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Landschaft. Entdeckung, Wahrnehmung und Wirkung

Essay 2010 48 Seiten

Ratgeber - Natur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung / Vorbemerkung

Die Entdeckung der Landschaft
Landschaft – eine kulturelle Erfindung?
Landschaft der Begriff
Küsten- und Meereslandschaften
Flusslandschaften
Waldlandschaften
Berg- / Gebirgslandschaften
Vom Landschaftsabbild zum Sinnbild
Park- und Gartenlandschaft – geordnete Landschaft
Landschaft und der Naturschutz
„Landschaft“ heute!

Die Wahrnehmung von Landschaft
Landschaft – nur eine Fiktion?
Landschaft
Bewusstes Erleben / Wahrnehmen
Sinnliche Wahrnehmung
Die vier Elemente
Licht (Feuer)
Formen und Linien (Erde)
Bewegungen (Wasser)
Geräusche (Luft)
Wo fängt Landschaft an?

Die Wirkung von Landschaft
Landschaft – hat eine Wirkung!
Landschaftliche Wirkung - ein Urinstinkt...
Vier Elemente – fünf Sinne
Licht – Form – Bewegung – Geräusche
Licht
Formen
Bewegungen
Geräusche
Nochmal die Sinne

Anhang
Quellen / Literaturverzeichnis…

Einleitung / Vorbemerkung

Das ist aber eine schöne Landschaft hier! Was macht Landschaft so schön? Ist es wirklich nur die uns umgebende Natur, spielen wir selbst in unserer Wahrnehmung eine Rolle? Wann oder wo fängt Landschaft an? Vielleicht wechselt sie nur ihre Facette: Von der Wohn zur Gartenlandschaft, von der Verkehrslandschaft zur Industrielandschaft. Am Wochenende hingegen suchen wir bewusst Erholung zum Beispiel in einer Natur- oder Wildnislandschaften…

Landschaften legten sich schon für Generationen von Menschen vor uns mächtig ins Zeug. Im Rhythmus der Jahreszeiten zeigen sie sich von ihren schönsten, schrillsten, beeindrucktesten, angsteinflößendsten, beruhigenden und kraftgebenden Seiten.

Dies machten sich Landschaftsmaler seit Mitte des 16. Jahrhunderts gefolgt von begeisterten Fotografen zu nutze. Landschaft bietet jedoch weit mehr als die zuvor erwähnte Fülle von Motiven.

Landschaft, zum einem als Lebensraum in dem wir uns alltäglich bewegen. Zum anderen als Ruhe- und Erholungs- oder auch Genesungsraum.

Landschaft – aus meiner ganz persönlichen Sicht gilt sie mir als Nahrungsergänzungsmittel für die Psyche, ebenso wie als Kalibrierung für meine Seele…

Die Entdeckung der Landschaft

Landschaft – eine kulturelle Erfindung?

Landschaft: Jäger und Sammler nutzten sie – unbewusst. Ackerbauern und Viehzüchter gestalten sie. In der Modernen wird sie verplant, verbaut und abgebaut bis hin zur Industrielandschaft. Landschaft als Erfindung des Menschen nur ein Ressourcenlager? Die Suche nach unberührter romantischer Landschaft – ein Widerspruch in sich selbst? Dennoch: was macht Landschaft aus, was unterscheidet sie von der uns umgebenden Natur? Wo fängt Landschaft überhaupt an?

Landschaft der Begriff

Zum ersten Mal taucht der Begriff „Landschaft“ im 11. Jahrhundert, im Hochmittelalter, auf. Die damalige Deutung des Begriffs hatte wenig mit ihrem heutigen Inhalt zu tun. Vielmehr bezog sich Landschaft in dieser Zeit auf die Bevölkerung des Landes, später auf den Adel sowie die Ritterschaft. Die Ständeversammlung galt als Versammlung der politischen Vertreter des Landes, welches einen politisch rechtlichen Raum abgrenzte.

Wie sich „Landschaft“ selbst unter dem Einfluss von Sonne, Kälte, Trockenheit oder Gewitterstürmen verändert, modelliert durch menschliche Nutzung angepasst und umgestaltet wird. So (ver)ändert sich auch die Sprache unter dem Einfluss und der kulturellen Prägung der Landschaftsbewohner. Ihre heutige Bedeutung findet „Landschaft“ nach dem Pflanzenökologen Professor Hansjörg Küster von der Universität Hannover im Frühling des Jahres 1336 in den französischen Südwestalpen, am Monte Ventoux. Dem Dichter Francesco Petarca erschloss sich mit dem Blick vom Gipfel des Berges nicht nur der Blick über die unter ihm liegende Provence. Er war der erste Mensch der über diesen Blick berichtet, der sich auf der einen Seite über das Rhóne-Tal und auf der anderen Seite bis zur Mittelmeerküste erstreckt. Gleichzeitig gilt dieser Augenblick auch als die Geburtsstunde des Alpinismus.

Das sich die Bedeutung von Landschaft zum Synonym für „schöne Natur“ wandelte, bedurfte einer grundlegenden Veränderung in der Wahrnehmung bzw. des Verhältnisses des Menschen zur ihm umgebenden Natur. Um schöne Natur als Landschaft zu erkennen, müssen wir die uns umgebende Natur frei von Zwängen, frei von ihrer Nutzung betrachten. Natur durchläuft in der menschlichen Wahrnehmung einen Wandel. Aus schöner Natur wird das ästhetische Objekt „Landschaft“.

Professor Küster beschreibt Petrarcas Erkenntnisprozess mit den Worten: Zu einer Landschaft gehört Sichtbares wie Unsichtbares, das man im Geiste hinzufügt. Diese Betrachtungsweise war neu und ungewohnt, nicht nur für die damalige Zeit. Eine Tatsache, die auch heute vielen Zeitgenossen schwer fällt, Natur frei von Nutzung und Zweck zu sehen, sie ihrer Eigenwillen ahrzunehmen/anzuerkennen.

Blicken wir zurück. Darstellungen landschaftlicher Motive aus frühen Kulturen sind zwar aus Mesopotamien oder dem alten Ägypten bekannt. Auch der Philosoph „Homer“ soll „als Blinder“ detailliert über die landschaftliche Schönheit seiner griechischen Heimat berichtet haben. Doch in unseren Breitengraden?

Während in unterschiedlichsten Höhlen steinzeitliche Wandmalereien von Tier- und Jagdszenen zu bewundern sind, blieben Funde von Landschaftsdarstellung bisher aus. Wie sich das Land nach den Eiszeiten unseren Vorfahren zeigte, lässt sich heute am ehesten in den nordischen Weiten Skandinaviens erfahren. Lange Gletscherzungen, die sich tief ins Land hineinziehen, breite weit verzweigte Flüsse. Baumlose Tundra überzog einst auch weite Teile unserer Regionen.

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Weite Gletscher reichten während der Kaltphasen (Eiszeiten) mit ihren Eisströmen bis weit in das Landesinnere hinein.

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Der Blick über das Flusstal vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Er verschafft dem Betrachter einen Überblick auf mögliche Feinde wie auch vorbeiziehende Nahrung.

Küsten- und Meereslandschaften

Bei der Überlegung, wie unsere Vorfahren ihre Lebensräume gesehen haben, kommen wir unweigerlich zum Blick auf Küsten und Meereslandschaften. Hier scheint sich einer der wenigen unveränderten Ausblicke auf die umliegende Erdgegend zu bieten. Während im Süden Deutschlands die Gletscher der Alpen in der Würm-Kaltzeit bis weit ins Alpenvorland reichten, bedeckten die Gletscherströme der skandinavischen Halbinsel im Verlauf der Weichsel-Kaltzeit das nord(ost)deutsche Tiefland. Die Eisrandlagen erreichten Hamburg und erstreckten sich über Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bis südlich von Berlin. Im Verlauf der Erwärmung zogen sich die Gletscher zurück so dass sich das Land zu heben begann. Nach und nach verschoben sich mit der Wasserzunahme aus den geschmolzenen Gletschern die Küstenlinien. Zwar bietet der Blick von der Küste auf Nord- und Ostsee heute noch an vielen Orten denselben Weitblick, während die Küstenlinien selbst, dem ständigen nagenden Einflüssen der Witterung unterliegen. Das lässt sich gut an der Entwicklung des Küstenverlaufs am Jadebusen westlich der Wesermündung erkennen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden aus Sandbänken kleine Inseln. Diese wurden durch die Brandung abgetragen und an anderer Stelle wieder angespült. So formte sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts die heutige Form des Jadebusens, bis diese durch feste Deiche vor der Brandung und Strömung der Nordsee gesichert wurde.

Aus der Zeit von König Philipp v. Makedonien (238-179 v. Chr.) existieren Berichte wonach der König während der Besteigung des Berges Hämus sowohl das Schwarze Meer als auch das Mittelmeer gesehen haben will. Die Berichterstattung bezieht sich auf die griechischen Thessalien, einer ländlichen Gegend in Mittelgriechenland. Luftlinie gute 550 Kilometer vom Bosporus, dem Eingang ins Schwarze Meer, entfernt. Es gilt als unwahrscheinlich, dass König Phillip beide Meere vom Gipfel des Hämus im Blick hatte. Deuten wir den Berg jedoch als Gebirge: Wikipedia leitet bei der Eingabe des Suchbegriffs „Hämus“ direkt weiter zum Balkangebirge. Ein etwa 600 km langes Gebirge, das sich zwischen Serbien und Bulgarien ausbreitet. Seine höchste Erhebung, der 2.376 Meter hohe Botew. Beide Meere liegen von hier aus ca. 200 Kilometer entfernt. Bei klarem Wetter wäre es daher denkbar, dass der König bei seinem Blick vom Gipfel von beiden Meeren berichtete. Belegt ist es jedoch nicht.

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Eiszeitliches Riff an der Steilküste in Holnis an der Flensburger Förde.

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Weitblick über die Ostsee von der Steilküste am Jasmund auf Rügen.

Flusslandschaften

Fließendes Wasser gilt in vielen Kulturen als die Wiege des Lebens. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Flüsse seit jeher eine zentrale Rolle in unserer Entwicklung spielen, praktisch wie mythisch. Je nach Größenordnung werden Fließgewässer von Amtswegen zwischen Gewässern I. bis III. Ordnung unterschieden, dazu kommen noch Bundeswasserstraßen.

Die großen Flüsse beispielsweise wie Donau, Rhein oder Elbe und Oder zählen zu den Stromgebieten. Sie nehmen all die größeren und kleineren Flüsse und Bäche auf und Münden in der Nord- bzw. Ostsee.

Die Gebirgsflüsse, insbesondere die nördlichen Alpenflüsse nehmen eine gesonderte Rolle ein. Sie transportieren den Verwitterungsschutt aus den Gebirgen Flussabwärts. So werden Felsbrocken in der Strömung durch reiben und schleifen nach und nach verkleinert.

Mir gefällt der Vergleich von Fließgewässern mit den Adern die unseren Körper mit lebensnotwendigem versorgen. Die großen Ströme (Donau, Elbe, Rhein) gleichen Hauptschlagadern. Flüsse Adern, Bäche und all die kleinen Gerinne durchziehen das Land wie die vielen kleinen Äderchen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass über 400.000 Kilometer Fließgewässer sich ihren Weg durch Deutschland bahnen.

Flüsse mit ihren Lebensräumen wirken belebend wie aktivierend auf uns. Fließgewässer, ganz gleich welcher Größenordnung, stehen ein für Lebendigkeit, wirken gestaltend, das ist an ihren Ufern gerade bei erhöhtem Wasserstand eindrucksvoll spürbar. Wasser gleichsam Symbol für Kreativität, aber auch Unberechenbarkeit. Unsere Seele kennt „noch“ den Wert frei fließenden Wassers für unsere tief verwurzelte innere Ganzheit. Sie mahnt praktisch das sinnliche erfahren von Lebendigkeit und Kreativität an.

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Blick von der Bastei auf die Elbe. Im Hintergrund die Plateauberge der Sächsischen Schweiz. Die Elbe zählt neben dem Rhein, der Donau und Oder zu den großen deutschen Flüssen.

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Aus den Bergen im Süden bahnen sich zwischen Bodensee und Salzach die Alpenflüsse Iller, Lech und Isar neben einigen anderen kleineren Flüssen und Bächen ihren Weg nach Norden der Donau entgegen.

Waldlandschaften

Um Christi Geburt berichten römische Geschichtsschreiber während ihren Eroberungszügen durch Germanien, das zu erobernde Land nördlich der Alpen, sei bedrohlich mit seinen schrecklichen dunklen Wäldern und weiten kalten Sümpfen: „Es gibt niemanden in diesem Germanien, der sagen könnte, er sei bis ans Ende jenes Waldes gekommen, auch wenn er 60 Tage zurückgelegt hätte, oder vernommen hätte wo er anfängt…“.

Wälder wurden über Jahrhunderte als vielseitiges Ressourcenlager genutzt. Auf den großen Strömen transportierten Flöße die unterschiedlichsten Waren, auch wenn in dieser Zeit das Holzfloß selbst die Ware war. Das Holz wurde in Werften an den Küsten zu Handels- und Kriegsschiffen verbaut. Ein solches Floß war durchschnittlich dreihundert Meter lang und fünfzig Meter breit, wog bis zu 17.000 Tonnen. Während einer solchen Fahrt flussabwärts, waren meist über 500 Arbeiter als Ruderer und Ankerknechte beschäftigt. In der Heimat, wurde das Holz der Bäume als Baumaterial genutzt; weiterverarbeitet zu Werkzeug, Haushaltsgeräten, in der Kunst wurden Musikinstrumente gefertigt oder Möbel gebaut. Die Früchte der unterschiedlichen Baumarten wurden ebenfalls verarbeitet: Obst und Trockenfrüchte, Saft, Most, Alkohol, Öl, Süßungsmittel, Therapeutika, Futtermaterial und vieles mehr wurde aus den Wäldern genutzt. Lange Zeit ließ sich ein Auskommen mit dem Naturwald arrangieren. Doch um dem drohenden Rohstoffmangel vorzubeugen, waren die Herrschaftshäuser bereits im 15. Jahrhundert daran interessiert den Wald nachhaltig am Leben zu (er)halten.

Die Wiederaufforstung führte zu den heutigen Forstkulturen und plantagen. Sie waren fortan ein lebendiges Lager für Rohstoffe wie Nahrungsmittel, ebenso eine ertragreiche Einnahmequelle, wie ein Ort der Jagd. Auf Flurkarten finden wir Landschaftsbezeichnungen an welchen sich schnell ableiten lässt wo wir auf Rohstofflager oder Reste alter Wälder stoßen. Heute gelten unsere Forsten und Wälder häufig als „das“ Symbol von Wildnis. Ganz gleich dabei ob in Berg- oder Flusslandschaften.

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Herbstlicher Buchenwald im Alpenvorland.

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Tiefblick aus dem Estergebirge auf das Murnauer Moos. Im Anschluss an die Eiszeit bildeten sich entlang der Alpen wie auch im Norden Deutschlands große Moorgebiete.

Berg- / Gebirgslandschaften

Wälder breiteten sich nicht nur im Flachland aus. Sie bedeckten ebenso die Mittelgebirge und reichten im alpinen Gelände bis in die Gipfelregionen auf 2.200 Meter Höhe. Aus den Hochlagen der Gebirge treten viele Flüsse oft durch schmale Schluchten ihren Weg ins Flachland und weiter zum Meer an. Von den Küsten im Norden bis zu den Alpen im Süden beherbergt unsere Heimat über dreißig Gebirge. Dazu kommen die unterschiedlichen Gebirgszüge welche wir als Alpen zusammenfassen. Berglandschaften, ob Mittelgebirge oder Alpin, zählten über Jahrhunderte zu den Armenhäusern der Landesherrn. Abgeschieden von den Zentren der Wirtschaft und städtischen Metropolen fristeten sie meist ein ärmliches Dasein. Erst als sich immer mehr Menschen in und um die stetig wachsenden Städte ansiedelten, sich vermehrt Krankheiten ausbreiteten, begab man sich auf die Suche nach Gegenden mit klarer sauberer Luft, ruhiger – langsamerer Umgebung. Luftkurorte mit Sanatorien siedelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den bis dahin abgeschiedenen Gebirgen an. Die Alpen als Gebirgslandschaft nehmen eine Sonderrolle ein. Lois Hechenblaikner dokumentiert den Wandel der Alpen in seinem Bildband „Hinter den Bergen“ unter anderem mit den Worten „vom Viehtrieb zum Skibetrieb“. Schnell haben Investoren erkannt, dass die ehemalige Maxime Ruhe und Abgeschiedenheit vielerorts nicht mehr ausreicht um Gäste zu binden. Die Erholungslandschaft wandelt sich mit den Wünschen und Ansprüchen der Urlauber. Die Befreiung aus der industriell geprägten Alltagswelt hat sich selbst zur Industrie etabliert und so ist die Reise aus der Konsumlandschaft in die ehemals abgelegene Gebirgs-/Berglandschaft selbst zur Ware geworden.

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Blick vom Großen Arber in die nebelgefüllten Täler des Bayerischen Waldes.

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In der Abendsonne zeichnen sich die Berggipfel westlich der Zugspitze am Horizont ab.

Vom Landschaftsabbild zum Sinnbild

Seit dem Mittelalter sammelten sich immer mehr Landbewohner in der Stadt. Sie suchten innerhalb der sicheren Stadtmauern ihr Auskommen. In dieser Zeit vollzieht sich ein weiterer Wandel in der Wahrnehmung. Die Kunst entdeckt die Abbildung von Raum und Land jenseits der Stadtmauern. In dem sich das Landschaftsabbild von religiösen Bildern löste, den ländlich-bäuerlichen Raum als Gegenpol zum städtischen Treiben darstelle, entwickelte sich eine neue eigene Stilrichtung der Malerei. Doch bleibt die Wahrnehmung dieser „schönen Natur“ der Landbevölkerung meist verborgen. Sie war mit den harten Lebensbedingungen jenseits der Stadtmauer gefordert. Hans Holbein (der Jüngere) zeigt in seiner Darstellung des Totentanz ebenfalls das beschwerliche Leben in Wald und Feld: »Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot.«

Bei der Abbildung der Landschaften ging es den Künstlern selten um die detailgetreue Nachbildung des Motivs (räumliche Tiefe, Perspektive, Gegenstände oder Topografie wurden hinzugefügt oder weggelassen). Häufig wurde lediglich eine Skizze oder grobe Struktur vor Ort angefertigt. Vollendet wurde das Werk zu Hause, ausgeschmückt und nach den Vorstellungen des Künstlers entsprechend dramatisiert, in der warmen trockenen Stube. Einigen Künstlern war das skizzenhafte Abbild jedoch zu ungenau. Sie experimentierten mit der Grundform der „camera obscura“, nutzen die Linse um das Spiegelbild als detailgetreue Skizze auf die Leinwand zu übertragen. Mit den Romantikern wandelte sich der Bezug nicht nur zum gemalten Bild. Die Landschaft selbst wurde zum prägenden Sinnbild auf der Suche nach der Ideallandschaft.

Zu einer Ideallandschaft gehörten nach dem Verständnis der Romantiker, natürliche Gegebenheiten wie Wasser, Felsen oder Bäume sowie die charakteristische Architektur der Region und dem Menschen selbst, als Staffage. Dabei spielten sinnbildliche Aspekte eine tragende Rolle:

- Ruinen stehen für eine Rückbesinnung zum Altertum.
- Flüsse symbolisieren den Strom des Lebens.
- Felsentore weisen den Durchgang von einem Dasein ins andere.
- Felsenabgründe beschwören die Gefahren des Lebens.
- Bäume stehen für Leben, Hoffnung, Erneuerung…

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ruinen stehen für eine Rückbesinnung zum Altertum.

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Flüsse symbolisieren den Strom des Lebens.

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Felsentore weisen den Durchgang von einem

Dasein ins andere.

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Felsenabgründe beschwören die Gefahren des Lebens.

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Bäume stehen für Leben, Hoffnung, Erneuerung...

Die „schöne Landschaft“ bzw. „das Schöne“ als Ideal. Wo gibt es diese Landschaften? Im Allgemeinen wird Sie als Schweiz oder als Schweizen bezeichnet. Die Idee: auf der Alm ist die Freiheit beheimatet. Dazu kam die Begeisterung, dass sich die Schweizer Eidgenossen bereits früh aus der Monarchie befreiten. Die Metapher war geboren, fortan gilt der Begriff der „Schweizer Landschaft“ als Synonym für landschaftliche Schönheit. Dies machte sich der schweizerische Tourismusverband zu Nutze und rief mit dem Bergsommer 2007 das Label „Schweiz pur“ mit einer Kombination von Natur und Authentizität ins Leben. Der Blick auf die Deutschlandkarte verrät uns, dass es auch bei uns schöne Landschaften gibt. Beispielsweise die fränkische, mecklenburgische, rheinhessische Schweiz. Oder wie mit dem Sinnbild der Ideallandschaft erläutert in der sächsischen Schweiz. Alleine in Deutschland gibt es über sechzig „schöne“ Landschaften mit dem Verweis auf die „Schweiz“.

Alexander von Humboldt definierte seiner Zeit Landschaft als den „Totaleindruck einer Erdgegend“. „Landschaft als Totalität aller Aspekte einer Region“. „Landschaft als die Summe aller Aspekte – natürlicher, kultureller, geologischer, biologischer ebenso wie künstlerischer Bedingungen“. Dabei betonte er die Bedeutung der menschlichen Wahrnehmung auf die Landschaft.

Auf diese Weise wirkt unsere Wahrnehmung auf den Charakter einer Landschaft. Überspitzt formuliert heißt das, dass der Umstand, dass wir unsere Umgebung wahrnehmen und sie interpretieren, macht aus unserer so genannten Umwelt eine Landschaft! Seine Definition zählt seit 1845 zu den eingängigsten Definitionen.

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Details

Seiten
48
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640805761
ISBN (Buch)
9783640805822
Dateigröße
10.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161473
Note
Schlagworte
Landschaft Landscape Wahrnehmung Wirkung Ästhetik Fotografie

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Titel: Landschaft. Entdeckung, Wahrnehmung und Wirkung