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Die Beziehung von Bürgertum und Kunst in Thomas Mann 'Tonio Kröger'

Hausarbeit 2009 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Struktur der Novelle

3. Symbolisierung und Problematisierung von Bürgertum und Künstlertum
3.1 Bodenständiger Norden
3.2 Kreativer Süden
3.3. „Erkenntnisekel“

4. Dekadenz und Melancholie
4.1 Aspekte einer dekadenten Entwicklung
4.2 Kunst und Psyche

5. Erneuertes Kunstkonzept als vermeintliche Lösung seines Konflikts?
5.1 Rückkehr in den Norden
5.2 Innerer Wandel als realistische Selbstrezeption?

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Auffassungen über das Bürgertum und Künstlertum unterscheiden sich im gesellschaftlichen Diskurs stark voneinander. Doch die Problematik, die diesen beiden Begriffen und deren Verhältnis zueinander unterliegt, ist weitgehender, als es triviale Auffassungen vermuten lassen. Thomas Mann verarbeitet dieses Sujet in seiner Novelle „Tonio Kröger“[1], in welcher sein Titelheld, eingenommen zwischen den Sphären Bürgerlichkeit und Kunst, mit verschiedenen Affekten, Einstellungen und Reaktionen mit dieser Problematik umzugehen versucht. Der schiere Versuch, sich in der bürgerlichen Welt zu etablieren, scheitert, ebenso leidet er an der Perspektive des Künstlerischen auf das Leben, was für ihn das Bürgerliche darstellt. Hin- und hergerissen zwischen diesen Polen versucht er, sein eigenes, neues Konzept des „Künstlers“ zu entwickeln.

Doch hier stellt sich die Frage, ob dieses neue Konzept tragfähig sein wird und ob Tonio die Rolle eines Künstlers einnehmen können wird, der zwischen den beiden in ihm angelegten Polen zu moderieren verstehen lernt. Dies veranlasst zu der These, dass Tonio, wenngleich er einen vielschichtigen Prozess der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis vollzieht, diese grundlegende Spannung nie völlig auflösen können wird. Obschon er ein neues Künstlerkonzept entwickelt, bleiben seine alten Affekte und Neigungen erhalten. Die entscheidende Wandlung ist jedoch, dass er gelernt hat, diese Neigungen und Spannungen zu kanalisieren und sein künstlerisches Schaffen durch die bewusste Distanznahme vom Leben fortzuführen.

Im Folgenden sollen daher die Struktur der Novelle sowie die Darstellung der bürgerlichen und künstlerischen Welt und die daraus resultierenden Implikationen analysiert werden. Zudem wird die der Novelle zugrunde liegende Stimmung von Dekadenz und Melancholie beleuchtet werden, da diese relevant für die Motivik und entscheidend für den Kunstbegriff Tonios sind. In einem letzten Schritt werden die Rückkehr Tonios zu seinen bürgerlichen Wurzeln sowie die vermeintliche innere Wandlung, die der Protagonist erlebt, thematisiert.

2. Zur Struktur der Novelle

Mann macht sich eine bestimmte Struktur zunutze, die sich in insgesamt neun verschiedene Kapitel gliedert. Jeweils drei bzw. fünf Kapitel gruppieren sich um die Begegnung Krögers im Atelier seiner Freundin Lisaweta Iwanowna, welches als viertes Kapitel zwar inhaltlich, nicht aber numerisch eine Mittelstellung im Text einnimmt. In den ersten drei Kapiteln erscheint der Handlungsverlauf als relativ linear und expositiv, Tonio wächst auf und entdeckt seinen Hang zum Schreiben, die Familie zerbricht und seine Mutter verlässt ihn in Richtung Italien. „Die alte Familie der Kröger war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung geraten und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen“ (TK: 25), doch dieser Zerfall der Familie eröffnet Tonio die Möglichkeit, seine Schriftstellerei bewusst zu betreiben, da die alte Bindung an seine bürgerliche Herkunft zumindest räumlich durch das Verlassen seiner Heimatstadt durchbrochen wurde.

Bereits hier wird deutlich, dass Kunst und Bürgerlichkeit in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Doch dass diese Spannung sogar möglicherweise eine Ausschließlichkeit der jeweils anderen Sphäre markiert, wird erst in dem Gespräch Tonios mit Lisaweta im vierten Kapitel klar. Dieses Kapitel erscheint gewissermaßen als Peripetie nach den Krögerschen Jugendjahren und seiner Entwicklung hin zum schreibenden Künstler und dessen Ausschweifungen im privaten Bereich, die sich auf verschiedene Art und Weise zeigen: „Aber da sein Herz tot und ohne Liebe war, so geriet er in Abenteuer des Fleisches, stieg hinab in Wollust und heiße Schuld und litt unsäglich dabei“ (TK: 26).

In dem sich vor diesem Hintergrund entwickelnden Gespräch (wenngleich unklar bleibt, aus welchem konkreten Anlass sich Tonio zu Lisaweta begibt) thematisiert Tonio Bedenken in Bezug auf die Kunst und deren Verhältnis zum Leben. Obgleich er selbst ein Künstler ist, stellt er die Kunst zugleich infrage. Lisawetas „Urteilsspruch“ lautet, er sei „ein verirrter Bürger“ (TK: 41) und darum leide er an seiner eigenen Beziehung zu sich und seinen Mitmenschen bzw. dem künstlerischen Handwerk, das er betreibt. Es scheint ein in der Novelle nicht erwähnter Reflexionsprozess angestoßen worden zu sein, denn er entschließt sich, nach Dänemark zu reisen und auf dieser Reise zugleich seine Heimatstadt nach 13jähriger Abstinenz wieder zu besuchen.[2] Dies ist der eigentliche „dramatische“ Wendepunkt der Geschichte, resultierend aus der Feststellung, er sei „erledigt“ (TK: 41), was ihn dennoch nicht hindert, nochmals auf Reisen zu gehen.

Doch für Tonio wird die Reise in die Stadt, in welcher er aufgewachsen ist, keine Heimkehr in sein emotionales Zuhause, sondern entfremdet ihn noch weiter von seiner Herkunft. Kennzeichen hierfür ist die Umwandlung des ehemaligen Hauses seiner Familie zur gemeinen Volksbibliothek. „Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger, denn er fand, daß hier weder das Volk noch die Literatur etwas zu suchen hatten“ (TK: 48) und das Gespräch mit dem Polizisten und dem Hoteldirektor kurz vor seiner endgültigen Abreise (vgl. TK: 50-53). Als bürgerliche Person ist er den beiden völlig unbekannt, ausweisen kann er sich nicht, da er keine Papiere bei sich führt. Lediglich seine Korrektur einer Novelle, die er bei sich trägt, kann ihm helfen, von den beiden als Unschuldiger anerkannt zu werden. Diese Situation signalisiert, dass Tonio in zunehmendem Maße über das, was er schreibt, also seine Kunst, definiert wird, als Person den anderen aber noch weiter entfremdet.[3]

Im der Peripetie nachgeschobenen zweiten Teil der Novelle spiegelt sich auch die vermeintliche Begegnung mit Tonios Jugendlieben wider. Diese Dopplung „unter geänderten Vorzeichen“[4], da Tonio das dänische Pärchen fälschlicherweise für Hans und Inge hält, indiziert, dass sich Tonio keineswegs emotional von seiner bürgerlichen Seite loslösen konnte und er ist wiederum fasziniert von der Welt, in der die beiden leben, mit der er sich aber nicht identifizieren kann. Gleichsam mit dem Interesse an den beiden erinnert er sich auch an die Enttäuschungen seiner Jugendjahre (emotional und sozial), an seinen Liebeskummer aufgrund von Hans und Inge oder aber an seine Blamage beim Tanz, bei dem er eine Frauenrolle einnahm und zum Gespött der anderen wurde (vgl. TK: 21f; 69f.).

Wieder aufgegriffen wird auch die Rolle Magdalena Vermehrens, die Tonios Charakter ähnlich ist und offensichtlich den Kontakt zu ihm sucht (vgl. TK: 20). Doch auch diese avanciert eher zur traurigen Gestalt im vorletzten Kapitel, denn sie fällt wie auch im zweiten Kapitel beim Tanz hin. Einen entscheidenden Bruch mit der Parallelität der Ereignisse erfolgt hier durch die Aktivität Tonios, denn er hilft ihr beim Aufstehen. Mit dem Satz „Sie sollten nicht mehr tanzen, Fräulein“ (TK: 71), der chiastisch zur Kontaktverweigerung im zweiten Kapitel steht, verlässt er die Szenerie. Hier sind die „geänderten Vorzeichen“ erkennbar, gewissermaßen als retardierendes Moment, wenngleich Tonio in seinem Brief an Lisaweta wiederum Bezug nimmt auf seine Lebens- bzw. Bürgerliebe, sich also nach wie vor zu diesen beiden Bereichen zugleich hingezogen fühlt. Dieser Umkehrschluss zum Ende der Novelle indiziert wiederum die Dopplung der verschiedenen Sphären, wie sie bereits zu Beginn der Novelle in seiner Sehnsucht zu Hans und Inge oder im Verhältnis seines nordisch-bürgerlichen Vaters und seiner südlich-vitalen Mutter angezeigt werden. Doch allein aus der Struktur heraus ist nicht ersichtlich, ob Tonios Liebesgeständnis an das Leben und letztlich das Selbstgeständnis auch zu einer wahren Veränderung in seinen Leben führen (auch im Sinne einer für Tonio „unerhörten Begebenheit“) und seine Verzweiflung an seiner Situation lösen werden können.

Hierfür sollen im folgenden Kapitel seine Herkunft und deren Bedeutung für sein Kunstverständnis herangezogen werden.

3. Symbolisierung und Problematisierung von Bürgertum und Künstlertum

3.1 Bodenständiger Norden

Tonio kann sich in seiner Herkunft auf zwei elementare Pole beziehen, die sich in seinem Charakter wieder finden. Zum einen ist es seine bürgerliche Herkunft aus der Kaufmannsfamilie Kröger und zum anderen ist es seine Mutter, die „der Vater […] sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt hatte“ (TK: 11). Diese zwei Pole zeigen sich auch in der Dichotomie der Namen „Konsul Kröger“ und „Consuelo Kröger“, die ihre Eigenschaften an Tonio weitergegeben haben.

Die bürgerliche Herkunft zeigt sich im hohen Ansehen der Familie in seiner norddeutschen Heimatstadt. Wiederholt verweist Tonio auf die Abgrenzung zu „Zigeunern“ (vgl. TK: 11; 15; 26), welche seiner sozialen Klasse nicht entsprechen.[5] Insbesondere ist es sein Vater, welcher ein zentraler Bezugspunkt für Tonio wird, was sich auch darin zeigt, dass er sich bei seiner Heimkehr in sein Elternhaus lediglich an ihn erinnert, nicht jedoch an seine Mutter (vgl. TK: 48-50).

Porträtiert wird dieser als „langer, sorgfältig gekleideter Herr mit sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch trug, sich sehr erzürnt und bekümmert zeigte“ (TK: 10).[6] Mit dem Tod der Großmutter wird der Niedergang der bürgerlichen Existenz eingeleitet, kurz darauf scheidet Tonios Vater dahin. Nun hält den jungen Kröger nichts mehr in seiner Heimatstadt, da seine Mutter mit ihrem neuen Gatten die Stadt im Norden verlässt und er ohne Familie und soziale Bindungen ist. Die Würde des Vaters markierte für Tonio einen Bezugspunkt, an dem er die Anziehung der Bürgerlichkeit auf einer familiären Basis nachempfinden konnte, letztlich bedingt dies auch seine Reaktion bei seiner Heimkehr in das Elternhaus bzw. die neue Volksbibliothek. „Sein Herz schlug ängstlich, denn er gewärtigte, sein Vater könnte aus einer der Türen zu ebener Erde, an denen er vorüberschritt, hervortreten […] und ihn wegen seines extravaganten Lebens zur Rede stellen, was er sehr in Ordnung gefunden hätte“ (TK: 47). Wenngleich Tonio sich während seiner Zeit im Süden dem fleischlichen Exzess hingegeben hatte, war es immerfort diese Seite an ihm, welche ihm diese Zeit zur Qual machte, er „litt unsäglich dabei“ (TK: 26) und letztlich war dieser Umstand eine Begleiterscheinung seines zunehmenden körperlichen Verfalls (vgl. TK: 26f.). Der alte Kröger symbolisiert den „formstrengen, asketischen Norden“[7], an dem Tonio zwar die Würde und Stabilität bewundert, der jedoch auch, im Gegensatz zur Mutter, keinen Raum für Kreativität und Offenheit zulässt.[8]

Bei seiner Rückkehr in den Norden erfährt Tonio, dass er die bürgerliche Welt des Lebens nicht von sich streifen konnte, wieder verfällt er in alte Muster, „er fuhr mit Komfort“ (TK: 3), wie es ein Statussymbol für einen angesehen Bürger ist und „machte sich so frisch und reinlich, als habe er einen Besuch in gutem, korrekten Hause vor, wo es gelte, einen schmucken und untadelhaften Eindruck zu machen“ (TK: 45). Letztlich bereitet er sich hier auf den Besuch seines eigenen bürgerlichen Heimathauses vor und will damit die alten Rollenerwartungen an seine Äußerlichkeit erfüllen.

[...]


[1] Mann 1999a. Im Folgenden wird auf diese Ausgabe im Fließtext mit der Sigle „TK“ verwiesen.

[2] Ohl spricht von der eigentlichen Mittelteilung der Rückkehr als „Symmetrieachse“ (1989: 101).

[3] Vgl. Selbmann 2007: 274.

[4] Vaget 1990: 565.

[5] Vgl. Sakurai 1993: 71.

[6] Sakurai sieht hier eine verdeckte Huldigung für den russischen Schriftsteller Turgenjew (vgl. 1993: 71f.).

[7] Dean 2008: 77.

[8] Wenngleich die vermeintliche Homosexualität und Androgynität als Motive Thomas Manns in dieser Arbeit keinen Analysepunkt darstellt, sei hier erwähnt, dass das Fehlen der genannten „Offenheit“ in der nördlichen Sphäre auch ein Motiv ist, welches aus der unterdrückten sexuellen Identität resultieren kann: vgl. Luft 1998; Zöller 1996; Kim 1997.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640760305
ISBN (Buch)
9783640760473
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162177
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Beziehung Bürgertum Kunst Thomas Mann Tonio Kröger

Autor

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