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Eine Annäherung an den Begriff interkulturelle Bildung

Essay 2007 7 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Eine Annäherung an den Begriff interkulturelle Bildung

Von der Grundannahme ausgehend, dass alle Lebewesen zunächst nur in der (relativen) Geschlossenheit eines «mentalen Immunsystems» existieren können, das ihre «Welt» bedeutet, dessen Teil sie sind und welches für Menschen als Begründung und Fassung ihres Daseins fungiert, ergeben sich im Zuge der sogenannten Globalisierung zwei wichtige Erfordernisse, die im Rahmen interkultureller Bildung erörtert werden sollten.

1. Weil Menschen sich zunächst und zumeist als gesellschaftliche Wesen, in ihre (Ursprungs-)Kultur eingebettet begreifen, in der sie geistig wie materiell verankert sind, besteht eine wichtige Bildungsherausforderung unserer Zeit darin, zum Schutz psychischer Integrität die Notwendigkeit kultureller Vielfalt zu erkennen und zu schützen. Dies kann nicht stark genug betont werden, weil mit der Globalisierung Universalisierungstendenzen einhergehen, aufgrund derer vielen Menschen ihre «Welt» erodiert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass ein Hauptbestandteil der Globalisierung in der Kolonisation des terrestrischen Lebensraumes durch ein amoklaufendes Wirtschaftssystem besteht, das alle und alles den Regeln des Marktes zu unterwerfen bestrebt scheint. Gerade die Armen und Ohnmächtigen fallen der Bemächtigung des Ökonomischen zum Opfer und erfahren eine kulturelle Entfremdung. Die euro-amerikanische (neoliberale) Globalisierungsideologie, die penetrant vom Menschenbild des homo oeconomicus ausgeht und unbeirrbar global durchsetzen möchte, drängt sich ihr in den Weg stellende, partikulare, z. B. kulturelle und soziale Aspekte in den Hintergrund. Ungehemmt scheinen sich weltweit Eurozentrismen und Amerikanismen durchzusetzen, die auf z. T. brutale Weise Menschen und deren Schöpfungen als Schmiermasse im Ware-Geld-Kreislauf aufgehen lassen.

Die für die wissenschaftlich-technische, vom Kapitalismus beherrschte Zivilisation charakteristische Orientierung des Daseins an Geldinteressen und die damit einhergehende Verzweckung des Menschen stellt jedoch eine unzulässige Reduktion des Lebens dar, die man nicht nur in anderen Kulturen dementsprechend als Verrat an sich selber empfindet. Globalisierung in diesem Sinne, d.h. als Nivellierung des Kulturellen im Dienst des Finanziellen, offenbart sich zunehmend als Krankheit, für deren Therapie sie jedoch noch immer von vielen gehalten wird. Als Symptome seien geistige Ver- wahr -los-ung der Industrienationen, Umweltzerstörung, Polarisierung von Arm und Reich, pervers ungleiche Verteilung des Reichtums, Verschwendung von Unsummen für Rüstung, (Bürger-)Kriege und Hungerkatastrophen genannt.

2. Neben der Uniformierung der Kulturen angesichts von wirtschaftlichen Prozessen heißt Globalisierung außerdem auch Durchmischung von Globalem und Lokalem bzw. Regionalem. Der neuerdings eingeführte Begriff Glokalisierung versucht der Mixtur von einander durchdringenden Kulturen Rechnung zu tragen. Wie nie zuvor entsteht vornehmlich durch die Neuen Medien und erhöhte Mobilität eine Diffusion zwischen Eigenem und Fremdem, deren Grenzen mehr und mehr verschwimmen.

Natürlich ist ein Modell, das Kulturen gleich abgeschlossenen Inseln betrachtet nicht erst seit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte obsolet. Der Begriff des Kulturkreises beispielsweise wurde von Ethnologen längst verworfen. Denn schon immer gab es kulturelle Synkretismen, in welchen man Eigenes mit Teilen des Fremden verschmolz. Kulturen sind dynamische, nicht statische Gebilde. Während lange Zeit Prozesse kultureller Amalgamierung allerdings langsam sich vollzogen, in mehr oder weniger übersichtlichen, nur relativ offenen kulturellen Räumen, so findet heute eine rasante Beschleunigung und Verdichtung dieser Berührungen statt. Nicht ein organisches Verbinden, denn Konfrontation und unverdaute Kulturklumpen sind die Folge. Die Überflutung der Menschen mit Eindrücken des Unbekannten, mithin die ungefilterte Zusammenführung von mehr oder weniger Divergentem, führt für viele zu einer chronischen Überforderung und gefährdet (kulturelle) Identität. Im Zuge dieser »Vergiftungen« durch das ins Eigene eindringende Fremde entstehen Wertkonflikte, gesteigerte ontologische Verunsicherung; Verwirrungen also bezüglich Handlungssicherheit, Denkökonomie und „Selbst-Ständigkeit“, für die der Andere im Lichte einer neuen Pluralität der Wirklichkeitsauffassungen eher eine Zumutung bedeutet.

Angesichts einer wechselseitig »vergiftenden« Vernetzung der Kulturen und damit einhergehenden Orientierungsschwierigkeiten, ja drohendem Chaos aufgrund von Differenz und Diskontinuität, sehe ich neben der Bewahrung der Vielfalt kultureller Erscheinungen eine diesem Bemühen gewissermaßen gegenläufige weitere wichtige Aufgabe interkultureller Bildung in der Bearbeitung der Frage, ob es nicht tiefere Gemeinsamkeiten gibt, die als kulturübergreifend gelten können und Menschen in ihrer vordergründigen Verschiedenheit auf einer tieferen Ebene wesentlich verbindet.

Angenommen es gibt solche Gemeinsamkeiten - und für diese These werde ich im folgenden optieren - würde das den Kontakt mit dem (vermeintlich) Fremden sehr erleichtern und meines Erachtens eine Bedingung für die Möglichkeit beschreiben, sich dem Anderen in seiner Eigenart wirklich zu öffnen und zwar nicht nur als Fremdem, sondern als Nächstem. Hiermit würde die Grundlage geschaffen, dass der Andere weniger als Gefahr oder Gegenmensch auftreten muss, sondern könnte in gewissen Teilen sicher auch als Bereicherung und Erweiterung wahrgenommen werden, weil dieser wie man selbst eine allgemein-menschliche Möglichkeit verwirklicht, die somit nicht nur als gefährdende Bruchstelle des Eigenen, sondern als Teil der Symphonie des Lebens im Ganzen aufscheint. Im Anderen läge so die Chance der eigenen Ergänzung einerseits, sowie der Entwicklung gemeinsamer angemessener Weltvorstellungen, die verschiedene Wissensformen und kulturelle Techniken in sich vereinen, anderseits. Dies jedoch auf der Grundlage des «Einen», alles menschliche Existieren durchdringenden.

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Details

Seiten
7
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640753673
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161181
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Eine Annäherung Begriff Bildung

Autor

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Titel: Eine Annäherung an den Begriff interkulturelle Bildung