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Empirical Social Choice

Verteilungssysteme in der Wohlfahrtsökonomik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Social Choice Theory
2.1 Historische Einordung und Überblick
2.2 Ein intuitiver Aggregationsansatz
2.3 Soziale Wohlfahrtsfunktion

3. Empirical Social Choice
3.1 Verteilungskonzepte
3.1.1 Rawlssches Äquitätsprinzip
3.1.2 Utilitarismus
3.2 Empirische Studie zur Sozialwahl
3.2.1 Problemstellung
3.2.2 Theoretische Fundierung
3.3 Ergebnisdarstellung
3.3.1 Problem 1 ohne Ordnungskenntnis - zeitlich
3.3.2 Problem 1 mit Ordnungskenntnis - zeitlich
3.3.3 Problem 2 ohne Ordnungskenntnis - zeitlich
3.3.4 Problem 2 mit Ordnungskenntnis - zeitlich
3.3.5 Problem 1 ohne Ordnungskenntnis - geographisch .
3.4 Diskussion im Thesenkontext in der Literatur

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Theorie der Sozialwahl als interdisziplinäres Wissenschaftsfeld zwischen Ökonomie, den Sozialwissenschaften und der Psychologie the- matisiert die kollektive Präferenzbildung. Im Bereich der Ökonomie werden dabei zumeist Verteilungsfragen diskutiert, theoretisch aufgearbeitet und praktischer Betrachtung in der Realität unterzogen. Letzteres bildet das Kerngebiet der Empirischen Sozialwahl, welche im Rahmen des Seminars thematischer Schwerpunkt von Laura Mahl und meiner Person war.

Aufbauend auf die in Gaertner (2006) vorgestellten Studien durch Yaari und Bar-Hillel (1984) und Gaertner und Jungeilges (2002) wird vor diesem Hintergrund betrachtet, welche Faktoren die individuelle wie kollektive Prä- ferenzbildung beeinflussen. Dabei steht eine Kategorisierung von sozialen nach Rawls (1971) Maximin-Prinzip zur Besserstellung der Schwächsten konstruierten und utilitaristischen Präferenztendenzen im Mittelpunkt. Ein Ziel besteht darin, Situationen und die diese begründenden Eigenschaften in ihrer Bedeutung für die Präferenzbildung zu analysieren und Schlüsse für die Ausgestaltung zum Beispiel von Entscheidungssituationen im po- litischen Prozess zu ziehen. Weiterhin werden anhand der Studienergeb- nisse Interpretationen angestellt, welche realen Faktoren für beobachtete Präferenzmuster konstitutiv sein können. Dahingehend wurden Betrach- tungen über die Zeit und hinsichtlich polit-ökonomischer Charakteristika mittels wiederholter Durchführung der Studien auch an verschiedenen Standorten vorgenommen.

Im ersten Abschnitt der Arbeit werden ganz allgemein zur Theorie der So- zialwahl der Entwicklungsprozess, die zentralen Fragestellungen und Pro- bleme sowie notwendige formale Anforderungen betrachtet. Anschließend wird eine Einführung in die Empirische Sozialwahl gegeben und im Vorgriff auf die Studienbetrachtung wichtige Begriffe erläutert. Der Kern der Arbeit gibt einen Einblick in die Arbeit von Gaertner und Jungeilges (2002) und bietet weiterführende Interpretationsansätze an. Diese werden in Zusam- menhang mit Thesen des Wissenschaftsfeldes aus der Literatur gestellt und diskutiert. Abschließend wird ein Überblick über die zentralen Ergeb- nisse gegeben.

2. Social Choice Theory

Der englische Terminus 'Social Choice Theory' (SCT) ist wortwörtlich als Sozialwahltheorie zu übersetzen. Allgemein ist darunter nach Sen (1999, S. 349) die Bildung einer gesellschaftlichen Haltung durch die diese Gesellschaft konstituierenden Individuen zu verstehen. Als zentrales und charakteristisches Motiv der Sozialwahltheorie formuliert er die Frage da- nach, wie es zur stichhaltigen Bildung einer aggregierten Gesellschafts- wertung unter Berücksichtigung der Vielfalt an individuellen Präferenzen, Sorgen und Umständen der verschiedenen Individuen innerhalb der Ge- sellschaft kommen kann. Gaertner (2006, S. 1) definiert die Theorie der Sozialwahl als Analyse kollektiver Entscheidungsbildung. Insofern das kollektive Urteil als Aggregat der Menge vielfältigster individueller Prä- ferenzen sich nicht als Summe derer manifestiert sondern Ergebnis kom- plexer Prozesse in Abhängigkeit von Annahmen, Zielvorgaben und ande- ren Kriterien darstellt, besteht auch in der Menge alternativer Ansätze brei- tes Angebot.

2.1 Historische Einordung und Überblick

Während zentrale Fragestellungen der SCT im Kontext von politischer Entscheidungsbildung und Staatsökonomie bereits die Denker der Antike wie Aristoteles in Griechenland und Kautilya in Indien beschäftigte, kam es nach Sen (1999, S. 352) erst in den 1780er Jahren zur Herausbildung einer auf Formalisierung begründeten systematischen Disziplin durch die Mathematiker J.C. Borda und Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, dem Marquis de Condorcet. Vor der Zeit entwickelten Sie Methoden und An- sätze zur Ausgestaltung gesellschaftlicher Willensbildung - der Bildung einer aggregierten Präferenzordnung auf Grundlage einer Menge individu- eller Interessen. Wie Karl Marx in seiner Rolle als Vorreiter der Deutschen Revolutionszeit war Condorcet im Rahmen der Französischen Revolution 50 Jahre zuvor Agitator für eine Besserstellung der breiten Gesellschaft und damit Handlungsakteur im kollektiven Interesse. Sen (1999, S. 352) fasst diese Verquickung der Geschichte wie folgt: "Problems of social choice, which were being addressed at the level of theory and analysis, did not wait, in this case, for a peacefully intellectual resolution." Die Defi- nition stabiler wie verbindlicher Strukturen im Kontext rationaler und demo- kratischer Gruppenentscheidungen wurde auch mit der Realisierung des Condorcet Paradoxons, der möglichen Inkonsistenz von Mehrheitsent- scheidungen, zu einem Hauptaugenmerk der SCT. Ein weiterer Schwer- punkt besteht im interpersonellen Nutzen- und Präferenzvergleich, der die Grundlage für die Präferenzaggregation bildet.

Erstmals konnte Bergson (1938) eine vollständige Soziale Wohlfahrts- funktion anbieten. Darauf aufbauend konnte Arrow (1963) mit dem Un- möglichkeitstheorem das Condorcet Paradoxon formal bestätigen. Seit- dem ist die Axiomatisierung von Charakteristiken zu einem gängigen Werkzeug geworden, um der semantischen Vielfalt auch in der formalen Umsetzung Rechnung zu tragen. Soziale Verteilungsfragen auf Grundlage philosophischer Erörterung wie durch Rawls (1971) bringen die Bedeutung des interdisziplinären Diskurses zum Ausdruck. Die Theorie der Sozial- wahl bietet der Politik alternative Verteilungskonzepte an, welche im poli- tischen Prozess zu diskutieren und konsensual zu verankern sind.

2.2 Ein intuitiver Aggregationsansatz

Neben einer groben Vorstellung zur Einordnung der Theorie der Sozialen Wahl wird vor allem zweierlei augenscheinlich: Zum einen ist das Wissen- schaftsfeld unter dieser Bezeichnung selbst nach interdisziplinärer Kon- zeption sehr breit angelegt und zum anderen stark perspektivisch belastet ist. Sen (1977, S. 53) thematisiert diese Vieldeutigkeit interpersoneller Aggregation hinsichtlich dreier Problemfelder: (i) Eine Versammlung ent- scheidet zwischen einer gegebenen Menge von Alternativen hinsichtlich dem relativen Wert der potenziellen Realisation, welche durch die Mitglie- der uneinheitlich eingeschätzt wird. (ii) Eine einzelne Person nimmt die Bewertung einer Veränderung anhand deren Implikationen für die Gesell- schaft vor. Gewinne und Verluste durch die Veränderung für einzelne Mit- glieder der Gesellschaft werden zum Wohle dieser akzeptiert. (iii) Norma- tiv begründete Kennzahlen bilden die Grundlage für eine wertfundierte Entscheidung, die ein realisierbares Resultat interpersoneller Abwägung darstellt. Vordringlich ist die systemische Konzeption, da eine jede Kenn- zahl durch eine spezifische Wertauffassung begründet ist.

2.3 Soziale Wohlfahrtsfunktion

Eine Soziale Wohlfahrtsfunktion wird allgemein als Rangordnung vorstell- barer sozialer Zustände beschrieben. Vereinfachend kann eine Analogie zur Aussagekraft von Indifferenzkurven gezogen werden, jedoch stellen diese nicht individuelle sondern die kollektive Präferenz einer Gesellschaft dar. Problematisch gilt die Aggregation individueller Präferenzen zu einer kollektiven Präferenzordnung: Erstmalig konnte Bergson (1938) eine voll- ständige Vorlage für eine Soziale Wohlfahrtsfunktion geben, welche unter Berücksichtigung der Pareto Effizienz durch Samuelson (1947) den inter- personellen Vergleich von Nutzen ermöglicht. Während dieses Konzept zur Implikation der Pareto Effizienz auf kardinale Nutzenfunktionen rekur- riert, verallgemeinert Arrow (1951) die sogenannte Bergson-Samuelson Soziale Wohlfahrtsfunktion und ermöglicht die Bildung einer kollektiven Rangordnung sozialer Zustände auf Grundlage einer Menge individueller Rangordnungen in Form von ordinalen Nutzenfunktionen.

3. Empirical Social Choice

Als Empirische Sozialwahl wird in der Sozialwahlforschung die Betrach- tung individueller Verteilungspräferenzen verstanden. Analog zur Sozialen Wohlfahrtsfunktion konstituiert sich die konsensual gesellschaftlich eta- blierte Verteilungspräferenz als Aggregat individueller Verteilungspräfe- renzen, welche nur einzeln beobachtet werden können und folgend einer besonderen Schwierigkeit unterliegen. Die gesellschaftlich etablierte Ver- teilungskonzeption wird durch einen abstrakten Gesellschaftsvertrag cha- rakterisiert, welche in demokratischen Staatssystemen das Ergebnis eines zumeist evolutionären politischen Prozesses darstellt.

Weiterhin stellt die Diskrepanz zwischen praktischer Präferenzbildung von eher unsystematischer Art und dem wissenschaftlich theoretischen Ver- ständnis, ein adäquates Verteilungsmuster aus der Menge alternativer Konzepte auf Grundlage spezifischer Kriterien auszuwählen und konse- quent in Anwendung zu bringen, ein weiteres Problem dar. Individuen nei- gen häufig dazu, einer ganzen Reihe von Motiven Rechnung tragen zu wollen. Würde man diese formalisieren, resultierte dies in komplexen Ziel- funktionen, deren Konstruktion und Optimierung einerseits schon der un- genügenden Praktikabilität wegen und weiterhin aufgrund unverhältnis- mäßiger Transaktionskosten fernab realistischer Praxis zu verorten ist. An- stelle bilden einzelne dominante Kriterien die Grundlage einer eher vagen und tendenziell affektiven Abschätzung. Es kann nicht von der Realisie- rung einer konsequent und rational optimierten Verteilungsstruktur.

Dies hat für die empirisch fundierte Sozialwahlforschung zur Folge, dass die Beobachtung individueller Verteilungspräferenzen in der Praxis nur in Form indirekter Beobachtung von Präferenzen anhand konstruierter Stu- dien erfolgen kann. Studienteilnehmer werden dabei mit einer möglichst klaren Verteilungssituation konfrontiert und haben unter gegebenen Alter- nativen die Wahl. Die angebotenen Antworten repräsentieren Verteilungs- lösungen verschiedener Konzepte der Theorie der Sozialwahl.

3.1 Verteilungskonzepte

Neben den weiter unten thematisierten Verteilungskonzepten nach Rawls (1971) und dem Utilitarismus als systematische und vollständige Vertei- lungsregeln stellen kooperative Verhandlungslösungen Alternativen dar, welche auf Konsensbildung innerhalb einer Gesellschaft abzielen und analog hinsichtlich verschiedener Kriterien optimieren. Die Verhandlungs- lösung nach Nash (1950) stellt dabei die Grundlage für eine ganze Reihe ähnlicher Ansätze dar. All diesen liegt neben anderen Axiomen die der mindestens schwachen Pareto-Optimalität zugrunde. Alternativ bildet die Egalitäre Lösung nach Kalai (1985) einen einfachen Ansatz ab. Obgleich alle kooperativen Verhandlungslösungen vor allem garantieren, dass Glei- che identische Ergebnisse aufgrund gleichwertiger Verhandlungsposi- tionen realisieren, bestehen maßgebliche Unterschiede in der Bedeutung der Stati quo respektive der Implikation erfolgloser Verhandlungen für die realisierte Verteilungslösung.

Die Unterscheidung zwischen kooperativen und nicht-kooperativen Verhandlungslösungen ist analog zur spieltheoretischen Unterscheidung darin konstituiert, ob die Akteure die Möglichkeit haben, Absprachen und bindende Verträge zur Beeinflussung der Verhandlungslösung zu eta- blieren oder diese Option aufgrund rationalen Verhaltens ausgeschlossen ist. Dem entgegen argumentiert Gauthier (1986) als Vertreter eines nicht- kooperativen Ansatzes, dass eben Kooperation die angewandte Lösung in Situationen darstellt, wo strategisch rationales Verhalten aufgrund von Externalitäten zu Ineffizienzen führt und eine Verhandlungslösung gleich der in perfektem Wettbewerb ermöglicht und sicherstellt.

Die Theorie der Sozialwahl gebraucht üblicherweise Nutzenwerte als Be- wertungsmaßstab, welche je nach Konzept verschiedene Skalenniveaus ausweisen. Obgleich Rawls seine Theorie nicht auf Nutzen begründet, kann dies ohne weiteres implementiert werden, um die Vergleichbarkeit mit dem Utilitarismus, welche gänzlich auf Nutzenwerte rekurriert, herzu- stellen. Im Folgenden sind ordinale Skalenniveaus zur Betrachtung aus- reichend, welche im Gegensatz zu kardinalen nur eine Rangordnung zu- lassen aber keine Aussage zu den Nutzendifferenzen erlauben.

3.1.1 Rawlssches Äquitätsprinzip

Rawls (1971) thematisiert in der Tradition von Hobbes, Locke, Rousseau und Kant einen Ansatz zur Etablierung eines Gesellschaftsvertrages, der auf die Besserstellung der Schwächsten (Maximin) zur Steigerung der ge- samtgesellschaftlichen Wohlfahrt fokussiert. Legitimation sucht Rawls nicht durch Verhandlungen zu erreichen sondern mit Hilfe einer Abstrak- tion: Der Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance) beschreibt die Um- stände einer fiktiven Situation zur Präferenzbildung. Die Originäre Position eines jeden Individuum als eigenschaftslose Durchschnittsperson einer Gesellschaft ohne Wissen um Fähigkeiten oder Stellung bildet den Kon- text der Präferenzbildung. Rawls (1971, S. 303) argumentiert, dass eine solche Situation eine kollektive Präferenz zur Minderung von Ungleichhei- ten provoziert, welche sich im Freiheitsprinzip, einem gleichen Anspruchs- katalog an Freiheit, der den Dritter unbeeinträchtigt lässt, dem Differenz- prinzip, der sozialen Umverteilung zur Besserstellung der Schwächsten, und im Prinzip der Chancengleichheit manifestiert.

Während Rawls das Leximin-Prinzip als Ansatz zur Förderung der Bega- bten zur Steigerung der Sozialen Wohlfahrt angeboten hat, soll im Folgen- den jedoch Maximin im Kontext der betrachteten Studien im Fokus liegen. Ein weiterer Fokus stellt die Rolle der Informationsstruktur dar. Darin sind situative und individuelle Charakteristika hinsichtlich der betroffenen Per- sonen und Personengruppen, Betroffenheit der eigenen Person, individu- elle Sozialisation und Sensibilität zu fassen.

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Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640754038
ISBN (Buch)
9783640753987
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161711
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Empirical Social Choice Verteilungssysteme Wohlfahrtsökonomik

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Titel: Empirical Social Choice