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Die aztekische Schöpfungsmythologie und ihre Bedeutung für das aztekische Religions- und Selbstverständnis

Eine Untersuchung anhand des Beispiels der „Fünf Weltalter“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aztekische Historiografie und aztekischer Geschichtsbegriff
2. 1. Quellen und Quellenhermeneutik
2. 2. Aztekisches Geschichtsverständnis und Tradierung

3. Allgemeine Charakteristika der aztekischen Religion
3. 1. Grundlegende Voraussetzungen für das Verständnis aztekischer Religiosität
3. 2. Das aztekische Pantheon
3. 3. Das Wirken der Götter
3. 4. Die drei Totenreiche

4. Die aztekische Schöpfungsmythologie und ihre Bedeutung
4. 1. Der Mythos der „Fünf Weltalter“
4. 2. Die Bedeutung der Schöpfungsmythologie für das aztekische Selbst- und Weltverständnis

5. Ergebnis der Untersuchung

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des religionswissenschaftlichen Hauptseminars „Ursprungsmythen und Wandersagen der Azteken“ entstanden. Zu diesem Oberthema sollen die aztekische Schöpfungsmythologie und ihre Bedeutung für das aztekische Selbst- und Weltverständnis am Beispiel des Weltaltermythos der sog. „Fünf Sonnen“ veranschaulicht und untersucht werden.

Das Volk der Azteken, dessen Bezeichnung sich von ihrer mythischen Urheimat Aztlan herleitet, konnte in einem raschen Aufstieg im 14. Jahrhundert die Vormachtstellung über weite Gebiete Mesoamerikas erobern, die es auch bis zu seiner Eroberung im frühen 16. Jahrhundert durch die spanischen Konquistadoren unter Hernán Cortés behauptete.[1] Die erstaunten Europäer fanden neben einer aus Wanderkriegern und sesshaften Ackerbauern geformten Gesellschaft eine theokratische Staatsform vor, deren elementarer Bestandteil das sakrale Menschenopfer zu sein schien. Umso weniger verwundert es, dass die europäischen Christen anfangs nicht in der Lage waren, die brutal erscheinende Wirklichkeit der aztekischen Gedankenwelt nachzuvollziehen, und sie daher tiefste Abscheu empfanden. Das Ziel dieser Arbeit soll darin liegen, in der aztekischen Schöpfungsmythologie einen Schlüssel zu finden, um die auf den ersten Blick tatsächlich dramatische und menschenverachtende Religiosität der Azteken zu ergründen und sich ihres Selbst- und Weltbildes gewahr zu werden.

Im Folgenden sollen zunächst die wesentlichen historiografischen Quellen kurz skizziert und ihre Bewertung in der Forschung wiedergegeben werden, bevor versucht wird, das aztekische Geschichtsverständnis zu erfassen und in einem ersten Schritt etwaige Verknüpfungen zwischen sakraler und profaner Ebene herauszuarbeiten. Im Anschluss sollen grundlegende Merkmale aztekischer Religiosität, im Einzelnen das aztekische Pantheon, die Wirksamkeit der Gottheiten und die drei verschiedenen Totenreiche näher erläutert werden, um eine geeignete Ausgangslage für die abschließende Analyse zu schaffen, die sich mit dem Mythos der fünf Weltalter und seiner Bedeutung für die aztekische Religions- und Geschichtsauffassung befasst.

2. Aztekische Historiografie und aztekischer Geschichtsbegriff

2. 1. Quellen und Quellenhermeneutik

Infolge der spanischen Conquista wurden dem europäischen Kontinent erstmals Kenntnisse über das aztekische Volk und seine Religion vermittelt. Der Großteil der überlieferten Quellen ist in diese kolonialgeschichtliche Epoche zu datieren. Während die frühkolonialen Texte noch in aztekischer Sprache verfasst und meist anonym überliefert wurden,[2] begannen aztekische Indigene nur wenige Jahre nach der Ankunft der Spanier erstmals, kurze Darstellungen ihrer eigenen Geschichte in der von christlichen Missionaren neu erlernten lateinischen Sprache zu verfassen. Auch europäische Geschichtsschreiber, wie der christliche Missionar Bernardino de Sahagún, der im Jahr 1529 in Mexiko eintraf und die aztekische Sprache, das sog. nahuatl erlernte, gehörten zu den ersten Chronisten der aztekischen Geschichte. Enzyklopädisch sammelte er alles verfügbare Wissen über die natürliche und kulturelle Umwelt der Azteken, das er sich von einheimischen Edelleuten diktieren ließ.[3]

Neben den Werken Sahagúns entstanden im Zuge der Conquista noch weitere Historiografien. Als einige der Hauptquellen sind folgende Aufzeichnungen zu nennen: die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von anonymen, aztekischen Autoren verfassten Anales Históricos de la Nación Mexicana, in denen die altmexikanische Religion zum Hauptthema erhoben wird; die zwischen 1530 und 1532 entstandenen Texte Relación de la genealogía und Orígen des los Mexicanos, durch die franziskanische Mönche für die europäische Elite einen kurzen Abriss der mexikanischen Geschichte entwerfen; die zwischen 1530 und 1540 anonym zusammengestellte Historia de los Mexicanos, die ausführlich auf die aztekische Religion eingeht und die einzig vollständige Schöpfungserzählung beinhaltet; die um die Mitte des 16. Jahrhunderts verschriftlichte Historia Tolteca-Chichimeca, bei der thematisch die Geschichte des chichimekischen Volkes und ihrer Stadt Quauhtinchan sowie Landbesitz und Ländergrenzen im Mittelpunkt stehen; die zwischen 1560 und 1570 geschriebene Historia de los Reynos de Mexico y Colhuacan, die neben einer aztekischen Geschichtsdarstellung vor allem verschiedene Herrscher- und Tributlisten aufführt; der 1576 erstellte Codex Aub in, der die Geschichte Mexikos von Beginn der aztekischen Wanderungen bis zum Jahre 1596 nachzeichnet und großen Wert auf die Darstellung des Herrschertums legt; die 1595 von dem mestizischen Autor Diego de Muñoz Camargo beendete Historia de Tlaxcala, in der die Geschichte des mit den Azteken verfeindeten Staates Tlaxcala die zentrale Rolle spielt; das um ca. 1600 abgefasste Geschichtswerk des mexikanischen Fürsten Tezozomoc, das den Versuch darstellt, die Geschichte und die Religion Mexikos dem Christentum und der Ideologie der Konquistadoren gleichwertig gegenüberzustellen; die um 1612 von dem mexikanischen Geschichtsschreiber Fernando de Alva Ixtlilxochitl niedergeschriebene Historia Chichimeca, die versucht, die vorspanische Geschichte Mexikos heilsgeschichtlich mit dem Christentum zu verbinden; und schließlich das zwischen 1620 und 1631 entstandene Geschichtswerk des indigenen Chronisten Chimalpahin, in der die altmexikanische Religion ohne jede Annäherung an die christliche Dogmatik beschrieben ist.[4]

Generell müssen bei der Deutung der zeitgenössischen Quellen das europäische Streben nach Macht, Reichtum und der Verbreitung der christlichen Glaubenslehre ebenso berücksichtigt werden wie z. B. die unterschiedlichen Stammes- und Volkszugehörigkeiten der mexikanischen Autoren und ihre damit verbundenen, jeweils eigenen Sichtweisen auf benachbarte mesoamerikanische Völker.[5] Schriftliche Zeugnisse aus insbesondere der frühkolonialen Zeit wurden vielfach vor einem solchen machtpolitischen bzw. ideengeschichtlichen Hintergrund verfasst und spiegeln daher die einheimische aztekische (Kultur-)Geschichte nur selten objektiv und wertfrei wider, sie seien „somit oft eher Quelle für die damaligen Absichten als für die einheimische Kultur und Geschichte.“[6] Aus diesem Grund verwahrt sich z. B. Prem vor einer wörtlichen Auslegung der postkolonialistischen Quellen „einfachen und vermischten Stils“[7]: „Die Schriftquellen, in denen von der Geschichte der Azteken und ihrer Nachbarn vor der Ankunft der Europäer die Rede ist, dürfen nicht unmittelbar für bare Münze genommen werden. Sie sind nicht die getreuen Schilderungen einer historischen Wahrheit, die man in ihnen naiverweise gerne sieht.“[8] Um den Vorwurf der Subjektivität zu vermeiden, bleibe deshalb keine andere Möglichkeit, als bei der „Annäherung an die Azteken im wesentlichen an der Oberfläche“ zu bleiben und sich „vielfach auf indirekte Schlüsse“[9] zu beschränken. Dieser Problematik in der Quellenhermeneutik widerspricht Noguez, wenn er die kolonialzeitlichen Dokumente als „das Resultat verschiedener Anpassungs- und Integrationsprozesse indigener und spanischer Elemente“ versteht, die „sehr wertvolle Informationen für die Erforschung der indianischen Gesellschaften vor und nach der europäischen Eroberung und für die künstlerischen Akkulturationsprozesse“[10] lieferten. Zu unrecht seien daher die frühkolonialen Texte von manchen Forschern „als ‚minderwertig’ eingestuft worden“[11], und auch Eschmann schätzt die in den Quellen beschriebenen Ereignisse im Allgemeinen als „ nur in den seltensten Fällen tatsächlich verfälscht“[12] ein.

Alle aus vorkolonialen Zeiten stammenden, kulturgeschichtlichen Dokumente der Azteken waren in der Verwüstung dieser Zeit als „Teufelszeug“ verdammt und zerstört worden, und mancherlei Kulturgut war mit den herrschenden Eliten gestorben. Auch die einheimischen Machthaber waren sich der ideologischen Wirksamkeit einer kontinuierlichen Quelltradierung durchaus schon vor der Einrichtung der spanischen Hegemonie bewusst. Unter dem vierten König des vorspanischen Mexiko, Itzcoatl (Regierungszeit 1426-1440), der die Azteken zur Unabhängigkeit von dem benachbarten Stadtstaat Azcapotzalco geführt hatte, wurden alle Aufzeichnungen, die von ihrer Abhängigkeit und Unterdrückung zeugten, mit dem Hinweis auf ihre theologische Bedeutung verbrannt, um der neuen Dynastie einen makellosen geschichtlichen Unterbau zu verschaffen.[13] Demzufolge finden sich in den der Forschung noch zur Verfügung stehenden piktographischen (bildschriftlichen) und literarischen Quellen nur noch Schilderungen bedeutender Ereignisse der frühen mexikanischen Geschichte, die theologische Bewertung der Geschichte hingegen stammt aus der Zeit nach Itzcoatl.[14]

2. 2. Aztekisches Geschichtsverständnis und Tradierung

Die Informationsweitergabe erfolgte bei den Azteken überwiegend mit Hilfe grafischer Mittel, durch sog. Bilderhandschriften, und steht damit in Mesoamerika in einer langen Überlieferungstradition.[15]

Anlässe für die Thesaurierung von Informationen waren zur Genüge gegeben: Genealogien, Festschreibung von Besitztiteln, Tributforderungen, Geschichtstradierung, religiöse Unterweisung, Sternenkunde und Zukunftsvorhersage waren nur einige Elemente der bildschriftlichen Historiografie der Azteken. Um die Verständlichkeit der Tradierung über Generationen zu garantieren, mussten die Zeichen vereinheitlicht und ihre Anwendung reglementiert werden. Professionelle Maler oder Schreiber, sog. tlacuilos, wurden eigens für die Herstellungskunst sog. Codices in speziellen Schulen ausgebildet.[16]

Bei der Bestimmung des aztekischen Geschichtsbildes warnt Eschmann vor einer vorschnellen Anwendung moderner europäischer Denkmuster und vor einer zu distanzierten Quellenhermeneutik – wie sie z. B. Prem postuliert (s. o.). Um das Geschichtsbild der Azteken nachvollziehen zu können, rät Eschmann vielmehr zu einer direkten Auslegung der aztekischen Terminologie: „Die Vorstellung von Geschichte und von der Art der Beziehung zwischen Religion und Geschichte darf nicht vorschnell nach den Maßstäben moderner Begriffsbildungen oder nach Denkmodellen aus der abendländischen Tradition beschrieben werden, sondern muß vielmehr dem Selbstverständnis der Texte entsprechend dargestellt werden, d.h. aus der Eigenbegrifflichkeit der aztekischen Religion und Sprache herausgearbeitet werden.“[17].

In den meisten aztekischen Quellen wird als allgemeine Bezeichnung für „Geschichte“ die Bezeichnung tlatolli verwendet, welche die Grundbedeutungen von „Wort“, „Rede“, „Botschaft“, „Erzählung“, „Sprache“ umfasst. Dabei nimmt der Terminus jedoch nicht die Bedeutung einer isolierten Erzählung beliebigen Inhalts ein, sondern vielmehr den Sinngehalt einer zusammenhängenden Folge historischer Ereignisse, welche ein Volk bzw. einen Ort betreffen.[18]

Eine hohe Relevanz wurde dabei der mündlichen Überlieferung beigemessen, da durch sie geschichtliche Themen als gesprochener Kommentar zu den piktografischen Aufzeichnungen oder in Form selbständiger Erzählungen und Gesänge, welche als eine Art Gegengewicht zu der Piktografie gelten können, bewahrt wurden. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass zu den Hauptaufgaben des aztekischen Herrschers das Vortragen von Reden gehörte, nicht zuletzt auch, um als Sprachrohr der Götter, die seine Macht legitimierten, zu fungieren. Für diese Vorträge bildeten die Bilderhandschriften den äußeren Rahmen, indem sie die Gesprächssituation festhielten, der eigentliche Inhalt muss der mündlichen Kommentierung entnommen werden. Jeder neu erwählte mexikanische Herrscher erbat von den Göttern Unterstützung und Leitung, um das Werk seiner Vorfahren, die ebenfalls Vermittler des göttlichen Willens gewesen waren, fortsetzen zu können.[19] Das Wirken und insbesondere das Sprechen der Götter waren Begründung und Garantie für die Kontinuität einer Herrschaft, in schwierigen historischen Situationen führten die Götter ihr Volk und berieten die Herrscher. Vor diesem Hintergrund versteht sich die Einbeziehung der Reden der Götter in den aztekischen Geschichtsbegriff fast schon als eine Notwendigkeit, da die Azteken die göttliche Intervention als konstitutiv für den gesamten Geschichtsablauf gewichteten. Vornehmlich sind es die sog. Stammes- und Schöpfungsgötter, nämlich Huitzilopochtli , Tezcatlipoca , Quetzalcoatl und Mixcoatl-Camaxtli , von denen ein solches Eingreifen berichtet wird.[20] Auf das weltimmanente Wirken der Götter soll an späterer Stelle noch genauer eingegangen werden.

[...]


[1] Vgl. Prem, Hanns J., Die Azteken. Geschichte – Kultur – Religion, München 1996, S. 9ff.

[2] Diese frühen Quellen hielten sich inhaltlich und formal eng an piktographischen Vorlagen (Bilderhandschriften), von denen die meisten nicht mehr erhalten sind. Vgl. Eschmann, Anncharlott. Das religiöse Geschichtsbild der Azteken, Berlin 1976, S. 59.

[3] Vgl. Tyrakowski, Konrad. Die natürliche Umwelt aus der Sicht der aztekischen Informanten des Fray Bernardino de Sahagún. Zur Erschließung des Códice Florentino als physisch-geographische Quelle aus dem Neu-Spanien (Mexiko) des 16. Jahrhunderts, in: Arellano Hoffmann, Carmen, Schmidt, Peer. Die Bücher der Maya, Mixteken und Azteken. Die Schrift und ihre Funktion in vorspanischen und kolonialen Codices, Frankfurt am Main 1998, S. 345-386, hier: S. 347

[4] Vgl. Eschmann, Das religiöse Geschichtsbild, S. 64-112.

[5] Vgl. Prem, Die Azteken, S. 11f.

[6] Prem, Die Azteken, S. 11

[7] Noguez, Xavier. Kolonialzeitliche Nahuatl-Codices aus Zentralmexiko und ihre Schrift, in: Arellano Hoffmann, Carmen, Schmidt, Peer. Die Bücher der Maya, Mixteken und Azteken. Die Schrift und ihre Funktion in vorspanischen und kolonialen Codices, Frankfurt am Main 1998, S. 149-168, hier: S. 166.

[8] Prem, Die Azteken, S. 12.

[9] Prem, Die Azteken, S. 15

[10] Noguez, Kolonialzeitliche Nahuatl-Codices, S. 166.

[11] Ebd.

[12] Eschmann, Das religiöse Geschichtsbild, S. 113.

[13] Vgl. Tyrakowski, Die natürliche Umwelt, S. 346.

[14] Vgl. Eschmann, Das religiöse Geschichtsbild, S. 22

[15] Vgl. Tyrakowski, Die natürliche Umwelt, S. 345.

[16] Auf Feigenbaum- oder Maguey-Faserpapier, Baumwolltüchern, Steinen, Gebäudemauern, Höhlenwänden oder Tontöpfen lernte man, „das Wort zu malen“. Vgl. Tyrakowski, Die natürliche Umwelt, S. 345.

[17] Vgl. Eschmann, Das religiöse Geschichtsbild, S. 21.

[18] Vg. Ebd., S. 23.

[19] Vgl. Eschmann, Das religiöse Geschichtsbild, S. 24ff.

[20] Vgl. Ebd., S. 26, 113.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640763764
ISBN (Buch)
9783640764273
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162588
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Religionswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Azteken aztekische Religion Menschenopfer Weltzeitalter Schöpfungsmyhtologie Fünf Sonnen Bildhandschriften Quetzalcoatl Huitzilopochtli Tezcatlipoca Conquista

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Titel: Die aztekische Schöpfungsmythologie und ihre Bedeutung für das aztekische Religions- und Selbstverständnis