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Individualismus. vs. Kollektivismus

Essay 2006 3 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

ESSAY

Individualistische vs. Kollektivistische Kulturen

Die Herausbildung von individualistischen und kollektivistischen Kulturen hat soziale, religiöse, und insbesondere historische Ursachen. So sind beispielsweise mitteleuropäische Kulturen vom Wirken der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt. Zu den wichtigsten Denkern dieser Zeit gehörten zweifelsohne die Aufklärer Voltaire und John Locke und Literaten des Sturm und Drang wie Herder und Schiller. Liberalismus, Freiheit des Einzelnen und Unabhängigkeit spielten dabei in ihren Werken eine entscheidende Rolle.

Die Idee, den Menschen aus seiner Unmündigkeit zu befreien und damit eine modernere gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben, bildet den Grundstein für unsere heutige Demokratie. Natürlich ist der historische Hintergrund einer Kultur nur eine Komponente, wenn es darum geht, diese als kollektivistisch oder individualistisch zu definieren. Dennoch fällt es damit leichter Kulturen und ihre Eigenschaften zu verstehen.

Wie im obigen Abschnitt schon erwähnt, zeichnen sich individuelle Kulturen insbesondere dadurch aus, dass der Mensch autonom und selbstorientiert handelt und sich von anderen Individuen abgrenzt. Die eigenen Ziele sind dem Individuum dabei wichtiger als die der Gruppe. Demzufolge ist die Bindung zu ingroups weit weniger intensiv als dies bei kollektivistischen Kulturen der Fall ist. Obwohl der Bezug zur Familie in den meisten Fällen sehr stark ist, separieren sich Kinder im Laufe der Zeit von ihren Eltern und verwirklichen dabei ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. In kollektivistischen Kulturen ist die Erziehung der Kinder oft darauf gerichtet, individuelle Einstellungen einzudämmen, um ihnen stattdessen zu lernen gemeinschaftliche Interessen in den Vordergrund zu stellen und sich damit gegenüber der Gruppe zu Loyalität zu verpflichten. Der elterliche Einfluss auf das Leben der Kinder spielt in kollektivistischen Kulturen eine wichtige Rolle. Dies äußert sich z.B. daran, dass in vielen Ländern Zwangsheiraten sehr üblich sind. Hier zeigt sich, dass das Interesse der Familie über das der Kinder gestellt wird, oft haben Zwangsheiraten ein wirtschaftliches (Reichtum) oder soziales (Prestige) Ziel.

Die Integrierung in eine ingroup hat zur Folge, dass man sich nicht über sich selbst definiert, sondern über die jeweilige Gruppe. Kollektivistische Kulturen haben ein soziales Muster bestehend aus eng verbundenen Individuen, welche sich als Teil eines oder mehrerer Kollektive verstehen. Das kollektivistische Normensystem verlangt Solidarität, Kameradschaft, Gemeinschaftsgeist oder auch Liebe, letztere insbesondere in religiösen oder familiären Gemeinschaften. Kollektivisten haben, anders als Individualisten, oft sehr wenige ingroups, zu denen sie aber sehr enge Beziehungen aufbauen. Im Gegensatz dazu sind Mitglieder individualistischer Kulturen oft in mehrere ingroups integriert, bauen aber zu deren Mitgliedern keine engeren Beziehungen auf bzw. wechseln ihre ingroups sehr oft.

Kollektivisten schenken ihrem Denken und Handeln gegenüber anderen Personen sehr viel Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass sie in der Öffentlichkeit stets versuchen, ihr Gesicht zu wahren und sich nicht selbst zu brüskieren. Individualisten hingegen achten dabei mehr auf sich selbst und auf das, was sie sagen und zur Sprache bringen wollen. Unangebrachtes oder peinliches Verhalten spielt hierbei eine nicht so entscheidende Rolle wie in kollektivistischen Gesellschaften, wo öffentliches Fehlverhalten oft Konsequenzen nach sich zieht bzw. den gesellschaftlichen Status infrage stellt.

Die dargestellten Charakteristika sollen nun zum besseren Verständnis durch Beispiele ergänzt werden: Kollektivistische Kulturen sind insbesondere in asiatischen, aber auch in afrikanischen Ländern vorherrschend. Eine Gemeinschaft, die dieser geographischen Einteilung aber nicht entspricht, ist die Gruppe der Amish (oder Amische), die in dutzenden Gemeinschaften in vielen Teilen Amerikas und Kanadas leben.

Die Amish sind eine sehr streng religiöse Gemeinschaft, deren Mitglieder überwiegend als Farmer tätig sind. Ihre sozialen Beziehungen sind sehr kollektivistisch geprägt, u.a. durch gegenseitige Unterstützung, eigenen Schulunterricht und durch Hochzeiten untereinander. Unter Berufung auf die Bibel verzichten sie bewusst auf technische Errungenschaften und Einflüsse der „modernen“ Welt[1]. Auch ihre Kleidung, die durch Tradition und Vorschriften bestimmt ist, ist sehr schlicht und einheitlich. Die Amish verstehen sich als vollkommenes Kollektiv, insbesondere deshalb, da sie von anderen kulturellen Gruppen völlig isoliert und abgeschottet sind. Das Leben in ihren Gemeinden ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich innerhalb ihrer Gemeinschaft organisieren, z.B. in Form von Arbeitsteilung.

Obwohl die Amish im liberalen Amerika leben, unterscheiden sie sich doch in ihrer kollektivistischen Lebensweise sehr von der restlichen amerikanischen Gesellschaft. Die USA ist laut der Theorie von Hofstede die individualistischste Kultur der Welt[2], denn ausgehend von ihrer historischen Entwicklung Amerikas sind Unabhängigkeit und Freiheit die Grundpfeiler der Gesellschaft. Ihre Individuen sehen sich unabhängig von Kollektiven und sind vorrangig motiviert ihre eigenen Vorleiben und Bedürfnisse zu verwirklichen. Wirtschaftliche Unabhängigkeit spielt dabei auch eine große Rolle, dies äußert sich insbesondere darin, dass aus beruflichen Interessen Verbindungen zur Familie oder Heimat gelöst werden können.

[...]


[1] Es gibt aber auch liberalere Gemeinschaften, die teilweise technische Neuerungen zulassen (Traktoren, Telefon)

[2] Vgl. http://www.ikk.ch/literatur/artikelwww/hostedekurz.htm

Details

Seiten
3
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640775040
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161166
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
Individualismus Kollektivismus

Autor

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Titel: Individualismus. vs. Kollektivismus