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Die Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu

Seminararbeit 2010 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorstellung Pierre Bourdieu

3 Der Begriff der Kapitalsorten nach Bourdieu
3.1 Ökonomisches Kapital
3.2 Kulturelles Kapital
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
3.2.3 Institutionalisiertes Kapital
3.3 Soziales Kapital
3.4 Symbolisches Kapital
3.5 Transformation und Zusammenspiel der Kapitalsorten

4 Fazit / Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Werk des Franzosen Pierre Bourdieu gilt als eines der Klassiker der Soziologie. Die soziologische Arbeit Bourdieus zeichnet sich dabei durch eine außergewöhnliche thematische Vielfalt aus, die aus der wissenschaftliche Strategie resultiert, das praxistheoretische Instrumentarium auf viele unterschiedliche soziale Felder anzuwenden, um den Erklärungsansatz durch die Konfrontation mit variierenden empirischen Bewährungsproben weiter zu entwickeln. Auf diese Art und Weise wurde Schritt für Schritt ein höheres Generalisierungsniveau erreicht. Dem entsprechend sind auch die soziologischen Interessen Bourdieus sehr breit gefächert (vgl. Florian 2006, S. 81). Eines seiner zahlreichen Forschungsfelder war hierbei die Untersuchung der Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Rehbein 2006, S.125). Die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu wird in der Rezeption häufig als Theorie sozialer Ungleichheit betrachtet. Als umfassende Theorie des Sozialen, als welche sie von Bourdieu durchaus gemeint ist, wird sie allerdings weitaus seltener wahrgenommen (vgl. Albrecht 2004,S.199). Gerade in Hinblick auf die bildungspolitische Debatte der letzten Jahre, die unter anderem dem so genannte PISA-Schock geschuldet war, stellt sich stets aufs Neue die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und schulischen und beruflichen Erfolgschancen. Auch die aktuelle politische Debatte um Sozialleistungen und nicht verfassungsgemäße Hartz-4-Sätze für Kinder (vgl. Knapp & Schubert 2010) wirft einmal mehr die Frage auf, wie Chancengleichheit in einer Gesellschaft gewährleistet werden soll. Soziale Ungleichheit beschreibt strukturiert verteilte, vorteilhafte und nachteilige Lebensbedingungen von Menschen, die ihnen aufgrund ihrer Position im gesellschaftlichen Beziehungsgefüge zukommen. Die Benachteiligung und die Begünstigung der Lebenschancen von Individuen oder Gruppen durch eine dauerhafte Einschränkung der Zugangschancen zu allgemein erstrebenswerten Gütern ist die Folge sozialer Ungleichheit (vgl. Burzan 2008, S. 105 f.)

Die vorliegende Arbeit soll eine Einsicht in das Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu geben. Nach einer kurzen Vorstellung von Pierre Bourdieu sollen die vier Kapitalsorten und ihre jeweiligen Zusammenhänge in den Mittelpunkt der Darstellung stehen. Im abschließenden Schlussteil soll folgender These nachgegangen werden: Mit der Theorie der Kapitalsorten nach Bourdieu ist soziale Ungleichheit auch heute noch erklärbar. Hierbei soll herausgestellt werden, welche Lehren und Konsequenzen wir angesichts unserer aktuellen gesellschaftlichen Probleme aus den bourdieuschen Kapitalsorten ziehen können.

2 Vorstellung Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu wurde 1930 als Sohn eines Landwirts und späteren Postbeamten in einem Dorf namens Denguin im Südwesten Frankreichs geboren. Da er in der Familie intellektuell gefördert wurde und seine schulischen Leistungen außerordentlich waren, schaffte er den Weg aus der Provinz und studierte, nach dem Besuch des Internats, an der prestigeträchtigen Hochschule École normale supérieure in Paris (vgl. Rehbein 2006, S.19 f.). Nach seinem Studium der Philosophie, welches er mit Auszeichnung beendete, verhinderte die Einberufung zum Militärdienst im Jahre 1955 zunächst einen weiteren akademischen Aufstieg. In seiner Militärzeit wurde er nach Algerien und damit zum damaligen Algerienkrieg geschickt, einer Auseinandersetzung zwischen algerischen Unabhängigkeitsbewegungen und der Kolonialmacht Frankreich (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S.2 ff.). Dort war er von den Schrecken des Krieges und der kolonialen Unterdrückung zutiefst entsetzt. Zunehmend wandte er sich von den Franzosen ab und den Algeriern zu. Die Abwendung vom französischen Milieu hin zur empirischen Beschäftigung mit dem Alltag der Menschen in Algerien war dabei vielleicht die entscheidende Wende in Bourdieus intellektueller Laufbahn. Mit der Absicht, die französischen Intellektuellen über das Land aufzuklären, schrieb er ein Werk über die Menschen und die Kultur Algeriens, welches am Ende seiner Militärzeit 1958 erschien (vgl. Rehbein 2006, S. 22 f.). Die Beschäftigung mit der algerischen Gesellschaft und die Ausbreitung des Kapitalismus, welche er in Algerien unmittelbar vor Augen geführt bekam, führte Bourdieu zur Soziologie (vgl. Rehbein 2006, S.25). Er blieb noch bis 1960 in Algerien, um als Assistent für Philosophie an der Universität in Algier zu arbeiten. Danach wechselte er nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Seine in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für sein 1972 erschienenes Werk Entwurf einer Theorie der Praxis. Sein wohl bekanntestes bekanntesten Buch Die feinen Unterschiede erschien 1979. Darin analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen und Schönheitsideale dazu benutzt werden, ein Klassenbewusstsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen wird aufgezeigt, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S.5 ff.). Zu Beginn der 1990er Jahre engagierte sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. Eine große Wirkung entfaltete das 1993 von ihm herausgegebene Buch Das Elend der Welt, welches zum größten Teil aus Interviews besteht, die Bourdieu mit der Absicht führte, den Einzelnen zu Wort kommen zu lassen, der durch den Arbeitsmarkt oder durch schulische Selektion ausgegrenzt wird. Dadurch wollte Bourdieu das gesellschaftliche positionsbedingte Elend sichtbar machen. 1993 rief er zur Gründung einer Internationalen der Intellektuellen auf, deren Ziel darin besteht, Prestige und Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte zu bündeln. Seine politischen Aktivitäten zielten darauf ab, eine Versammlung der Sozialstände in Europa einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozess kontrollieren und begleiten soll (vgl. Liebau 2008, S. 354 ff.). Parallel zu seiner Arbeit in der Wissenschaft hat sich Bourdieu politisch stets auf Seiten der Linken engagiert (vgl. Hartmann 2004, S. 85). Pierre Bourdieu starb am 23. Januar 2002 in Paris.

3 Der Begriff der Kapitalsorten nach Bourdieu

Der Begriff des Kapitals bezog sich von Beginn an auf den Bereich der Wirtschaft. Eine intensive Beschäftigung mit dem Kapitalbegriff begann erst mit der Ausdehnung des englischen Kapitalismus. Der schottische Philosoph und Ökonom David Hume dehnte den Begriff über den Bereich der Wirtschaft aus. Demnach umfasse der Terminus auch die Machtposition und sei daher als Befehlsgewalt über Arbeit und Güter zu definieren. Während Marx das Kapital in einer sozialen Beziehung situierte, erkannten Ökonomen, dass soziale Beziehungen auch die Funktion von Kapital haben können. Jean-Baptiste Say bezeichnete Fähigkeiten und Talente als Kapital, Friedrich List sprach von geistigem Kapital und Léon Walras fasste Menschen unter dem Begriff des Kapitals zusammen (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S.134).

Bourdieu verallgemeinert den ökonomischen Kapitalbegriff und löst ihn aus seinem rein wirtschaftswissenschaftlichen Kontext. Damit kritisiert und erweitert er ihn zugleich. Der Begriff reicht für ihn nicht aus, um sämtliche Erscheinungsformen von Arbeit zu erfassen, die im gesellschaftlichen Leben getauscht, akkumuliert und reproduziert werden, sowie Profit abwerfen können und somit relevante Größen für die Mechanismen und die Struktur der sozialen Welt darstellen, die bisher verschleiert geblieben sind (vgl. Bourdieu 2000, S. 217 f.). Nach Bourdieu ist es nur möglich, der Struktur und dem Funktionieren der gesellschaftlichen Welt gerecht zu werden, wenn man den Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungsformen betrachtet und nicht nur in der aus der Wirtschaftstheorie bekannten Form. Demnach reduziert der wirtschaftswissenschaftliche Begriff des Kapitals die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen profitmaximierenden Warenaustausch (vgl. Bourdieu 1992, S. 50). Bourdieu vertritt damit eine allgemeine Theorie ökonomischer Handlungen. Sämtliche Handlungen können demnach auf die Ebene des Ökonomischen gestellt werden. Nach diesem Verständnis ist der ökonomische Tausch nur eine besondere Form des Tausches unter vielen verschiedenen Handlungen. Damit lassen sich alle Beziehungen als Tauschbeziehungen darstellen. Diese Art und Weise der Betrachtung erlaubt es Bourdieu, auch soziale Ungleichheiten und Herrschaft von konstituierenden und reproduzierenden Mechanismen zu ermitteln, die außerhalb des ökonomischen Bereichs liegen (vgl. Schroeter 2003, S.121). Dadurch kann die Wirtschaftstheorie implizit alle Formen sozialen Austausches zu nichtökonomischen und uneigennützigen Beziehungen erklären. Denn wer den Begriff des Eigennutzes im engen wirtschaftswissenschaftlichen Sinne gebraucht, ist auch zur Verwendung des Komplementärbegriffs der Uneigennützigkeit gezwungen. Es ist nämlich nicht möglich, die Welt des Bourgeois mit seiner doppelten Buchführung zu erfinden und zu beschreiben, ohne demgegenüber die Vorstellung vom reinen, selbstlosen und vollkommenen Universum des Künstlers und Intellektuellen darzustellen (vgl. Bourdieu 1992, S. 51). Der erweiterte Kapitalbegriff von Bourdieu bezieht sich auf alle Entitäten, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen und eine Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position ermöglichen. Gelegentlich unterscheidet er auch objektives von einverleibtem Kapital, wobei dieses auch mit dem Begriff des Habitus gefasst werden kann (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S 134 f.). Laut Bourdieu ist Kapital die Energie der sozialen Physik. Es ist als gespeicherte und angesammelte Arbeit in materieller und immaterieller Form gegeben. Die Aneignung von Kapital durch einzelne Menschen oder Gruppen ist nach dem Verständnis von Bourdieu eine Aneignung von sozialer Energie. Demnach hat der einzelne Mensch wie auch verschiedene Gruppen durch akkumuliertes, vererbbares oder auf andere Weise übertragbares Kapital viele unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns (vgl. Fuchs-Heinritz & König 2005, S. 157). Jede Form von Tätigkeit kann dem Zuwachs von Kapital dienen und jede für soziales Handeln erforderliche Ressource kann als Kapital fungieren. Selbst das Erlernen der Muttersprache deutet Bourdieu als Akkumulation von Kapital. Daher wird Kapital für Bourdieu die Grundlage sozialen Handelns oder auch die notwendige Ressource für jede Art von Handeln (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 134). Mit dem Kapitalbegriff soll auf diese Weise die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschprozesse beschrieben werden, die dem ökonomischen Prinzip folgen, welches nach Bourdieu in der Suche nach Optimierung besteht. Dieses sehr weite Verständnis von Ökonomie und Kapital ermöglicht es Bourdieu, von einer Ökonomie der Praxis und der einzelnen Felder zu sprechen. In allen Feldern bilden sich am Nutzenkalkül orientierte Praktiken heraus, die nicht auf ökonomische Vorteile abzielen, wie das ökonomische Verständnis gesellschaftlicher Austauschprozesse unterstellt. Vielmehr ist die Ökonomie der Praktiken im Sinne von Bourdieu an die jeweiligen Felder angepasst. So kann es z. B. im Bereich der Literatur langfristig profitabel sein, auf ein großzügiges Vertragsangebot bei einem wenig angesehenen Verlag zu verzichten, um damit langfristig mehr Reputation anzusammeln (vgl. Barlösius 2004, S. 157 f.). Nach Bourdieu muss die allgemeine Wissenschaft von der ökonomischen Praxis in der Lage sein, auch alle die Praxisformen mit einzubeziehen, die zwar objektiv ökonomischen Charakter tragen, aber als solche im gesellschaftlichen Leben nicht erkannt werden. Daher soll die allgemeine ökonomische Praxiswissenschaft sich bemühen, sowohl das Kapital als auch den Profit in allen ihren Erscheinungsformen zu erfassen und die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Arten von Kapital gegenseitig ineinander transformiert werden (vgl. Bourdieu 1992, S. 52). Mit Hilfe des Konzepts der Kapitalakkumulation möchte Bourdieu das theoretische Problem der Erklärung von objektiver wie subjektiver Persistenz lösen. Demzufolge hat Kapital Überlebenstendenz, es kann sich selbst reproduzieren, Gewinne abwerfen und wachsen. Es sorgt dafür, dass nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist. Die zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Verteilungsstruktur der verschiedenen Kapitalarten entspricht der Struktur der gesellschaftlichen Welt. Somit wird eine Gesamtheit der innewohnenden Zwänge der Gesellschaft beschrieben, durch die das Funktionieren der sozialen Wirklichkeit bestimmt wird (vgl. Fröhlich 1994, S. 34 f.). Bei Bourdieus Theorie steht stets die soziale Ungleichheit und somit die ungleiche Verteilung von Macht im Fokus der Betrachtung. Hierbei sieht er das Kapital als eine Summe aus ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital. Darüber hinaus verwendet er teilweise den Begriff des Symbolischen Kapitals. Im Folgenden werden diese vier Kapitalarten in ihrem Bedeutungszusammenhang erklärt und in Beziehung zueinander gesetzt.

3.1 Ökonomisches Kapital

Bei der Definierung des Begriffs des ökonomischen Kapitals unterscheidet sich Bourdieu von der marxistischen Denktradition, die darunter lediglich das Eigentum an Produktionsmitteln sieht. Nach Bourdieu zählen alle Formen des materiellen Besitzes, die in Gesellschaften mit einem entwickelten Markt in und mittels Geld getauscht werden können zum ökonomischen Kapital (vgl. Fuchs-Heinritz & König 2005, S.161). Es ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts (vgl. Bourdieu 1992, S. 52). Ökonomisches Kapital ist also in erster Linie Reichtum, der zur Produktion weiteren Reichtums eingesetzt werden kann. Der ökonomischen Tradition nach bedarf die Nationalökonomie nur dieser Form von Kapital. Bourdieu konnte allerdings nachweisen, dass z. B. in kulturellen und intellektuellen Feldern für die Produktion auch kulturelles Kapital erforderlich ist (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S.137) Ökonomisches Kapital lässt sich in jede andere Kapitalsorte im Sinne von Bourdieu konvertieren, wenn auch unter Inkaufnahme von mehr oder weniger hohen Transformationskosten und unter bestimmten Voraussetzungen. Diese Konvertierbarkeit begründet den hohen Stellenwert des ökonomischen Kapitals unter den Kapitalsorten von Bourdieu, da es eine der konstitutiven Voraussetzungen für die Bildungen der anderen Kapitalsorten ist (vgl. Volkmann & Schimank 2006, S. 225 f.). Neben dieser auf unterschiedlicher Konvertierbarkeit der Kapitalsorten basierten Begründung des Primats des ökonomischen Kapitals lässt sich in Bourdieus Werk eine zweite Begründung ausmachen. Demnach dient ökonomisches Kapital als Grundvoraussetzung für die physische Existenzsicherung der Individuen in der modernen Gesellschaft. Hierbei geht es direkt um den Tauschwert des Geldes in Hinblick auf Güter und Dienstleistungen, also um ökonomische Tauschbeziehungen. Dies gilt nicht nur für Lohnabhängige in der Wirtschaft. Auch kulturellen Produzenten in Kunst oder Wissenschaft muss man nach Bourdieu die Gehälter bieten können, die zu ihrer produktiven Tätigkeit unerlässlich sind und zur individuellen Existenzsicherung beitragen (vgl. Volkmann & Schimank 2006, S. 226 f.). Bestimmte Güter und Dienstleistungen lassen sich zwar mit Hilfe von ökonomischem Kapital ohne Verzögerung und sekundäre Kosten erwerben. Demgegenüber gibt es aber auch solche, die nur aufgrund eines sozialen Beziehungs- oder Verpflichtungskapitals erworben werden können, die nur dann kurzfristig und zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden können, wenn sie bereits seit langem angeeignet, etabliert und lebendig gehalten worden sind (vgl. Bourdieu 1992, S.70). Erst die soziale Herkunft und die Laufbahn bestimmen die Fähigkeit, ökonomisches Kapital effizient und effektiv einzusetzen, auf die Marktkonjunktur reagieren zu können und mit der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung Schritt zu halten oder sie gar zu beeinflussen. Das ökonomische Kapital bestimmt somit zwar die vertikale Position, aber noch nicht die horizontale (vgl. Rehbein 2006, S.167). Bourdieu lässt keinen Zweifel daran, dass das ökonomische Kapital unter seinen Kapitalsorten einen großen Stellenwert hat, da es allen anderen zugrunde liegt. Andererseits lassen sich die anderen Kapitalarten nicht direkt auf das ökonomische Kapital zurückführen, weil sie dessen dominierende Rolle verschleiern oder zumindest minimieren wollen (vgl. Fuchs-Heinritz & König 2005, S.161). Nach Bourdieu ist es nur dann möglich, das Funktionieren des Kapitals in seiner Logik, die Kapitalumwandlungen und das sie bestimmende Gesetz der Kapitalerhaltung zu verstehen, wenn man zwei einseitige und einander entgegengesetzte Betrachtungsweisen bekämpft: Die eine ist der Ökonomismus, der alle Kapitalformen für letztlich auf ökonomisches Kapital reduzierbar hält und deshalb die spezifische Wirksamkeit der anderen Kapitalarten ignoriert; die andere ist der Semiologismus, der durch den Strukturalismus, den symbolischen Interaktionismus und die Ethnomethodologie vertreten wird. Der Semiologismus reduziert die sozialen Austauschbeziehungen auf Kommunikationsphänomene und ignoriert die brutale Tatsache der universellen Reduzierbarkeit auf die Ökonomie (vgl. Bourdieu 1992, S.71). Trotz der hohen Bedeutung hat sich Bourdieu mit dem ökonomischen Kapital kaum beschäftigt. Er rechtfertigte das mit der Überzeugung, sich um die vernachlässigten Bereiche des Sozialen kümmern zu müssen (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 137). Die ökonomischen Funktionsprinzipien interessierten ihn nicht im Detail, da er davon ausging, dass gesellschaftliche und politische Macht von subtileren, aber nicht minder wirksamen Mechanismen abhängt. Demnach garantiert für Bourdieu ökonomisches Kapital keine Machtposition. Erst in Verbindung mit anderen Kapitalformen kann jemand wirkliche Macht ausüben (vgl. Treibel 2006, S. 229). Eine gewisse Menge ökonomischen Kapitals ist zwar für jede soziale Position notwendig, aber man muss es auch in vielerlei Hinsicht einsetzen können. Wie schon gesagt, muss man zunächst den ökonomischen Markt kennen, um ökonomisches Kapital zu vermehren. Daraufhin muss man den Lebensstil und die Umgangsweisen einer sozialen Gruppe beherrschen, um von ihr akzeptiert zu werden. Schließlich muss sich der Lebensstil von dem anderer Gruppen positiv abheben. Diese Fähigkeiten sind Bestandteil des kulturellen Kapitals. Nur wenn kulturelles und ökonomisches Kapital einander entsprechen, kann man sie effizient einsetzen (vgl. Rehbein 2006, S.167). Was genau Bourdieu unter diesem Begriff des kulturellen Kapitals versteht, soll im nächsten Abschnitt erläutert werden.

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Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640767199
ISBN (Buch)
9783640767311
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161682
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
pierre bourdieu bourdieu kapitalsorten kapital

Autor

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Titel: Die Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu