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Anthropologie, Naturzustand und die Begründung von Staatlichkeit im Leviathan Thomas Hobbes'

Seminararbeit 2007 11 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitende Gedanken

2 Anthropologische Grundannahmen: Zweckrationalismus, Konkurrenzsubjekt und Besitzindividualismus

3 Kritik

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitende Gedanken

Die politische Philosophie Thomas Hobbes´ stellt einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte politischer Ideen dar. Dominierte vor ihm der politische Aristotelismus, dessen Grundthese, der Mensch sei ein ζώον πολιτικόν, die nicht hinterfragte Prämisse des politischen Denkens des europäischen Mittelalters war.[1]

Gemäß dieser Prämisse wird das menschliche Leben von Natur aus politisch interpretiert. Das heißt, dass das Zusammenleben in politischen Gemeinschaften die grundlegende und im Menschen angelegte Form der Vergesellschaftung sei.[2]

Dementsprechend ist die grundlegende Frage der Politischen Philosophie nicht die nach dem Warum von Staatlichkeit gewesen, sondern immer nur die nach dem Wie.

Staatlichkeit[3] stellt für Aristoteles die Vorraussetzung für ein eudaimonisches Leben dar, da nur der geordnete Staat das Medium zur Erlangung des höchsten Gutes sein könne, welches in der Etablierung einer geordneten Gesellschaft und der Ermöglichung einer philosophischen Lebensweise bestehe. Folglich wurde in der Politischen Philosophie primär die Frage nach der besten Staatsform verhandelt. Die Frage nach der Legitimität von staatlicher Gewalt wurde so nicht gestellt.

Hobbes bricht mit dieser abendländischen Tradition, dass Staatlichkeit zu mehr dienlich sein könne, als zum bloßen Selbsterhalt des Menschen. Entscheidend weist er die Existenz eines höchsten Gutes (maximum bonum) zurück.[4]

Gleichzeitig konstruiert Hobbes einen vermeintlichen Naturzustand[5] des Menschen, welcher Gesellschaft zunächst als Ansammlung atomisierter miteinander in erbarmungsloser Konkurrenz stehender Individuen beschreibt.

Bemerkenswert daran ist zunächst, dass die vermeintliche Natürlichkeit staatlicher Gemeinschaften verworfen wird und sich damit die grundlegende Fragestellung Politischer Philosophie vom Wie hin zum Warum verschiebt. Hobbes selbst beantwortet diese Frage durch die hypothetische Konstruktion einer menschlichen Natur, aus der sich der zutiefst destruktive Naturzustand und in Konsequenz auch die durch Autorisierungs- bzw. Herrschaftsvertrag konstituierte Staatlichkeit deduziert.[6] Der Staat wird als menschliches Werk betrachtet und dementsprechend können die Maßstäbe zur Bewertung eben jenes Staates nur menschliche sein.[7]

Dieser Systematik folgend kann die Frage nach der Natur des Staates und seiner Funktionen nicht mehr von der Frage nach der Natur des Menschen getrennt werden.

Dementsprechend nimmt die Anthropologie in der Politischen Philosophie Thomas Hobbes´ einen zentralen Platz ein.[8]

2 Anthropologische Grundannahmen: Zweckrationalismus, Konkurrenz-subjekt und Besitzindividualismus

Welche Bedeutung Hobbes der Anthropologie selbst einräumte, zeigt sich unter anderem an der Unterteilung seines Leviathans, in dem er den ersten Teil ausschließlich dem Menschen, seiner Auffassungsgabe und der natürlichen Form seiner Vergesellschaftung widmet.

Hobbes bemüht sich die Handlungen des Menschen zu sezieren und sie auf ihre Ursachen, welche in der Wahrnehmung der Menschen liegen, zurückzuführen. Grundfigur der hobbesschen Anthropologie ist der Begriff der Bewegung. Menschliches Leben wird gleichgesetzt mit der Bewegung auf ein Ding zu oder von ihm weg. Ihre psychologischen Äquivalente sind dabei Begehren und Abneigung. Ohnehin geht Hobbes davon aus, dass jegliche menschliche Handlung nur dem Zwecke der Erlangung eines Gutes beziehungsweise der Verhinderung von unangenehmen Ereignissen dienen kann. Das grundlegende Bild des Menschen bei Hobbes ist das eines vom Streben nach Gütern getriebenen zweckrationalen Akteurs, der sich aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel bedient, um diese Ziele zu erreichen.[9] Das grundlegende Movens menschlicher Handlungen ist demnach die Befriedigung von Bedürfnissen, wobei sich aber diese Bedürfnisse nicht quantifizieren lassen, da es dem Menschen eigen sei, immer wieder neue Bedürfnisse zu entwickeln. Die Unstetigkeit der menschlichen Bedürfnisse verhindert einen dauerhaften Zustand der individuellen Befriedigung und damit auch ein Ende der ständigen Konkurrenzsituation im Naturzustand. Verschärft werden diese Konkurrenz und deren Permanenz durch die von Hobbes postulierte grundlegende Gleichheit der Menschen, welche dazu führt, dass ein verfügbares Gut immer von mehreren Menschen begehrt wird. Diese Gleichheit bezieht sich dabei sowohl auf die begehrten Güter als auch auf die Möglichkeiten, diese zu erlangen. So spricht Hobbes allen Menschen die grundsätzlichen gleichen intellektuellen und physischen Fähigkeiten zu. Selbst wenn es real Unterschiede geben sollte, so könne doch nicht davon ausgegangen werden, dass es einem Menschen aufgrund seiner natürlichen Ausstattung möglich wäre, sich dauerhaft über die anderen zu erheben.[10]

Eine weitere anthropologische Grundkonstante bei Hobbes ist der methodische Egoismus, den Hobbes als zentrales Motiv seiner Ausführungen hervorhebt. So der dominanteste Trieb des Menschen seine individuelle Reproduktion – schlicht das nackte Überleben. Aufgrund der permanenten und unmittelbaren Konkurrenz und der Unbeschränktheit der Mittel dieses Kampfes sei es geradezu ein natürliches Gesetz, dass nur die individuellen Interessen verfolgt werden dürften – bedeute doch ein Eingehen auf die Bedürfnisse anderer eine unzulässige Einschränkung der eigenen natürlichen Macht. Eine solche Einschränkung der eigenen Macht ist im Naturzustand widersinnig, würde sie doch die Konkurrenten übervorteilen.[11] Solidarität oder Altruismus sind – solange sie nicht aus egoistischem zweckrationalem Kalkül eingesetzt werden – nicht vernünftig im Sinne der eigenen Ambitionen. Ebenso kann Kooperation nur punktuell und ebenfalls aus egoistischem Eigeninteresse erfolgen. Gesellschaft ist in diesem Sinne nicht mehr als die Summe der Einzelnen in existenzieller Konkurrenz miteinander stehender Individuen.[12] Der methodische Egoismus Hobbes´ stellt damit radikal die Vorstellung von Gesellschaft infrage, in der kollektive Ziele verfolgt werden könnten. Zugespitzt beschreibt Hobbes die Vergesellschaftung des Menschen im Naturzustand als einen Krieg aller gegen alle (bellum omnium contra omnes), der sich am ehesten mit einem Wolfsrudel vergleichen lässt, in dem sich ständige Kämpfe um die Hegemonie abspielen (homo homini lupus).

[...]


[1] Siehe hierzu: Weber-Schäfer, Peter: Aristoteles, in: Maier, Hans / Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens. Von Plato bis Hobbes (Bd. 1), München 2001 S. 33 - 52

[2] So wie jedem Ding ein natürlicher Verwendungszweck innewohnt, so muss auch der Mensch an sich einen Zweck haben, einer spezifischen Bestimmung dienen. Laut Aristoteles kann dies nur das Leben in der politischen Gesellschaft sein, denn dies ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. (Anmerk. des Autors)

[3] Hier konkret das Leben in den poleis. (Anmerk. d. Autors)

[4] „Von allen Dingen muss angemerkt werden, dass das Glück des Erdenlebens durchaus nicht in einer ungestörten Seelenruhe besteht; denn es kann in ihr das letzte Ziel und höchste Gut, von dem die alten Sittenlehrer reden, gar nicht sein.“, vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan. Erster und Zweiter Teil. Übersetzt von Jacob Peter Mayer. Nachwort von Malte Disselhorst, Stuttgart 2005 S. 90

[5] Einen kritischen Überblick über das Naturrechtsdenken des Abendlandes gibt Ernst Bloch. Siehe: Bloch, Ernst: Naturrecht und menschliche Würde, Frankfurt a. M. 1972

[6] Über das Verhältnis von Naturrechtsdenken, politischem Aristotelismus und Kontraktualismus Wolfgang Kersting in: Kersting, Wolfgang: Die Politische Philosophie des Gesellschaftsvertrages, Darmstadt 1994, S. 1ff.

[7] Zum Verhältnis von Anthropologie und politischer Theorie: zur Lippe, Rudolf: Einige anthropologische Prämissen und ihre Konsequenzen in politischen Theorien, in: PVS (XXV/84, Sonderheft 15) S. 65 - 79

[8] Eine zusammenfassende Darstellung findet sich bei Bartuschat, siehe: Bartuschat, Wolfgang: Anthropologie und Politik bei Thomas Hobbes, in: Höffe, Otfried: Thomas Hobbes. Anthropologie und Staatsphilosophie, Freiburg (Schweiz) 1981 S. 19 - 38

[9] „Der Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und jeder Art von Macht stimmt den Menschen zum Streit, zur Feindschaft, und zum Kriege; denn dadurch, dass man seinen Mitbewerber tötet, überwindet und auf jede mögliche Art schwächt, bahnt sich der andere Mitbewerber den Weg zur Erreichung seiner eigenen Wünsche.“, vgl. Hobbes: Leviathan, S. 91

[10] „Die Natur hat die Menschen sowohl hinsichtlich der Körperkräfte wie der Geistesfähigkeiten untereinander gleichmäßig begabt; und wenngleich einige mehr Kraft oder Verstand als andere besitzen, so ist der hieraus entstehende Unterschied im ganzen betrachtet dennoch nicht so groß, dass der eine sich diesen oder jenen Vorteil versprechen könnte, welchen der andere nicht auch zu erhoffen berechtigt sei.“, vgl.: Hobbes: Leviathan, S. 112f.

[12] „Wer hierüber allerdings niemals nachgedacht hat, dem muß allerdings auffallen, dass die Natur die Menschen so ungesellig gemacht und sogar einen zu des anderen Mörder bestimmt habe (…)“, vgl. Hobbes, Leviathan, S. 116

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640745920
ISBN (Buch)
9783640746545
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161407
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Thomas Hobbes Naturzustand Gesellschaftsvertrag Anthropologie Politische Philosophie Kontraktualismus

Autor

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