicher Partizipation, ist festzustellen, dass die Ideale, die in diesen Bewegungen zentral waren oft eine gewisse affektive Nähe zu Begriffen wie Freiheit oder Selbstbestimmung hatten.

In Bezug auf den Kapitalismus findet sich dann auch im ”Manifestderkommunistischen Partei“ von Marx und Engels die Erkenntnis, das sich in ihm, im kapitalistischen Wirt-schaftssystem, eine Klasse bilden werde, welche die ganze alte Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde. Provokant könnte nun formuliert werden, ähnliches unterstütze, freilich nicht intendiert, die Studentenbewegung trotz ihrer, diesem, zum Teil diametral entgegengesetzten Ziele. Dies aber nur taktisch nebenher. Zu den Relationen von Indivi- dualität und Kapitalismus, oder wie Foucault wohl eher sagen würde, über das Verhältnis von Körpern und Mächten, später mehr.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668678293
ISBN (Buch)
9783668678309
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160923
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Foucault Konfrontation Subjektiverungsregime DDR BRD Deutschland

Autor

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Titel: Foucault und die Konfrontation differenter Subjektivierungsregime am Beispiel der DDR und Bundesrepublik