Lade Inhalt...

Geschichtsphilosophie bei Hegel und Marx

Seminararbeit 2010 27 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hegels Geschichtsphilosophie
2.1. Teleologie und Fortschritt
2.2. Weltgeist und die List der Vernunft
2.3. Staat und Gesellschaft bei Hegel

3. Geschichtsphilosophie bei Marx
3.1. Idealismus versus materielle Praxis
3.2. Basis und Überbau
3.3. Produktionsverhältnisse und Klassengesellschaft
3.4. Revolution und Klassenkampf
3.5. Staat und Gesellschaft bei Marx

4. Schlussbetrachtung: Hegel und Marx in Kontinuität

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Karl Marx (1818-1883) und seine Philosophie haben zweifellos einen großen Einfluss auf das zwanzigste Jahrhundert ausgeübt. War seinen Schriften zu Lebzeiten kein großer Erfolg beschieden, so wurden sie später doch beispielsweise von Lenin aufgegriffen, auch wenn es strittig erscheint, ob der Realkommunismus sowjetischer Prägung noch etwas mit Marx‘ Vorstellung von der Diktatur des Proletariats gemein hatte.1 Abgesehen vom realen Lauf der Geschichte – gerade zu Beginn des 20. Jahrhundert entscheidend geprägt vom Aufstieg und zum Ende vom Niedergang kommunistischer Systeme – hat Marx selbst eine Geschichtstheorie entworfen, den Historischen Materialismus. Auch wenn sich in seiner Theorie keine Forderungen nach Konzentrationslagern und Terror finden, so ist nach Ottman bereits hier einiges angelegt, was später zu solcherlei Auswüchsen führen konnte. Der Philosoph wird vom reinen Interpreten der Welt zu einem aktiven Veränderer, die reine Theorie wird mit Klasseninteresse eingefärbt.2 Marx entstammt der linkshegelianschen Schule. Atheismus und politische Befreiung waren für die Linkshegelianer gleichbedeutend. Insofern erscheint auch die Ablehnung des hegelianschen Idealismus, wie überhaupt jeder teleologischen Hinsichtnahme der Weltgeschichte, folgerichtig. Nicht die Idee, sondern die materielle Praxis sollte den entscheidenden Faktor ausmachen. Fraglich erscheint, inwieweit die marxsche Geschichtsphilosophie wirklich frei ist von jeder Teleologie; hat sie sich frei gemacht von jeder Beeinflussung durch den Weltgeist, oder spukt dieser noch immer schemenhaft als „metaphysisches Gespenst“ durch die Geschichtsvorstellung von Karl Marx? Was kann diesbezüglich bei einer Untersuchung der von Marx kolportierten Entwicklung der Geschichte gesagt werden?

Ziel dieser Arbeit ist, die Geschichtsphilosophie von Karl Marx dementsprechend zu untersuchen. Dieses Vorhaben könnte kaum glücken, ohne zuvor die Geschichtsphilosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Einige Beachtung sollen dabei auch die Staatskonzeptionen beider Philosophen erfahren; zweifellos spielte der Staat sowohl bei Hegel, als auch bei Marx eine wichtige Rolle in der Menschheitsgeschichte, wenn auch von sehr unterschiedlicher Qualität. Grundsätzlich ist zu fragen, ob G.H.R. Parkinson recht zu geben ist mit der Aussage “[…] that there is more of Hegel in Marx than is sometimes supposed, and that if this fact is ignored one seriously distorts Marx”.3

2. Hegels Geschichtsphilosophie

2.1. Teleologie und Fortschritt

Hegel identifiziert die Philosophie in der Einleitung seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften wie folgt:

„Die Philosophie kann zunächst im allgemeinen als denkende Betrachtung der Gegenstände bestimmt werden. […] Indem jedoch die Philosophie eine eigentümliche Weise des Denkens ist, eine Weise, wodurch es Erkennen und begreifendes Erkennen wird, so wird ihr Denken auch eine Verschiedenheit haben von dem in allem Menschlichen tätigen, ja die Menschlichkeit des Menschlichen bewirkenden Denken […].“ 4

Zu philosophieren heißt also, eine Denkaktivität zu zeigen, einfacher gesagt: nachzudenken. 5 Bereits die Silbe „nach“ besagt, dass es sich dabei um ein Denken handelt, das sich an Dingen orientiert, die bereits getan wurden. Insofern kommt dem Denken die Aufgabe zu, die Geschehnisse zu untersuchen und zu erklären. Erst im Lichte des Denkens gesehen werden diese sich in das sich entwickelnde Ganze einordnen lassen, das logisch notwendig ist. Die Dinge können nicht anders sein, als sie sind. Dem Philosophen bleibt, seine Konzeption sukzessive an die Einzelteile der kosmischen Struktur anzupassen, die sich ihm eröffnen, und so schließlich den Gesamtsinn zu erkennen. Dieser Gesamtsinn wiederum ist Gott, die Philosophie somit auch „Gottesdienst“, sie handelt nicht, sondern will verstehen und der Welt so zu einem Selbstbewusstsein verhelfen, nicht aber sie verändern.6 Der Entwicklungsprozess des Universums ist teleologisch, alles Existierende bewegt sich in einem systematischen Ganzen, ist ein Mittel zum Abschluss des Prozesses, wie es ebenso sein Ende ist.7

Analog zur kantischen Geschichtsphilosophie ist auch bei Hegel die Weltgeschichte zugleich eine Geschichte des Fortschritts. Dabei ist im Sinne der auch bei Kant aufgeworfenen Theodizeefrage von Bedeutung, ob auch dem im Gange der Geschichte entstehenden Übel ein positiver Sinn zukommen, beziehungsweise etwas Gutes daraus entstehen kann. Ganz im Sinne einer teleologischen Geschichtsphilosophie muss von einer Hinsichtnahme auf den Gesamtsinn ausgegangen werden, insofern das Leiden früherer Generationen in Kauf zu nehmen ist im Lichte des Fortschritt der späteren. Sie ist einerseits der Altar, auf dem zahlreiche Opfer zu bringen sind, zugleich aber auch der Beweis göttlichen Waltens, welches das Negative nicht als zwecklos erscheinen lässt.8

„Das setzt voraus, daß in der Geschichte – den Schlächtereien zum Trotz – eine Vernunft erkannt werden kann.“9 Im metaphysischen Sinne ist das Böse ein notwendiger Antipol, es ist im Existierenden bereits inbegriffen.

„Was vernünftig ist, das ist wirklich,

und was wirklich ist, das ist vernünftig.“10

Vernunft und der dementsprechend ebenso vernünftige Hergang der gesamten Weltgeschichte ist somit grundlegendes Prinzip in Hegels Geschichtsphilosophie.11 „For within a system of teleological metaphysics […] all explanation is justification, all history is theodicy.“12 Buhr charakterisiert die „Herrschaft der Vernunft“ als Stilbildend für die klassische bürgerliche Philosophie, sie ist das Vermögen des Menschen, überkommene Gesellschaftssysteme und Ideologien zu Gunsten einer neuen gesellschaftlichen Ordnung abzustreifen. Der Mensch ist qua Ratio Herr über Natur und Gesellschaft.13 „Der einzige Gedanke […] ist aber der einfache Gedanke der Vernunft, daß die Vernunft die Welt beherrscht, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen ist.“14 Die Vernunft zieht zudem - wie später noch zu zeigen ist - die Fäden im Hintergrund der Geschichte.15

2.2. Weltgeist und die List der Vernunft

Fundamental ist für Hegel die Tatsache, „daß unser Gegenstand, die Weltgeschichte, auf dem geistigen Boden vorgeht.“16 Da der Geist sich auf dem Feld der Weltgeschichte „in seiner konkretesten Wirklichkeit“17 befindet, muss dieser zunächst hinsichtlich der „Natur des Geistes“18 abstrahiert werden. Diese Abstraktion wird durch eine Gegenüberstellung von Materie und Geist erreicht: wo die eine als ihre Substanz die Schwere aufweist, hat der andere als ebendiese die Freiheit. Doch während die Materie sich gerade durch ihr Gegenteil definiert, hat der Geist sich selbst zum Mittelpunkt,19 „er hat nicht die Einheit außer sich, sondern er hat sie gefunden; er ist in sich selbst und bei sich selbst. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr; der Geist ist das Bei-sich-selbst-Sein. Dies eben ist die Freiheit, denn wenn ich abhängig bin, beziehe ich mich auf ein Anderes, das ich nicht bin; […] frei bin ich, wenn ich bei mir selbst bin.“20 Die Weltgeschichte ist insofern ein Prozess der Bewusstwerdung des Geistes über sein eigenes an-Sich-Sein,21 ein quantitativer Fortschritt der Freiheit durch die von Hegel qualifizierten Epochen der Menschheit. Dieser Fortschritt bricht sich angefangen beim orientalischen Despoten bis zur germanischen oder christlichen Welt Bahn, die Freiheit des Einen wird im Zuge der Geschichte zur Freiheit des Menschen als Menschen.22 Die Freiheit des orientalischen Herrschers ist daher gar keine solche; in seiner Zeit ist nur einer frei, es gibt noch kein Bewusstsein über die Freiheit des Geistes an sich. Und wer um die Freiheit nicht weiß, der kann auch nicht frei sein, er bleibt ein Despot, ein Willkürherrscher.23 Freiheit bedeutet also im hegelschen Sinne weniger, tun zu können, was immer man will; vielmehr ist sie im Sinne von Autonomie zu verstehen.24

„In den Griechen ist das Bewusstsein der Freiheit aufgegangen, und darum sind sie frei gewesen; aber sie, wie auch die Römer, wußten nur, daß einige frei sind, nicht der Mensch als solcher. Dies wußten selbst Platon und Aristoteles nicht. […] Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zum Bewußtsein gekommen, das der Mensch als Mensch frei [ist], die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht.“25

Allein das Bewusstsein um die eigene Freiheit garantiert indes keinesfalls für ihre Implementierung in die Verfasstheit von Staat und Gesellschaft. Vielmehr muss dieses Prinzip erst von der Religion übergehen auf die26 „Wirklichkeit des Geistes und Lebens“27 Hier ist nach den Mitteln zu fragen, die der Prozess der Geschichte zur Anwendung bringt, um den besagten „Freiheitstransfer“ zu erreichen.28 Hegel geht in der Einleitung zu seiner Philosophie der Geschichte sehr ausführlich auf diese Mittel ein.

Die zielgerichtete Handlung ist im Gegensatz zur Freiheit ein unmittelbar erkennbares Prinzip der Weltgeschichte,29 „Bedürfnisse, Leidenschaften, Interessen“, insgesamt die „Zwecke des partikularen Interesses“30 erscheinen als hauptsächliche Triebfedern, sie sind dem Menschen näher und vertrauter als „Zucht zur Ordnung und Mäßigung, zum Rechte und zur Moralität“.31 So erscheint die Geschichte einerseits als „Schlachtbank“32, auf der die individuelle Tugend, ja, letztendendes sogar ganze Staaten der menschlichen Eigensucht als Opfer dargebracht werden. Andererseits stellt sich hier abermals die Frage dem Zweck dieser Opfer im Hinblick auf die Zielrichtung der Geschichte insgesamt.33 Und Hegel behauptet keineswegs, dass das Bewusstsein über die Freiheit mit reiner Gemütlichkeit zu erreichen sei. „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr; denn sie sind Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes“.34 Gerade dieser „Endzweck“ der Weltgeschichte braucht für seine Bestimmung, für sein Hinausgehen über ein bloßes Potential ein ihn verwirklichendes Moment,35 „und dies ist die Betätigung, Verwirklichung, und deren Prinzip ist der Wille, die Tätigkeit des Menschen überhaupt.“36 Der Eigennutz ist jeder Tätigkeit implizit; ohne ihn, so Hegel, kam und kommt nichts zustande. Dies umso mehr, wenn sich der Mensch nicht mehr durch autoritären Zwang, sondern vielmehr durch eigenen Antrieb einer Sache verschreiben soll. Eben diese Tätigkeit im eigenen Sinne, negativ formuliert Selbstsucht, kann den Menschen erst dazu bringen, seine gesamte Willenskraft und seinen Charakter auf die Verwirklichung eines Zieles auszurichten, es sozusagen mit Leidenschaft zu verfolgen.37

[...]


1 Vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit. Band 3: Neuzeit. Teilband 3: Die politischen Strömungen im 19. Jahrhundert, Stuttgart: 2008, S. 148.

2 Vgl. Ebda., S. 150.

3 Vgl. Parkinson, G. H. R.: Hegel, Marx and the Cunning of Reason, in: Philosophy, Vol. 64, No. 249 (Jul. 1989), pp. 287-302, S. 287.

4 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse 1830.

Erster Teil. Die Wissenschaft der Logik. Mit den mündlichen Zusätzen, Frankfurt am Main: 1970, S. 41-42.

5 Vgl. Ebda., S. 42.

6 Vgl. Hook, Sidney: From Hegel to Marx. Studies in the Intellectual Development of Karl Marx, London: 1936, S. 23.

7 Vgl. Ebda., S. 57.

8 Vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit. Band 3: Neuzeit. Teilband 2: das Zeitalter der Revolutionen, Stuttgart, Weimar: 2008, S. 247.

9 Ebda., S. 247.

10 Hegel, Enzyklopädie, S. 47.

11 Vgl. Dtv-Atlas Philosophie, München: 1991, S. 151.

12 Hook, Hegel to Marx, S. 23.

13 Vgl. Buhr, Manfred: Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, in: Hegel Jahrbuch 1968 / 1969, Meisenheim am Glan: 1970, S. 73.

14 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Frankfurt am Main: 1986, S. 28.

15 Vgl. Sass, Hans Martin: Das Verhältnis der Geschichtsphilosophie zur politischen Praxis bei Hegel, , in: Hegel Jahrbuch 1968 / 1969, Meisenheim am Glan: 1970, S. 61.

16 Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 29.

17 Ebda., S. 29.

18 Ebda., S. 29.

19 Vgl. Ebda., S. 30.

20 Ebda., S. 30.

21 Vgl. Ebda., S. 31.

22 Vgl., Ottmann, Zeitalter der Revolutionen, S. 246.

23 Vgl. Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 31.

24 Vgl. Parkinson, Cunning of Reason, S. 290.

25 Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 32.

26 Vgl. Ebda., S. 32.

27 Ebda., S. 32.

28 Vgl. Sass, Verhältnis der Geschichtsphilosophie, S. 60.

29 Vgl. Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 34.

30 Ebda., S. 34.

31 Ebda., S. 34.

32 Ebda., S. 35.

33 Vgl. Ebda., S. 35.

34 Ebda., S. 35.

35 Vgl. Ebda., S. 36.

36 Ebda., S. 36.

37 Vgl. Ebda., S. 37-38.

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640763726
ISBN (Buch)
9783640764143
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162587
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Lehrstuhl für Philosophie II
Note
1,0
Schlagworte
Marx Hegel Geschichtsphilosophie Teleologie Geschichte Klassenkampf Weltgeist List der Vernunft

Autor

Zurück

Titel: Geschichtsphilosophie bei Hegel und Marx