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Leseprobe

Der Islam in der Ukraine

Der Zusammenbruch der Sowjet Union ließ viele Völker mit ihren Traditionen und Kulturen in der Ukraine und den postsowjetischen Ländern wieder erstehen. Viele kehrten zu dem Glauben ihrer Vorfahren und dem religiösen Bekenntnis zurück. Die Erlösung von der kommunistischen Ideologie und die allmähliche Demokratisierung aller Bereiche der privaten und öffentlichen Praxis in der Ukraine erleichterten zweifelsohne das geistliche und kulturelle Leben aller religiöser und kultureller Gemeinden, unter ihnen auch die der Muslime.

Eine häufig auch unter qualifizierten Spezialisten, Historikern und Wissenschaftlern vertretene Meinung lautet, dass für die Völker und einzelne ethnischen Gruppen, die das Territorium der Ukraine in dem Mittelalter bevölkerten und Vorfahren der heutigen Ukrainer waren, sei der Islam eine artfremde Religion. Manchmal werden die muslimischen Tataren auf der Krim hiervon ausgenommen.

Der große Teil der Bevölkerung der Ukraine weiß über die Geschichte des Islams in der Ukraine sehr wenig oder so gut wie gar nichts. Aber gleichzeitig existieren nicht viele Informationen und präzise Kenntnisse über die genaue Herkunft der Muslime, die zurzeit das Territorium der Ukraine bevölkern. Manche Historiker, Religions – und Kulturkenner behaupten, dass die Verbreitung des Islams auf dem Territorium der Ukraine aus der Zeit der Kriege mit der Goldenen Horde (der Eroberung der Ukraine durch die Mongole – Tataren im XIV Jahrhundert) in den Steppen der Ukraine stammt. Daher sollen die Tataren, die heute die größte muslimische Gruppe auf der Krim ausmachen, stammen.

Wie schon erwähnt, sind die historischen Quellen in dieser Hinsicht vielfältig beziehungsweise besteht wie oft eine kontroverse Auffassung, dass nämlich, bevor die Ukraine durch die Mongolen erobert und dadurch der Islam verbreitet wurde, die Muslime schon in der Ukraine ihre Wurzeln gehabt und manche Gebiete der Ukraine bevölkert hatten. Dies belegt die Tatsache, dass die Ukraine wegen ihrer geographischen Lage von den zwei Zivilisationen, der christlichen und islamischen, überlagert wurde und dass sie ein Feld, auf dem historisch zwei fremde oder feindliche Zivilisationen aufeinander prallten, sei.

Außerdem waren die Forschungen mehrerer Generationen aus verschiedenen Gründen hauptsächlich auf die Untersuchung des heidnischen Glaubens der mittelalterlichen Bevölkerung der Ukraine und des Prozesses des Eindringens und der Verbreitung des Christentums aus Byzanz auf das Territorium der Ukraine gerichtet. Dagegen wurde für die Untersuchung der Fragen und der Probleme, die mit den parallelen Prozessen der Verbreitung des Katholizismus und besonders des Islams und des Iduismus verbunden sind, geringere wissenschaftliche Arbeit geleistet. Davon zeugen Dutzende von wissenschaftlichen Werken, die im Zusammenhang mit den 1000 Jahren Christianisierung von Rusj veröffentlicht wurden.

In den vergangenen Jahrzehnten begann allmähliche Überwindung der Zeiten, in denen die historische Forschung „von oben“ diktiert wurde. Heute besteht der Bedarf, eine ausführliche und sorgfältige Erforschung dieser Themen im Kontext mit der Weltgeschichte beginnen zu lassen, weil der „islamische Faktor“ heutzutage einen großen Stellenwert im geistlichen, kulturellen, sozialen und politischen Leben der Völker und Staaten (hinsichtlich der Terroranschläge, Bürgerkriege, Missachtung der Menschenrechte usw.) erhalten hat.

Gleichzeitig zeugen die Intensivität des geistlichen, kulturellen und politischen Lebens und die statistischen Angaben darüber, dass es in der modernen Ukraine neben der Tataren zahlreiche andere ethnische Gruppen gibt, die sich im Rahmen der muslimischen historiko – kulturellen Traditionen entwickeln.

Die Präsidentschaftswahlen (2004) zeigten die ganze Komplexität der Aufstellung der politischen Kräfte in der postsowjetischen Ukraine und die Spaltung in der ukrainischen Gesellschaft. Im Kontext der geopolitischen Kräfte in der Ukraine und auf der Krim spielte der muslimische Religionsfaktor bis zur Gegenwart im Ganzen eine geringere Rolle im Kräftespiel der politischen Handlungen der Regierung. Diese politischen Handlungen in Form der Entscheidungen beschränkten sich lediglich auf die Bewahrung der Denkmäler und Sehenswürdigkeiten der islamischen Architektur auf der Krim, die mit der Periode der Herrschaft des Khane in der Krim verbunden ist. Der Prozess der Entstehung der Gemeinden auf der Krim verläuft ziemlich dynamisch. Das kann man den folgenden Angaben ablesen.

86 % des gesamten muslimischen religiösen Netzes der Ukraine bilden die Gemeinden auf der Krim. In der Periode von 1988 bis 1998 wurden auf der Krim 183 muslimische Gemeinden registriert und bis zum Anfang des Jahres 2003 stieg ihre Zahl auf 300. Im Jahr 2004 waren in der Ukraine bereits 445 muslimische Gemeinden, die einen eigenen Status angemeldet hatten.

In der Regel besteht die muslimische Gemeinde heute in einer Zusammenschließung von Menschen in eine Gruppe von 15 bis 50 Personen, in der es einen geistlichen Führer und seinen Vertreter gibt. Sie nehmen die Rolle geistlicher Autoritäten ein. Sie leiten die Durchführung der traditionellen Rituale.

Außer den Tataren leben noch andere Muslime auf der Krim wie Aserbaidschaner, die Tataren des Urals und andere ethnischen Gruppen. Sie bevölkern auch die anderen Gebiete der Ukraine, nicht nur die Krim, wie zum Beispiel die südlichen Gebiete Zaporozhskiy und Cherson, stellen dort aber nur eine Minorität dar.

Die Religion nahm immer einen wichtigen Platz in dem geistigen Leben der Gesellschaft jeder Nation ein. Für die moderne Ukraine ist das wissenschaftliche und politische überdenken der bisherigen Position und Rolle des Islams durch eine Reihe von Gründen bedingt: die radikalen Veränderungen in dem ideologischen und geistigen Leben der ukrainischen Gesellschaft, die Intensivierung der Wiedergeburt des Islams, den Prozess der Errichtung (und in manchen Regionen des Wiederaufbaus) und der Entwicklung der Moscheen als einer sozialen Institution.

In der heutigen modernen islamischen Welt finden sehr komplizierte Prozesse statt, die von Vorgängen der politischen, ökonomischen und sozialen Absonderung begleitet werden. Die islamische Welt orientiert sich an religiösen und kulturellen Quellen sowie an einer Philosophie der Ethik, sucht aber auch Lösungen in praktischen staatlichen Politik. An der Schwelle der Neuzeit dient das Konzept der „islamischen Einheit“ als Fundament für die zwei gegensätzlichen Strömungen in der öffentlichen Meinung – die „islamische Solidarität“ und der „islamische Nationalismus“. Die Ideologen des „islamischen Nationalismus“ setzen sich für die Sonderstellung der religiösen Gemeinschaft und ihrer Separation in einem selbstständigen politischen Gebilde ein. Die Anhänger der „islamischen Solidarität“ appellieren an alle Muslime.

Die Realisierung des „idealen“ Modells einer muslimischen Gesellschaft spiegelt in der bürgerlichen Praxis die Differenz zwischen dem System der islamischen Werte und der profanen Orientierung der Gesellschaft. Das Problem wird für die Regionen der Ukraine aktuell, in denen der Islam wieder auflebt.

Während die Ukraine als Feld für einen verdeckten Kampf um Einfluss zwischen Russland und dem Westen dient, bereitet sich auf ihrem Territorium ein neuer Spieler vor – die islamische Welt. Trotz ihrer heutigen national – staatlichen Absonderung zeigt diese immer mehr Merkmale zunehmender Konsolidierung und geopolitischer Aktivitäten. Trotzdem verharren die ukrainischen Staatsmänner weiter dabei, nur zwei Varianten der politischen Positionierung für die Ukraine – die prorussische und proeuropäische – zu diskutieren.

In Europa gewinnt der ethnische und religiöse Einfluss des Islams rasch zu. Bereits heute bilden in vielen europäischen Staaten die Muslime eine schnellwachsende Gemeinschaft. Manche alte christliche Kirchen werden zu Moscheen umgebaut oder neue errichtet. Manche aus Europa stammende Bürger bekennen sich zum Islam. Die Demographen sprechen von einer islamischen „Besetzung“ Europas in den nächsten 50 Jahren.

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Details

Seiten
7
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640778935
Dateigröße
340 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161881
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Islam Ukraine

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Titel: Der Islam in der Ukraine