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Die Figur Moosbrugger in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"

Seminararbeit 2010 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Vorstellung der Figur
2.1.Die Debatte über die Zurechnungsfähigkeit des Mörders
2.1.1 Symptome der Geisteskrankheit: Stimmen und Halluzinationen

3.Das Stiften der Ordnung
3.1 Das Verhältnis von Sprache und Gewalt
3.2 Innen und Außenwelt
3.3 Der Mord
3.3.1 Körpererfahrung und Identitätsverlust

4. Ulrichs Verständnis für den Mord

5. Schlussfolgerungen

6. Bibliografie

1. Einleitung

Robert Musils Modernität besteht weniger in der Oberfläche seines Romans, als in der Tiefstruktur seines Werkes. Wie er die literarischen Figuren konstruiert, oder wie er seine Konzeption vom Funktionieren der Geschichte umsetzt, zeigt die Komplexität seiner dargestellten Welt.[1]

In seinem umfangreichen Werk, Der Mann ohne Eigenschaften, führt Robert Musil eine sehr kontroverse Figur ein- Moosbrugger, der Prostituiertenmörder.

Das Moosbruggerproblem steht „unter dem dreifachen Gesichtspunkt der Zurechnungsfähigkeit, des Alleinseins der Individualität und der Schwierigkeit der Querschnitte.“[2]

Ziel meiner Arbeit ist, diese Figur einer textnahen Analyse zu unterziehen und damit verschiedene Sichtpunkte, die in der Sekundärliteratur vertreten sind, in den Vordergrund zu bringen- Fred Lönker und Robert Krause bestimmen die Zentralpositionen, mit denen ich mich auseinandersetzen werde.

Indem ich das Verhältnis von Sprache, Ordnung und Gewalt darstelle, möchte ich Wirklichkeitsauflösung, Identitätsverlust und Gewalt als Phänomene präsentiert, die Ordnung und Sinn rekonstruieren. An einer textnahen Untersuchung des Kapitels Heimweg, möchte ich anschließen, dass der einheitliche Zustand zwischen Innen und Außenwelt, den Ulrich begehrt, nur im Falle der Geisteskrankheit erreicht werden kann. Geisteskrankheit soll demzufolge nicht einem pathologischen Verhalten entsprechen, sondern soll als Versuch, der modernen Sinnkrise zu entkommen, wahrgenommen werden

Zunächst möchte ich Moosbruggers Aufkommen kurz skizzieren und erst danach auf die Ordnungsproblematik eingehen.

2. Vorstellung der Figur

Musil nimmt sich Zeit, bevor er eine seiner bedeutendsten Figuren dem Leser vorstellt. Erst im 18. Kapitel führt er die Gestalt, die schon im Titel angekündet wird, Moosbrugger, ein. Ohne einen Zusammenhang mit den bis dahin erzählten Begebenheiten festzustellen, setzt Musil etwas Neues ins Spiel ein, und gewinnt die Aufmerksamkeit des Lesers mit dem ganz einfachen Satz: „Zu dieser Zeit beschäftigte der Fall Moosbrugger die Öffentlichkeit.“[3]

Der Autor beginnt Moosbruggers Beschreibung mit Angaben über seine Beschäftigung und betont vor allem seine äußerliche Erscheinung: „ein großer, breitschultriger Mensch ohne überflüssiges Fett, mit einem Kopfhaar wie braunes Lammsfell und gutmütig starken Pranken.“[4] Paradoxerweise zeichnet sich Moosbruggers Aussehen im Gegensatz zu seinen Taten ab. Vor allem wird seine „gutmütige Kraft und der Wille zum Rechten,“[5] die aus seinem Gesicht sprechen, hervorgehoben. Musil knüpft das Bild des Prostituiertenmörders an einer biblischen Gestalt an, indem er letztlich auf eine Analogie zur Gottesansicht hinweist: „dieses Gesicht mit den Zeichen der Gotteskindschaft.“[6]

Um die Spannung des Romans zu bewahren, deutet Musil auf Moosbruggers grausame Tat erst hin, nachdem er sein Aussehen sorgfältig skizziert hat: „(er) hatte eine Frauenperson, eine Prostituierte niedersten Ranges, in grauenerregender Weise getötet.“[7] Anders als in der traditionellen Literatur, gibt es in diesem Fall keine antizipatorische Zeichen, die auf das Böse aufmerksam machen sollten[8].

Der Gegensatz zwischen Moosbrugger göttlichen Ausdruck und sein entsetzliches Delikt überrascht nicht nur den Leser, sondern die Juristen zugleich:

„Sie fanden von solchen Schrecknissen den Weg zu Moosbruggers gutmütigem Gesicht nicht zurück (...) dieses Lächeln war es, was die Berichterstatter des Gerichtssaales am meisten beschäftigt hatte.“[9]

Sein Lächeln bildet die Unvereinbarkeit ab, und korrespondiert ebenfalls mit den widersprüchlichen Beobachtungen der medizinischen Sachverständiger:[10]

„es sah so aus, als sträubten sie sich vorläufig noch, auf den Bösewicht zu verzichten und das Geschehnis aus der eigenen Welt in die der Kranken zu entlassen, worin sie mit den Psychiatern übereinstimmten, die ihn schon ebenso oft für gesund wie für unzurechnungsfähig erklärt hätten“[11]

Die gegensätzliche Konstruktion der Figur und die Tatsache, dass Moosbrugger auch als gesund eingeordnet werden könnte, weist auf das anthropologische Thema hin.[12] Dementsprechend wäre eine exakte pathologische Analyse im Falle Moosbruggers nicht genug. Die sinnvollen Zusammenhänge seines Handelns und Denkens müssen gründlich untersucht werden, um schließlich ein kaleidoskopisches Bild der Figur zu erfassen.

2.1.Die Debatte über die Zurechnungsfähigkeit des Mörders

„Vor der Justiz lag alles, was nacheinander so natürlich gewesen war, sinnlos nebeneinander in ihm, und er bemühte sich mit den größten Anstrengungen, einen Sinn hineinzubringen.“[13]

Zusammen mit Moosbrugger wird, wie ich schon angegeben habe, auch das Problem der Zurechnungsfähigkeit eingebaut. Ob Moosbrugger ins Gefängnis oder in die Irrenanstalt gehört, lässt sich infrage stellen.

Moosbrugger selbst behauptet, es handele sich um „keine Geisteskrankheit“[14] und kann es gar nicht leiden „wenn man derart davon sprach.“[15] Würde man ihn als geisteskrank einschätzen, würde er nur ein anderer Fall sein. Was sich aber Moosbrugger wünscht, ist keinem anderen zu gleichen. Er legt keinen Wert auf die Diagnose der Psychiater, weil ihn diese nach einer typischen Schablone einsortieren:

„Deshalb haßte er auch niemand so inbrünstig wie die Psychiater, die glaubten, sein ganzes schwieriges Wesen mit ein paar Fremdworten abtun zu können, als wäre es für sie eine alltägliche Sache.“[16]

Der französische Gerichtsmediziner Emmanuel Fodéré definiert den Irren als einer, der sich „über allen anderen stehend“ hält[17]. Moosbrugger versteht sich selbst als besonderer Mensch und ist bereit, sich töten zu lassen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf ihn zu lenken. Weil er sich nie sozial integrieren konnte, wertet er seine Gefangenschaft als „Ehrenzeit seines Lebens“[18] auf, und hängt sehr daran, von anderen beobachtet zu werden:[19] „man erwies ihm Aufmerksamkeit, man hatte Furcht vor ihm, und Moosbrugger liebte das.“[20]

Von der Öffentlichkeit wird Moosbrugger als „etwas Interessantes“[21] empfunden. Alle sind von seinem Vorkommen fasziniert: „Man seufzte zwar über eine solche Ausgeburt, aber man wurde von ihr innerlicher beschäftigt als vom eigenen Lebensberuf“.[22]

Weil Moosbrugger die Intentionalität seines Handelns fehlt, attestiert man dem Mörder die „verminderte Zurechnungsfähigkeit“[23] und verurteilt ihn zum Tod.

„Zurechnungsfähigkeit ist, wie sie sagen, der Zustand des Menschen, in dem er die Kraft besitzt unabhängig von jeder ihn zwingenden Notwendigkeit sich aus sich selbst für einen bestimmten Zweck zu bestimmen, und eine solche Bestimmung kann man nicht gleichzeitig besitzen und entbehren.“[24]

Um die zerstörte gesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen, muss derjenige, der die allgemein gültigen Normen übertreten hat, bestraft werden. Wie Foucault in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft bemerkt, muss sich der Mensch als Vernunftsobjekt begreifen, und darum muss „das Andere der Vernunft“[25] ganz negiert werden.[26]

In Moosbruggers Fall aber, soll es nicht um die Beschreibung einer Krankheit gehen, sondern um das Erkennen der Ordnungs- und Sinnzusammenhänge in dieser Pathologie.[27]

Weiterhin möchte ich Moosbruggers Hören von Stimmen und seine Halluzinationen präsentieren, diese aber nicht als übliche Symptome der Geisteskrankheit analysieren, sondern als Phänomene, die Sinn produzieren.

2.1.1 Symptome der Geisteskrankheit: Stimmen und Halluzinationen

„so hörte er dann Stimmen oder Musik (…) das kam von überall her; es saß in den Wänden, in der Luft, in den Kleidern und in seinem Körper.“[28]

Musil stellt Moosbruggers Wahnzustände in langen Passagen dar, um deutlich hervorzuheben, wie der Prostituiertenmörder seine eigene Krankheit einschätzt und aufwertet. Indem die Psychiater Moosbruggers Halluzinationen unter den üblichen Symptomen eines Schizophrenen einordnen, nimmt er sie als sinnvoll und besonders wahr:

„(er) war einverstanden damit, dass er diese Eigenschaft Halluzinieren vor anderen voraus habe, die es nicht können.“[29]

Obwohl er weiß, dass seine Zustände „Halluzinieren“[30] heißen und als Indizien der Krankheit wahrgenommen werden, weist er die Stimmen nicht ab, sondern unterhält sich mit denen, bis sich diese gegen ihn wenden:

„Es unterhielt ihn, zu hören und zu sehen, was sie trieben; das war unvergleichlich schöner als die zähen, schweren Gedanken, die er selbst hatte: wenn sie ihn aber sehr ärgerten, so geriet er in Zorn.“[31]

Auf dieser Art entwirft er selbst, nach einer eigenen Logik, einen neuen Zugang zur Realität und ein „neues Verhältnis von Zeit und Bedeutung“[32].

„diese Zeiten waren ganz Sinn! Sie dauerten manchmal Minuten, manchmal hielten sie aber auch tagelang an, und manchmal gingen sie in andere, ähnliche über, die monatelang dauern konnten.“[33]

Dem Wort Sinn kann man zwei Inhalte attestieren. Einerseits soll es als Bedeutung verstanden werden, anderseits als Gefühl, Empfinden. Demzufolge wird nachvollziehbar, dass Moosbrugger das Hören von Stimmen und sein Halluzinationen nur durch seinen Sinn wahrnimmt:

Er hatte den Eindruck, dass er es im Körper mit sich trage, solange er schwieg; und sobald es ausgekommen war, verbarg es sich in der Umgebung, aber auch nie sehr weit von ihm.“[34]

Den Sinn, den er mit seinen Halluzinationen verbindet, „bezieht sich nicht auf deren Bedeutung, sondern auf das reine Hingegebensein an deren Spiel“[35].

Inwieweit Sinn und Ordnung aufeinander bezogen sind, möchte ich im nächsten Kapitel präsentieren.

3.Das Stiften der Ordnung

Ordnung ist ein subjektiver Begriff. Es gibt keine objektive Ordnung, die sich über eine allgemeine Anerkennung freuen kann. Jedes Individuum stiftet seine Ordnung selbst, in Anklang mit seinen eigenen Bedürfnissen und seinem eigenen Begehren.

Dennoch ist eine Realität, in der jeder ungehemmt seine eigenen Richtlinien konstruiert, utopisch und undenkbar. Es gibt eine Grenze, die das Miteinanderleben in der Gesellschaft erstattet. Die gesellschaftliche Ordnung wird durch die Sprache aufgerichtet. „Aufgabe der Sprache ist jedoch das Unverbundene in der Welt in einem Ganzen zu verbinden.“[36] Weil Worte denselben Sinn für alle haben müssen, konstruieren wir die Realität, wenn wir die Worte in Ordnung bringen. Das Versagen des Sprechens führt schließlich zur Verwandlung der Selbst- und Weltwahrnehmung.

Moosbruggers Umgang mit der Sprache ist defizitär. Er weiß nicht, Sprache als Instrument der Kommunikation und Überzeugung zu verwenden. Letztlich kommt er auch zu der Einsicht, dass die Sprache die Menschen einflussreicher und stärker macht: „Ergrimmt ahnte Moosbrugger, daß jeder von denen sprach, wie es ihm paßte, und das es dieses Sprechen war, was ihnen die Kraft gab, mit ihm umzugehn, wie sie wollten.“[37]

Weil Moosbrugger die sprachlich gestiftete Welt nicht kontrollieren kann, ordnet er zusammenhanglose Beziehungen nach einer subjektiven Vorstellung, so dass er letztlich den wahren Tatbestand verfehlt.[38]

„Dann begegneten dem wandernden Moosbrugger, wenn er durch die Dörfer kam oder auch auf der einsamen Straße, ganze Prozessionen von Frauen. Jetzt eine und eine halbe Stunde später zwar wieder eine Frau, aber wenn sie selbst in so großen Zwischenräumen kamen und gar nichts miteinander zu tun hatten, im ganzen waren es doch Prozessionen.“[39]

Dennoch weist Musil Moosbruggers Wahrnehmung nicht einfach als wahnhaft ab, sondern analysiert gründlich dessen Logik- dass Moosbrugger die Frauen, zwischen denen es keinen Zusammenhang gibt, als „Prozessionen“ mitbekommt, soll auf sein unerfülltes sexuelles Begehren hinweisen, indem eine Analogie zwischen „Prozessionen“ und erotische Phantasmen festgestellt wird.[40]

Inwieweit Moosbruggers Unfähigkeit zu kommunizieren seine Realität deformiert und wie er versucht, seine subjektive Ordnung zu objektivieren, möchte ich im folgenden Kapitel darstellen, so dass zum Schluss das Verhältnis zwischen Sprache, Gewalt und Ordnung nachvollziehbar wird.

[...]


[1] Vgl. Zeller, Rosmarie: Musil im Kontext der Poetik des modernen Romans. in Musil-Forum, hg. Von Luserke-Jaqui, Matthias/ Zeller, Rosmarie, Berlin: Walter de Gruyter 2007/2008, S. 20-37.

[2] Musil in Lönker, Fred: Der Fall Moosbrugger. Zum Verhältnis von Psychopathologie und Anthropologie in Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“ in Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Hrsg. Von Barner, Wilfried/ Lubkoll, Christine/ Osterkamp, Ernst/ Ott, Ulrich. 47. Jahrgang 2003. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. 280.

[3] Musil, Robert (1978): Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg: Rowohlt Verlag: S. 67.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] M.o.E. 1978: S. 69.

[7] M.e.E. 1978: S. 68.

[8] Vgl. Peter von Matt in Lönker 2003: S. 281.

[9] M.o.E. 1978: S. 68.

[10] Vgl. Krause, Robert (2008): Abstraktion- Krise- Wahnsinn. Würzburg: Ergon-Verlag: S. 115.

[11] M.o.E. 1978: S. 68.

[12] Vgl Lönker 2003: S. 282.

[13] M.o.E. 1978: S. 76.

[14] M.o.E. 1978: S. 70.

[15] Ebd.

[16] M.o.E. 1978: S. 72.

[17] Vgl. Krause 2008: S. 122.

[18] M.o.E. 1978: S. 72.

[19] Vgl. Krause 2008: S. 122.

[20] M.o.E. 1978: S. 211.

[21] M.o.E. 1978: S. 69.

[22] Ebd.

[23] M.o.E. 1978: S. 242.

[24] M.o.E. 1978: S. 243.

[25] Foucault in Krause 2008: S. 120.

[26] Vgl. Foucault in Krause 2008: S. 120.

[27] Vgl. Lönker 2003: S. 292.

[28] M.o.E. 1978: S. 239.

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Krause 2008: S. 108.

[33] M.o.E. 1978: S. 239.

[34] M.o.E. 1978: S. 239.

[35] Lönker 2003: S. 284.

[36] Magris in Lönker 2003: S: 290.

[37] M.o.E. 1978: S. 235.

[38] Karthaus, Ulrich (1965): Der andere Zustand. Zeitstrukturen im Werke Robert Musils. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S 64.

[39] M.o.E. 1978: S. 72.

[40] Vgl. Krause 2008: S. 94.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640764907
ISBN (Buch)
9783640765171
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162748
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Neure Deutsche Literatur Kultur und Medien
Note
1.3
Schlagworte
Figur Moosbrugger Robert Musils Mann Eigenschaften

Autor

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