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Das verzerrte Selbstporträt eines Malers in Jean Amérys Roman "Lefeu oder der Abbruch"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman „Lefeu oder der Abbruch“
2.1 Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Romans
2.2 Zum Gehalt des Romans
2.3 Anmerkungen zur Figur des Lefeu

3. Erich Schmid – Das Vorbild für die literarische Figur des Lefeu
3.1 Das Leben des Erich Schmid und seine Beziehung zu Jean Améry
3.2 Exkurs: „Die neuen Mönche. Bildnisse (un)berühmter Zeitgenossen. Unbekannter Maler E. S.“

4. „Lefeu oder der Abbruch“ – Das verzerrte Selbstporträt eines Malers?

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Einmal, so sagte ich mir, wird es Zeit, von der autobiographischen Thematik, der ich einen gewissen Ruf verdanke, loszukommen: ich kann nicht ewig von mir „selbem“ (wie der begabte Arnold Bronnen zu deklinieren pflegte) erzählen. Die bare Subjektivität wird thematisch am Ende nichts mehr hergeben. Aber warum wollte ich dann nicht einfach bei der klar essayistischen Form bleiben, bei der allgemeinen, allzu allgemeinen Publizistik? Ein sehr alter Wunsch, der in tiefster Lebensferne ankert, machte nämlich sich geltend. Ich wollte erzählen oder auch erzählen, und geisterhaft stieg ein glücklicherweise unveröffentlichter Jugendroman aus dem Nebel der Vergangenheit heraus, wollte erinnert werden… Unüberhörbar war schließlich die Forderung, den Ring zu schließen, nach mancherlei Umwegen zurückzukehren zu den schriftstellerischen Anfängen.[1]

Wer die zeitkritischen Aufsätze des jüdischen Schriftstellers Jean Améry, der 1912 als Hans Chaim Mayer in Wien geboren wurde, kennt, wie unter anderem „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“ und „Über das Altern: Revolte und Resignation“ aus den 1960er Jahren oder die autobiografische Schrift „Unmeisterliche Wanderjahre“ von 1971, die sich durch Amérys Fähigkeit der Analyse des Zeitgeschehens, der Geschichte und deren philosophischem wie auch politischem Hintergrund, auszeichnen, den mag der Wunsch „von der autobiographischen Thematik […] loszukommen“[2] und einen Roman zu verfassen nicht sonderlich überrascht haben. Es war anzunehmen, dass Améry zwar „erzählen“[3] wolle, doch würde er dabei die Möglichkeit des Sinnens und Nachdenkens, der Reflexion, nicht zu Gunsten einer reinen Erzählwelt, wie es dem Roman eigen ist, aufgeben. Und somit entstand ein Werk, das von der gegenseitigen Durchdringung von Darstellerischem und Erzähltechnischem auf der einen Seite und Reflektierendem auf der anderen Seite geprägt ist: Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, welcher Gegenstand dieser wissenschaftlichen Arbeit ist.

Jean Améry erzählt von dem Maler Lefeu, der in einem verfallenen Atelier im Paris der 1970er Jahre haust. Dieses soll abgerissen werden, damit neue, funktionalistische Bauten entstehen können. Doch Lefeu versucht sich dem Abbruch zu widersetzen. Er, der deutsche Jude, Mitglied der französischen Résistance, welcher sich dem kommerziellen Kunstmarkt entzieht und jegliche soziale Bindungen scheut, verbrennt seine Bilder in einem letzten Akt des Widerstandes und stirbt einsam und verarmt in den Straßen von Paris. Améry schrieb hierzu, dass

[…] die Obsession, erzählen zu wollen, [klammerte sich] an die Vorstellung des zwielichtigen Ateliers und an die Bilder, von denen ein Paar an den Wänden meiner Wohnung hängen, und an die Idee, daß in Paris in einer Straße des V. Arrondissements, die nicht Rue Roquentin heißt, aber doch so ähnlich, einer haust, der nein sagt und in der Neinsage lebend einen Teil dessen verwirklichte, was mich bewegt von langer Hand her… So drängte denn… entgegen meinen Absichten doch wiederum das autobiographische Element sich in ein Projekt, das kaum noch ein rechts war.[4]

Die Figur des Lefeu, welche das Romangeschehen bestimmt, hatte einen tatsächlich lebenden Künstler zum Vorbild: Erich Schmid. Über ihn fantasiert Améry seine Kunstfigur jedoch hinaus, bis hin zu „künstlerische[n] Selbstbefragungen und -vergewisserungen, die uns in den Porträts von Thomas Manns Aschenbach (aus dem „Tod in Venedig“, mit dem Amérys Buch sehr viel verbindet) oder dem Adrian Leverkühn (aus dem „Doktor Faustus“) schon vertraut waren“[5].

In wie weit der Maler Erich Schmid nun Vorlage für die Figur des Lefeu war, wie viel Autobiografisches diese Romangestalt entgegen des Wunsches des Autors, wie es aus dem voranstehenden Zitat desselben zu entnehmen war, in sich trägt und besonders in welcher Beziehung Schmid, Lefeu und Améry zueinander stehen, soll im Folgenden erörtert werden.

Hierbei gliedert sich die wissenschaftliche Arbeit in zwei Haupteile. Im ersten Abschnitt soll der Essay-Roman „Lefeu oder der Abbruch“ einer genaueren Analyse, was dessen inhaltliche Aspekte sowie die Figur des Malers Lefeu angeht, unterzogen werden. Im zweiten Teil soll auf die Person Erich Schmid und dessen Beziehung zu Jean Améry eingegangen werden, um in einer abschließenden Überlegung, die diesen beiden Hauptteilen nachsteht, den Roman-Essay unter Berücksichtigung des bereits Erarbeiteten im Gesamtwerk Jean Amérys zu verorten.

Im Wesentlichen stützt sich die Arbeit auf die Analyse der Primärtexte, neben „Lefeu oder der Abbruch“ auf Amérys Frühwerk „Die Schiffbrüchigen“ und die großen Schriften „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, „Über das Altern: Revolte und Resignation“, „Unmeisterliche Wanderjahre“ und „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ sowie auf kleinere Beiträge für den Feuilleton und Briefe Amérys, die allesamt in einer neunbändigen Werkausgabe seit 2002 im Ernst Klett Verlag erschienen sind. Ebenso bezieht sich die Untersuchung auf die umfangreichen Beiträge zu Leben und Werk Jean Amérys der an der Université Libre de Bruxelles arbeitenden Irene Heidelberger-Leonard und des Philologen Wolfram Schütte.

2. Der Roman „Lefeu oder der Abbruch“

2.1 Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Romans

Breits drei Jahre vor der Entstehung des Essay-Romans „Lefeu oder der Abbruch“ schrieb Jean Améry eine sehr detaillierte Schilderung dessen, was den Inhalt dieses Romans ausmachen sollte, in einem Brief vom 16. November des Jahres 1971 aus Brüssel an seinen Freund Ernst Mayer nieder:

[…], sondern auch das dumpfe Gefühl, allzuviel falsch gemacht zu haben. Unmittelbarer Anlass, dass dieses Verspüren manifest wird: mein Projekt, einen Roman-Essay oder Essay-Roman zu schreiben mit dem Mittelpunkt einer fiktiven Person, zu der vielleicht mein Freund Erich das Modell abgeben wird. Jetzt glaube ich nämlich zu wissen, dass ich wesentlich nicht zum reinen Denker angelegt war, sondern zum denkenden Erzähler. Aber wird mein Erzählen noch standhalten können vor alledem, was man heute Prosa nennt? Ist nicht allzuviel hingegangen seit den „Schiffbrüchigen“? Dennoch und trotz allen Zauderns will ich den Versuch wagen. Dabei kommt mir immer wieder Proust in den Sinn: „Es war hohe Zeit, das Werk zu beginnen. Aber war noch Zeit genug…?“[6]

Es sollte noch genug Zeit sein und so erschien „Lefeu oder der Abbruch“, dessen Entstehung wie kein anderes Werk Amérys aus dem Briefwechsel mit Ernst Mayer dokumentiert ist, 1974 im Ernst Klett Verlag in Stuttgart in einer Auflage von 5000 Exemplaren.[7]

Für Jean Améry konnte der Stellenwert dieses Werkes nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er ist ohne jegliche Zweifel und schreibt überzeugt am 3. März 1975 an Ernst Mayer: „dieses Buch [ist] als das beste alles dessen, was ich jemals schrieb, zu betrachten“[8]. Freunde und Redakteure und auch Amérys Lektor zeigen sich dem Roman zugetan. Die Kritik im Feuilleton liest sich ebenfalls freundlich. Doch einer sieht dies ganz und gar nicht so: Marcel Reich-Ranicki, der, für Améry völlig unerwartet, den Essay-Roman auf das heftigste zu kritisieren weiß. Er, der Jean Améry nur wenige Jahre zuvor als moralische Instanz geehrt hatte, hält Amérys Ausflug in die erzählende Dichtung für baren Unsinn[9]. Irene Heidelberger-Leonard beschreibt Reich-Ranickis Rezension, die in „Die Welt“ erschienen war, in ihrem Nachwort zu „Lefeu oder der Abbruch“ auf nachhaltige Weise:

[...]


[1] Zitiert nach Schütte, Wolfram: Tabula rasa oder am Ende doch eine Illusion? Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, S. 191.

[2] Zitiert nach Schütte, Wolfram: Tabula rasa oder am Ende doch eine Illusion? Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, S. 191.

[3] Zitiert nach Schütte, Wolfram: Tabula rasa oder am Ende doch eine Illusion? Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, S. 191.

[4] Zitiert nach Schütte, Wolfram: Tabula rasa oder am Ende doch eine Illusion? Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, S. 192.

[5] Schütte, Wolfram: Tabula rasa oder am Ende doch eine Illusion? Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, S. 193.

[6] Améry, Jean: Werke. Briefe, S. 384.

[7] Die Angaben beziehen sich auf Améry, Jean: Werke. Die Schiffbrüchigen. Lefeu oder der Abbruch, S. 668.

[8] Zitiert nach Améry, Jean: Werke. Die Schiffbrüchigen. Lefeu oder der Abbruch, S. 689.

[9] Siehe auch: Améry, Jean: Werke. Die Schiffbrüchigen. Lefeu oder der Abbruch, S. 691.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640764792
ISBN (Buch)
9783640765126
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162397
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Selbstporträt Malers Jean Amérys Roman Lefeu Abbruch

Autor

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