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Die Bedeutung ethnischer Identität für den innerstaatlichen Krieg

Eine theoretische Annäherung

Magisterarbeit 2004 127 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

I. Einleitung

I.1 Der Stand der Kriegsursachenforschung

“The world is as violent as the dataset one uses“[1]

Der Krieg ist eines der sozialen Phänomene, die vermutlich nur unwesentlich jünger sind als die Menschheit selbst. Wenn wir den Krieg mit Clausewitz als Chamäleon begreifen wollen, begleitet er in den unterschiedlichsten Formen und Facetten seit jeher das menschliche Leben. Umso erstaunlicher mag es anmuten, dass wir auch im Jahr 2004 nur äußerst spärlich über gesichertes Wissen zum Krieg selbst verfügen. Tatsächlich ist der Krieg, sowohl zwischen als auch innerhalb von Staaten, eines der am unzureichendsten erklärten Phänomene der Sozialwissenschaft.[2] Wie wir in Abschnitt II noch eingehender feststellen werden, scheint noch nicht einmal über den Begriff des Krieges selbst Einvernehmen zu herrschen, was den wissenschaftlichen Umgang mit diesem Phänomen deutlich erschwert. Das wenige Fassbare, das wir über den Krieg mit einiger Sicherheit aussagen können, lässt sich daher außerordentlich knapp zusammenfassen:

1. Die Anzahl der jährlich weltweit geführten Kriege hat seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich zugenommen. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese Entwicklung Anfang der 90 er Jahre.
2. Die überwiegende Mehrheit der Kriege nach dem zweiten Weltkrieg sind innerstaatliche Kriege.
3. Mehr als 90% aller nach 1945 geführten Kriege fanden in Regionen der sog. Dritten Welt statt.
4. Innerstaatliche Kriege zeichnen sich durch eine deutlich längere durchschnittliche Dauer und größere Schwierigkeiten bei der friedlichen Regelung aus. Sie sind erheblich seltener durch Vermittlungen dritter Parteien, insbesondere internationaler Organisationen beendet worden.[3]

Dieser Stand des Jahres 2002 ist heute im Wesentlichen immer noch gültig. Auch wenn wir nur weniges mit Sicherheit über den Krieg berichten können, bedeutet dies jedoch nicht, dass es seit der Zeit, als Thukidydes seine Geschichte des Peloponesischen Krieges schrieb, überhaupt keinen wissenschaftlichen Fortschritt bei der Behandlung des Phänomens Krieg gegeben hätte. Für die deutsche Kriegsforschung belegen dies in jüngster Zeit wesentlich die Arbeiten von Andreas Hasenclever und Christopher Daase, die sowohl die Fortschritte qualitativer wie auch quantitativer Herangehensweisen herausarbeiten. Den quantitativen Studien haben wir dabei maßgeblich zu verdanken, dass wir nun mehr über die Rahmenbedingungen wissen, in denen Kriege mehrheitlich ablaufen.[4] Ungeachtet dessen bleiben ganz wesentliche Probleme, vor allem bei der qualitativen Erklärung des Phänomens Krieg, weiterhin bestehen. Was die gegenwärtigen Hauptschwierigkeiten charakterisiert, hielt Jack Levy bereits im Jahr 1998 zutreffend fest:

“However we have few lawlike propositions, limited predictive capacities, and enormous divisions within the field. There is no consensus as to what the causes of war are, what methodologies are most useful for discovering and validating those causes, what general theories of world politics and human behaviour a theory of war might be subsumed within, what criteria are appropriate for evaluating competing theories, or even if it is possible to generalize about anything as complex and contextually dependent as war”[5]

Dies gilt in besonderem Maß für die innerstaatliche Form des Krieges, die wir gemeinhin als Bürgerkrieg bezeichnen.[6] Verstärkte Beachtung in der wissenschaftlichen Forschung erfährt der Bürgerkrieg tatsächlich erst seit der Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Bis zum Ende des Kalten Krieges war es gängige Praxis gewesen, „vor allem Bürgerkriege in der ‚Dritten Welt’ umstandslos als Stellvertreterkriege oder als Folge extern provozierter Modernisierungskrisen zu interpretieren.“[7] Erst mit dem Ende des Ost-West Gegensatzes lenkten Forscher verstärkte Beachtung auf mögliche innere Ursachen bewaffneter Konflikte. Die Probleme der Bürgerkriegsforschung reflektieren dabei im Wesentlichen dieselben, die wir für die Kriegsforschung im Allgemeinen festgehalten haben. Bis heute kennen wir weder die Ursachen für die Bürgerkriege, noch können wir mit Sicherheit aussagen, dass es die Bürgerkriege als einheitliches Phänomen mit einheitlichen Ursachen überhaupt gibt. Auch was die sinnvollsten Methoden ihrer Erforschung betrifft, herrscht weiter Unklarheit. Zusätzlich sehen wir uns beim Phänomen des Bürgerkriegs noch mit der Frage der ‚Zuständigkeit’ einzelner Fachdisziplinen konfrontiert, deren bemerkenswerte Anzahl sowohl Fluch als auch Segen für die Bürgerkriegsforschung bedeuten kann. Ethnologen, Politologen, Psychologen, Historiker, Ökonomen und Andere forschen gegenwärtig mit den ihnen jeweils eigenen Theorien, Instrumentarien und Herangehensweisen über den Gegenstand des Bürgerkrieges. Wenngleich das Zusammenspiel der Forschung der verschiedenen Fachrichtungen möglicherweise besonders fruchtbare Ergebnisse zeitigen könnte, bleibt doch zentral das Problem unterschiedlicher wissenschaftlicher ‚Sprachen’, die die einzelnen Ergebnisse untereinander selten voll vergleichbar oder ineinander integrierbar machen. Da aber nicht einmal innerhalb der Politikwissenschaft ein konsensuales Vorgehen gegenüber dem Krieg zu finden ist, soll uns dies auch nicht weiter erstaunen. Zu unterschiedlich sind bereits in unserer eigenen Disziplin die mannigfaltigen Akzente und damit verbundene Fragestellungen, die einzelne Arbeitsvorhaben setzen, um gegenwärtig von einhelligen Ergebnissen sprechen zu können. Beschäftigen sich manche Forscher mit den Ursachen bewaffneter Konflikte, untersuchen andere ihre Dauer, wenn sie einmal ausgebrochen sind. Dritte schließlich fragen nach Möglichkeiten der Beendigung bewaffneter Gewalt oder ihrer Vermeidung. Separiert man hieraus die Kriegsursachenforschung allein, ergeben sich wiederum völlig eigene Fragestellungen, etwa nach der Verfasstheit der beteiligten Akteure, der Bedeutung von Ressourcen, politischer Systeme oder kulturellen Faktoren für den gewaltsamen Austrag innerstaatlicher Konflikte.

Folgen wir der gegenwärtigen Mehrheitsmeinung, so sind die Ursachen gewaltsamer innerstaatlicher Konflikte ganz wesentlich politischer und/oder wirtschaftlicher Natur, wobei sich die Hauptkonfliktlinien um die Frage drehen, ob hierbei nun politische oder wirtschaftliche Gründe Vorrang haben, bzw. wie beide miteinander verknüpft sein könnten.[8]

I.2. Ethnische Gruppen und gewaltsamer innerstaatlicher Konfliktaustrag: Empirische Ausgangsbeobachtungen

Seit einigen Jahren scheint im Schatten der Diskussion um politische oder wirtschaftliche Ursachen von Bürgerkriegen auch der Diskurs zur Frage der Bedeutung von Ethnizität als eigenständigem Faktor in ihnen wieder an Bedeutung zu gewinnen

Die Gruppe der meist quantitativen Forscher, die ethnischer Identität eine signifikante Bedeutung für den innerstaatlichen Konflikt zuschreiben, bezeichnete Andreas Hasenclever 2002 noch als „eine kleine Gruppe von Dissidenten“.[9] Wenn sie bislang auch nicht die Mehrheitsmeinung reflektieren, so wollen wir uns hier dennoch vorrangig mit den Ergebnissen ihrer Forschungen beschäftigen.

Das möglicherweise bedeutendste Resultat dieser Studien ist eigentlich ein Nicht- Ergebnis, denn es konnte wiederholt gezeigt werden, dass zwischen zunehmender ethnischer Heterogenität von Gesellschaften und dem Risiko des gewaltsamen Konfliktaustrages kein linearer Zusammenhang besteht.[10] Ethnisch besonders homogene Staaten haben im Wesentlichen kein höheres oder niedrigeres Bürgerkriegsrisiko als ethnisch besonders heterogene Staaten. Vielmehr scheint eine besonders stark ausgeprägte ethnische Heterogenität, ebenso wie besonders stark ausgeprägte Homogenität, das Risiko eines gewaltsamen Konfliktaustrages zu verringern.[11] Auf den ersten Blick könnte dies tatsächlich die Feststellung nahe legen, ethnische Identität habe nichts mit einem erhöhten Risiko innerstaatlicher Gewalt zu tun. Doch zeigen die hier zu behandelnden Untersuchungen noch komplexere Ergebnisse.

Wenngleich weder das Vorgehen der einzelnen Untersuchungen, noch die Definitionen und Konzeptualisierungen der einzelnen Variablen vollständig übereinstimmen, so zeigen sie doch vergleichbare Ergebnisse. Um dies plastischer zu machen, sollen nun einige der Untersuchungen etwas genauer betrachtet werden.

In einer 2000 veröffentlichten Studie geht Tanja Ellingsen den Wirkungen verschiedener Faktoren, sowohl wirtschaftlicher, politischer als auch ethnischer auf ‚ domestic conflicts ’ von 1946 bis 1992 nach.[12] Die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Konfliktaustrages in ethnisch fragmentierten Gesellschaften nimmt nach ihren Untersuchungen die Form einer ‚ inverted u-curve ’ und damit eine umgekehrt parabolische Form an. Das Risiko einer Gesellschaft für einen inneren gewaltsamen Konfliktaustrag verdoppelt sich ihren Untersuchungen folgend, wenn mindestens eine ethnische Gruppe, als Bevölkerungsmehrheit, einen Anteil von nicht über 80% der Gesamtbevölkerung ausmacht und mindestens eine weitere Gruppe über 5% der Gesamtbevölkerung stellt.[13] Neben der Größe der Gruppen untersucht Tanja Ellingsen auch die Anzahl der gesellschaftlichen ethnischen Gruppen, für die sie ebenfalls ein parabolisches Verhältnis in der Entwicklung des Gewaltrisikos bestätigt findet.[14]

Die Beschreibung einer „ inverted-u-curve “ für den Zusammenhang zwischen ethnischer gesellschaftlicher Fragmentierung und einem erhöhten Risiko innerstaatlicher Gewalt findet in verschiedenen Untersuchungen weitere Bestätigung. Ibrahim Elbadawi und Nicholas Sambanis, die sich mit den Ursachen für den Ausbruch von Bürgerkriegen in Afrika zwischen 1960 und 1999 auseinandersetzen, kommen zu mit Ellingsen vergleichbaren Ergebnissen. Ethnisch wenig oder sehr stark fragmentierte Staaten haben ihren Untersuchungen zufolge ein signifikant geringeres Risiko für Bürgerkriege als Staaten mit einer mittleren ethnischen Fragmentierung.[15] Ähnlich wie Robert H. Bates, der für diese parabolische Beziehung insbesondere die Größe der dominanten Gruppe betrachtet, kommen sie zu dem Schluss, dass das Risiko für einen Bürgerkrieg dann besonders groß ist, wenn die größte ethnische Gruppe über 50% der Gesamtbevölkerung ausmacht.[16] Dieses Ergebnis reflektiert auch die ökonomisch angeleitete Forschungsarbeit von Paul Collier und Anke Hoeffler. Auch sie etablieren, dass die Wahrscheinlichkeit eines innerstaatlichen Konfliktes dann signifikant zunimmt – das Risiko verdoppelt sich – wenn die größte Gruppe zwischen 45 und 90% der Bevölkerung stellt.[17] In anderen Worten scheint sich ein besonderes Problem zu ergeben, wenn ethnische Fragmentierung zu gesellschaftlicher Polarisierung führt, d.h. wenn die größte ethnische Gruppe um die Hälfte (40-60%) der Bevölkerung erreicht.[18]

Überprüft und erneut bestätigt wurde das parabolische Verhältnis zwischen ethnischer Fragmentierung und gewaltsamem Konfliktaustrag im Rahmen des Collier-Hoeffler(CH) Modells im Jahr 2002 wiederum durch Sambanis und Elbadawi.[19]

Wir haben bereits eingeräumt, dass die Untersuchungen dieser „Dissidenten“ sich in vielen Punkten unterscheiden, sowohl was Fragestellungen, Vorgehensweisen als auch Ergebnisse betrifft. Nicholas Sambanis bemerkt hierbei zurecht: „This is only the beginning of a research Agenda.”[20]

Viel Forschungsarbeit wird noch zu leisten sein, um zu annähernd konsensualen Ergebnissen für ‚ thresholds ’ zu kommen, die exakte Voraussagen über die Größe und Anzahl ethnischer Gruppen in ihrer Verbindung mit einem gewaltsamen Konfliktaustrag möglich machen werden. Vieles ist immer noch umstritten und würde weiterer differenzierter Überprüfung bedürfen. Dennoch wollen wir, die Untersuchungen im Ganzen besehen, einige der Ergebnisse als robust betrachten, zumal die genannten Untersuchungen im kritischsten Punkt, der Messung ethnischer Fragmentierung, im Wesentlichen übereinstimmen.[21]

Dabei wollen wir als stabil annehmen, dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen ethnischer Fragmentierung, und damit letztlich dem Vorhandensein und der innergesellschaftlichen Verteilung ethnischer Identität, sowie dem Risiko eines gewaltsamen Konfliktaustrages im innerstaatlichen Bereich existiert. Wir wollen weiter davon ausgehen, dass dieser Zusammenhang nicht linear, sondern parabolisch, in Form einer ‚ inverted u-curve’, dargestellt werden kann. Wir wollen Collier und Hoeffler folgend glauben, dass hierfür relevant ist, dass eine gesellschaftliche Gruppe um die Hälfte der Gesamtbevölkerung oder mehr ausmacht (45-90%). In Anlehnung an die Ergebnisse Ellingsens, muss eine weitere Gruppe über 5% der Gesellschaft bestreiten. Darüber hinaus wollen wir davon ausgehen, dass das Risiko eines ethnischen Konfliktes dort besonders hoch ist, wo wir ein mittleres Maß an ethnischen Gruppen (etwa drei) vorfinden.

Hiervon ausgehend stellt der Zusammenhang zwischen ethnischer Identität und den innergesellschaftlichen Umständen ihrer Verteilung sowie dem gewaltsamem innerstaatlichen Konfliktaustrag ein erklärungsbedürftiges Phänomen der realen Welt dar, da Staaten, die nicht in der beschriebenen Form fragmentiert sind, offensichtlich ein deutlich geringeres Risiko für die Entstehung von Bürgerkriegen an den Tag legen.[22]

I.3. Fragestellung und Erkenntnisinteresse

„Fragestellungen sind so etwas wie die Tür

zum untersuchten Forschungsfeld“[23]

Nach der Darlegung der Ausgangsbeobachtung, die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt, kommen wir nun zur weiterführenden Fragestellung. Ausgehend von den dargestellten quantitativen Untersuchungen der letzten Jahre, deren Ergebnisse wir als ein Problem der Wirklichkeit begreifen wollen, soll es hier um folgende Frage gehen:

Welche Verbindung besteht zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag, und warum ist dies der Fall?

Weder dafür, welchen sozialwissenschaftlichen Themenbereich man für eine Untersuchung wählt, noch für die Etablierung der Frage, der man im Speziellen nachzugehen gedenkt, existiert ein Art Automatismus, Mechanismus oder gar eine wissenschaftliche Regel. Gary King, Robert Keohane und Sidney Verba bemerken zurecht: „Social science research at its best is a creative process of insight and discovery…”. Will man allerdings in der Folge eine Untersuchung durchführen, deren Ergebnisse eine breitere Akzeptanz als die eigene finden sollen, sollte man dem Ende des begonnenen Satzes unbedingt Beachtung schenken: ”…within a well established structure of scientific inquiery.”[24]

Wie man zu einer Frage kommt, ist also eine Sache, ob diese Frage und die daraus resultierende Untersuchung aber einen ‚Wert’ für die sozialwissenschaftliche Forschung hat, ist eine zweite. King, Keohane und Verba geben uns zwei Kriterien an die Hand, die hierbei zur Orientierung dienen können.

Erstens sollte die anzustellende Untersuchung eine Bedeutung für die ‚reale Welt’ haben. In anderen Worten ausgedrückt: "The topic should be consequential for political, social or economic life, for understanding something that significantly affects many people's lives, or for understanding and predicting events, that might be harmful or beneficial".

Betrachten wir aktuelle Publikationen zur Kriegserfassung, wird schnell deutlich, dass der Bürgerkrieg im Wesentlichen zu jeder Zeit die vorherrschende Form des gewaltsamen Konfliktaustrages gewesen ist. Unzählige Tote, die hohe Anzahl der gewaltsam ausgetragenen Konflikte[25] und all das Elend, das aus solchen Kriegen resultiert, machen es wenig erklärungsbedürftig, dass diese Form des gewaltsamen Konfliktaustrages significantly die Leben vieler Menschen betroffen hat und betrifft. Auch darüber wie harmful das Phänomen des Bürgerkrieges in diesem Zusammenhang ist, brauchen wir keine weiteren Worte zu verlieren. Den verheerenden Wirkungen von Bürgerkriegen steht nun der einleitend dargestellte Befund gegenüber, wie wenig Greifbares auch und gerade über den Brügerkrieg festgehalten werden kann. Nicht umsonst hält daher auch Nicholas Sambanis fest: "Perhaps the most important reason that political scientists should study civil war is that it represents the most poorly understood system failure in domestic political processes."[26]

Daher können wir uns durch die Analyse der Bedeutung ethnischer Identität für die Gewalteskalation in Konflikten Hinweise erhoffen, die dazu beitragen können, ein besseres Verständnis für besonders gefährdete Gesellschaften zu entwickeln, bevor es zu einem Ausbruch der Gewalt kommt. Schlüssige Ergebnisse dieser Arbeit könnten damit gleichermaßen der Ursachenforschung wie auch der Forschung nach Vermeidung und Beendigung von Bürgerkriegen zugute kommen und schließlich durchaus einen praktischen Nutzen haben.

Zweitens wünschen sich King, Keohane und Verba eine "contribution to an identifiable scholarly literature by increasing our collective ability to construct verified scientific explanations of some aspect of the world."[27]

Die Bedeutung von ethnischer Identität für den gewaltsamen Konfliktaustrag im Inneren wird in der Kriegsursachenforschung mithin unter drei Gesichtspunkten diskutiert: Primordialismus, Instrumentalismus und Konstruktivismus. Die Stärken und Schwächen der einzelnen Ansätze werden in Abschnitt III noch genauer zu beleuchten sein. Anknüpfend an diese Erklärungsschemata, wird es das Anliegen der Arbeit sein, zu einem besseren Verständnis des Zusammenhangs zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag beizutragen.

Dass es sich also lohnt, sich mit diesem Gegenstandsbereich zu befassen, wäre damit hinreichend dargestellt. Doch beschäftigen wir uns noch ein wenig mit der Fragestellung selbst. Nicht zuletzt von ihrer Formulierung wird es abhängen, wie fruchtbar die Ergebnisse sein werden, die die anzustellende Untersuchung zu Tage fördern soll.

Bereits 1971 zeigte David Fischer vielfältige implizite und explizite Probleme auf, die bei der Formulierung wissenschaftlicher Fragestellungen auftreten können.[28] Mit Uwe Flick wollen wir dabei zwei miteinander verwobene Aspekte als zentral wichtig herausgreifen. Dabei geht es zunächst um die Eindeutigkeit bzw. Klarheit der Fragestellung, denn: „ Je weniger klar die Fragestellung formuliert ist, desto größer ist die Gefahr, daß hinterher Berge von Texten entstehen, vor denen der Forscher bei der Interpretation relativ hilflos steht.“[29] Hieran anschließend wollen wir es weiterhin als wichtig erachten, „eine Fragestellung so zu formulieren, daß darüber nicht implizit eine Vielzahl von anderen Fragen zugleich aufgeworfen ist und dadurch die Orientierung für das empirische Vorgehen, die sie bieten soll, zu diffus wird.“[30]

Die vorliegende Frage können wir dabei in zwei Komponenten unterteilen, von denen erstere nach einer beschreibenden Antwort verlangt. Indem gefragt wird, welche Verbindung zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen Konfliktaustrag im Inneren besteht, setzen wir anhand der im vorangegangenen Abschnitt dieser Arbeit behandelten Studien bereits voraus, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen existiert. Dieser Zusammenhang allein sagt aber über die theoretische Bedeutung ethnischer Identität noch nichts aus. Zu bestimmen bleibt weiter, ob wir diese als ursächlichen Faktor in Form der Unabhängigen Variable der Studie sehen können, oder ob sie etwa in anderer Form, möglicherweise der einer Bedingung, zu betrachten ist, die das Risiko einer Konflikteskalation erhöht.

Hieran schließt der zweite, der warum -Teil der Frage an, in dem wir über die erste Beschreibung hinausgehend aufzeigen wollen, warum und unter welchen Bedingungen ethnische Identität in einem kausalen Zusammenhang mit gewaltsamem Konflikt von Bedeutung ist. Das Ziel ist es nicht allein den Zusammenhang zwischen ethnischer Identität und gewaltsamem Konfliktaustrag zu beschreiben, sondern ethnische Identität darüber hinaus kausal erklärend, mit dem Auftreten des gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrags zu verknüpfen. Um dies für das bessere Verständnis der Fragestellung zu detaillieren, wollen wir uns im Folgenden noch einmal präzise mit dem Kausalverständnis der vorliegenden Arbeit auseinandersetzen.

I.4. Kausalverständnis

Welche Form soll die angestrebte Kausalerklärung nun annehmen? Daniel Little folgend wollen wir drei verschiedene Herangehensweisen unterscheiden: Die Korrelationsanalyse, die Konditionsanalyse und die kausale Mechanismusanalyse.[31]

Kausalität in Form einer Korrelationsanalyse postuliert eine Ursache-Wirkung Beziehung, wenn zwei Ereignisse regelmäßig aufeinander folgen. Sie nimmt dabei folgende Form an:

„C is a cause of E= df there is a regular association between C-type events and E-Type events”[32]

Ein plastisches Beispiel wäre demnach etwa der Zusammenhang zwischen Sonnenaufgang und der Zunahme der Helligkeit, denn jedes mal, wenn die Sonne aufgeht, wird es auch regelmäßig hell. Der Sonnenaufgang ist in diesem Verständnis also ursächlich verantwortlich dafür, dass es hell wird.

Kausalität in Form einer Konditionsanalyse postuliert eine Ursache-Wirkung Beziehung durch das Vorhandensein von notwendigen und/oder hinreichenden Bedingungen. Sie nimmt folgende Form an:

„C is a cause of E= df C is a necessary and/or sufficient condition for the occurrence of E.“[33]

Hinreichend bedeutet hier, dass das Auftreten einer Bedingung C allein das Auftreten von E garantiert. Notwendig ist eine Bedingung C, wenn ohne ihr Auftreten auch E auch nicht auftritt.[34]

Um unser obiges Beispiel erneut aufzugreifen ist der Aufgang der Sonne beispielsweise hinreichend um Helligkeit zu erzeugen. Fraglich ist hier aber die Notwendigkeit, da sich Helligkeit beispielsweise auch durch Feuer oder einen Scheinwerfer und damit künstlich erzeugen lässt.

Kausalität in Form eines Kausalen Mechanismus sucht nach der Verbindung von Ursache und Wirkung durch eine Reihe von Ereignissen oder events dazwischen, die durch ein oder mehrere kausale Gesetze Ursache und Wirkung verbinden.

"C is a cause of E = df there is a series of events C i leading from C to E, and the transition from C i to C i+1 is governed by one or more laws L i ."[35]

Um ein letztes Mal unser Beispiel des Sonnenaufgangs aufzugreifen, wäre demnach hier zu explizieren, wie der Weg vom Aufgehen der Sonne, über physikalische Prozesse zwischen Sonne und Erde, zur Erzeugung von Helligkeit führt, und durch welche Gesetze beide Ereignisse miteinander verbunden sind. Kausal ist das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung demnach erst, „if and only if there are causal laws that lead from cause to effect“[36]

Vor dem Hintergrund des Erkenntnisinteresses dieser Arbeit geht es uns primär darum, aufzuzeigen, warum es unter Berücksichtigung von ethnischer Identität zu gewaltsamen Konflikten kommt. Dabei wollen wir den Prozess der Verursachung benennen, in dem diese Identität von Bedeutung ist und an dessen Ende ein gewaltsamer Konflikt erwartet werden kann. Unabhängig davon, welche Bedeutung wir ethnischer Identität in diesem Zusammenhang einräumen werden, so glauben wir, dass diese Bedeutung durch eine Mechanismusanalyse in jedem Falle präziser und vollständiger aufzuzeigen ist, als durch Korrelations- und Konditionsanalysen.

Die Wahrheit über den kausalen Zusammenhang zweier Variablen werden wir dabei selbstverständlich nicht herausfinden. King, Keohane und Verba stellen in ihrer Arbeit durchaus mit Recht fest: "we will never know a causal inference for certain."[37] Doch steigt der Grad der Verlässlichkeit unserer Aussage unzweifelhaft, wenn wir nicht nur aussagen können, dass ein Ereignis E, unter gegebenen Ausgangsbedingungen, regelmäßig auf ein Ereignis C folgt, sondern auch, warum dies der Fall ist und welche Ereignisse sich dazwischen abspielen. Im Vergleich zur Korrelations- und Konditionsanalyse fördert also die Mechanismusanalyse die "kausale Tiefe"[38] unserer Erklärung.

Dass wir dabei kaum auf das Vorgehen der Beschreibung verzichten können, wird schnell klar, auch wenn die Erklärung das primäre Anliegen der zu erstellenden Arbeit sein wird. Aber zu erklären, ohne die Mechanismen, die man zur Erklärung heranzieht auch zu beschreiben ist schlechterdings nicht möglich. Auch King, Keohane und Verba merken dies an, wenn sie schreiben: "[...] causal inference is impossible without good descriptive inference [...]"[39]

Hier wollen wir den Kreis schließen und nochmals auf den Sinn der zweigeteilten Fragestellung zurückkommen. Wenn wir fragen, welche Verbindung zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag existiert, so ist es unser Ziel, einen kausalen Mechanismus zu beschreiben, in dem ethnische Identität von Bedeutung für den gewaltsamen Konfliktaustrag ist. Dies getan, kommen wir zum zweiten Teil unserer Fragestellung. Daniel Little bemerkt hier zutreffend: „Once we have described the causal mechanism linking C to E, moreover, we have demonstrated how the occurence of C brought about the occurence of E.“[40] Wenn es uns also gelingt, einen validen und plausiblen Mechanismus zu beschreiben, der C und E verbindet, werden wir auch in der Lage sein „the laws that govern transitions among the events Ci“[41] zu etablieren. Diese ‚ Gesetze ’ sind es, die es uns umgekehrt ermöglichen werden, den warum -Teil unserer Frage zufriedenstellend zu beantworten.

I.5. Struktur und Aufbau der Arbeit

Um dem dargestellten Erkenntnisinteresse gerecht zu werden und die Fragestellung zufriedenstellend zu beantworten, wollen wir diesem einleitenden Teil sechs weitere Abschnitte zur Seite stellen.

Um einen Zusammenhang zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag beschreiben zu können, ist es zunächst unerlässlich, sich ein Bild über die Bedeutung dieser Begriffe zu machen. Daher wollen wir im folgenden Abschnitt Konflikte und ihren Austrag einerseits sowie Identitäten und ihre ethnische Form andererseits einer begrifflichen Bestimmung zuzuführen. Dabei wollen wir auch den innerstaatlichen Krieg als Abhängige Variable dieser Arbeit konzeptualisieren.

Abschnitt III dieser Arbeit dient der Diskussion bereits existierender Theorien, die versuchen ethnische Identität und kriegerische Gewalt analytisch zu verbinden. Nach Ausschluss eines deduktiven Vorgehens, wollen wir uns mit Wegen zur Generierung eines eigenen theoretischen Modells auseinandersetzen und uns hierbei letztlich für das Schlussverfahren der Abduktion entscheiden.

In Abschnitt IV werden verschiedene Konzepte vorgestellt und diskutiert werden, auf deren Fundament dieses Modell gestellt werden soll. Dabei werden wir nicht etwa auch die Konzepte selbständig generieren, sondern auf solche Konzepte bauen, die bereits in der sozialwissenschaftlichen Literatur verankert sind.

Ob und welchermaßen diese Konzepte in ein übergreifendes theoretisches Modell integrierbar sind und wie sie miteinander harmonieren, wird Gegenstand von Abschnitt V dieser Arbeit sein. Neben der Überprüfung möglicher Theoriedefizite werden wir dabei auch der Frage nachgehen, in welcher Form die getroffenen theoretischen Annahmen an der Realität geprüft werden können.

In Abschnitt VI werden wir uns schließlich einer Einzelfallstudie zuwenden und prüfen, ob die im theoretischen Modell getroffenen Annahmen auch für die Erklärung eines realen Falles Plausibilität beanspruchen können.

Abschnitt VII wird dazu dienen, die gewonnenen Ergebnisse abschließend zu diskutieren und die eingangs aufgeworfene Frage erklärend zu beantworten.

II. Ethnische Identität und innerstaatlicher Krieg: Problemfälle sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung

Wenn wir bislang festhielten, dass uns innerhalb der vorliegenden Arbeit die Bedeutung ethnischer Identität für den gewaltsamen Austrag innerstaatlicher Konflikte interessieren würde, so gilt es nun diese Begriffe ein wenig differenzierter auszuleuchten. Was Ethnien und ethnische Identität betrifft, so werden wir diese Aufgabe in Abschnitt II.3. angehen. Mit dem Begriff des Konfliktes im Allgemeinen, des innerstaatlichen im Speziellen und der gewaltsamen Form seines Austrages, wollen wir uns hingegen nun beschäftigen.

II.1. Konflikt und Konfliktaustrag

Vorbehaltlich der im Zusammenhang mit Ethnien und Identitäten eingehender darzustellenden Problematiken sozialwissenschaftlicher Begriffsklärungen, scheint doch durchaus einiger Konsens darüber zu herrschen, was wir unter den Begriff des Konfliktes fassen können. Der gängigen Auffassung entsprechend wollen wir uns hier eine Definition Erwin Orywals zu eigen machen und Konflikt betrachten als: „[…] eine aufgrund unvereinbarer Interessen zwischen mindestens zwei Akteuren herbeigeführte Situation, die als austragungsbedürftig empfunden wird.“[42]

Einzig den Charakter der Unvereinbarkeit von Interessen wollen wir in einen Gegensatz von Interessen verwandeln. Der Terminus der Unvereinbarkeit engt nach unserem Dafürhalten die Definition des Begriffes Konflikt zu sehr ein.[43] Wir werden an späterer Stelle noch detaillierter über die Unvereinbarkeit von Interessen und damit spezielle Konflikte nachdenken. Für eine allgemeine Definition des Begriffs Konflikt ist der Charakter der Unvereinbarkeit von Interessen aber überbestimmend. Folglich werden wir Konflikt definieren als: Eine aufgrund gegensätzlicher Interessen zwischen mindestens zwei Akteuren herbeigeführte Situation, die als austragungsbedürftig empfunden wird.

Dabei wollen wir anmerken, dass für das vorliegende Arbeitsvorhaben weder der Konflikt für sich genommen, noch die Entstehung eines Konflikts das Problem der Untersuchung darstellt. Vielmehr wollen wir davon ausgehen, dass Konflikte auf allen Ebenen der Analyse im Wesentlichen ein alltägliches Phänomen darstellen und mit einiger Regelmäßigkeit auftreten werden, wenn zwei oder mehr Akteure in Beziehung zueinander treten.[44]

Wenn das Auftreten von Konflikten die Regel ist, so ist die Eskalation von Konflikten in kriegerische Gewalt die Ausnahme. Das Phänomen der Eskalation und nicht das der Entstehung von Konflikten ist das Außergewöhnliche, das erklärungsbedürftig bleibt und für die vorliegende Arbeit von Interesse ist.

Die Entstehung von Konflikten einerseits und das Auftreten von Gewalt in ihnen andererseits analytisch zu trennen, erachten wir dabei für unerlässlich, da wir beides als distinkte Phänomene begreifen wollen. Immer wieder werden auch und gerade in der sozialwissenschaftlichen Diskussion die Ursachen von Konflikten und die Ursachen von Gewalt in Konflikten für synonym erachtet.[45] Durch diese Verquickung wird Gewalt als Automatismus behandelt, der eintritt, wenn der Konflikt eine gewisse ‚Stufe’ erreicht. Mit den Worten Rogers Brubakers und David Laitins wollen wir jedoch festhalten:

“It is important, that is, to ask specific questions about, and seek specific explanations for, the occurence – and nonoccurence – of violence in conflictual situations. These questions and explanations should be distinguished from questions and explanations of the existence, and even the intensity, of conflict. […] Even where violence is clearly rooted in pre-existing conflict, it should not be treated as natural, self explanatory outgrowth of such conflict, something that occurs automatically when the conflict reaches a certain intensity, a certain “temperature”.”[46]

II.2. Was ist ein gewaltsamer innerstaatlicher Konfliktaustrag ?

Beschäftigen wir uns nun mit dem gewaltsamen Austrag von Konflikten im innerstaatlichen Bereich, so wollen wir zunächst ein Problem reflektieren, das für die vorliegende Arbeit von grundlegender Bedeutung ist. Der innerstaatliche gewaltsame Konfliktaustrag ist zunächst kaum mehr als ein hoch abstrakter Begriff, den es erst mit Inhalt zu füllen gilt. Was genau qualifiziert sich als innerstaatlicher gewaltsamer Konfliktaustrag ? Was genau ist unsere Abhängige Variable? Das Repertoire sozialwissenschaftlicher Forschung bietet uns hier sehr verschiedene mögliche Phänomene, die wir unter dem Begriff des gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrages fassen könnten: Rebellionen, Revolutionen, Bürgerkriege, Befreiungskriege, De-Kolonialisierungskriege, Anti-Regime-Kriege, Sezessionskriege, ethnische-/ethnonationalistische Kriege und einiges mehr.

In anderen Worten stoßen wir hier auf die Frage, wonach wir den gewaltsamen inneren Konfliktaustrag konzeptualisieren sollen. Dass dies tatsächlich nicht nur ein Problem der vorliegenden Arbeit, sondern vielmehr der Kriegsforschung im Allgemeinen ist, bringen Rogers Brubaker und David Laitin treffend auf den Punkt:

“The problem is not that there is no agreement on how things are to be explained; it is hat there is no agreement on what is to be explained, or whether there is a single set of phenomena to be explained.”[47]

Wenn wir uns Gedanken über die Formen des Austrags von Konflikten machen, begegnen wir dem, was Donald Horowitz unter dem Begriff des Meta-Konfliktes fasst. Letztlich besteht dieser in einem „conflict about the nature of the conflict“[48] und weist mithin eine analytische wie auch konflikt-praktische Facette auf[49].

Dabei wollen wir zunächst klären, wozu Konzeptualisierungen in der Sozialwissenschaft eigentlich dienen sollen. Mit Christopher Daase wollen wir als korrekt erachten, dass es hierbei vor allem „um die Klärung und Präzisierung der Sprache durch Standardisierung und Formalisierung geht.“[50] Verkürzt gesagt, dienen Konzeptualisierungen maßgeblich der Kommunikation über bestimmte Phänomene und letztlich deren Erleichterung.

Die hierzu notwendige Stabilität begrifflicher Konventionen trifft dabei unvermittelt auf ein Problem der Realität, nämlich dass sich die durch sie die bezeichneten Phänomene der Sozialwissenschaft verändern können, und mit ihnen die Merkmale, „die ehemals zu denen gehörten, die sie begrifflich bestimmten.“[51]

Gerade mit Bezug auf den gewaltsamen Konfliktaustrag im Inneren und die hier beobachtbaren Dynamiken bringt Christian Scherrer dies sehr plastisch auf den Punkt, wenn er feststellt: „Contemporary wars do not resemble football games any more.“[52] Was möglicherweise als Dekolonialisierungskrieg seinen Anfang nimmt, kann mitunter in einen Anti-Regime Krieg umschlagen, der wiederum in einen Sezessionskrieg führen kann. Der Krieg ist und bleibt also das Chamäleon, das wir von Clausewitz kennen. Wonach also wollen wir den innerstaatlichen Konfliktaustrag in seiner gewaltsamen Form konzeptualisieren? Douglas Dion wirft hier zurecht die Frage auf: „ Does it depend on what people say, while they are clubbing each others?”[53]

Die Form des Konfliktaustrags in Abhängigkeit der vermeintlichen Ziele, Ursachen, Rechtfertigungen der beteiligten Akteure oder gar der Ergebnisse des Konfliktaustrags zu konzeptionalisieren, wollen wir für die vorliegende Arbeit als nicht zweckmäßig erachten. In Anlehnung an Christopher Daase stellten wir fest, dass wir für eine zweckmäßige Definition von Begriffen, ungeachtet ihrer möglichen Dynamik in der realen Welt, auf stabile Begrifflichkeiten und damit auch möglichst stabile Merkmale angewiesen bleiben. Das soll natürlich nicht heißen, dass wir etwaige Dynamiken des hier zu untersuchenden Phänomens qua definitionem ausschließen oder verleugnen wollen. Vielmehr wollen wir eine Konzeptualisierung ermöglichen, die gerade diesen Dynamiken gerecht wird, es darüber hinaus aber zulässt mit relativ stabilen Begrifflichkeiten zu arbeiten. Diese wiederum sind es, die es uns überhaupt erst ermöglichen werden, etwas Substantielles über unseren Untersuchungsgegenstand aussagen zu können.

Deutlich dürfte bislang geworden sein, dass wir uns mit einer Form des gewaltsamen Konfliktaustrages beschäftigen wollen, die sich auf der mittleren der drei gängigen Analyseebenen, nämlich auf der subsystemischen befindet und sowohl vom gewaltsamen Umgang einzelner Individuen einerseits sowie zwischen Staaten andererseits zu unterscheiden ist. Im Alltag sprechen wir hierbei in der Regel von Bürgerkrieg. Bevor wir diesen Begriff nun unhinterfragt übernehmen, wollen wir uns über die begriffliche Dimension von Krieg und Bürgerkrieg noch einige weiterführende Gedanken machen.

II.2.1. Der Krieg der Worte um den Krieg der Waffen

Dass unser Wissen über den Krieg immer noch äußerst fragmentarisch ist, liegt nicht zuletzt daran, dass das, was unter dem Begriff des Krieges tatsächlich verstanden werden darf, kann und soll, nicht letztgültig geklärt ist. In Anlehnung an die Arbeiten William Gallies erklärt auch Christopher Daase den Begriff des Krieges zu einem „ grundsätzlich umstrittenen Begriff “.[54] Wie problematisch der Kriegsbegriff in den Sozialwissenschaften tatsächlich ist, lässt sich vor allem an quantitativen Studien zur Kriegserfassung deutlich machen, die in besonderem Maße auf klare Definitionen des Phänomens Krieg angewiesen sind. In seinem Bericht über den diesbezüglichen Stand der Forschung von 1984 stellte bereits Gerd Krell fest, dass in den statistischen Arbeiten dieser Zeit nur eine 12%ige Übereinstimmung darüber bestand, was als Krieg zu rechnen ist. Betrachten wir hierzu einen neueren Überblick von Sven Chojnacki und Wolf-Dieter Eberwein, so hat sich die Situation seither kaum verändert.[55] Wenn wir vom Kriegsbegriff im Allgemeinen zum Begriff des Bürgerkrieges im Speziellen übergehen wollen, verschärfen sich die begrifflichen Differenzen noch weiter. Christopher Daase hält hier überzeugend fest: „Was für den einen ein legitimer Bürgerkrieg ist, ist für den anderen schlicht Terrorismus; und was für die einen Bürgerkrieg heißt, ist für die anderen Völkermord.“[56]

Vor dem Hintergrund dieser begrifflichen Unschärfen und möglichen Dynamiken des Phänomens Krieg wurde in den vergangenen Jahren wiederholt angeregt, auf den Begriff des Krieges gänzlich zu verzichten.[57] Für die vorliegende Arbeit werden wir uns aber der Sichtweise Christopher Daases anschließen und festhalten:

„[…] es ist nicht leicht einzusehen, wie durch die Abschaffung des Begriffs die Phänomene besser beschrieben, oder durch seine Substitution deren Wandel besser erklärt werden könnte. Das heißt nicht, dass es nicht notwendig wäre, den Wandel des Krieges ernst zu nehmen und bestimmte Konzeptualisierungen zu überdenken [...] Doch ist dies etwas völlig anderes als das Entsorgen eines problematisch gewordenen Begriffs.“[58]

Obwohl auch wir keine letztgültige Definition des Krieges werden geben können, müssen wir nun erarbeiten, wie wir innerhalb dieser Arbeit unsere Abhängige Variable konzeptualisieren wollen. Hierbei bleibt uns im Wesentlichen nichts weiter übrig, als die Kriterien, die wir zur Begriffsklärung heranziehen wollen explizit zu machen und darzulegen, weshalb die zu wählende Konzeptualisierung uns am sinnvollsten erscheint. Dabei wollen wir mit Christopher Daase glauben, dass die Zweckmäßigkeit einer Konzeptualisierung des Krieges in hohem Maße von der aufgeworfenen Fragestellung und in der Folge unserem Erkenntnisinteresse abhängt.[59]

II.2.2. Die Abhängige Variable: Der innerstaatliche Krieg

„To understand any phenomenon, we must first be able to describe it, and this may be particularly true of war, because not only does it take an elusive variety of forms in any given historical period, but these forms also change across time”[60]

Um den Begriff des innerstaatlichen gewaltsamen Konfliktaustrags für das Anliegen unserer Arbeit nun begrifflich zu bestimmen und konzeptionell von anderen Formen des Krieges abzugrenzen, werden wir zunächst qualitative Merkmale heranziehen. Dazu werden wir auf einer verhältnismäßig weiten Definition Trutz von Trothas aufbauen. Krieg definiert er allgemein als „kollektive[n] und organisierte[n] Einsatz von materieller Schädigung, absoluter Gewalt, sprich: Tötung, und einer Zerstörungs- und besonders Waffentechnik“[61]

Unter Krieg wollen auch wir den Einsatz von Gewalt und damit der Schädigung bzw. Tötung des Gegners verstehen. Darüber hinaus gibt uns diese Definition bereits einen Anhaltspunkt darüber, was Krieg nicht ist. Dadurch, dass von Trotha einbringt, dass die kriegerische Gewalt kollektiv und organisiert eingesetzt wird, fallen gewaltsame Handlungen auf der Ebene der Individuen aus dem Begriffsraster des Krieges heraus. Richten wir den Begriff des Krieges nun am sozialwissenschaftlichen Modell der Analyseebenen aus, dann ist diese Form des gewaltsamen Konfliktaustrags eine Eigenheit der subsystemischen und der systemischen Ebene. Woran allerdings, operational gesprochen, zu messen ist, inwiefern Krieg eine kollektive Angelegenheit ist, müssen wir an quantitativen Merkmalen festmachen.

Um den innerstaatlichen gewaltsamen Konfliktaustrag von anderen Formen des Krieges abzugrenzen, werden wir uns für seine weitere Konzeptualisierung auf die überarbeitete Klassifikation des Correlates of War Projektes (CoW) stützen und diese Entscheidung auch begründen.

Die aktuelle Klassifikation des CoW bietet nun, statt bislang zwei, drei übergeordnete Klassen: Inter-State Wars, Extra-State Wars und Intra-State Wars. Die sich ausschließenden Merkmale, die zur Unterscheidung der Klassen herangezogen werden, orientieren sich maßgeblich am Status der Akteure, die in den jeweiligen Szenarien aufeinander treffen. D.h. das Unterscheidungsmerkmal zwischen den Klassen ist zunächst qualitativer Natur. Inter-State Wars sind dabei Kriege, die eine gewaltsame Auseinandersetzung zweier oder mehr Mitglieder des Internationalen Systems (Staaten) bezeichnen.[62] Extra-State Wars sind Kriege, in denen ein Mitglied des Internationalen Systems und ein nicht als staatlich anerkannter Akteur außerhalb der Grenzen des betreffenden Staates aufeinander treffen.[63] Intra-State Wars schließlich bezeichnen Kriege innerhalb des anerkannten Territoriums eines Staates. Hierbei unterscheidet das CoW Projekt zwei Unterklassen: Civil Wars, in denen sich die staatliche Regierung und mindestens ein nichtstaatlicher Akteur gegenüberstehen und Inter-Communal Wars, in denen sich zwei nichtstaatliche Akteure auf dem Gebiet eines anerkannten Staates gegenüberstehen.[64] Eine Klassifikation anhand des Staus’ der beteiligten Akteure auszurichten, bringt uns, so glauben wir einerseits die notwendige Stabilität begrifflicher Konventionen und lässt uns andererseits genügend Freiraum, um den Dynamiken des Phänomens Krieg hinreichend Rechnung zu tragen.

Um nun die genannten Formen des Krieges von schwächeren Formen kollektiver und organisierter Gewalt zu unterscheiden, fügt das CoW ein quantitatives Kriterium hinzu, nämlich das Vorhandensein von 1000 Kriegstoten (battle related deaths) im Verlauf des Konfliktaustrags für zwischenstaatliche Kriege, sowie 1000 Toten pro Jahr für Intra- und Extra-State Wars.[65] Erst, wenn ein gewaltsamer Konfliktaustrag sowohl die qualitativen als auch quantitativen Bedingungen erfüllt, wird er als Krieg gewertet.

Fassen wir also noch einmal zusammen. Den Innerstaatlichen Krieg als Abhängige Variable der vorliegenden Arbeit, wollen wir folgendermaßen definieren und operationalisieren.

Ein innerstaatlicher Krieg ist der kollektive und organisierte Einsatz von materieller Schädigung, absoluter Gewalt, sprich: Tötung, zwischen zwei oder mehr Akteuren innerhalb der Grenzen eines Staates, wobei sich als Akteure entweder a) eine oder mehrere nichtstaatliche Gruppen und die Regierung des Staates oder b) zwei oder mehrere nichtstaatliche Gruppen ohne Beteiligung der Regierung des Staates gegenüberstehen, und es zu mindestens 1000 Kriegstoten pro Jahr im Verlauf der Kampfhandlungen kommt.

II.2.3. Ethnische Konflikte/ Kriege: Eine Klasse für sich ?

"A cottage industry has developed around studies of ethnic conflict

with little elucidation of the concept itself"[66]

Die Abhängige Variable der vorliegenden Arbeit haben wir nunmehr etabliert. Dennoch mag sich an dieser Stelle die Frage aufdrängen, warum wir uns nicht um eine Konzeptualisierung ethnischer Konflikte und in der Folge ethnischer Kriege bemüht haben.

Um hierauf einzugehen, wollen wir exemplarisch eine prominente Definition ethnischer Konflikte herausgreifen und auf ihre Zweckmäßigkeit für die vorliegende Arbeit hin untersuchen. Mit den Worten Donald Horowitz’ könnten wir den Begriff zunächst folgendermaßen definieren:

“All conflicts based on ascriptive (birth-based) group identities, real or imagined – race, language, religion, tribe or caste – can be called ethnic.”[67]

Nach Horowitz’ Definition wären alle Konflikte ethnische Konflikte, die auf durch ethnische Merkmale konstituierten Gruppen beruhen. D.h. wenn sich ethnisch definierte Gruppen in einem Konflikt befinden, ist dies ein ethnischer Konflikt. Eine solche Konzeptualisierung von Begriffen lädt durchaus zur Tautologie ein, denn wie soll ein ethnischer Konflikt auch jemals etwas anderes sein, als ein Konflikt, dessen Akteure ethnische Gruppen sind? Zu schnell drängt sich hier das Bild auf, die Ursache gewaltsamen Konfliktaustrages zwischen ethnischen Gruppen sei in der ethnischen Identität der Akteure zu suchen.

Für diese Arbeit wollen wir festhalten, dass es unangebracht erscheint, das, was wir am Schluss herausfinden wollen, bereits in der Definition der Konflikte anzulegen. Würden wir etwa mit Christian Scherrer annehmen, dass im Wesentlichen kein Staat mit mehr als 10 Mio. Einwohnern ethnisch homogen ist, kommen wir zu leicht in Versuchung, eine wahre ‚Unmenge’ von gewaltsamen Konflikten sowohl auf der systemischen, wie der subsystemischen Ebene im Horowitz’schen Sinn als ethnische Konflikte zu charakterisieren. Letztlich erlägen wir dem, was Rogers Brubaker zurecht als „‚overethnicized’ view of the social world”[68] kritisiert. Auch Errol Henderson warnt eindringlich: "Definitions such as these are so ambigous and expansive that one could assume that all wars ever fought were ethnic conflicts."[69] Zusammenfassend bedeutet dies für uns: So wenig, wie wir danach fragen werden, welche Rolle Äpfel für die Zubereitung eines Apfelkuchens spielen, soll uns auch interessieren, welche Rolle Ethnizität für den gewaltsamen Austrag ethnischer Konflikte spielt.

II.3. Identität und ethnische Identität: Ein Krieg um Begriffe

“[...] the concept [of identity] itself remains something of an enigma”[70]

Wer Identitäten im Allgemeinen und ethnische Identität im Speziellen in den Fokus einer Analyse innerstaatlichen Krieges rücken will, wird zunächst versuchen, sich ein Bild davon zu machen, welche Bedeutung diesen Begriffen in der Literatur zugeschrieben wird.

Je intensiver man sich in der Folge um klare Konzepte bemüht, desto schneller findet man sich in einer Umgebung wieder, die Victor Le Vine völlig zurecht als „muddy conceptual waters“ charakterisiert.[71]

Wenngleich sich Ethnien und Identitäten – für sich genommen sowie in Kombination – seit dem Ende des Ost-West Konfliktes zunehmender Beliebtheit in der sozialwissenschaftlichen Analyse erfreuen[72], so scheint die Bedeutung dieser Ausdrücke, dem WYKWIM -Prinzip[73] folgend, vielfach als allgemein bekannt vorausgesetzt zu werden.[74] Nun könnte man dazu verführt werden zu glauben, es sei tatsächlich völlig unzweideutig, was der Begriff Identität allein oder in ethnischer Ausprägung bezeichnete, so wie man etwa auch den Begriff Brot nicht definieren würde, wenn man ihn benutzte.

Dasselbe gilt aber bedauerlicherweise weder für den Begriff der Identität für sich genommen, noch im Verbund mit seiner ethnischen Ausprägung. Beschäftigt man sich eingehender mit den mannigfaltigen impliziten und expliziten Bedeutungen, die beiden Begriffen mithin zugesprochen werden, wird jedem interessierten Leser schnell klar, dass die eingangs zitierten muddy conceptual waters nicht nur trüb sondern auch tief sind.

Die steigende analytische Verwendung von Begriffen wie Identität oder ethnischer Identität, bei gleichzeitig unzureichender konzeptualer Erfassung derselben, bringt uns zu einem Problem, dass Linda Brady zutreffend beschriebt: „[...] when researchers use fuzzy concepts, they tend to apply the terms inconsistently across time. Because the terms have fluid meanings, these meanings are likely to change without the researcher knowing it.”[75]

Da die anzustellende Analyse innerstaatlichen Krieges nun maßgeblich mit den Begriffen von Identitäten und Ethnien arbeiten wird, soll im Folgenden versucht werden, diese offensichtlich schwammigen und fließenden Begriffe wenigstens im Ansatz in ‚trockene Tücher’ zu bringen und für die vorliegende Arbeit fruchtbar zu machen.

II.3.1. Identität

"Arguably, the first step in any definitional exercise is to specify

any agreement that exists about the nature of the subject"[76]

Stellen wir nun die Frage, wie sich Identität allgemein definieren lässt, so wollen wir zunächst prüfen, an welche bereits vorhandenen Definitionen es sich lohnte anzuknüpfen. Obwohl der Begriff der Identität innerhalb der Sozialwissenschaft seit einigen Jahren eine geradezu inflationäre[77] Verwendung findet, können wir mit Rawi Abdelal und seinen Kollegen zunächst eine ernüchternde Bilanz über die akademische Verwendung des Begriffes ziehen:

"It is accurate to say […] that there is not much consensus on how to define Identity; nor is there consistency in the procedures used for determining the content and scope of identity; nor is there agreement on where to look for evidence that identity indeed affects knowledge, interpretations, beliefs, preferences and strategies; nor is there agreement on how identity affects these components of action. At its simplest, the problem is that in social science there is no consensus on how to treat identity [...]."[78]

Auf seiner Suche nach definitorischem Konsens erkennt auch James Fearon an, dass dieser in den Fällen, in denen der Begriff explizit definiert wird, nicht sehr weit gediehen ist. Im Gegenteil lassen die sehr verschiedenen Definitionen, die er zitiert nahezu eine universale Verwendung des Begriffs zu.[79] Die Situation, die sich in der Folge einstellt bezeichnen Rawi Abdelal und seine Kollegen zutreffend als "seeming definitional Anarchy".[80] Ausgehend von dieser Situation bieten sich für die vorliegende Arbeit drei Alternativen.

Die erste und gleichzeitig extremste wäre, den Begriff der Identität für heuristische und analytische Zwecke schlichtweg aufzugeben. Eine solche Marschroute verfolgen in jüngerer Zeit vor allem Rogers Brubaker mit Frederick Cooper sowie Floya Anthias. Alle drei teilen die Auffassung, der Begriff der Identität in seine(r)(n) gegenwärtigen Verwendung(en) sei unrettbar überladen, und sprechen ihm in seiner wissenschaftlichen Verwendung keinen analytischen Nutzen mehr zu.[81] Gewissermaßen aus dem ’Wrack’ des nach ihrem Dafürhalten gestrandeten Begriffs der Identität, versuchen sie unterschiedliche Teilkonzepte zu ‚bergen’, die partikularen analytischen Herausforderungen besser gerecht werden sollen, als der Begriff der Identität dies zu leisten vermag.[82]

Diesem Vorgehen wollen wir jedoch skeptisch gegenüberstehen.[83] In den sozialwissenschaftlichen Verständnissen zu Identitäten arbeiten wir gegenwärtig mit einem Begriff, unter den eine Vielzahl von Bedeutungen gefasst werden kann. Wir wollen es für unwahrscheinlich halten, dass sich die Situation dadurch verbessern lässt, dass wir von nun an eine Vielzahl von Begriffen einführen, die dann auch weiterhin Vielzahl von Bedeutungen bezeichnen, aber untereinander kaum noch vergleichbar oder in Verhältnis zueinander zu setzen sein werden. Tatsächlich wollen wir hier die Auffassung Stuart Halls teilen, der feststellt:

„[…] there are no other entirely different concepts with which to replace them [the key concepts ‘under erasure’], there is nothing to do but to continue to think with them. […] Identity is such a concept – operating ‘under erasure’ […] without which certain key questions cannot be thought at all.“[84]

Auch wir wollen innerhalb dieser Arbeit davon ausgehen, dass es fruchtbarere Wege gibt mit umstrittenen Begriffen umzugehen, als sie ersatzlos zu streichen.

Ein zweiter möglicher Weg bedeutet eine völlig eigene Definition von Identität nach dem Humpty Dumpty -Prinzip.[85] Der Auffassung James Fearons folgend, wollen aber auch wir davon ausgehen, dass dies nur bedingt zweckmäßig ist. „In addition to being unnecessary, this would rightly be considered an invitation to confusion“.[86]

Vielmehr wollen wir, wiederum in Anlehnung an Fearon, einen dritten Weg einschlagen. Dabei wollen wir in Betracht ziehen, dass der Begriff der Identität primär dem Alltagsgebrauch entstammt[87] und in der Folge die Alltagsbedeutung und die wissenschaftliche Bedeutung des Begriffs in engem Zusammenhang stehen, bzw. sich in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflussen.[88] Dadurch bietet sich uns eine gute Möglichkeit den Begriff der Identität, entsprechend seiner Bedeutung in der gegenwärtigen Verwendung zu Rekonzeptualisieren.[89] Auch wenn wir uns hier der Marschroute Fearons anschließen wollen, würdigen wir durchaus die Ermahnung Brubakers und Coopers nicht unkritisch Kategorien des Alltags als Kategorien der wissenschaftlichen Analyse zu übernehmen.[90] Wir wollen aber auch bedenken, dass eine wissenschaftliche Definition eines Terms, der bereits eine starke Signifikanz in der Alltagssprache hat, ohne Beachtung oder entgegen dieser Bedeutung für die wissenschaftliche Analyse nicht empfehlenswert ist.

Was also könnte Identität bedeuten? Da dieser Begriff im Alltagsgebrauch in der Regel mit existentiellen Charakteristika von Menschen zusammenhängt, können wir als Basis hierunter die Antwort auf die Frage fassen: Wer bin ich? Identität hängt in dieser Hinsicht damit zusammen, wonach Menschen definieren, wer sie sind.[91] Die Antwort auf diese Frage wird allerdings je nach dem Kontext, indem die Frage aufgeworfen wird unterschiedlich ausfallen. Man kann sich selbst als „Deutscher“, „Rock-Musik-Fan“ „Vegetarier“, „Katholik“, „Behinderter“, „Träumer“, u.v.m. betrachten. Kurzum: Eine Person besitzt viele verschiedene Einzelidentitäten parallel zueinander, mit denen sie sich kontextabhängig selbst beschreiben kann.[92] Dem folgend wollen wir die Fülle an Einzelidentitäten zunächst in zwei Klassen untergliedern.

II.3.2.: Persönliche und soziale Identitäten

Persönliche Identitäten bezeichnen zunächst persönliche/individuelle Charakteristika („blond“, „groß“, „ehrlich“, „sportlich“, „behindert“, „verträumt“ „pragmatisch“, „idealistisch“). Fearon hält dies fest als:

„a set of attributes, beliefs, desires, or principles of action that a person thinks distinguish her in socially relevant ways and that (a) the person takes a special pride in; (b) the person takes no special pride in, but which so orient her behaviour that she would be at loss about how to do without them; or (c) the person feels she could not change even if she wanted to“[93]

Persönliche Identitäten zeigen dabei einen Beiklang, der Stabilität und Unveränderlichkeit betont. In den Worten David Laitins können wir sagen: “A Person who is x today will surely be x tomorrow.”[94] Ein ehrlicher Mensch etwa, wird nicht davon ausgehen, dass er von morgen an ein chronischer Lügner sein wird. Ausgehend davon wird es den Menschen in der Regel nicht möglich sein, sich vorzustellen, morgen früh könnten sie nicht mehr sie selbst sondern jemand anderes oder gar, sie könnten überhaupt nicht mehr sein. Ungeachtet einer möglichen Veränderbarkeit von Identitäten betrachten Menschen ihre persönliche Identität als relativ stabil.

Soziale Identitäten beziehen sich auf eine soziale Kategorie, unter denen Fearon versteht:. „A Set of people designated by a label (or labels) that is commonly used either by the people designated, others, or both.[95]. Hierunter fallen etwa Identitäten wie “Student”, “Deutscher”, “Weißer” und “Katholik”. Soziale Kategorien haben zwei kennzeichnende Charakteristika:

“First they are defined by implicit or explicit rules of membership, according to which individuals are assigned or not to the category. Second, social categories are understood in terms of sets of characteristics – for example, beliefs, desires, moral commitments, or physical attributes – thought to be typical of members of the category, or behaviours expected or obliged of members in certain situations”[96]

Soziale Kategorien unterscheiden sich damit sowohl nach Zugangsregeln als auch durch ihren Inhalt. Wie beide Definitionen erkennen lassen, sind beide Klassen von Identität mitnichten trennscharf. Auch soziale Identitäten können zu einem konstitutiven Merkmal persönlicher Identitäten werden, müssen es aber nicht von vornherein auch sein.[97]

[...]


[1] Eberwein & Chojnacki 2001: 27.

[2] Vgl. Sambanis 2001a.

[3] Schlichte 2002: 115.

[4] Vgl. Hasenclever 2002; Daase 2003. Ein eher düsteres Bild zeichnen Schlichte 2002 und Lock 2003. Eine gute und immer noch aktuelle Übersicht über den angloamerikanischen Bereich findet sich in Sambanis 2001a.

[5] Levy 1998: 140.

[6] Bis zu einer für diese Arbeit zweckmäßigen Konzeptualisierung von Konflikt und Krieg werden wir zunächst die Begriffe des Bürgerkrieges und des innerstaatlichen gewaltsamen Konfliktaustrags synonym verwenden.

[7] Hasenclever 2002: 345; im Wesentlichen identisch auch Gurr & Harff 2004: 96.

[8] Vgl. Hasenclever 2002: 349f; ein guter Überblick findet sich auch in Sambanis 2001b.

[9] Hasenclever 2002: 349.

[10] Vgl. etwa Bates 1999: 32f; Elbadawi & Sambanis 2000: 245 ff; Collier & Hoeffler 1998: 17.

[11] Vgl. Collier und Hoeffler 2002: 22; Sambanis 2001a: 27; Reynal Querrol 2002: 44.

[12] Vgl. Ellingsen 2000: 229f. Unter dem Begriff von domestic conflict vereint sie sowohl die Konzeptulisierung von civil war s, in Anlehnung an das Correlates of War Projekt, wie auch armed conflicts, in Anlehnug an die Arbeiten Wallensteens und Sollenbergs.

[13] Ebd.: 241. Stellt die zweitgrößte Gruppe über 20% der Bevölkerung, fällt das Risiko wieder, bleibt aber immer noch signifikant höher als bei Gruppen unter 5%.

[14] Ebd.: 241 Dieses Ergebnis bestätigen auch Collier & Hoeffler 2002 und Collier 2003. Ellingsen sieht die Konstellation von 3-4 Gruppen besonders konfliktträchtig, Collier die von 2-3 Gruppen.

[15] Vgl. Elbadawi & Sambanis 2000: 254.

[16] Vgl. Bates 1999: 30.

[17] Collier & Hoeffler 1998: 17; vgl. auch Hegre et al. 2001: 40f.

[18] Vgl. Collier & Hoeffler 2002. Die destabilisierende Wirkung innergesellschaftlicher Polarisierung auf ethnische Gruppen zeigt auch Henderson 1998.

[19] Elbadawi & sambanis 2002: 321. Auch Henderson 1998 stellt das Risikopotential einer solchen parabolischen Funktion ethnischer Fragmentierung fest, jedoch ist sein Untersuchungsgegenstand die Entstehung von Coups d’etats. Vgl. hierzu auch sehr lesenswert die Arbeiten Jenkins’& Kposowas, die dabei auch die Größe der zweitgrößten Gruppe betrachten.

[20] Sambanis 2001a: 28.

[21] In der Regel wird als Ausgangsbasis der 1964 von Bruk und Apenchenko aufgestellte Index ethnolinguistischer Fragmentierung (ELF) verwandt. Vgl. hierzu Elbadawi & Sambanis 2002: 316.

[22] Da wir innerhalb dieser Arbeit keinen eigenen Datensatz erheben können, werden wir die genannten Ergebnisse annehmen, obwohl sie selbstverständlich weiter hinterfragbar bleiben.

[23] Flick 1996: 69.

[24] King et al. 1994: 12.

[25] Das CoW - Projekt zählt für das 19.Jh. 71 Bürgerkriege und für das 20. Jh. 143 Bürgerkriege. Vgl. Sarkees et al. 2003.

[26] Sambanis 2001a : 4.

[27] King et al. 1994: 15ff.

[28] Fischer 1971: 3-39.

[29] Flick 1996: 63.

[30] Ebd.: 66.

[31] Vgl. hierzu Little 1991: 13-38.

[32] Ebd.: 14.

[33] Ebd.

[34] Ebd.: 25.

[35] Ebd.: 14.

[36] Ebd.: 15.

[37] King et al. 1994: 79.

[38] Vgl. Schimmelfennig 1995: 252.

[39] King et al.: 75.

[40] Little 1991: 15.

[41] Ebd.

[42] Orywal 2002: 33f.

[43] „Sie deckt nämlich nur eine ganz bestimmte Positionsdifferenz ab, diejenige, die sich weder durch Übereinstimmung, noch durch Kompromiß oder Anpassung aufheben läßt.“ Czempiel 1981: 200.

[44] “Konflikte [...] charakterisieren die gesellschaftliche Existenz schlechthin.“ Czempiel 1981: 199. Vgl. dazu auch Dubiel 1998: 210 und Hirschmann 1994: 299f..

[45] Als Beispiel wollen wir eine Definition von Bartos & Wehr 2002: 27f. geben: “conflict is a situation in which actors use conflict action against each other to attain incompatible goals and/or express their hostility.“ Zwischen Konflikt und Konfliktaustrag wir hier gar nicht mehr unterscheiden; die Begriffe definieren sich gegenseitig.

[46] Brubaker & Laitin 1998: 426.

[47] Brubaker & Laitin 1998: 427. Hervorhebungen im Original.

[48] Horowitz 1991: 2.

[49] Vgl. zu der doppelten Bedeutung des Conflict framing Brubaker & Laitin 1998: 427 ff. und 443f.; vgl. auch Daase 2003: 163 ff.

[50] Daase 2003: 163; im wesentlichen identisch auch Gurr & Harff 2004.

[51] Vgl. zum gesamten Abschnitt Daase 2003: 164.

[52] Scherrer 1999: 70.

[53] Di o n 1997: 648.

[54] Hierunter versteht er „diejenigen Begriffe, denen kein klar bestimmbarer genereller Gebrauch zugeordnet werden kann, der auf eine eindeutige Bedeutung schließen ließe.“ Daase 2003: 163.

[55] Vgl. Eberwein & Chojnacki 2001.

[56] Daase 2003: 165.

[57] Vgl. etwa Lock 2003. Peter Lock spricht vor dem Hintergrund der Probleme bei der Begriffsbildung gar von einem „ analytischen Offenbarungseid gegenüber den gegenwärtigen Manifestationen bewaffneter Gewalt “.

[58] Daase 2003: 165; vgl. auch Diehl 2002: 11 “ [...] labeling every change or new event as the centerpiece of a „new world order“ is probably incorrect and undermines our scientific goals.”

[59] „Es kann daher nicht genug betont werden, dass es auf die Fragestellung ankommt, welche Typologisierung angemessen und welche Begriffsbestimmung sinnvoll ist, und dass nur durch eine explizite Kriterienbildung die theoretischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden können [...].“ Daase 2003: 169f.; vgl. zur Zweckmäßigkeit von Begriffsbestimmungen auch Opp 2002: 135.

[60] Sarkees et al 2003: 58.

[61] von Trotha 1999: 71. Unbeschadet aller weiteren Auseinandersetzungen in der Begriffsdebatte, kommt diese Definition einem, wenn auch äußerst weit gefassten, Konsens sehr nahe. Vgl. auch Levy 1998: 141.

[62] Sarkees et al. 2003: 58.

[63] Ebd.: 59.

[64] Vgl. Ebd.: 59. Unterhalb der Klasse der Civil Wars eröffnen Sarkees und Kollegen zwei weitere Klassen: Civil Wars for central control und Civil Wars for local issues. Diese Unterklassen werden wir nicht in die vorliegende Arbeit übernehmen. Beide orientieren sich an vermeintlichen Zielen der kriegführenden Parteien und damit einem Verweis auf mögliche Kriegsursachen. Zudem wird bei Sarkees und Kollegen nicht deutlich, auf welcher Grundlage die Notwendigkeit einer solchen weiteren Unterteilung von Civil Wars erwächst, während Inter-State Wars keine weitere Unterklassifizierung nach Ziel und Zweck des Krieges erfahren.

[65] Vgl. Sarkees et al. 2003: 58; vgl. auch Daase 2003: 172f.

[66] Henderson 1997: 651

[67] Horowitz 1985: 24

[68] Brubaker 2002: 168; vgl. auch Brubaker & Laitin 1998: 427f.

[69] Henderson 1997: 652.; im wesentlichen identisch Diehl 2002: 16 ff.

[70] Fearon 1999: 1.

[71] Le Vine 1997: 47.

[72] Vgl. Abdelal et al. 2001: 3ff. Gleason 1983 und Brubaker & Cooper 2000: 2ff.

[73]W ell, Y ou K now W hat I M ean”, zitiert aus: Brady 1982: 24.

[74] "Overwhelmingly, academic users of the word 'identity' feel no need to explain its meaning to readers. The readers' understanding is simply taken for granted, even when 'identity’ is the author's primary dependent or independent variable." Fearon 1999: 4.; ähnlich auch Gleason 1983: 910.

[75] Brady 1982: 25. Dass sich dabei gerade das Verständnis von Identität während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zunehmend verändert hat, merkt auch James Fearon (Fearon 1999: 7ff. ) an.

[76] Le Vine 1997: 50.

[77] Vgl. Abdelal et al. 2001: 3ff.

[78] Ebd.: 1.

[79] Fearon 1999: 4f.. Fearon entnimmt der Literatur eine Auswahl von 14 grundverschiedenen Definitionen zum Begriff der Identität; vgl. ähnlich auch Abdelal et al. 2001: 6f. und Brubaker & Cooper 2000: 6 ff.

[80] Abdelal et al. 2001: 7.

[81] Vgl. Brubaker & Cooper 2000: 10f.; ähnlich Anthias 2002: 494-497. Eine gute Diskussion zwischen Vertretern schwacher und starker Verständnisse von Identität findet sich auch zwischen Bill McSweeney und Vertretern der Copenhagen school, auf die wir später noch gesondert eingehen werden.

[82] Diese Konzepte sind bei Brubaker und Cooper “Identification and categorization“, “Self-understanding and social location“ und “communality, connectedness, groupness”. Vgl. hierzu ausführlich Brubaker & Cooper 2000: 14-21. Floya Anthias führt die Konzepte von „ narratives of location” und der “translocational positionality” ein; vgl. Anthias 2002: 498-502.

[83] Auch Miller & Rahn 2002: 4 bestärken uns in der Unzweckmaßigkeit dem bereits dargestellten „ analytic bazaar “ noch weitere Stände („ booths“) hinzuzufügen

[84] Hall 1996: 1f.

[85]When I use a word, it means just what I choose it to mean – neither more or less.“Fearon 1999: 6, Hervorhebung im Original.

[86] Ebd.

[87] Der Begriff findet erst in den 50er und 60er Jahren des 20. Jhs. Eingang in die Sozialwissenschaft. Vgl. Gleason 1983: 910 ff.; Brubaker & Cooper 2000: 2 ff.

[88] Vgl. auch Brubaker & Cooper 2000: 4 ff. Dies liefert uns auch eine Erklärung wieso sich auch der wissenschaftliche Begriff über die Jahre verändert hat.

[89] Im Wesentlichen dasselbe Vorgehen schlägt auch Laitin 1998: 13 ff. vor.

[90] Vgl. Brubaker & Cooper 2000: 5.

[91] Fearon 1999: 11.

[92] Vgl. Fearon 1999: 12; vgl. auch Smith 1993: 49.

[93] Fearon 1999: 11.

[94] Laitin 1998: 14. Hervorhebungen im Original.

[95] Fearon 1999: 10.

[96] Ebd.: 13f.

[97] Vgl. Fearon 1999: 11/16.

Details

Seiten
127
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640767748
ISBN (Buch)
9783640768035
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162321
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Identität Krieg Eine Annäherung

Autor

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Titel: Die Bedeutung ethnischer Identität für den innerstaatlichen Krieg