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„Das edle Gefühl der Nichtigkeit“ Franz Kafkas Brief an den Vater

Hausarbeit 2009 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Darstellung des Vaters im Brief
II.1 Hermann Kafka
II.2 Vater und Sohn
II.2.1 Judentum
II.2.2 Gewalt und Sprache
II.2.3 Ehe
II.2.4 Schule/Arbeit/Karriere
II.3 Vater und Familie

III. Zur Intention des Briefes
III.1 „Beidseitige Unschuld“?
III.2 Kafkas Wahrheit

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Unter den Texten, die Franz Kafka Max Brodt schriftlich bat, nach seinem Tode ungelesen zu verbrennen, findet sich ein Brief, in dem sich Kafka an seinen Vater Hermann richtet. Dieser Brief, entstanden zwischen dem 10. und 19. November 1918, hat seit seiner Veröffentlichung eine grundlegende Funktion in der Interpretation kafkascher Literatur eingenommen. Er stellt, auf den ersten Blick, schlichtweg die autobiographische Beschreibung des konfliktreichen Verhältnisses Kafkas zu seinem Vater dar. Das Thema „Obrigkeit vs. Untergebener“, welches in Kafkas Werk immerwieder auftaucht, scheint seinen Prototypen in diesem Verhältnis zu haben. Dadurch ist die Herleitung seiner literarischen Themen aus dem Privatleben zum Allgemeinplatz der Kafkaanalyse geworden.

Auf den zweiten Blick jedoch tun sich einige Fragen auf, durch welche der Stellenwert jenes Briefes ins Wanken gerät. An erster Stelle steht hier das Problem der Kategorisierung, womit bereits Max Brod Schwierigkeiten hatte. Müller-Seidel sieht darin bereits einen Hinweis auf eine mögliche literaturgeschichtliche Zuordnung:

„Die mangelnde Eindeutigkeit in der Zuordnung ist aber ihrerseits schon ein Merkmal moderner Literatur, die auf den Dichtungsbegriff der Tradition nicht festzulegen ist. Es hat daher durchaus seine Richtigkeit, wenn Max Brod nicht recht wußte, wohin denn nun ein Text wie dieser gehören soll: zu den Werken oder zu dem Band der gesammelten Briefe.“[1]

Bis heute besteht kein Konsens darüber, wie der Brief einzuordnen ist, was bereits zur nächsten Frage führt: Handelt es sich beim „Brief an den Vater“ überhaupt wirklich um einen Brief, also ein privates Schreiben, das an einen Empfänger gerichtet ist und in der Absicht verfasst wurde, es diesem zukommen zu lassen? Oder handelt es sich nicht vielmehr um einen literarischen Text, der dem Werk Kafkas zuzuordnen ist? Für Letzteres spräche beispielsweise, dass Hermann Kafka den Brief nie erhalten hat.

Der Aufbau des Briefes, die darin verwendeten „advokatorischen Kniffe“, derer sich Kafka in einem Brief an Milena Jesenská selbst bezichtigt[2], sowie die Tatsache, dass neben dem Manuskript eine schreibmaschinengeschriebene Version vorliegt, welche Kafka bei privaten Briefen nicht anzufertigen pflegte, weisen darauf hin, dass es sich bei dem Brief durchaus um mehr handeln könnte, als eine intime Abrechnung mit dem Vater, welche er quasi „beiden zuliebe“ vor deren Ableben hinter sich bringen wollte.

Die vorliegende Arbeit soll der Frage nachgehen, welche Absicht hinter Kafkas „Brief an den Vater“ steckt. Hierzu wird zunächst das Vater-Sohn-Verhältnis wie Kafka es im Brief darstellt betrachtet, um anschließend im größeren Zusammenhang Kafkas Vorgehens- und Argumentationsweise, sowie daraus resultierend seine Absicht erkennen zu können.

II. Darstellung des Vaters im Brief

Kafka beschreibt im „Brief an den Vater“ nicht nur die Konflikte zwischen ihm und Hermann Kafka, sondern zeichnet im Zuge dessen auch ein Bild seines Vaters, das diesen als herrischen und launischen Machtmenschen darstellt, der seinem Sohn mit dessen Eigenarten keinerlei Zuneigung entgegenbringt. Dieses Bild kann sicherlich nicht als unumstößlich gelten, zumal es aus einer sehr subjektiven Perspektive entsteht. Bevor dieses Bild allerdings hinterfragt bzw. angefochten wird, soll es zunächst eingehender betrachtet werden.

Das folgende Kapitel widmet sich Kafkas Darstellung seines Vaters, dessen Beziehung zu ihm, den hauptsächlichen Einflussbereichen des Vaters in Kafkas Leben und seinem Verhältnis zu den übrigen Familienmitgliedern.

Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den Stilmitteln und der Sprache des Briefes, deren Intention schließlich im zweiten Teil der Arbeit näher untersucht werden soll.

II.1 Hermann Kafka

Hermann Kafka wird am 14. September 1852 als Sohn eines jüdischen Fleischers im südböhmischen Wossek (tsch. Osek) in einfachen Verhältnissen geboren. Er ist das vierte von sechs Kindern. Nach dreijährigem Militärdienst lässt er sich in Prag nieder. Dort lernt er Julie Löwy kennen und heiratet sie. Er eröffnet einen Galanteriewarenladen in dem Beide arbeiten, sie beschäftigen mehrere Angestellte.

Roger Hermes vermutet, dass es drei Momente gibt,

„die auf die Persönlichkeitsentwicklung Hermann Kafkas nachhaltigen Einfluß hatten: Die in Kindheit und Jugend erlebten einfachen dörflichen Verhältnisse, die als Negativbild bei Hermann Kafkas Suche nach einem Platz im gesellschaftlichen Gefüge gewirkt haben; die während des Militärdienstes gemachten Erfahrungen, die prägend auf sein Werte- und Normensystem wirkten; und der – für die Zeit und die gesellschaftliche Gruppe typische – Wille zum wirtschaftlichen Erfolg und dem damit verbundenen sozialen Aufstieg.“[3]

Dies, sowie Hermann Kafkas Abstammung vom „Böhmischen Landjudentum“[4], welches in die Stadt zog und aufgrund der unterschiedlichen Prägungen während der Kindheit und Jugend mit der nachfolgenden Generation in Konflikt geriet, sind laut Hermes die wesentlichen Merkmale, welche es bei der Betrachtung des im Brief dargestellten Verhältnisses zwischen Vater und Sohn zu berücksichtigen gilt.

II.2 Vater und Sohn

Die Beziehung von Franz und Hermann Kafka, wie sie sich im Brief darstellt, ist geprägt vom herrischen Verhalten des Vaters auf der einen, und dem unterwürfigen, verzweifelten, resignierenden Wesen des Sohnes auf der anderen Seite. Kafka bezeichnet seine Position als völlig wehrlos unter der Gewalt seines Vaters, und verwendet hierbei eine Sprache, die einerseits Sachlichkeit und Distanz ausstrahlt, andererseits einige diesem Stil widersprechende Metaphern und Bilder enthält:

„Der in der späteren Maschinenfassung 45 Seiten starke Brief an Hermann Kafka, den er im November 1919 in Schelesen niederschreibt, bildet den Versuch, die unauflöslichen Spannungen eines belasteten Verhältnisses mit der formalen Logik der Rechtswissenschaft und den Techniken der Literatur zu beleuchten. Die Wahl der Waffen entschied bereits über die Strategie: der Angriff wurde auf dem Feld der juristischen Rede geführt, was jedoch den Einsatz poetischer Kunstmittel einschloß.“[5]

Die beiden miteinander verwobenen Schreibstile lassen sich auf die zwei Berufe Kafkas zurückführen, nämlich den des Juristen, welchem er tagsüber bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt nachging, und den des Schriftstellers, welchem er sich vornehmlich nachts zuhause widmete.

Auffällig ist die Häufigkeit der wiederkehrenden Metaphern. Da wäre einerseits die Tiermetaphorik beim Vater, der Franz als „Schwein“[6] bezeichnet, ihm androht, ihn zu „zerreißen wie einen Fisch“ (18), die Köchin als „Vieh“ (14) bezeichnet und Franz' Freund, den Schauspieler Löwy, mit „Ungeziefer“ vergleicht (13).

Andererseits wird die Darstellung des Vaters von Kafka als tyrannischer Charakter durch eine entsprechende Herrschermetaphorik unterstrichen, die durchaus auch als politisch motiviert gelesen werden kann: „Die Übertragung der Begriffe vom vermeintlich ganz privaten Familienkreis auf die Ebene politischer Herrschaft ist abzulesen an einem Wortschatz, der beide Ebenen zusammenbringt. Vom Eroberungswillen des Vaters kann gesprochen werden – davon, daß er letzte Instanz sei und geistige Oberherrschaft ausübe.“[7] So spricht Kafka von der „Tyrannei Deines [des Vaters, Anm. d. Verf.] Wesens“ (32) ihm, sowie den Angstellten im Geschäft gegenüber: „Und nicht nur Schimpfen, auch sonstige Tyrannei.“ (27) Der Vater lässt seine Wortgewalt ungebremst auf seinen Sohn einwirken, „als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht.“ (14) Auf Urlaubsfotos in Franzensbad sieht Kafka seinen Vater als „so groß und fröhlich zwischen den kleinen mürrischen Leuten, wie ein König auf Reisen“ (35), zuhause in seinem „Lehnstuhl regiertest Du die Welt“ (11).

Am deutlichsten wird die Herrschersymbolik und das durch sie dargestellte Verhältnis Kafkas zu seinem Vater wohl bei der Beschreibung der Szene zu Tisch. Die Tischmanieren, welche ihm der Vater eher auferlegt als beibringt, da er sich selbst nicht daran hält, sind für Kafka willkürliche Regeln, die er als „Sklave“ zu befolgen hat:

„Dadurch wurde die Welt für mich in drei Teile geteilt, in einen, wo ich, der Sklave, lebte, unter den Gesetzen, die nur für mich erfunden waren und denen ich überdies, ich wußte nicht warum, niemals völlig entsprechen konnte, dann in eine zweite Welt, die unendlich von meiner entfernt war, in der Du lebtest, beschäftigt mit der Regierung, mit dem Ausgeben der Befehle und mit dem Ärger wegen deren Nichtbefolgung, und schließlich in eine dritte Welt, wo die übrigen Leute glücklich und frei von Befehlen und Gehorchen lebten.“ (15)

Während die symbolreiche Ausdrucksweise Kafkas ein greifbares Bild dessen wiedergibt, wie er selbst die Beziehung zu seinem Vater sieht, betont der sachlich-juristisch geprägte Stil die Zielstrebigkeit und durchdachte Konstruktion des Briefes, und macht sie letztendlich auch aus.

„Buchstäblich jedem Absatz ist die Anstrengung anzumerken, wenn nicht objektiv, so doch zumindest gerecht zu bleiben. Der sachliche Stil vor allem, in dem hier von seelischen Verwüstungen gesprochen wird, ein Stil, der trotz aller Bildkraft auf expressive Gesten verzichtet, ist Ausdruck äußerster Anspannung.“[8]

So zeigt sich Kafka im gesamten Brief bemüht, diesen nicht wie eine einzige Anklage des Vaters wirken zu lassen. Bei der ersten Erwähnung der Schuld an dem gestörten Verhältnis zwischen ihm und dem Vater, welcher die abweisende Art seines Sohnes als Grund für ebendiese Störung sieht, sich selbst aber für schuldfrei hält, schreibt Kafka: „Diese Deine übliche Darstellung halte ich nur soweit für richtig, daß auch ich glaube, Du seist gänzlich schuldlos an unserer Entfremdung.“ Bereits im folgenden Satz ergänzt er: „Aber ebenso gänzlich schuldlos bin auch ich.“ (6) Diese Widersprüchlichkeit[9] erschwert den Blick auf die Intention des Briefes, ist aber gleichzeitig ein Beweis dafür, dass eine Intention vorhanden ist; Sie zieht sich sich durch den gesamten Brief.

So gibt Kafka seinem Vater die Schuld für sein gesamtes Wesen, und damit auch für all sein Fehlverhalten dem Vater gegenüber, in dem er schreibt: „so wie ich bin, bin ich (von den Grundanlagen und der Einwirkung des Lebens natürlich abgesehen) das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit“ (17), relativiert dies aber bereits zwei Seiten später: „Wieder hüte ich mich zu behaupten, daß ich nur durch Dich so wurde; Du verstärktest nur, was war, aber Du verstärktest es sehr, weil Du eben mir gegenüber sehr mächtig warst und alle Macht dazu verwendetest.“ (19) (die hier erwähnte Macht ist wieder ein Beispiel für die oben erwähnte Herrschersymbolik).

Ebenso, wie Kafka auf der Seite der negativen Erfahrungen um Relativierung der Eindrücke bemüht scheint, lässt er auch die wenigen positiven Eindrücke nicht unkommentiert, oder formuliert sie derart, dass eine klare Zuordnung als „positive Vater-Sohn-Erfahrungen“ nicht möglich ist: „Übrigens haben auch solche freundliche Eindrücke auf die Dauer nichts anderes erzielt, als mein Schuldbewußtsein vergrößert und die Welt mir noch unverständlicher gemacht.“ (22) Widersprüchlich erscheint hierbei, dass Kafka ja durchaus den Mangel freundlicher Gesten seitens des Vaters beklagt – wenn er auch vorgibt, ihm dafür keinen Vorwurf zu machen – gleichzeitig aber solche Gesten, wenn sie schon einmal vorkommen, mißversteht, sie also zu akzeptieren nicht in der Lage zu sein scheint.

Entsprechend fragt er in der Mitte des Briefes: „...(leugne ich denn, daß Du mich lieb hast?)...“. Er schreibt also bewusst nicht: „Ich weiß ja, dass Du mich lieb hast“, sondern fragt den Vater, und wohl auch sich selbst, ob er dessen Liebe verleugnet, und setzt diese Frage zusätzlich noch in Klammern, was sie wie beiläufig eingeschoben wirken lässt. Dadurch entsteht eine Distanz zu den Gefühlen, welche wieder dem Bemühen um Objektivität verschuldet zu sein scheint.

[...]


[1] Müller-Seidel, Walter: „Franz Kafkas Brief an den Vater. Ein literarischer Text der Moderne“. Orbis Litterarum 42. Copenhagen: Munksgaard, 1987, S. 353-374, hier 355.

[2] Iris M. Bruce hierzu: „... Kafka's telling his friend Milena Jesenská not to forget that his letter is a ‚lawyer's letter‘: ‚And as you read it understand all the lawyer's tricks: it is a lawyer's letter. And at the same time never forget your great Nevertheless‘ (Letters to Milena 63) ... Perhaps it would be useful to consider the whole structure of the letter as an advocate's discourse tat employs the rhetorical tricks of a lawyer“. Iris M. Bruce „‚A Frosty Hall of Mirrors‘: Father knows Best in Franz Kafka and Nadine Gordimer“, in: Evolving Jewish Identities in German Culture. Borders and Crossings. Hrsg.: Linda E. Feldman, Diana Orendi. Westport: Praeger, 2000, S. 95-116, hier 99.

[3] Hermes, Roger im Nachwort zu: Franz Kafka, „Brief an den Vater – Originalfassung“. Frankfurt a. M.: Fischer, 20013, S. 70.

[4] Ebd., S. 71.

[5] Alt, Peter-André: „Franz Kafka – Der ewige Sohn. Eine Biographie“. München: C. H. Beck, 20082, S. 563.

[6] Kafka, Franz: „Brief an den Vater – Originalfassung“. Frankfurt a. M.: Fischer, 20013, S. 16. Die folgenden Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf ebendiese Ausgabe.

[7] Müller-Seidel, 363

[8] Stach, Reiner: „Kafka – Die Jahre der Erkenntnis“. Frankfurt/Main: Fischer, 2008, S. 326.

[9] Ob es sich tatsächlich um Widersprüche handelt, soll im zweiten Teil der Arbeit eingehender beleuchtet werden.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640753154
ISBN (Buch)
9783640753352
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161396
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
Gefühl Nichtigkeit“ Franz Kafkas Brief Vater

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