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Der prüde Eichendorff

Dämonische Frauenbilder versus christliche Symbolik in Eichendorffs Märchennovelle 'Die Zauberei im Herbste'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzer Abriss der Dämonisierung der Frau in der christlichen Religion und in Eichendorffs Werk im Allgemeinen

3. Die stark antithetische Symbolik in Eichendorffs Werk

4. Das Zauberfräulein versus Berta
4.1 Berta – Inbegriff von Reinheit und Unschuld?
4.2 Das Zauberfräulein – Dämonin oder Göttin Venus?

5. Ausblick

6. Quellen

1. Einleitung

„…gleich einem Schiffer, der bestimmt weiß, wo er hinsteuern soll, und sich von dem wunderbaren Lied der Sirenen unterwegs nicht irremachen läßt.“[1]

Der bekannte Lyriker und Schriftsteller Joseph von Eichendorff greift in diesen Zeilen das alte Motiv der Loreley auf, der verführerischen Wassernixe, welche den symbolischen ‚Schiffer‘ durch ihren Gesang vom Weg abkommen lässt und ihn letzten Endes in sein Verderben führt. Auffallend häufig thematisiert Eichendorff dämonische Frauengestalten in seiner Dichtung und in seinen Erzählungen: „[Es wird] das Thema angeschlagen, das nur in wenigen der erzählenden Werke Eichendorffs völlig fehlt: die verführerische Macht der durch eine dämonische Frauengestalt verkörperten, vom göttlichen Schöpfungsgrund emanzipierten Natur.“[2], so auch in seiner frühesten Prosaarbeit, Die Zauberei im Herbste. Dabei entwickelt der Autor eine starke Gegensätzlichkeit von erotischen, oft naturverbundenen, eher mythischen Frauengestalten, und dem idealisierten Frauenbild des Christentums: die reine Jungfrau, deren Bestimmung sich in der Ehe und dem Zeugen von Nachkommen erfüllt. Letztere erweckt beim Leser immer wieder die Assoziation mit Maria, dem christlichen Idealbild einer Frau, welche ihren Sohn Jesus ‘unbefleckt‘ empfangen hat, das heißt jungfräulich, ohne je Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Dadurch wurde sie dem römisch-katholischen Glaubensdogma zufolge vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt. Zwar gibt es immer wieder Zweifel an dieser Deutung der Bibel, die neuere Forschung geht sogar davon aus, dass der Begriff ‚jungfräulich‘ im Zusammenhang mit Maria fehlinterpretiert wurde, da es sich bei einer ‚Jungfrau‘ vermutlich schlicht und einfach um eine ‚junge Frau‘ handelt, für die Interpretation von Eichendorffs Zauberei im Herbste ist diese Spekulation jedoch irrelevant, da dieser sicherlich an eine Maria im traditionellen Sinne glaubte, denn Eichendorff besaß sein Leben lang eine starke Bindung an den katholischen Glauben. Er fühlte sich tief mit der Natur und seiner Religion verbunden und in ihr verwurzelt. Da es sich bei der Märchennovelle Die Zauberei im Herbste um die erste Prosaarbeit des jungen Schriftstellers handelt, welche er im Alter von zwanzig Jahren niederschrieb, ist zu beobachten, dass hier am Schluss der Erzählung keine Hinwendung zum symbolischen ‘Guten‘ stattfindet: „Hier alles ins Helle gewendet, erlöst, überwindend, dort die der Jugenddichtung mehr angemessenen düster-tragischen Farben.“[3] Der junge Eichendorff schien sich noch nicht eindeutig für eine Richtung und einen Weg im Leben entschieden zu haben, er befand sich zwar nicht mehr in der Pubertät, aber dennoch in einem Lebensabschnitt, während dem ein Mensch noch auf der Suche nach Identität ist und damit in einer Zeit des inneren Aufruhrs und vermutlich starken Zweifels. Biographisch lässt sich belegen, dass Eichendorff zu dieser Zeit zwischen der Affäre mit der bedeutend älteren Madame Hahmann und der Beziehung zu seiner Verlobten Louise von Larisch schwankte. Damit ist Die Zauberei im Herbste „ein im tiefsten Sinne autobiographischer Text.“[4] Zwar wird deutlich, dass es sich bei dem ‚Zauberfräulein‘ um eine Dämonin aus dem Reich des Übernatürlichen handelt, dennoch wird der Ritter Raimund nicht von dem Bann erlöst – im Gegenteil - er verliert sich in ihm, was mit seinem Wahnsinn und seinem letztendlichen Verderben endet: „[…] und, im Wahnsinn verloren, ging der arme Raimund den Klängen nach in den Wald hinein und ward niemals mehr gesehen.“[5] „So fehlen denn auch den Gebeten Raimunds Entschiedenheit und Unzweideutigkeit, die zur Erlangung der himmlischen Vergebung unerlässlich sind. […] Dieser pessimistische Zug – es gibt für Raimund, den negativen Helden der Erzählung, keine Erlösung – ist selten in den Texten Eichendorffs aus seiner frühen Manneszeit, ein Hinweis darauf, dass er dieses ‘Märchen’ zur Eigentherapie geschrieben hat, aus seelischer Not zur Abschreckung vor einem ähnlichen Schicksal. […] Eine für das Leben fundamentale Fehlentscheidung aufgrund falschen Zaubers, daraus sich ergebende Wahngebilde und Wahnsinnstaten, die schließlich zu lebenslangem Wirklichkeitsverlust und tatsächlichem Wahnsinn führen, sind Eichendorffs Schreckensvisionen.“[6] Die Zauberei im Herbste bleibt so auch das einzige Werk Eichendorffs, in der keine Erlösung und innere Hinwendung zum ‘Guten‘ stattfindet. Sein Leben lang vertrat der Dichter die „Überzeugung, dass Dichtung nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine im religiösen Sinn missionarische Aufgabe habe […]“[7] Wendler zufolge darf „die Typenhaftigkeit der Figuren bei Eichendorff […] auch im Zusammenhang mit der ‚höheren menschlichen Wahrheit‘ gesehen werden, die er bereits an der alten Komödie der Griechen rühmt: in jeder in ihrer Lebendigkeit noch so gegenwärtigen Figur soll verweisender Charakter durchschimmern, [daher können] die Figuren dem Ideal der höheren menschlichen Wahrheit zufolge in der psychologischen Charakterisierung eher im Allgemeinen bleiben als individuelle Züge annehmen.“[8] Die Furcht, die Eichendorff in der Zauberei im Herbste ausdrückt, besteht daraus, wie Raimund ein Gefangener seiner eigenen erotischen Phantasien zu werden.

In dieser Arbeit soll das früheste Prosawerk Eichendorffs, die Märchennovelle Die Zauberei im Herbste, auf die gegensätzliche Symbolik von dämonischen Frauengestalten und christlicher Motivik untersucht werden. Insbesondere soll dabei auf die Tatsache eingegangen werden, dass Eichendorff zwar mit bild- und symbolreicher Sprache die Verlockung durch die Erotik leidenschaftlich, voll Sehnsucht und mit „erstaunlicher Explizitheit bei der Darstellung der sexuellen Leidenschaft“[9] beschreibt, diese dann aber ebenso vehement dämonisiert und verwirft.

2. Kurzer Abriss der Dämonisierung der Frau in der christlichen Religion und in Eichendorffs Werk im Allgemeinen

„Die Linie, die gut und böse trennt, läuft quer durch jedes Menschenherz.“ Dieses sehr zutreffende Zitat des bekannten russischen Schriftstellers und Dramatikers Alexander Solschenizyn widerspricht der Auffassung von Gut und Böse eines typischen Märchens, so auch Eichendorffs Märchennovelle Die Zauberei im Herbste, welche 1808/1809 entstand. Psychoanalytisch betrachtet wird der auffallende Gegensatz zwischen Gut und Böse oder auch zwischen Reinheit und als Sünde empfundener Lust in Eichendorffs Werk sicherlich als eine tief sitzende Angst des Mannes vor der Frau und dem Weiblichen interpretiert. „Eine psychoanalytische Lesart verdrängter Wünsche“[10] kann also vorweg genommen werden. Ebenso wird durch die Dämonisierung der Sehnsucht nach Sexualität das Triebhafte im Menschen unterdrückt und ausgeblendet. Die menschlichen Triebe und das Zügellose wurden vor allem in der Bibel stets mit dem Bösen gleichgesetzt, dies zeigen auch die fälschlicherweise als sieben ‚Todsünden‘ bekannten ‘Hauptlaster‘ im Katechismus der Katholischen Kirche: Es sind die ‚schlechten‘ – da zur Sünde führenden – Charaktereigenschaften Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Es liegt in der Natur des Menschen, jenes, was er nicht versteht, zu fürchten, und als Reaktion darauf in einer Art Abwehrmechanismus das Gefürchtete zu dämonisieren. So scheint Eichendorff von einer Angst vor der Weiblichkeit getrieben zu sein, welche schon in der Bibel im Buch Genesis thematisiert wird: Es ist Eva, welche sich von der Schlange, dem personifizierten Bösen, verführen lässt und dadurch nicht nur sich selber, sondern auch Adam und mit ihm die gesamte Menschheit in ihr Unglück stürzt, da das Essen von einem Apfel des ‚verbotenen Baumes‘, welcher ebenfalls mit den Trieben und der Sexualität in Verbindung gebracht werden kann, zu der Verbannung des Menschen aus dem Paradies führt. Damit hat der Mensch der Bibel zufolge für alle Zeiten Sünde auf sich geladen. Eva geht einen Bund mit der Schlange ein, sie lässt sich auf das Böse ein, und es stellt sich die Frage, inwieweit Eva daher selbst ‚Böses‘ oder die Veranlagung, ‚Böses‘ zu tun, in sich trägt. Längst wissen wir, wie auch schon das oben angeführte Zitat darlegt, dass Gut und Böse in jedem Menschen vereint sind, da der Mensch nun einmal Mensch ist. Die Tatsache, dass er zu beidem fähig ist, zeichnet ihn überhaupt erst als Menschen aus. Anders als die meisten Tiere dagegen, welche vor allem instinktgetrieben handeln, besitzt der Mensch die Fähigkeit, sein Handeln zu reflektieren und dieses als ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ zu erkennen, wobei es natürlich eine große Grauzone gibt, die nicht immer eindeutig als ‘gut‘ oder ‚schlecht‘ definiert werden kann. Wer an eine höhere Instanz und insbesondere an den christlichen Gott glaubt, wie es Joseph von Eichendorff tat, dem werden durch die Bibel und die zehn Gebote klare Moralvorstellungen vermittelt. In der Geschichte der Menschheit wird das ‚Böse‘ immer wieder mit einer allzu leidenschaftlich und zügellos ausgelebten Sexualität und erstaunlicherweise auch mit Frauen gleichgesetzt. Diese Tatsache resultiert möglicherweise daraus, dass im Verlauf der Geschichte und vor allem in den verschiedenen Religionen, auch und insbesondere in der christlichen, vor allem Männer eine dominante Rolle spielten und oftmals immer noch spielen. Es lag daher auf der Hand, Frauen für vieles verantwortlich zu machen, was der Mensch nicht verstand. Da außerdem vor allem in der katholischen Kirche Sexualität immer wieder mit Sünde und Unreinheit verbunden wird, da aber der Drang nach eben dieser Sexualität nicht unterdrückt werden kann, muss beim Menschen und in diesem Fall beim Mann unweigerlich ein Gewissenskonflikt entstehen, eine Art Schuldkomplex. Sexualität ist dem Glauben zufolge unrein und sündenbehaftet, dennoch lassen sich gewisse Gedanken nicht verdrängen - in der Konsequenz wird das ‚Böse‘ und ‚Unreine‘ der Frau zugeschoben, welche – angeblich bewusst und mit bösen Absichten – unreine Gedanken im Mann erweckt. Genau dieser innere Gewissenskonflikt scheint auch Joseph von Eichendorff beschäftigt zu haben, wenn man betrachtet, mit welch erstaunlicher Leidenschaft er das ‘Zauberfräulein‘ seiner Märchennovelle beschreibt, um es dann zu dämonisieren.

[...]


[1] Eichendorff, Joseph: Die Zauberei im Herbste. S.2.

[2] Köhnke, Klaus: Rezension der Poesie durch Poesie. S.40.

[3] Mühlher, Robert: Lebendige Allegorie. S.162.

[4] Schiwy, Günther: Eichendorff: der Dichter in seiner Zeit. Eine Biographie. S.308.

[5] Eichendorff, Joseph von: Die Zauberei im Herbste. S.7.

[6] Schiwy, Günther: Eichendorff: der Dichter in seiner Zeit. Eine Biographie. S.306-307.

[7] Köhnke, Klaus: Rezension der Poesie durch Poesie. S.39.

[8] Wendler, Ursula: Eichendorff und das musikalische Theater. S.178.

[9] Landfester, Ulrike: Herbst der Zauberei. S.78.

[10] Öhlschläger, Claudia: Die Macht der Bilder. S. 291.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640744015
ISBN (Buch)
9783640744039
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161339
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Eichendorff Dämonische Frauenbilder Symbolik Eichendorffs Märchennovelle Zauberei Herbste

Autor

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