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Alphabetisierung in der Zweitsprache im Erwachsenenalter

Hausarbeit 2010 9 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

1 Einleitung

Im Folgenden soll das Problem des Analphabetismus im Erwachsenenalter allgemein und in Bezug auf Deutsch als Zweitsprache erläutert werden, sowie die Möglichkeiten der Alphabetisierung der ausländischen Erwachsenen im Rahmen des bundesweiten Programms der Integration für erwachsene MigrantInnen. Als Vorlage für diese Arbeit dienen Ergebnisse eines Projektseminars am Herder-Institut der Universität Leipzig unter der Leitung von Prof. Dr. Karen Schramm und Konzepte für die Alphabetisierung von Erwachsenen in der Zweitsprache Deutsch von Alexis Feldmeier.

2 Analphabetismus im Erwachsenenalter

Das Problem des Analphabetismus ist derzeit immer noch ein sehr strittiges Thema, vor allem wenn es um die Alphabetisierung in der Zweit-, bzw. Fremdsprache geht. Es kann dennoch festgestellt werden, dass unter einem Analphabeten eine erwachsene Person gemeint wird, bei der fehlende oder geringe Kenntnisse der Schriftsprache vorliegen (vgl. Hubertus & Nickel 2003, S. 719)1. Wie sieht es aber aus, wenn nicht in der Muttersprache sondern in einer Fremdsprache alphabetisiert werden soll, wie es bei ausländischen Lernern (MigrantInnen und Flüchtlingen) der Fall ist? Zunächst einmal werden solche Analphabeten in folgende Gruppen aufgeteilt:

- Primäre oder natürliche Analphabeten, die keine Schule besucht hatten und deshalb nicht nur keine Schrift- und Lesekenntnisse, sondern überhaupt keine dazugehörende Fähigkeiten besitzen, wie z. B. die Stifthaltung usw. Des Weiteren zeichnen sich solche Analphabeten durch geringe Sprachbewusstheit in ihrer eigenen Muttersprache aus, was die Alphabetisierungsarbeit sehr viel schwieriger macht (vgl. Feldmeier 2007, S. 18).
- Als funktionale Analphabeten werden Menschen bezeichnet, die „[...] aufgrund unzureichender Beherrschung der Schriftsprache und/oder aufgrund der Vermeidung schriftsprachlicher Eigenaktivität nicht in der Lage sind, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen“ (Döbert-Nauert 1985 zitiert nach Feldmeier 2007, S. 8). Solche Analphabeten haben in der Regel über einen längeren Zeitraum eine Schule besucht, die erworbenen schriftsprachlichen Kompetenzen in deren Muttersprache sind jedoch nicht ausreichend, um problemlos lesen und schreiben zu können (vgl. Feldmeier 2007, S. 18).
- Beim sekundären Analphabetismus haben die Betroffenen, trotz des Schulbesuchs ihre Kenntnisse über die Schriftsprache völlig oder zum Teil verlernt, indem sie die Schriftsprache über einen langen Zeitraum nicht benutzt haben. Sekundärer Analphabetismus ist ein Sonderfall des funktionalen Analphabetismus und tritt meistens dann auf, wenn die erwachsenen MigrantInnen keine Gelegenheit oder Nutzen haben, die vorhandenen Schriftsprachkenntnisse in ihrer Muttersprache im Ausland anzuwenden2.
- Beim Zweitschrifterwerb geht es um die Erwachsenen, die in ihrer Heimat mehrere Jahre Schulerfahrung sammeln konnten, aber in einem nicht-lateinischem Schriftsystem alphabetisiert sind. Solche Personen verfügen in der Regel über gute Deutschkenntnisse, können auf zahlreiche Lernstrategien zurückgreifen und machen große Fortschritte im Alphabetisierungsunterricht. In diesem Fall spricht man von einer „Umalphabetisierung“ (vgl. ebd., S. 19).

Die Ursachen des Analphabetismus sind je nach Herkunftsland und Form des Analphabetismus unterschiedlich und liegen meistens in Armut und unzureichenden sozialen Bedingungen. Der Analphabetismus betrifft alle Länder der Welt, sowohl Industrie-, als auch Entwicklungsländer, und kennzeichnet sich durch folgende Faktoren3:

- Ökonomische Armut: Entweder der Familie oder der Gesellschaft fehlen die finanziellen Mittel, um ihren Kindern oder ihren Gesellschaftsmitgliedern die Grundschulbildung zu ermöglichen.
- Pädagogische Armut wird vor allem als Ursache des funktionalen Analphabetismus betrachtet. Es fehlen beispielsweise pädagogische Konzepte, die das lebenslange Lernen der Schriftsprache fördern und die unterrichtende Institutionen dabei unterstützen, die Problematik des Analphabetismus zu überwinden.
- Sozialer Stand: Das Bewältigen von alltäglichen Situationen erfordert keine besonderen Schriftsprachkenntnisse aufgrund der Ausgrenzung der betroffenen Person von der Gesellschaft oder aber der gesamte soziale Stand der Gesellschaft setzt diese Kenntnisse nicht voraus.
- Kultureller Hintergrund: Die traditionelle Vorstellung in den meisten orientalischen Ländern, dass in erster Linie die Männer eine Bildung erhalten müssten, während die Frauen eher für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig sind. In diesem Fall werden die Frauen benachteiligt und gehören somit zu der Hauptzielgruppe in den internationalen Zielplänen der UNESCO gegen Analphabetismus.
- Politischer Hintergrund: Im Fall eines Krieges oder im Fall von ethnischen Minderheiten, deren Sprache/Mundart nicht in der Schule unterrichtet wird und langsam mehr oder weniger von der Gesellschaft ausgeschlossen wird.
- Sprachlicher Hintergrund: Es gibt Sprachen, die hauptsächlich mündlich tradiert wurden und kaum in schriftlicher Form existieren, wie beispielsweise kurdisch, bestimmte afrikanische Sprachen oder Dialekte.

Was die Herkunftsländer und Nationalitäten der Zielgruppe der Analphabeten in der Zweitsprache Deutsch angeht, sind bisher leider nur sehr wenige aktuelle Statistiken erstellt worden. So gibt Schramm (1996) eine ungefähre Abschätzung, die auf Statistiken über die in Deutschland lebenden Ausländer und auf den von der UNESCO herausgegebenen Statistiken zur Analphabetismusrate der jeweiligen Herkunftsländer für das Jahr 1990 basiert. Laut dieser Abschätzung, führt die Gruppe der türkischen Analphabeten mit großem Abstand, danach kommen die Analphabeten aus dem ehemaligen Jugoslawien, gefolgt von Iranern, Marokkanern, Griechen und Afghanen (Schramm 1996 zitiert nach Feldmeier 2004, S. 103). Zusätzlich zu diesen Daten werden noch die Daten vom Sprachverband4 angeführt, die die überwiegende Mehrheit der türkischen Analphabeten noch mal bestätigen. Bezüglich dieser Daten vom Sprachverband muss erwähnt werden, dass die von ihm finanzierten Sprachkurse ausschließlich für die Teilnehmer gedacht wurden, die aus der EU, sowie aus den ehemaligen Anwerbeländern Türkei, dem früheren Jugoslawien, Marokko und Tunesien und aus den ehemaligen DDR-Vertragsländern Angola, Mosambik und Vietnam stammten (vgl. Feldmeier 2004, S. 104).

Nach Feldmeier (2004) stellten in den letzten zwei bis drei Jahren die Kurden aus dem Irak zusammen mit den Kurden aus der Türkei die größte Analphabetengruppe dar, gefolgt von thailändischen Frauen, Marokkanern, sowie Griechen, Chinesen, Litauer, Roma und Menschen aus anderen Ländern. Feldmeier betont ausdrücklich die kurdische Mehrheit als die zu alphabetisierende Gruppe in Deutschland (vgl. ebd. S. 104).

Im folgenden Teil wird das vorläufige Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung vorgestellt.

3 Vorläufiges Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung (Feldmeier 2007)

Aufgabe der Integrationskurse mit Alphabetisierung ist, die Teilnehmenden innerhalb von 630 UE dem Ziel der funktionalen Alphabetisierung möglichst nah zu bringen und gleichzeitig grundlegende Deutschkenntnisse zu vermitteln.

Da sich diese Alphabetisierungskurse an die MigrantInnen richten, liegt deren Aufgabe zusätzlich daran, ein aktives Zusammenleben und Integration in der deutschen Gesellschaft zu ermöglichen. Des Weiteren sollen bei einer teilnehmerorientierten Vermittlung sprachlicher und schriftsprachlicher Kompetenzen auch soziale, sozio-kulturelle, interkulturelle und sozial­psychologische Ziele sowie der Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden.

3.1 Umfang und Struktur

Integrationskurse mit Alphabetisierung haben - ebenso wie die allgemeinen Integrationskurse - einen Umfang von 630 UE. Sie setzen sich aus dem (Schrift-) Sprachkursteil mit 600 UE (300 UE im Basis-Alpha-Kurs und 300 UE im Aufbau-Alpha­Kurs) und dem sich anschließenden Alpha-Orientierungskurs mit 30 UE zusammen. Im vorliegenden Konzept werden die Zielgruppen auf primäre und funktionale Analphabeten, sowie auf Zweitschrifterwerbsteilnehmer aufgeteilt, wobei alle Teilgruppen zusammen lernen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, die fortgeschrittenen Teilnehmer in ein höheres Modul einzustufen. Jedes Modul besteht jeweils aus 100 UE, es sind also jeweils 3 Module pro Kurs. Am Ende des Aufbau-Alpha-Kurses sollen die Teilnehmer möglichst nah an das Niveau A1 gebracht werden.

3.2 Teilnehmer

Die Teilnehmende an Alphabetisierungskursen zeichnen sich stark aus durch ihre Heterogenität bezüglich ihrer jeweiligen (schrift-)sprachlichen Kompetenzen. Die sprachlichen Kenntnisse variieren zwischen den Kenntnissen so genannter „absoluter Nullanfänger“, die z. B. ihren Namen nicht angeben können, bis zu den Kenntnissen von Teilnehmenden, die sich im so genannten „Gastarbeiter-Deutsch“ fließend mitteilen können. Kenntnisse über Grammatik liegen in der Regel nicht vor.

[...]


1 http://uni-leipzig.de/herder/projekte/alpha/index.htm

2 http://uni-leipzig. de/herder/proj ekte/alpha/index.htm

3 Vgl. ebd.

4 Der Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer (DfaA) finanzierte bis zum Jahr 2003 die meisten Alphabetisierungskurse in DaZ (Feldmeier 2004, S. 103).

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640750474
ISBN (Buch)
9783640751181
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161475
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1, 3
Schlagworte
Alphabetisierung Zweitsprache Erwachsenenalter Deutsch als Zweitsprache

Autor

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Titel: Alphabetisierung in der Zweitsprache im Erwachsenenalter