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Henry van de Velde - der „Friseursalon Haby” und die „Continental Havana-Compagnie”

Vergleich unter Berücksichtigung des zeitlichen Kontextes

Seminararbeit 2009 29 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung
2.1. „Continental Havana-Compagnie” und der „Friseursalon Haby”
2.1.1. Die Inneneinrichtung der „Continental Havana-Compagnie”
2.1.2. Die Inneneinrichtung des „Friseursalons Haby”
2.2. Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil
2.3. Werdegang Henry van de Veldes
2.4. Ornamentik
2.4.1. Im Jugendstil allgemein
2.4.2. Henry van de Velde

3. Fazit

Abbildungen

Literatur

Abbildungsnachweis

1. Einleitung

,,Eine Linie ist eine Kraft, die ähnlich wie alle elementaren Kräfte tätig ist, mehrere in Verbindung gebrachte, sich aber widerstrebende Linien bewirken dasselbe, wie mehrere gegeneinander wirkende elementare Kräfte. [...] Man muss nun alle Linien, aus denen später Formen entstehen, in solche Harmonie bringen, dass alle Wirkungen berechnet und neutralisiert werden. Dies ist die Aufgabe dessen, der sich mit der neuen Ornamentik beschäftigt.”1

In diesem Zitat wird deutlich, welche Bedeutung das Gestaltungselement Linie für Henry van de Velde, einem der Hauptvertreter des belgischen Jugendstils, hatte. Van de Velde, sowie andere Vertreter dieses neuen Stils, hatten das Anliegen, Bauten, Möbel und Kunsthandwerk in einer endlich wieder hinreichend ästhetischen Ausformung für eine breitere Masse herzustellen. Der ästhetische Anspruch war ihrer Ansicht nach im Zuge der Maschinenproduktion aufgrund der Industrialisierung verloren gegangen, in welchem die Schönheit des handwerklich hergestellten Unikats keine angemessene Relevanz mehr hatte. Darüber hinaus hatte Van de Velde das Vorhaben, sich auch mit der handwerklichen Herstellung, und nicht ausschließlich mit der Planung und dem Entwerfen von Produkten, zu beschäftigen. Er wollte sich als Künstler ganzheitlich ausrichten und nicht nur konzipieren, sondern sich auch direkt mit dem Material auseinandersetzen.

Die englische Arts-and-Crafts-Bewegung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England begann, hatte großen Einfluss auf die Kunstentwicklung im restlichen Europa. Belgien war dieser Entwicklung schon früh aufgeschlossen. Brüssel war zu jener Zeit im Vergleich zu anderen europäischen Groß- oder Hauptstädten progressiver und zog daher viele Künstler an. Die Stadt entwickelte sich unter diesen Bedingungen zur Hauptstadt des Jugendstils. Dieser stellte in Europa eine Stil-Wende dar. Die zeitliche Spanne umfasst etwa die Zeit von 1890 bis 1905, also einen kurzen Zeitraum von nur etwa fünfzehn Jahren. Sie war jedoch prägend für die folgenden künstlerischen Tendenzen. Der Jugendstil suchte auch eine neue Haltung in Abgrenzung zum bis dahin vorherrschenden Historismus. Er stellte den Versuch dar, nach der Vereinigung zahlreicher Stile unter eben jenem Deckmantel, zu einem neuen Gesamtstil zu gelangen und Ästhetik wieder für eine breitere Masse erfahrbar zu machen. Jedoch gab es ein Dilemma: Die Produkte handwerklicher Arbeit waren und sind teurer als die der Maschinenarbeit. So zeigte sich im Laufe der Schaffenszeit Van de Veldes schließlich eine offensichtliche Diskrepanz zwischen der Absicht, ästhetische Produkte für eine Velde, Henry van de: Kunstgewerbliche Laienpredigte, Leipzig 1902, S. 188 und 191 breite Masse herzustellen und der Realität. Tatsächlich bestand seine Klientel nämlich ausschließlich aus Angehörigen des gehobenen Bürgertums. Seine Produkte waren so hoch im Preis, dass selbst jene solvente Kundschaft zuweilen mit Unverständnis reagierte. Und obwohl die Preise hoch waren, konnte er seine Kosten nicht gänzlich decken, so dass er ständig verschuldet war und immer wieder neue Kredite in Anspruch nehmen musste. So kam es schließlich zur Insolvenz seiner Firma. Allerdings war Van de Velde trotz der ständigen finanziellen Schwierigkeiten außerordentlich produktiv und verfolgte seine künstlerisch-handwerklichen Bestrebungen konsequent, so dass ein beachtliches Werk entstanden ist.2 Van de Veldes ursprünglicher Wunsch war es gewesen, Maler zu werden. Er trat schon früh der avantgardistischen Künstlergruppe ,,Cercle des Vingt” bei und gewann hier Eindrücke und Inspirationen, durch die er sich allmählich dem Kunsthandwerk zuwendete. Er sah hier einen Reiz, da das Kunsthandwerk in alle Bereiche des Lebens hineinragte, so dass er schließlich zu der Ansicht gelangte, dass es einen höheren Stellenwert hatte, als die Malerei. So hat Van de Velde in der Folge nicht nur Möbel bzw. Inneneinrichtungen gestaltet, sondern beispielsweise auch Entwürfe für Kleidung und Gebrauchsgrafik gemacht. In seinen Möbelentwürfen, meist parallel zu seiner Innenraumgestaltung erschaffen, setzte er auf konstruktiven Aufbau, fein geschwungene Linienführung und ausgewogene Komposition der Elemente. Mit der Frage der für ihn typischen Linien-Ornamentik setzte er sich intensiv und bereits früh auseinander. Im Jahre 1900 zog er nach Berlin, wo er für zwei Jahre tätig war. Große Projekte dieser Zeit waren die komplette Gestaltung der Inneneinrichtung des „Hoffriseursalons Haby” und der „Continental Havana-Compagnie”.

Gegenstand dieser Darstellung wird zunächst die Frage sein, in welcher Art und Weise Van de Velde bei den beiden genannten Berliner Projekten bezüglich der Gestaltung vorgegangen ist. Sie werden im Hinblick auf ihre Ausgestaltung und den Einsatz von Linie und Ornamentik zunächst beschrieben und analysiert. Teil dieser Darstellung ist darüber hinaus der zeitliche und stilistische Kontext des Jugendstils. Eine Wiedergabe des Werdegangs Van de Veldes und des Stellenwerts von Linie und Ornamentik im Jugendstil allgemein und im Speziellen bei Van de Velde werden schließlich dazu führen, die beiden genannten Projekte zu positionieren.

Leider ist dies zum großen Teil zerstört und lässt sich heute nur noch anhand von fotografischen Dokumentationen nachvollziehen.

2. Darstellung

2.1. „Continental Havana-Compagnie” und der „Friseursalon Haby”

2.1.1. Die Inneneinrichtung der „Continental Havana-Compagnie”

Im Jahr 1899 widmete sich Van de Velde der Ausgestaltung der „Continental Havana- Compagnie”, die in der Mohrenstr. 11/12 in Berlin ansässig war. Es handelte sich hier um eine Fachhandlung für Tabak und Zigarren. Auf dem einzigen Foto der „Continental Havana-Compagnie”, das in der Literatur immer wieder auftaucht, ist Folgendes zu sehen (Abb. 1): Der Verkaufsraum war groß und unterteilt in verschiedene Segmente, die jeweils durch bogenförmige Öffnungen in den Wänden miteinander verbunden waren. In der Literatur werden diese Bögen als ,,maurisch” bezeichnet.3 Eine Art filigranes Gerüst aus Holz schmückte die Bögen und zeichnete ihre Form nach. Das Gerüst in den Bögen mündete nach unten hin in Regale, die sich mit je zwei Streben in den Raum hinein wölbten und dadurch den Raum für je vier quadratische Regal-Bretter boten, in die die Rauchwaren eingelegt werden konnten. Hinter dem langen schlichten Verkaufstresen aus Holz stand ein breites und hohes Wandregal, dessen Eckstreben ebenfalls, wenn auch nur zaghaft, wie bei den Bogenregalen, in den Raum hinein gewölbt waren. In dem Verkaufsraum standen verteilt einige Sitzmöbel. Auf dem Foto erkennt man einen Sessel (Abb. 2) aus dem Jahr 18984 und Stühle aus der Reihe der „Bloemenwerf-Stühle” (Abb. 3) aus den Jahren 1894/955, die in der zeitlichen Folge in verschiedenen Varianten angeboten wurden. Stühle und Sessel weisen, ebenso wie die übrigen Gestaltungselemente, die typische Linien-Ornamentik Van de Veldes auf, auf die später noch genauer eingegangen wird. Van de Velde hat außerdem die Wände gestaltet: Er hat Tabak- bzw. Zigarrenrauch abstrakt linienhaft stilisiert und unterhalb der Decke an die Wände gebracht. In der Literatur heißt es: ,,Stilisierter Zigarrenrauch wird zum Ornamentfries, der im trompe-l'oeil-Effekt die Wand zu stützen scheint [...].”.6 Dem Eindruck kann man sich nur anschließen. Auf raffinierte Art und Weise hat Van de Velde das Wesentliche der „Continental Havana-Compagnie” aufgegriffen, abstrahiert und als Gestaltungsmittel eingesetzt. Er verfährt mit dem Ornament wie die Griechen in der Antike, indem er es wie ein Fries anbringt und stützt sich damit auf eine althergebrachte Tradition. In den ,,Kunstgewerblichen Laienpredigten” erklärt er dazu: ,,Die Griechen verfuhren ornamentalisch, um Leben in ihre Werke zu bringen. [...]

Bei den Griechen ist das Ornament das Leben, es hat das Leben in sich [...].”7 Mit seinem Rauch-Fries hat er demnach Lebendigkeit und Rhythmus in einen andernfalls uniformen Raum gebracht. Das Fries hat außerdem einen großen dekorativen Wert. Es bewahrt in keiner Weise Zurückhaltung und erhebt einen großen Anspruch auf eigene Geltung. Es ist durch seine Größe, durch die Verschnörkelungen der Linien, die vielen Flächen und nicht zuletzt wegen seiner unterschiedlichen Farben8 sehr präsent. Man kann also nicht sagen, dass das Fries die Architektur schlicht unterstützt oder nachzeichnet. Es steht für sich. Van de Velde hat bei diesem Projekt einen hohen Stellenwert auf das Ornament gelegt. Dieses bestand zwar aus Linien, jedoch waren diese derartig ineinander verschlungen, dass die Linien nicht mehr als solche wahrgenommen wurden. Die Linien bilden in ihrer Gesamtheit eine dekorative neue Form. Das so entstandene Ornament ist nicht naturalistisch-floral, wie es typisch für den Jugendstil war, dennoch ist es in seiner Machart stark an diese Art Ornament angelehnt. Es scheint so, als wäre sich Van de Velde bei diesem Projekt noch nicht gänzlich darüber klar gewesen, wie er Linie und Ornament voneinander abgrenzen möchte.

Da in der Literatur immer wieder nur dieses eine Foto der „Continental HavanaCompagnie” auftaucht, ist leider nicht erkennbar, welche weiteren Objekte sich eventuell noch im Verkaufsraum befanden.

2.1.2. Die Inneneinrichtung des „Friseursalons Haby”

Die Raumaufteilung des „Friseursalons Haby” (Abb. 4), ansässig in der Mittelstr. 7 in Berlin und im Jahre 1901 entstanden, war folgende: „Dem Verkaufsbereich am Eingang schloß sich ein Wartebereich an, der Gelegenheit zum Lesen und Schreiben bot und dessen einziger Schmuck ein farbiges Fenster war. Links folgten die Frisierräume für Damen, rechts der große Rasiersaal für Herren.”9 Der Salon war also geräumig. Die weibliche und männliche Kundschaft blieb in getrennten Räumen jeweils unter sich. Der Warteraum war offenbar einladend. Die Kundschaft sollte sich wohl fühlen. Der Friseur Haby war nicht irgendein Friseur. Er war ein Hoffriseur und außerdem königlicher „Hoflieferant feinster Parfümerien und kosmetischer Präparate”, der auch außerhalb von Deutschland bekannt war. Er beeinflusste Trends und Moden.10 Die Erscheinung seines Salons musste also seinem Status gerecht werden. Bei der Gestaltung des Salons verband Van de Velde ,,technische und ästhetische Funktion”, denn die Gesamtheit des Rohrsystems aus Messing für Gas und Wasser wurde einfach belassen und nicht durch eine „schöne” Verkleidung überdeckt oder verändert. Die Rohre selbst wurden zum Dekor.11 Van de Velde hat einerseits die dem Material immanente Ästhetik für die Gestaltung verwendet und damit andererseits den technischen Aspekt der Dinge in den Vordergrund gestellt. Dieser technische Aspekt ist sicherlich auch ein Verweis auf die Rolle des Friseurs als Dienstleister. Er grenzte also mit der Idee, die Technik und damit das „kalte” Material offen zu zeigen, ganz nebenbei geschickt den Friseursalon als Dienstleistungsbetrieb von einer privaten Innenraumgestaltung ab. Dass Rohre per se Linien bilden, kam ihm sicherlich entgegen und war sicherlich der Grund zu diesem Entschluss. Dass er die „Skelette”, also die Rohre etc. nicht mit „Fleisch” gefühlt hat, bezeichnete er in seiner Reflexion in seinem Buch ,,Geschichte meines Lebens”, das im Jahre 1962, alos rund sechzig Jahre nach Ausführung der Projekte und somit mit einigem Abstand, schließlich jedoch als „Irrtum”.12 Anhand der Ausführungen kann man mutmaßen, dass er sich gerade durch die „radikale Lösung” bei diesem Projekt über seine grundlegenden Absichten und Ziele sehr klar geworden ist.

Die Stühle aus Mahagony-Holz wirkten robust, aber schlicht in ihrer Form: Die Beine waren recht kräftig und bildeten in ihrer Ausformung nach oben hin schließlich in Verbindung mit Querstreben die Rückenlehnen, die nicht minder kräftig geformt waren. Sitzfläche und Rückenlehne waren mit glänzendem Leder bezogen, das mit Polster- Nieten befestigt war. In den Armlehnen waren die typischen Viertel-Kreisbögen, die auch schon in dem Sessel der „Continental Havana-Compagnie” (Abb. 2) auftauchen. Insgesamt hatten die Stühle, die man aufgrund ihrer Robustheit fast als Sessel bezeichnen könnte, eine thronartige Wirkung. Sie waren schlicht und bildeten in dem großen Salon eine klare Reihe, zusammen mit Spiegeln, Armaturen und Lampen.13 Die Lampen waren jeweils an zwei linienförmigen Stäben angebracht. Eine der beiden war fast gänzlich gerade, die andere wand sich schlangenartig um diese. Die Lampenstreben waren lang und ragten weit in den Salon hinein. Wenn der Kunde in dem Sessel saß, befand sich die Lampe direkt über seinem Kopf. Dies hatte sicherlich den praktischen Hintergrund, dass der Kopf des Kunden beleuchtet werden sollte, um die Arbeit an seinem Kopf angemessen ausführen zu können. Auf der anderen Seite schafften die Lampen, da sie auf der räumlichen Ebene der Rückenlehnen der Stühle aufhörten mit den Stühlen eine optische Einheit bzw. klare Reihung, die Ruhe in das Gesamtgefüge des Raumes brachten. Jeder Kundenplatz bildete ein eigenes Kompartiment (Abb. 5), war aber verbunden mit dem angrenzenden. Die Kompartimente wirkten hochwertig, denn die Verwendung und der Einsatz des Materials waren zurückhaltend. Nichts war übertrieben, sondern alles wirkte durchdacht, so als hätte es sich aus sich selbst heraus ergeben. Die Farbe des Messings und die des Holzes bilden eine Harmonie und das Marmor fügt sich unaufdringlich in die Gesamtheit ein. Die geschwungenen Linien der Rohre bilden eine Einheit mit dem Holzkorpus und zeichnen diesen nach und betonen seine Form. Van de Velde sagte selbst über dieses Projekt, dass dieses eine seiner kompromisslosesten Hervorbringungen waren.14 Und tatsächlich hat man den Eindruck, dass Van de Velde hier durch den Einsatz des Gestaltungselements Linie genau das zeigt, was er einmal in seinen „Kunstgewerblichen Laienpredigten” beschrieben hat: ,,...dass eine Linie eine Kraft ist”. Und weiter heißt es: ,,Diese Kraft und diese Energie wirken auf den Mechanismus des Auges in der Weise, dass sie ihm - dem Auge - Richtungen aufzwingt. Diese Richtungen ergänzen sich, verschmelzen miteinander und bilden schließlich bestimmte Formen.”15 Der Salon, das zeigt eins der Fotos besonders gut (Abb. 4), strahlt eine Klarheit aus, die durch die Klarheit der Linien begründet ist. Das Auge ,,verzettelt” sich nicht im Raum, sondern kommt ,,zur Ruhe”. Es kann sich, ganz unbewusst natürlich, auf das Wesentliche beschränken. Das naturalistische bzw. florale Ornament wurde in Bezug auf Mobiliar vollständig außer Acht gelassen. Einzig die Wandbemalung über den Kompartimenten zeigt eine schlichte Ornamentik, die sehr zurückhaltend naturalistisch-floral anmutet. Die „Konstruktion” der Linien bietet Raum für ein Spiel von Licht und Schatten, was Van de Velde wichtig war, wie später ausgeführt werden wird. In der Literatur heißt es: Sein Linien-Ornament „verselbständigte […] sich zu einem den Benutzer einbeziehendes System vital agierender Stütz- und Verstrebungselemente, dessen Eleganz aus der harmonischen Organisation resultierte.“16 Die Kraft seiner Linie stand der Natur nicht entgegen, sondern hatte durchaus etwas Vitales. Dies ist besonders bei den Lampen deutlich, bei denen sich eine geschlungene Linie um eine recht gerade Linie rankt. Hier lässt sich eine leichte Annäherung zum naturalistischen Ornament erkennen. Man kann sich hier an Lianen oder rankende Pflanzen erinnert fühlen. Van de Velde verstand es, die Linien so in Einklang zu bringen, dass ein harmonisches Gesamtgefüge entstand. Seine Raumkonzepte ließen den „Benutzer“ diese Gesamtharmonie spüren. Sein Erfolg belegt dies. Die Klarheit der Linien ist sicherlich auch dafür verantwortlich, dass der Salon seinem herrschaftlichen Anspruch gerecht wurde. Immerhin handelte es sich um den Hoffriseur Kaiser Wilhelms II. und andere Kunden von hohem gesellschaftlichem Ansehen, so dass eine gediegene Wirkung vonnöten war. Man hätte den Raum pompös ausgestalten können, etwa durch den Einsatz von viel (mehr) Ornamentik und noch sehr viel hochwertigeren Materialien. Es gab über den Kompartimenten zwar auch eine Wandbemalung (Abb. 5), diese mutete aber wesentlich schlichter und weniger kontrastreich an als bei der „Continental Havana-Compagnie” und hatte darüber hinaus nicht den Anspruch, das typische Element des Betriebes, denkbar wäre eine Stilisierung von Haaren oder Bärten gewesen, aufzugreifen und darzustellen. Van de Velde jedoch verfuhr nach dem Motto ,,Weniger ist mehr”, auch wenn man natürlich noch schlichter hätte gestalten können bzw. noch mehr Geradlinigkeit in den Raum hätte bringen können. Im Kontext der Zeit war seine Lösung aber schon radikal schlicht. Ein Zeitgenosse äußerte sich einmal in Bezug auf Van de Veldes Schmuck dahingehend, dass ihm dieser ,,durch zu strenge Logik und Mathematik nicht ansprechend” sei.17 Man sieht also, dass Van de Velde in seiner Zeit „erschreckend” schlicht und geradlinig wirkte, während der heutige Betrachter die Ausgestaltung des „Friseursalons Haby” wahrscheinlich noch als verhältnismäßig ,,verspielt” empfindet, da dieser noch viel schlichtere Lösungen, etwa Bauhaus-Möbel, kennt und gewöhnt ist.

2.2. Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil

Die englische Arts-and-Crafts-Bewegung hatte großen Einfluss auf die Kunstentwicklung im restlichen Europa. Sie begann bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Sorge vieler Zeitgenossen, im aufkommenden Maschinenzeitalter würde die Qualität zugunsten der Quantität leiden, war Ausgangspunkt dieser Bewegung, die einer solchen negativen Entwicklung entgegenwirken wollte.

[...]


1 Velde, Henry van de: Kunstgewerbliche Laienpredigte, Leipzig 1902, S. 188 und 191.

2 Leider ist dies zum großen Teil zerstört und lässt sich heute nur noch anhand von fotografischen Dokumentationen nachvollziehen.

3 Vgl. Becker, Ingeborg: Henry van de Velde in Berlin, Berlin 1993, S. 47.

4 Hüter, Karl-Heinz: Henry van de Velde. Sein Werk bis zum Ende seiner T ä tigkeit in Deutschland, in: Schriften zur Kunstgeschichte, Bd. 9, Berlin 1967, S. 52.

5 Becker 1993, S. 15.

6 Becker 1993, S. 47.

7 Vgl. Velde 1902, S. 184.

8 Diese sind auf einem S/W-Foto natürlich nicht zu erkennen, man kann sie aber anhand der unterschiedlichen Grauwerte erahnen.

9 Vgl. Becker 1993, S. 46.

10 Becker 1993, S. 94.

11 Ebd., S. 46.

12 Velde, Henry van de: Geschichte meines Lebens, München 1962, S. 170.

13 Velde 1962, S. 46.

14 Becker 1993, S. 46.

15 Vgl. Velde 1902, S. 188.

16 Vgl. Kastenholz, Angelika: Von der natura naturata zur natura naturans. Die Neuorientierung von Ornament und Naturbegriff w ä hrend der Jugendstilbewegung auf der Grundlage der englischen Vorleistungen, Diss., Bonn 2001, S. 56.

17 Schulte, Birgit [u. a.] (Hrsg.): Henry van de Velde. Ein europ ä ischer Künstler seiner Zeit, Köln 1992, S. 194.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640761791
ISBN (Buch)
9783640762095
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161213
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Kunsthistorisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Henry van de Velde Jugendstil Berlin Arts and Crafts Ornament Belgien Linie Architektur Art Nouveau Ruskin Morris Deutscher Werkbund

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Titel: Henry van de Velde - der „Friseursalon Haby” und die „Continental Havana-Compagnie”