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Das junge Europa

Die Rolle der Förderung einer europäischen Identität an weiterführenden Schulen

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Bedeutung kollektiver Identitätsbildung für ein gemeinsames Europa

3. Die Rolle der Schule im Prozess der Identitätsbildung

4. Die aktuelle Bedeutung der Europaidee in weiterführenden Schulen

5. Zukunftschancen der europäischen Identität in weiterführenden Schulen
5.1 Herausforderungen
5.2 Erfolge

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Man könnte – zugespitzt – sagen: Europa lässt die Jugend kalt.“[1] Diesen Schluss zieht die Deutsche Shell AG im Jahre 2005 aus ihren Untersuchungen der Europavorstellungen Jugendlicher und junger Erwachsener. Ergebnisse wie diese lassen auch vor dem Hintergrund einer gemeinsamen supranationalen Politik, übergreifender Institutionen und einer einheitlichen Währung den Eindruck entstehen, dass die Idee einer kollektiven europäischen Identität längst noch nicht in jeder Gesellschaftsgruppe verankert ist. Es stellt sich daraufhin die Frage, inwiefern dem Ideal nach einer europäischen Gesellschaft, das nicht erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Raum steht[2], unter diesen Bedingungen überhaupt nachgekommen werden kann. Heranwachsende bilden nicht nur aktuell einen großen Anteil an der europäischen Bevölkerung, sie sind auch die jeweils nächste Generation von Europäern, die die Zukunft der Staatengemeinschaft bestimmen soll.

Um eine gemeinsame, nachhaltige und umfassende kollektive europäische Identität zu erreichen, muss die Bevölkerung diese als einen Teil ihrer eigenen Identität annehmen, verinnerlichen und letztendlich mitgestalten.[3] Um das zu erreichen, sollte die Europaidee durch verschiedene Impulse aktiv an die Menschen herangetragen und in die Identitätsbildung des einzelnen eingebunden werden.

Den Schwerpunkt ihrer Identitätsbildung erleben Kinder und Jugendliche in der Pubertät besonders intensiv. Der Einfluss, der sie in dieser Zeit erreicht, ist vielfältig und geht von verschiedenen Richtungen aus. Neben den neuen Medien wie Internet und Fernsehen sind es in der Regel immer noch das soziale Umfeld, bestehend aus Elternhaus, Freundeskreis und anderem, sowie die aktuell besuchte Bildungseinrichtung, die entscheidende Identifikationsangebote zur Verfügung stellen. Handeln Freunde und Verwandte wohl vorwiegend nach ihren eigenen Erfahrungen und den daraus resultierenden Vorstellungen, stellt die Schule eine regulierbare Institution dar, durch die nicht nur grundliegendes Wissen, sondern auch kulturelle Werte vermitteln werden sollen.[4] Als logische Konsequenz sollten Schulen im Idealfall also auch das von der Politik als besonders wichtig betonte Europabewusstsein in Form einer kollektiven Identität unterstützen und aktiv fördern, also über die Staatengrenzen hinweg ein europäisches Wertebild vermitteln, das junge Menschen als solches wahrnehmen und akzeptieren.

Während in der Grundschule Europa als Idee kaum thematisiert wird, erleben junge Erwachsene an Hochschule ihre innereuropäische Mobilität durch eigene Erfahrungen, sei es durch bilinguale Lehrveranstaltungen, Austauschprogramme oder der inzwischen durch die Bologna-Reform weitgehend vereinheitlichten Studienreform, seit der nationale Studienleistungen im europäischen Ausland anerkannt werden lassen können. Den Zwischenraum bilden die weiterführenden Schulen, die Jugendliche ab der fünften Klasse in Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiasten einstufen. Hier wird der Grundstein für die späteren beruflichen Vorstellungen gelegt, Stärken und Schwächen kristallisieren sich heraus und die eigene Person wird in einen politischen, geographischen, kulturellen und geschichtlichen Kontext eingeordnet. Angebote zur Identitätsbildung sind also gegeben, inwiefern diese jedoch eine europäische, etwa anstelle einer nationalen Identität fördern und damit dem offiziellen Ziel der Europäische Union beitragen, gilt es hingegen genauer zu untersuchen. Dazu ist es wichtig zu betrachten, welche reale Rolle die europäische Identität heute in weiterführenden Schulen überhaupt spielt und welche Gründe ihr diese Rolle haben zukommen lassen. Ein Blick auf Chancen und Hürden des Bildungssystems in dieser Hinsicht soll schließlich Möglichkeiten zur Stärkung dieser Position aufzeigen und nicht zuletzt auch Grenzen der weiterführenden Schulen in ihrer Förderung einer europäischen Identität markieren.

2. Die Bedeutung kollektiver Identitätsbildung für ein gemeinsames Europa

Die kollektive Identität steht in einem engen Verhältnis mit der individuellen Identität. Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann beschreibt dieses treffend mit der Aussage „Ein Ich wächst von außen nach innen“[5]. Dementsprechend nimmt ein Individuum Identitätsangebote von seinem Umfeld auf. Indem es zunächst ein Teil von ihm wird und sich später dieser Zugehörigkeit bewusst wird, macht sie diese wiederum zu einem Teil von sich selbst. Den Höhepunkt dieser Identifizierung mit dem Umfeld erreicht der einzelne durch die Erkenntnis, dass er selbst aktiv an der Gestaltung der Gemeinschaft teilnimmt. Die personale, individuelle Identität kann also nur durch seine Einordnung in eine Gemeinschaft entstehen, umgekehrt ergibt sich eine kollektive Identität nur aus dem, was die einzelnen dazu beitragen.[6]

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen über den Prozess der Identitätsbildung wird besonders deutlich, dass sich der Großteil der Europäer als solcher identifizieren muss, damit eine kollektive europäische Identität erreicht werden kann. Andernfalls wäre die gesamte Idee Europas ein künstliches Konstrukt, deren gemeinsame Institutionen zwar ein Gerüst aufbauen können, das aber nicht mit Leben gefüllt ist und sich somit nicht auf Dauer aufstellen kann. Aus diesem Grunde kam der kollektiven Identität durch die gesamte Geschichte hinweg stets eine große Bedeutung zu. Auf verschiedenen Ebenen gab sie gesellschaftlichen Gruppen Halt, Stabilität und infolge dessen Kohärenz und Stärke. Sie wurde von zahlreichen großen Denkern naturwissenschaftlich, philosophisch und psychologisch untersucht, wurde instrumentalisiert und missbraucht. Dieses Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten sozialen Gruppe kann religiöser, ideologischer oder geographischer Natur sein. Zumeist vermischen sich diese Faktoren jedoch miteinander, indem sie sich gegenseitig rechtfertigen, einer bestimmten Volksgruppe etwa körperliche oder geistige Überlegenheit zugesprochen wird.

In der Geschichte der kollektiven Identitäten in Europa kommt der geographischen Zugehörigkeit eine besonders starke Position zu, denn sie ist einer der ersten und offensichtlichsten Gemeinsamkeiten, die ein Individuum mit seinem größeren sozialen Umfeld teilt. Sie löste die religiöse Zugehörigkeit als vorherrschendes soziales Orientierungsmuster ab und manifestierte sich vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in verschiedenen Ausprägungen von Nationalgefühl, Patriotismus und Nationalismus. Die Kraft war über allen anderen Zuordnungsprinzipien, aus denen jeder einzelne seine Identität zusammensetzte, dasjenige, das die Menschen eines Staates untrennbar miteinander vereinte. Dieser kleinste gemeinsame Nenner hatte für die Politik zum Vorteil, dass nationale Unruhen und Aufstände zwischen einzelnen Gesellschaftsgruppen, aber auch gegen den Machtapparat des Staates für einen gewissen Zeitraum gestillt werden konnten. Stattdessen fand eine bewusste Abgrenzung nach außen, also gegenüber anderen Nationen statt. Dabei wurde die eigene Kultur in Form von Nationalsprache, Literatur und so fort gefördert, während äußere Einflüsse wenig Anerkennung erfuhren. Diese Verhärtung der einzelnen Nationalstaaten Europas, deren Komplexität an dieser Stelle nicht eingefangen werden kann, führte zu einer disjunktiven Haltung nach außen hin und legte in letzter Konsequenz den Grundstein für zwei verheerende Weltkriege. Nach diesen innereuropäischen Konflikten, die in den folgenden zwei Jahrhunderten die Menschheit erschütterten, gewann die Idee einer europäischen Gemeinschaft an Attraktivität. Nicht die nationale Zugehörigkeit sollte maßgeblich sein, sondern die gesamteuropäische. Die Wahrung des europäischen Friedens sollte zusammen mit innerer und äußerer Sicherheit als wichtigste Ziele der Gemeinschaft verfolgt werden, Anreize dazu waren nicht zuletzt die Schaffung gemeinsamer wirtschaftlicher Vorteile durch eine einheitliche Zollpolitik und weiteres. Die politische Konstitution der Europäischen Union, die heute aus 27 Mitgliederstaaten besteht, soll in ihrer Gestalt und in ihrem Handeln die idealen Voraussetzungen für eine europäische Gesellschaft schaffen, die sich als solche versteht.[7] Dabei gelangt das institutionelle Konzept der Gemeinschaft bereits in verschiedene Bereichen des Alltagslebens der EU-Bürger, vor allem durch eine einheitliche Währung, aber etwa auch durch gemeinsame Agrarpolitik und der damit verbundenen Preisgestaltung landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie einer vereinfachten Bürokratie bei innereuropäischen Auslandsreisen. Maßnahmen wie diese führen den Europäern die neue Gemeinschaft vor Augen und integrieren diese in ihre Lebensgestaltung.

Die europäische Gemeinschaft im heutigen Sinne nimmt dabei eine nahezu innovative Gestalt an. In der Geschichte lebte ein gesamteuropäisches Bewusstsein bisher vorwiegend innerhalb bestimmter Gesellschaftsschichten, einer begrenzten Elite, die durch Bildungsreisen, Wallfahrts-, Militär-, Diplomatenaktivitäten[8] verschiedene Facetten Europas erfahren konnte. Ein Großteil der europäischen Bevölkerung hatte zu diesen Zeiten keinen unmittelbaren Kontakt und häufig nicht einmal Kenntnisse oder eine realitätsnahe Vorstellung über Verhältnisse und Zusammenhänge auf dem Kontinent. Nachdem ein ‚Europagefühl‘ also in den vergangenen Jahrhunderten eher einem elitären Kreis vorbehalten wurde, soll es heute, konkret seit den 1950er Jahren für die gesamte Bevölkerung greifbar sein.[9]

3. Die Rolle der Schule im Prozess der Identitätsbildung

Identitätsbildung hat für den Menschen zum Ziel, ein klar definiertes Bild von sich selbst zu erhalten, das auch in einer heterogenen und sich wandelnden Umgebung als beständig erscheint[10]. Somit sollen Probleme und Herausforderungen erkannt und wahrgenommen werden können, ohne dass diese Selbstzweifel und Versagensangst hervorrufen. Hier sehen viele die Aufgabe der Schule. Junge Menschen sollen lernen, Herausforderungen als positiv zu sehen und durch sie nicht an sich selbst und den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln[11], denn nur so ist es möglich, Neugier und Kreativität zu entwickeln. Der Schule kommt in ihrer Beziehung zur Realität dabei die Rolle einer Versuchslandschaft zu[12]: Sie soll den Schülern eine Idee der Wirklichkeit vermitteln, soll aufzeigen, dass durch Leistung und Fleiß Erfolg erreicht werden kann und dass jedes Handeln Konsequenzen hat. Dies wird in Europa mit den bekannten Methoden symbolisiert, also einem Notensystem und einer regelmäßigen Lernkontrolle in Form von Tests, Referaten und Prüfungen. Hier sollen Schüler gewissermaßen erfahren, wie das Leben funktioniert. Dieser Lernprozess bringt im Idealfall eine Wertbildung mit sich, in der ein junger Mensch für sich lernt, welches Verhalten richtig oder falsch ist, welche Eigenschaften erstrebenswert sind und weiteres. Die Schule sollte dabei lebensbejahend und motivierend sein, sollte positive Erfahrungen mit Leistungsbereitschaft bieten, um Engagement und damit auch Selbstständigkeit zu fördern.[13] Auf diese Art und Weise wird die kulturelle Identität, die ein wichtiger Bestand des Selbstkonzepts ist, ausgebildet und klarer definiert.

Dieses kulturelle Element war seit jeher Teilaufgabe der Schulpädagogik und stets vor dem Hintergrund bestimmter gesellschaftlicher und politischer Bedingungen ideologisch eingefärbt. Das Schulsystem in all seinen Facetten ist also auch immer abhängig vom jeweiligen historischen Kontext. Während wohl in den ersten Klassen meist Grundlagen des Lesens und Schreibens vermittelt werden, ist die inhaltliche und formale Gestaltung vor allem der weiterführenden Schulen äußerst stark durch aktuelle Umstände geprägt.[14] Verschiedene Faktoren nehmen dabei Einfluss, so etwa der Stand der Wissenschaft, das Vorherrschen und die Popularität bestimmter Religionen und die jeweilige politische Situation. Sie bilden den Rahmen dafür, was in einer Gesellschaftsgruppe als richtig oder falsch, vermeidbar oder erstrebenswert gilt. Damit werden sie zur Norm und somit maßgeblich für das, was an die nächste Generation weitergegeben werden soll. Die Schule kann also als eine Art Spiegelbild kultureller Verhältnisse betrachtet werden.[15] Dies gilt nicht nur für äußerst signifikante Beispiele wie die Gleichstellung weiterführender Schulen in der Zeit des Nationalsozialismus. So unterscheidet sich die Gestaltung des Schulangebots im Spätmittelalter erheblich von der der Aufklärung, die sich wiederum deutlich gegen die der Romantik abgrenzen lässt. Je nachdem, welche technischen Errungenschaften, ideologischen Gesinnungen und sozial-politischen Bedingungen als aktuell erscheinen, gestaltet sich das Lehrprogamm in diesen kulturellen Epochen unterschiedlich.

Vor allem in Folge der innereuropäischen Konflikte und den Erfahrungen zweier Weltkriege haben sich für das späte zwanzigste und das frühe einundzwanzigste Jahrhundert in der westlichen Welt ebenfalls spezifische kulturelle Werte herausgebildet. Dazu zählt neben der Maxime des Friedens und des Demokratieideals vor allem Akzeptanz und Toleranz, ausgedrückt in dem Wahlspruch der Europäischen Union „In Vielfalt geeint“. Kulturelle, politische und andere Unterschiede zwischen den einzelnen Nationalstaaten Europas sollen nicht ignoriert oder gar geleugnet werden, sondern gemeinsam einen neuen Konsens finden. Sind dies die Werte und Normen, die zumindest in den Mitgliedstaaten der EU in der Allgemeinheit Geltung finden sollten, so stellt dies verschiedene Ansprüche an die Schulen. Es gilt für sie, Jugendlichen ein entsprechendes Verhältnis zwischen europäischer Bürgerschaft, nationalen Spezifika und lokalen Besonderheiten zu vermitteln, wie Schleicher und Weber treffend formulieren.[16] Die einzelnen der drei Aspekte sollten also in Balance gebracht und in einen Zusammenhang zueinander gestellt werden. War es also vorher durchaus vorgesehen, den Schwerpunkt vor allem auf nationale und regionale Ereignisse, Bedingungen und Persönlichkeiten zu legen, so tritt heute idealerweise eine dritte, europäische Komponente in das Kraftfeld. Um zu erreichen, dass die Heranwachsenden dabei einen Bezug zur europäischen Idee aufbauen, ist es notwendig, ihnen einen persönlichen Zugang zu ihr aufzuzeigen. Dazu müssen vor allem positive Erfahrungen mit der kulturellen Vielfalt Europas geboten und außerdem auf Vorteile, aber auch Herausforderungen verwiesen werden, die das gemeinsame Europa für den einzelnen persönlich haben kann. Anders kann die europäische Identität nicht in das eigene Selbstbild integriert werden, sondern bleibt ein fremdes Konzept, das wie eine mathematische Theorie zwar erklärt und verstanden, aber nicht zum Teil einer menschlichen Persönlichkeit werden kann. Jetzt, da also aktiv eine Identifizierung mit der europäischen Gemeinschaft gefördert werden soll, scheinen die pädagogischen Aktivitäten der Schule besonders bedeutend.

[...]


[1] Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000. Shell Jugendstudie. Band 1. S.329

[2] Wenning, Norbert: Die nationale Schule: öffentliche Erziehung im Nationalstaat. S. 168

[3] Schleicher, Klaus und Weber, Peter: Zeitgeschichte europäischer Bildung 1970-2000: Europa in den Schulen S. 5

[4] Melzer, Wolfgang und Sandfuchs, Uwe: Was Schule leistet: Funktionen und Aufgaben von Schule. S.39

[5] Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. S. 130

[6] Assmann 2007, S. 130

[7] Eisenberg, Johanna: Europäische Identität als Projekt: Innen- und Außenansichten. S. 8

[8] Schleicher und Weber 2002, S. 1

[9] Schleicher und Weber 2002, S. 2

[10] Grunder, Hans-Ulrich: Schule und Lebenswelt: Ein Studienbuch. S. 78

[11] Grunder 2001, S. 83

[12] Grunder 2001, S. 77

[13] Grunder 2001, S. 78

[14] Melzer und Sandfuchs 2001, S.6

[15] Maurer, Michael: Kulturgeschichte. S. 119

[16] Schleicher und Weber 2002, S. 6

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640751822
ISBN (Buch)
9783640752287
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161720
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
Europa Rolle Förderung Identität Schulen

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