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Deutsch als Zweitsprache

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb

Seminararbeit 2009 29 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung in die Thematik
1.1. Einleitender Gedanke und Themenbegründung
1.2. Zentrale Fragestellung und Themeneingrenzung
1.3. Aufbau der nachfolgenden Arbeit

II. Theoretische Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb
II.1 Begriffsbestimmung Zweitspracherwerb
II.2 Theorien zum Erwerb der Zweitsprache
II.2.1 Kontrastivhypothese
II.2.2 Identitätshypothese
II.2.3 Interlanguagehypothese
II.2.4 Interdependenzhypothese

III. Erwerbsprozess der Zweitsprache
III.1 Voraussetzungen des Erwerbsprozesses
III.1.1 Basale Fähigkeiten und Fertigkeiten
III.1.2 Hörvermögen und Hörverstehen
III.1.3 Lautwahrnehmung und phonologische Entwicklung
III.3 Inhalte des Erwerbsprozesses
III.3.1 Wortschatzerwerb
III.3.2 Syntaxerwerb
III.3.3 Kommunikative Fähigkeiten
III. 2 Einflussfaktoren des Erwerbsprozesses
III.2.1 Gesellschaftlich orientierte Faktoren
III.2.2 Individuell orientierte Faktoren

IV. Implikationen für die Förderung von Deutsch als Zweitsprache
IV. 1 Aspekte der dt. Sprache als potenzielle Hürde im Zweitspracherwerb
IV. 2 Inhaltliche Gestaltung der Sprachförderung
IV. 3 Pädagogische Prinzipien und Zielsetzung
IV. 4 Didaktisches und methodisches Vorgehen

V. Schlussbemerkungen und Bilanz
V. 1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen
V. 2 Persönliche Kommentierungen, kritische Stellungnahme und Konsequenzen für die Zukunft

Literaturverzeichnis

I. Einführung in die Thematik

Die Einleitung gibt einen kurzen Einblick in die nachfolgende Thematik, definiert die genaue Fragestellung und stellt die Grundstruktur der Arbeit dar.

I.1. Einleitender Gedanke und Themenbegründung

Deutschland ist nicht nur wegen seiner geografischen Lage, sondern vor allem wegen seiner Geschichte seit jeher ein Zentrum von Wanderungsbewegungen. Doch auch die Globalisierung und die damit einhergehende Diffusion kultureller Praktiken und Sprachen führen zu unserer heutigen zunehmenden multiethnischen Bevölkerungsstruktur. 2005 bringen Migrantinnen und Ausländerinnen bei einem Bevölkerungsanteil von lediglich 19 Prozent bereits 35 Prozent der Babys zur Welt (vgl. Vogel/ Vogel 2007). Folglich charakterisieren das Mit- und Nebeneinander sowie die Gleichzeitigkeit der Heterogenität die derzeitige Gesellschaft und das Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Pluralität bedeutet für eine Vielzahl von Mitbürgern unseres Landes ein Organisieren des Alltags und ein Zurechtfinden im gesellschaftlichen Leben mit individuellen oft sehr differierenden Migrationserfahrungen und Sprachunterschieden. Die Mehrsprachigkeit bekommt in diesem Kontext für Mitbürger in fremden Sprachgebieten eine essentielle und sogar immanent existenzielle Bedeutung.

Gerade die daraus resultierenden Unterschiede der Bildungsbeteiligung und Bildungschancen zwischen Kindern deutscher und nichtdeutscher Herkunft stehen seit einigen Jahren im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen und bildungspolitischer Maßnahmen. Ein zentrales Anliegen vieler Projekte und Programme zur Verbesserung der derzeitigen Lage ist deshalb die Sprachförderung von Kindern nichtdeutscher Herkunft. Das Ziel ist es den Kindern zu einer größtmöglichen multilingualen Sprachkompetenz zu verhelfen, um äquivalente Ausgangsbedingungen in Bezug auf das Bildungssystem zu generieren. Gerade Pädagogen haben die Aufgabe, nach flexiblen und praktikablen Lösungen Ausschau zu halten, die die sprachliche Förderung der Kinder nichtdeutscher Herkunft im Blickpunkt der pädagogischen Bestrebungen sehen.

Aus diesen Gründen sowie aus den Erfahrungen mit zweisprachig aufwachsenden Kindern im Rahmen der pädagogischen Tätigkeit der Autorin beschäftigt sich diese Arbeit im Folgenden mit der Thematik des Zweitspracherwerbs, diskutiert theoretische Ansätze und stellt einen Bezug zur praktischen Umsetzung in der pädagogischen Arbeit her.

I.2. Zentrale Fragestellung und Themeneingrenzung

Ausgangspunkt der Arbeit sind die theoretischen Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb, im Besonderen diverse Hypothesen zum Erwerb der Zweitsprache, den Erwerbsprozess beeinflussende Faktoren sowie konkrete Aspekte und Fördermöglichkeiten für Deutsch als Zweitsprache. In Bezug auf die zentrale Fragestellung werden anhand eines Praxistransfers die theoretischen Erkenntnisse erörtert.

I.3. Aufbau der nachfolgenden Arbeit

Der erste Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich mit den wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnissen zu dieser Thematik und erläutert in diesem Zusammenhang verschiedene Ansätze zum Zweitspracherwerb.

Im zweiten Abschnitt der Arbeit werden die Erkenntnisse zum Erwerbsprozess dargelegt und im Rahmen der Erwerbsvoraussetzungen, der Inhalte und der Einflussfaktoren näher erläutert.

Im dritten Abschnitt werden die Besonderheiten des Deutschen als Zweitsprache erörtert sowie Fördermöglichkeiten in Form methodischer und didaktischer Modelle vorgestellt und im pädagogischen Kontext diskutiert.

Der letzte Teil der Arbeit fasst die einzelnen Aspekte zusammen, legt die persönliche Meinung der Autorin dar und wagt eine Prognose für die Zukunft.

II. Theoretische Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb

Der theoretische Teil beschäftigt sich zunächst mit der Bestimmung einzelner Fachbegriffe und erörtert anschließend vier ausgewählte Theorien zum Zweitspracherwe rb.

II.1 Begriffsbestimmung Zweitspracherwerb

Die Begriffe „Mehrsprachigkeit“, „Zweisprachigkeit“ und „Bilingualismus“ werden in der Literatur oft mit differierenden Bedeutungen versehen und sind an sich überwiegend unklar definiert, da divergierende Kriterien für die Definitionen herangezogen werden.

Nach Gutmann (1977) wird mit „Bilingualismus“ im Gegensatz zur Zweisprachigkeit der frühe simultane Erwerb zweier äquivalenter Sprachen verstanden, da das Kind schon frühzeitig und kontinuierlich mit zwei Sprachen konfrontiert ist. Der Begriff „Zweisprachigkeit“ bezieht sich im Gegensatz dazu auf Menschen, die nach ihrer Erstsprache (Muttersprache) eine zweite Sprache erlernen. Bei der „Mehrsprachigkeit“ rückt dahingegen der Aspekt der Sprache im psychosozialen Umfeld in den Fokus (vgl. Frigerio Sayilir 2007).

Eine, nach Meinung der Autorin, evidentere Definition geben auf den Zweitspracherwerb bezogen Günther und Günther (2007). Zweitspracherwerb verstehen sie demzufolge als Sammelbegriff für jeden Spracherwerb, der sich simultan oder konsekutiv zum Erstspracherwerb vollzieht. Hierbei wird grundsätzlich zwischen dem ungesteuerten Zweitspracherwerb, bei dem die Sprache im Rahmen der Sozialisation erworben wird, und dem unterrichtsgesteuerten Fremdspracherwerb, bei dem die Sprache systematisch gelernt wird, unterschieden. Bei dem für diese Arbeit relevanten ungesteuerten Zweitspracherwerb werden die sprachlichen Kompetenzen im Gegensatz zur Fremdsprache vordergründig naturwüchsig, in der alltäglichen Kommunikation und ohne systematische Strukturen erworben und stehen dem Kind prinzipiell als zweites Medium der Kommunikation anhaltend zur Verfügung. Das Kind orientiert sich demnach am kommunikativen Erfolg im sozialen Kontext und nicht an der formalen Richtigkeit seiner sprachlichen Ausführungen. Die ungesteuerte Zweitsprache wird vorwiegend in einer Umgebung erworben, in der diese Sprache faktisch gesprochen wird.

II.2 Theorien zum Erwerb der Zweitsprache

Es gibt laut Hellrung (2006) ungefähre Schätzungen, nach denen in der Bundesrepublik Deutschland weit mehr als zehn Millionen Zweisprachige leben. Daraus resultiert, dass die zwei- oder mehrsprachige Sprachentwicklung eine vertraute Form des Spracherwerbs geworden ist (vgl. Hellrung 2006). Doch die Komplexität, die Allgemeingültigkeit und vor allem die zunehmende Heterogenität der Anforderungen an den Zweitspracherwerb erfordert eine strukturierte Untergliederung der komplexen theoretischen sowie praktischen Überlegungen. Da dieser umfassende Bereich anhand einer Theorie kaum diskutiert werden kann, sollen im Folgenden, die in der Literatur dominierenden Ansätze der Kontrastiv-, der Identitäts-, der Interlanguage- und der Interdependenzhypothese, erörtert und anschließend reflektiert werden.

II. 2.1 Kontrastivhypothese

Die um 1940 von Fries entwickelte Kontrastivhypothese wir in der Literatur auch oft als Transfer-Hypothese beschrieben. Der auf dem behavioristischen Modell eines „input - output“ Verhaltens basierende Ansatz stellt beide Sprachsysteme vergleichend gegenüber und geht davon aus, dass der Erwerb der Zweitsprache von der Struktur der Erstsprache determiniert ist (vgl. Eckhardt 2008). Umso differenter die Sprachstrukturen einer Sprache zur Muttersprache sind, desto schwerer ist es, diese als Zweitsprache zu erlernen.

„Die Kontrastivhypothese besagt, dass es anhand von Kontrastierungen bzw. Sprachvergleichen der Erst- und Zweitsprache möglich ist, Sprachstrukturen vorauszusagen und zu beschreiben, die in der Zweitsprache einfach bzw. schwere gelernt werden.“ (a.a.O. 2008; 22)

Dieser Transfer bekannter Strukturen aus der Muttersprache in die Zweitsprache kann zum einen in Form von Ähnlichkeiten positiv zum anderen in Form von Gegensätzen negativ sein. Beispiel für einen positiven Transfer: »Er wohnt in München. - He lives in Munich.« Die Wortstellung ist in beiden Sprachen identisch und führt daher zu einem positiven Transfer. Beispiel für einen negativen Transfer: »Er wohnt seit 1990 in München. - He lives in Munich since 1990.« Diese störende Einwirkung der verdrehten Wortstellung im Satz wird Interferenz genannt und kann den Zweitspracherwerb in hohem Maße retardieren (vgl. Müller et al. 2007). Formen von Interferenzen können im Bereich der Aussprache, der Grammatik, des Wortschatzes und des Sprachgebrauchs auftreten (vgl. Lewandowski in Günther/ Günther 2007). Folglich müssen in der Zweitsprache vor allem Sprachstrukturen erlernt werden, die sich von denen der Muttersprache unterscheiden.

Aufgrund eines infrage stellen der behavioristischen Grundannahme und des Anerkennens des Zweitspracherwerbs als einen aktiven Lernprozess geriet der kontrastive Ansatz in den 60er Jahren zunehmend in Kritik. Die bisherigen Annahmen, neue Erkenntnisse und die Reduktion des Zweitspracherwerbs auf die Imitation der Strukturen der Erstsprache konnten der Komplexität des Zweitspracherwerbs nicht mehr gerecht werden (vgl. Gass & Selinker in Eckhardt 2008). Besonders im Zentrum stand dabei, dass nicht ausschließlich Sprachstrukturunterschiede Lernschwierigkeiten hervorrufen, sondern auch das Fehlen dieser Kontraste zu Erwerbsschwierigkeiten führen können (vgl. Juhász in a.a.O. 2008). Als Reaktion auf diese Kritik kam es schließlich zur Entwicklung einer schwachen Variante der Kontrastivhypothese, in der es nach Bausch und Kaspar (1979) zwar weiterhin um Transfer- und Interferenzprozesse beim Zweitspracherwerb geht, die Perspektive allerdings nun auf die nachträgliche Erklärung beobachtbarer fehlerhafter Äußerungen und nicht auf die Vorhersage von Lernschwierigkeiten durch strukturelle Sprachunterschiede gerichtet ist (vgl. a.a.O. 2008).

II.2.2 Identitätshypothese

Die um 1960 von Corder entwickelte Identitätshypothese geht von der Theorie aus, dass die Strukturen der Erst- und Zweitsprache in analoger Weise erworben werden und der Spracherwerb somit identisch verläuft. Vor allem die Untersuchungen von Dulay und Burt sowie Krashen in den frühen 70er Jahren machten diese auch L1=L2 genannte Hypothese bekannt (vgl. Eckhardt 2008).

Ausgehend von Chomskys These, dass Spracherwerbsmechanismen (LAD = Language Acquisition Device) angeboren sind, erklären Vertreter dieses Ansatzes, dass der Zweitspracherwerb nach universalen kognitiven Prinzipien abläuft (vgl. Günther/ Günther 2007).

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Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640758340
ISBN (Buch)
9783640758395
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161472
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
1,0
Schlagworte
Zweitspracherwerb Zweitsprache Sprachförderung Sprachliche Bildung

Autor

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