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Der Zustand der Eigenschaftslosigkeit in Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"

Seminararbeit 2009 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Philosophischer Hintergrund
2.1 Ernst Mach und die Auflösung des Ichs
2.2 Die Rezeption Nietzsches

3. Essayismus und der Möglichkeitsmensch

4. Eigenschaft und Charakter

5. Ulrichs Haus

6. Rollenzwang und das Individuelle

7. Der Urlaub vom Leben

8. Der andere Zustand

9. Das Scheitern des Experiments

10. Schlussfolgerungen

11. Bibliografie

1. Einleitung

Robert Musil wird unter den Leitfiguren der Moderne vorwiegend als Essayist genannt, und nicht im Hinblick auf seiner Poetik. Seine Modernität besteht weniger auf der Oberfläche seines Romans, als in der Tiefstruktur seines Werkes. Wie er die literarischen Figuren konstruiert, oder wie er seine Konzeption vom Funktionieren der Geschichte umsetzt, zeigt die Komplexität seiner dargestellten Welt.[1]

Die Auflösung der Person zählt zu den modernen Aspekten, die Musil in seinem umfangreichen Buch, das er 1921 begonnen hat, Der Mann ohne Eigenschaften, prägt. Die Demontage der Identität knüpft an das Motiv der Eigenschaftslosigkeit an, mit dem ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen werde.

Eigenschaftslosigkeit heißt nicht Mangel der Eigenschaften, sondern ist eine bewusste Haltung, die ihren Grund hat, und ein bestimmtes Ziel anstrebt. Was eigenschaftslos bedeutet, und welche Konsequenzen es einbezieht, möchte ich weiterhin präsentieren.

Musils Roman wird als „zeitkritische Auseinandersetzung und Erprobung damals anliegender geistesgeschichtlicher Lösungsversuche“[2] beurteilt. Der Zustand der Eigenschaftslosigkeit weist mehrere Facetten auf, die wesentlich fundiert sind in einer Diagnose der Zeit, und in philosophischen Theoremen, mit denen sich der Autor beschäftigt.

Ziel meiner Arbeit ist es, diesem Phänomen zugrunde zu gehen, indem ich einerseits den Roman textnah analysiere und andererseits verschiedene Sichtpunkte, die in der Sekundärliteratur vertreten sind, in den Vordergrund bringe. Klaus Laermann, Hartmut Böhme oder Tim Mehigan bestimmen Zentralpositionen mit denen ich mich auseinandersetzen werde.

Zunächst möchte ich auf den philosophischen Hintergrund des Romans eingehen und erst danach Aspekte aus Ulrichs Leben darstellen, um schließlich ein kaleidoskopisches Bild des Motivs der Eigenschaftslosigkeit darlegen zu können.

2. Philosophischer Hintergrund

Um das Phänomen der Eigenschaftslosigkeit nachvollziehbar zu machen, müssen zunächst die philosophischen Ideen, die dem zugrunde stehen, erläutert werden. Kritik an der Kausalitätsherrschaft und der Substanzontologie sind grundlegend für Musils Roman. Nietzsches und Machs Auffassungen dürften am nachhaltigsten auf Musils Denken gewirkt haben, und tragen dazu bei, dass Musil in M.o.E. „Teillösungen“[3] zuführt, in denen die Gestalten „erklärliche Teileinheiten, die sich tendenziell von dem fließenden, unerklärlichen Totalzusammenhang isolieren“[4], sind.

Im nächsten Kapitel werde ich gründlich die Wirkung Machs und Nietzsches analysieren, um den richtigen Zugang zu Ulrichs Gestaltlosigkeit zu finden.

2.1 Ernst Mach und die Auflösung des Ichs

Die Lehre Ernst Machs schreibt sich in der Krise der Fin-de-Siecle Kultur ein, indem sie die Umdeutung des Begriffes Substanz betrifft. Im substantiellen Sinn wird der Untergang des Ich dadurch erklärt, da es sich in isolierten, beständigen Einheiten in Zeit und Raum auflösen lässt.[5]

Musil hat sich intensiv mit den machschen Lehren auseinandergesetzt. Seine Dissertation zum Thema Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs, soll das unmittelbar belegen.

Machs Philosophie kritisiert den Essentialismus und die Substanzontologie. In seiner Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen zitiert er ein Sommererlebnis, das ihm neue Perspektiven eröffnet und ihn zu der Erkenntnis führt, dass man alle Begriffe und Theorien nicht mehr in ihrer festzustellenden Wahrheit, sondern in ihren lebensförderlichen Effekten, sehen sollte.[6]

„Das Ich ist unrettbar, wir haben es erfunden aus Ökonomie, um leichter arbeiten zu können, um die tausend wirren Beziehungen besser zu ordnen (...) wir wissen aber jetzt, dass er nur eine Illusion ist.“[7]

Hinter der Empfindung oder dem Element gibt es nichts. Unnütz und trügerisch ist die hypothetische Annahme von „Ich“, „Körper“ und „Dingen“ von denen die Empfindungen ausgestrahlt würden, d.h. von beständigen Substanzen die etwas anderes seien als ihre wechselhaften „Erscheinungen“. Mach behauptet: „Nicht die Körper erzeugen Empfindungen, sondern Elementenkomplexe bilden die Körper“.[8] Die Welt ist nichts weiter als ein unendliches und sich ständig veränderndes Geflecht aus vielfachen funktionalen Beziehungen zwischen Empfindungen, das Abhängigkeiten aufweist. Um sich in der Welt orientieren zu können, haben die Menschen diese Beziehungskomplexe aus dem Weltzusammenhang herausgelöst und haben sie dann „Ich“, „Körper“ oder „Ding“ genannt.[9] Das Ich als wahrnehmbare Instanz ist keine homogene Einheit individueller Eigenschaften, sondern ein „an einem besonderen Körper (den Leib) gebundener Komplex von Erinnerungen, Stimmungen, Gefühle“.[10] Anders formuliert, hebt Mach die funktionale Konstitution des Ichs vor und nicht seine Identität.

Bei Musil erkennt man das machsche Prinzip der Auflösung des „Ichs“, des „Körpers“ , der „Dinge“ und „Kausalverbindungen“, dadurch dass sein Weltbild auf die „fluktuierende“, „grenzenlose“, „unerforschliche“, „unsagbare“, „unkenntliche“ Verflechtung der Elemente basiert.[11] Der Mann ohne Eigenschaften fasst das Unpersönliche zusammen, da seine Eigenschaften und Erlebnisse „mit ihm nicht inniger zu tun (hätten) als mit anderen Menschen, die sie auch besitzen mochten.“[12]

Im Vergleich zu Mach, der die Bestandteile als psychophysische Elemente bezeichnet, exploriert Musil diese Theorie, indem er deren Elemente als Merkmale der „polizeilichen Registratur“[13] darstellt. Das heißt also, dass die Auflösung des Ich „eine Projektion gesellschaftlicher Vorgänge in scheinbar rein naturwissenschaftlicher Zusammenhänge ist“.[14] Die Welt der Eigenschaftlosigkeit ist nicht wie für Mach die Grundlage einer Wissenschaftstheorie, sondern die Maschine durch die er den eigenschaftslosen Zustand gewinnt. Musil übersetzt Machs psychophysischen Monismus in die Darstellung eines Systems, das fixierte Subjekt-Objekt-Beziehungen als funktionelle Merkmale registriert. Dieses System löst die Eigenschaften sowohl von den Subjekten als auch von deren Objekten und bringt sie als Funktionselemente ein.[15]

Durch das Agens von Formen, die sich schon immer im Umlauf des Menschen befunden haben, „lebt der Mensch nicht, sondern er wird gelebt“[16]. Vor diesem Hintergrund wird die eigenschaftslose Grundhaltung Ulrichs erklärlich. Eigenschaften ergeben sich nämlich nie kausal aus der Wechselwirkung von Persönlichkeit und Umwelt, von Privatem und Öffentlichem, Subjekt und Objekt, sondern entstehen aus der schablonisierten Gestalt bereits abgelaufener Entwicklungsprozesse.[17]

Daraufhin werde ich aber späterhin in meiner Arbeit eingehen. Zunächst sollte der zweite Philosoph, der stark auf Musils Werk gewirkt hat, eindeutig präsentiert werden.

2.2 Die Rezeption Nietzsches

Bei Nietzsche heißt es:

„Der Gesamtaspekt (der Geschichte) ist der einer ungeheuren Experimentier-Werkstätte, wo einiges gelingt, zerstreut durch alle Zeiten, und Unsägliches missrät, wo alle Ordnung, Logik, Verbindung und Verbindlichkeit fehlt.“[18]

Ein erster Verweis darauf, dass Musil Nietzsches Thesen in seinem Roman bearbeitet, wäre der Titel des zweiten Buches „Seinesgleichen geschieht“, womit die Beliebigkeit des historischen Geschehens angedeutet werden soll. Ulrich ist sich mit Nietzsche darin einig, dass die Geschichte keinen übergreifenden Sinn anbietet, dass sich die historischen Epochen grundlos und ohne einen zureichenden Grund abwechseln:

„Der Weg der Geschichte ist also nicht der eines Billardballs, der, einmal angestoßen, eine bestimmte Bahn durchläuft, sondern er ähnelt dem Weg der Wolken, ähnelt dem Weg eines durch die Gassen Streichenden der (…) abgelenkt wird und schließlich an eine Stelle gerät, die er weder gekannt hat, noch erreichen wollte. Es liegt im Verlauf der Weltgeschichte ein gewisses Sich - Verlaufen“[19].

Im Leben des einzelnen herrscht, wie es Ulrich formuliert, „das Prinzip des unzureichenden Grundes“:

„Sie sind doch Philosoph und werden wissen, was man unter dem Prinzip des zureichenden Grundes versteht. (…) in unserem wirklichen, ich meine damit unserem persönlichen Leben und in unserem öffentlich-geschichtlichen geschieht immer das, was eigentlich keinen rechten Grund hat“[20]

Mit dieser Aussage bezieht sich Ulrich auf Leibniz, der schon im 17. Jahrhundert die These stellte, dass nichts ohne einen zureichenden Grund geschieht. Bei Leibniz ist der zureichende Grund, der dem Universum Sinn gibt, Gott selbst. Dies ist das Prinzip von dem die Welt abhinge, die „alle Aspekten individuellen Lebens bis in das Aussehen, die Moral und den Ausdruck der Leute hinein reglementiert.“[21] Das Prinzip des zureichenden Grundes basiert auf einem Imperativ, welches die im Menschen verankerte innere Ordnung deutlich macht.[22]

Durch die Absenz eines Bestimmungsgrundes im Falle Ulrichs, vermittelt Musil seine Absage an die von Leibniz Lehren beeinflusste abendländische Glaubenstradition. Das operative Moment des Lebens wäre also nicht als Prinzip des zureichenden Grundes, sondern als dessen des unzureichenden Grundes gesehen. Ein Ereignis findet somit nicht mehr aufgrund bestimmter Faktoren statt, die unmittelbar kausal an einer Wirkung beteiligt sind, sondern ganz ohne Rücksicht auf die individuellen Ansprüche von Einzelwesen[23]. Anders formuliert, wird der Glaube an den Satz vom zureichenden Grund zugunsten einer Kontingenz des Seins aufgehoben.

„Ursache und Wirkung; eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie – in Wahrheit steht ein Kontinuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isolieren; so wie wir eine Bewegung immer nur als isolierte Punkte wahrnehmen, also eigentlich nicht sehen, sondern erschließen. Die Plötzlichkeit, mit der sich viele Wirkungen abheben, führt uns irre; es ist aber nur eine Plötzlichkeit für uns.“[24]

Der hier von Nietzsche ausgeführte Wirklichkeitsentwurf bevorzugt den Perspektivismus. Im 19. Jahrhundert wird man sich dessen bewusst, dass es unterschiedliche Intentionen gibt, die die Welt zugänglich machen. Jeder nimmt die Wirklichkeit auf verschiedener Weise wahr, also subjektiv.

„hüten wir uns von den Fangarmen solcher contradiktorischen Begriffe wie „reine Vernunft“, „absolute Geistigkeit“, „Erkenntnis an sich“:- hier wird immer ein Auge gedacht (...) das durchaus keine Richtung haben soll (...) es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches „Erkennen“; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen (...) um so vollständiger wird unser „Begriff“ dieser Sache, unsere „Objektivität“ sein.“[25]

Das Monokausalitätsprinzip das hier angegriffen wird, führt zur Verfälschung der Realität. Ein Weltverfahren das isoliert aus dem Zusammenhang des Kontinuums vorkommt, und dann am Rang der Absolutheit aufgehoben wird, ist nur betrügerisch. Die Welt ist ein Kontinuum wandelnden Wahrnehmungen, die ihre Gültigkeit von einem Moment auf den andren verlieren. Man sollte ansehen, dass Isoliertheit und Reduktion nur lebenserleichende Formen der Logik sind, die die Komplexität der Dinge nicht erklären könnten. Nietzsche übt damit Kritik an einer verschränkten Auffassung der Wirklichkeit, die durch Ursache und Wirkung begründet wird. Es gibt ein Überschuss von Möglichkeiten, daher reicht kein Grund für einen Endeffekt.

Nicht nur an Nietzsche wird Musils Kritik des Kausalitätsbegriffs gebunden. Die Lektüre von Edmund Husserl gab auch Anlass zum Auseinandersetzen mit dem Problem der Kausalität, der Notwendigkeit der Ordnung und mit dem Wahrscheinlichkeitsbegriff. In den Logischen Untersuchungen erfolgt die Begründung der Logik durch eine neue Beurteilung desselben psychisch-subjektiven Erlebens, aus welchem nach dem Psychologismus die Denkgesetzte, als vermeintliche Naturgesetze, welche in isolierter Wirksamkeit das vernünftige Denken kausieren, herzuleiten sind.[26]

[...]


[1] Vgl. Zeller, Rosmarie: Musil im Kontext der Poetik des modernen Romans. in Musil-Forum, hg. Von Luserke-Jaqui, Matthias/ Zeller, Rosmarie, Berlin: Walter de Gruyter 2007/2008, S. 20-37.

[2] Müller, Götz (1972): Ideologiekritik und Metasprache in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Würzburg: Wilhelm Fink Verlag. S. 43.

[3] Monti, Claudia (1984): Die Mach Rezeption bei Hermann Bahr und Robert Musil. In Musil-Forum 10, S. 201- 213: S. 208.

[4] Monti 1984: S. 208.

[5] Monti 1984: S. 201.

[6] Vgl. Pieper, Hans-Joachim 2002: S. 110-111.

[7] Mach in Monti 1984: S. 204.

[8] Mach in Monti 1984: S. 206.

[9] Vgl. Monti 1984: S. 202.

[10] Mach in Laermann, Klaus (1970): Eigenschaftslosigkeit. Reflexionen zu Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Stuttgart. S. 4.

[11] Vgl. Monti 1984: S. 209.

[12] M.o.E. S. 1984: 148.

[13] Laermann 1970: S. 6.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Mehigan, Tim (2001): Robert Musil, Philipp Reclam, Stuttgart: S. 85.

[17] Vgl. Mehigan 200: S. 85.

[18] Nietzsche in Hinz, Michael (2000): Verfallsanalyse und Utopie. Nietzsche-Rezeption in Thomas Manns „Zauberberg“ und in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. St. Ingbert : Röhring Verlag: S. 27.

[19] M.o.E. S. 361.

[20] M.o.E. S. 134.

[21] Mehigan 2001: S. 84.

[22] Vgl. Mehigan 2001: S. 76-84.

[23] Vgl Mehigan 2001: S.76-84.

[24] Nietzsche, Friedrich (1930): Die Fröhliche Wissenschaft. Kröner Taschenausgabe. Stuttgart: S. 120.

[25] Nietzsche, Friedrich (1999): Zur Genealogie der Moral. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. S. 364.

[26] Vgl. Pennisi, Francesca (1990): Auf der Suche nach Ordnung.Die Entstehungsgeschichte des Ordnungsgedankens bei Robert Musil von den ersten Romanentwürfen bis zum ersten Band von „Der Mann ohne Eigenschaften“, St. Ingbert: Röhring Verlag, S. 74.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640772476
ISBN (Buch)
9783640772919
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162749
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Schlagworte
Zustand Eigenschaftslosigkeit Robert Musils Mann Eigenschaften

Autor

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