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Zum Einfluss von Bindung auf die frühe Kindheit

Hausarbeit 2010 30 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Grundannahmen der Bindungstheorie
1.1 Eine sichere Basis und Explorationsverhalten
1.2 Das Konzept der Feinfühligkeit
1.3 Das innere Arbeitsmodell

2 Ursache und Folgen unterschiedlicher Bindungsqualitäten
2.1 Gene und Prägung
2.2 Bindungsmuster
2.2.1 Soziale Verteilung der Bindungsmuster
2.2.2 Transgenerationale Muster von Bindung
2.2.3 Neuropsychologische Folgen sicherer und unsicherer Bindung
2.2.4 Zum Einfluss der Bindungsqualität auf das Wohlergehen des Kindes . .
2.3 Bindungsstörungen
2.3.1 Bindungsverhalten als adaptive Strategie
2.3.2 Bindungsklassifikation von Bindungsstörungen in Diagnose - Manualen
2.3.3 Diagnostik und Typologie nach Brisch u.a

3 Zur Prävention und Therapie bindungsbedingter Beeinträchtigungen

3.1 Eltern - Säuglings- Beratung und Psychotherapie
3.2 Mechanismen therapeutischer Veränderungen
3.3 Frühe Hilfen des Jugendamts Paderborn

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Vorwort

”Umzuverstehen,wieMenschenfunktionieren,müssenwirwissenwassieimPosi- tiven und Negativen bewegt [...]“(Gra04 S.182 ).

Zu wissen, was Menschen anstreben oder vermeiden, welche Bedürfnisse sie haben, ist für die Psychotherapie einer der wichtigsten Fragen. Die psychischen Grundbedürfnisse1, die ein Men- sch neben den existenzsichernden physiologischen Bedürfnissen hat, sind hierbei von besonderer Bedeutung. Ihre Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung kann zu Schädigungen der psy- chischen Gesundheit und des Wohlbefindens führen. Neben dem Bedürfnis nach Orientierung, Kontrolle, Lust und Unlustvermeidung, Selbstkohäsion und Selbstidentität2 ist das Bedürfnis nach Bindung eines am bestern untersuchten Bedürfnisse. Dies ist vorallem John BOWLBY zu verdanken.

”Whatisbelievedtobeessentialformentalhealthisthattheinfantandyoungchild should experience a warm, intimate and continuous relationship with his mother (or permanent mother-substitute) in which both find satisfaction and enjoyment.“3 (Hal07, nach BOWLBY (1982) Attachment and loss Vol.1)

Mit dieser Aussage postulierte der britische Kinderarzt, Kinderpsychiater, Psychoanalytiker, der als Begründer der Bindungstheorie gilt, explizit ein angeborenes Bedürfnis des Kindes nach Nähe zu einer Bezugsperson. Diese Erkenntnis zählt zu den wichtigsten Fortschritten der Psychi- atrie in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Über viele Jahre hinweg wurde das Thema des Bindungs- bedürfnisses in Fachkreisen kaum thematisiert, oder von beispielsweise Sigmund FREUD als Derivat des Lustprinzips nicht ausreichend gewürdigt (Fre80, S.324ff), hatte die Theorie der Bindung es zunächst schwer gehabt in der Wissenschaft Fuß zu fassen. Heute zählt sie als gut erforschter Bereich und findet Beachtung und Anwendung in diversen Gebieten der Pädagogik, wie zum Beispiel in der Kleinkindforschung, in der Entwicklungs- und Neuropsychologie, aber auch in dem Bemühen, die Ursachen und Gründe von Störungen im Sozialverhalten und psy- chischen Störungen von Kindern, Jungendlichen und Erwachsenenen zu erkennen, zu verstehen und auch diesen entgegenzuwirken.

Innerhalb meines Arbeitsgebietes, der Kinder- und Jugendhilfe, habe ich häufig mit Eltern und Kindern zu tun, deren Probleme intrafamilar so tief verstrickt sind, dass oft aussichtslos scheint, sie durch “aufgesetzte“ Hilfen für die Kinder lösen zu wollen. Viel eher bin ich der Meinung, dass Kindern oft besser gedient ist, wenn Eltern in ihrer Erziehungskompetenz und Feinfühligkeit gegenüber ihren Kindern gefördert werden. Daher rührt die Motivation mich mit dem Thema Bindung und den daraus entstehenden oft schwerwiegenden Folgen, aber auch den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die mit dem Thema verbunden sind.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Bindungstheorie im Kontext der frühen Kindheit. Sie soll die Wichtigkeit einer feinfühligen Bezugsperson darlegen und zeigen, welche Konsequenzen es haben kann, wenn eine solche nur ungenügend auf die Bedürfnisse des Kleinkindes eingeht.

Hierfür wird im ersten Teil der Hausarbeit zunächst einenÜberblick über die Grundannahmen der Bindungstheorie gegeben, und die Wichtigkeit sicherer Bindungsbeziehung erläutert. Im zweiten Teil werden die positiven und negativen Folgen unterschiedlichen Bindungsverhaltens auf die neuronale, psychische Gesundheit und soziale Kompetenz des Kindes dargelegt und gezeigt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Im Anschluss daran werden unterschiedliche Definitionen von Bindungsstörungen dargelegt. Im dritten Teil der Arbeit wird erörtert, wie mit frühen Maßnahmen bindungsbedingten Störungen entgegengewirkt werden kann.

1 Grundannahmen der Bindungstheorie

”BindungkanndefiniertwerdenalsdasgefühlsmäßigeBand,welcheseinePerson [...]zwischen sich selbst und einem bestimmten anderen knüpft - ein Band, das sie räumlich verbindet und das zeitlich andauert.“(Gro03 , Ainsworth (1974 ) zit.n. S.243)

Dieses Zitat nach AINSWORTH, BOWLBYS Schülerin und Mitarbeiterin, unterstreicht dessen Theorie, dass die Entwicklung einer sicheren Bindung zwischen einem Kleinkind und dessen primärer Bezugsperson, die Grundlage für die Fähigkeit ist, stabile und von intensiven Gefühlen getragene Beziehungen zu anderen zu entwickeln und aufrecht erhalten zu können. Bindung ist Grundlage sozialer Entwicklung. Die Bindungstheorie versucht ein im sozialen Umfeld beobachtbares und innerhalb gewisser Grenzen auch messbares Verhalten zugleich aus verhaltensbiologischer und aus psychologischer Sicht zu erklären. Sie besitzt Berührungspunkte mit der Psychoanalyse, mit der sie die Auffassung teilt, dass frühkindliche Erlebnisse ein Schlüssel zur Erklärung der gesamten weiteren Entwicklung eines Menschen sind (Bri99 S.35 ).

Bowlby hat den Kern seiner Bindungstheorie in drei Grundsätzen zusammengefasst, welche im folgenden Abschnitt vorgestellt werden. Sie veranschaulichen die Wichtigkeit sicherer Bindung in den ersten Lebensjahren.

1.1 Eine sichere Basis und Explorationsverhalten

Der Gedanke der sicheren Basis geht davon aus, dass Bindung dem Säugling Nähe, Zuwendung und Schutz durch eine vertraute Person sichert. Das heißt, fühlt er sich müde, krank, ängstlich, unsicher oder allein, so werden die von Geburt an vorhandenen kommunikativen Fähigkeiten wie Schreien, Lächeln, Weinen, Anklammern aktiviert, welche die Nähe zur Bezugsperson wieder herstellen soll. Im Verlaufe der ersten Lebensmonate wird dieses Bindungsverhalten immer spez- ifischer auf wenige Bezugspersonen ausgerichtet1. Die Bindungsperson ist in Gefahren- und All- tagssituation eine sichere Basis, wenn sie kompetent auf die Bedürfnisse ihres Kindes einge- hen kann. Das Bindungssystem, das sich im ersten Lebensjahr entwickelt, bleibt während des gesamten Lebens aktiv. Es stellt ein eigenständiges Motivationssystem dar, das mit anderen Motivationssystemen interargiert (Bow05, S.7).

Im Wechselwirken zum Bindungsverhalten besteht eine andere Verhaltensweise, welche zum Vorschein kommt wenn sich die Kinder sicher fühlen. Bowlby nannte dieses Verhalten Explo- rationsverhalten. Damit bezeichnete er das neugierige Erforschen und Auskundschaften der Umgebung. Das heißt, Kinder suchen immer dann die mütterliche Nähe, wenn sie Kummer, Un- sicherheit, Krankheit, Müdigkeit oder eine Einschränkung in der Verfügbarkeit der Bezugsperson spüren. Fühlen sie sich hingegen zufrieden und können sich der Zuneigung ihrer Mutter sicher sein, so bewegen sie sich von ihr weg und gehen auf Erkundungstour (Bri99, S.38,40) (Gro03, S.231ff).

In der psychodynamischen Modell nach MENTZOS (2009) entspringt dieses Verhalten den bipolaren Tendenzen, die menschliches Verhalten prägen, die zwar potentiell unvereinbar wirken, durch ihre Ausbalancierung jedoch Fortschritt und Entwicklung fördern (Men09, S.251ff).

1.2 Das Konzept der Feinfühligkeit

Zur Förderung der kindlichen Entwicklung und Autonomie, sollte dem Kind nichts abgenommen werden, was es bereits selbst tun kann. Hier bedarf es, um nicht der Überbehütung zu verfallen, und um die Belange des Kindes richtig zu deuten, bedarf es der Feinfühligkeit der Bezugsperson.

Bindung beginnt bereits mit der Geburt, wenn das Neugeborene seine angeborenen physi- ologischen Rhythmen in eine eigene Ordnung bringen und mit der Umwelt koordinieren muss. Atemgeschwindigkeit, Pulsfrequenz, Körpertemperatur, Blutzucker und Cortisolspiegel2 müssen mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus in Einklang gebracht werden. Die Mutter trägt dabei durch ihre Pflegehandlungen zur Überformung bei, indem sich Mutter und Kind affektiv aufeinan- der einstimmen. Für] die Bindung ist wichtig, ob und inwieweit die Mutter im zeitlich für das Kind richtigen Rhythmus das Angemessene tut. Je näher sie den sich bildenden Eigenrhythmen des Säuglings kommt, desto eher kann das Kind ein Gefühl entwickeln Kontrolle über etwas zu haben und seine Selbstwirksamkeit wahrnehmen. Im Einklang mit den kindlichen Entwick- lungsprozessen sollte sich daher eine Angemessenheit und Vorhersehbarkeit des mütterlichen Verhaltens einstellen.

Feinfühligkeit beinhaltet außerdem eine Förderung der kindlichen Kommunikationsfähigkeit auch im vorsprachlichen Alter, so dass das behutsame Eingehen auf kindliches Weinen nicht als Verwöhnen, sondern als Antworten auf die Mitteilung negativer Gefühle gesehen wird (Bri99, S.40ff) (Gro03, S.211ff).

1.3 Das innere Arbeitsmodell

”AusdiesenIndikatorenundMotivationenhatsichnämlicheinehochdifferenzierte und ständig wachsende innere Welt entwickellt, welche eigentlich das Wesentliche unseres Lebens ausmacht.“(Men09, S.26 )

Bindungsforscher gehen davon aus, dass Kinder auf der Basis wiederholt erfahrener typisch- er Interaktionsmuster mit ihren Bezugspersonen Erwartungen über zukünftige Interaktionen ausbilden. Solche Erfahrungen, wie die Bindungspersonen funktionieren, werden vom Kind zunehmend verinnerlicht und in ein Gesamtbild integriert. Kinder entwickeln eine mentale Repräsentation von Bindung, die so genannten Arbeitsmodelle, die zum Prototyp für die Bil- dung späterer Beziehungen werden. Sie determinieren inwieweit jemand Nähe und Sicherheit erwartet und sich selbst der Zuwendung, der Liebe und Aufmerksamkeit wert fühlt, also Nähe zulassen kann. Sie formen ebenfalls die spätere Organisation der Persönlichkeit, der Gedanken und Sprache, der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses, die emotionalen und sozialen Regu- lationsprozessen, sowie die Strategien des Umgangs mit den Bindungspersonen.

Arbeitsmodelle enthalten sowohl kognitive als auch affektive Komponenten und schließen be- wusstes und unbewusstes Wissen über Bindungserfahrungen, sowie Vorstellungen und Erwartun- gen über die Vertrauenswürdigkeit der Umwelt und wie liebenswert die eigenen Person angesehen wird mit ein. Das Arbeitsmodell von der Welt umfasst die Vorstellung, wer die Bindungspersonen sind, wo sie zu finden sind und wie sie wahrscheinlich reagieren werden. Das Arbeitsmodell vom Selbst enthält Vorstellungen darüber wie akzeptabel man in den Augen seiner Bezugspersonen ist, was Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein nach sich zieht (Bri99 S.37 ).

2 Ursache und Folgen unterschiedlicher Bindungsqualitäten

In vielen psychologischen und theapeutischen Grundannahmen wird Bezug genommen auf die Bindungstheorie. So wurden auch unterschiedliche Theorien dazu entwickelt, wie es dazu kommt, dass eine unsichere oder schlechte Bindung sich auf ein Kind auswirkt.

Der Psychotherapieforscher und Psychologische Psychotherapeut Klaus GRAWE beispielweise erklärt die Auswirkungen von Bindungsprozessen auf Grundlage seiner Konsistenztheorie. Diese versucht das psychische Funktionieren des Menschen zu erklären, in dem sie davon ausgeht, dass der Organismus nach Übereinstimmung bzw. Vereinbarkeit der gleichzeitig ablaufenden intrapsychischen Prozesse strebt. Diesen Zustand bezeichnete GRAWE als Konsistenz1. Bezogen auf das Bindungsbedürfnis ist Konsistenz gewährleistet, wenn beispielsweise das motivationale Ziel des Kindes, Nähe zur Bezugsperson herzustellen mit seiner realen Erfahrung übereinstimmt. Wird das Bedürfnis nach Bindung nicht befriedigt,entsteht Inkonsistenz.

Der Neurologe, Psychiater und Psychoanalytiker Stravos MENTZOS stellt innerhalb seiner psychodynamischen Überlegunen fest, dass ”[...]nichtirgendwelcheBelastungenansich,sondern innereReibungen,dieintrapsy- chischen Gegensätzlichkeiten es sind, die sich besondes pathogen auswirken.“(Men 09, S.30 )

Bei dieser Betrachtung ist die Bipolarität zwischen selbstbezogenen und objektbezogenen Ten- denzen, die Tendenz nach Autonomie und Exploration und die Tendenz zur Bindung besonders bedeutsam.

Neben der Chance auf Dynamik und Fortschritt bergen solche Prozesse jedoch auch Risiken, wie psychische Erkrankungen.

In dieser Arbeit ist es leider nicht möglich Modelle dieser Art präziser zu beleuchten, jedoch kann die beispielhafte Nennung im Leser eine Ahnung erwecken auf welch wissenschaftlichen Ebenen sich mit den Mechanismen und Ursachen bindungsbezogener Störungen befasst wird.

[...]


1 GRAWE beschreibt diese Grundbedürfnisse, auf Grundlage EPSTEINS Darlegungen, ausführlich in seiner Konsistentheorie.(Gra04, S.183-192)

2 Seymour Epstein, Cognitive-Experimental Selftheorie (1990, 1993) (Gra04, S.185,186)

3 Übersetzung der Autorin: “Es wird angenommen, dass für die psychische Gesundheit von wesentlicher Bedeu- tung ist, dass der Säugling oder das Kleinkind, eine warme, intime und kontinuierliche Beziehung zu seiner Mutter (oder dem dauerhaften Mutter-Ersatz )erlebt, in denen beide Befriedigung und Genuss finden.“

1 s.a. Hierachie der Bindungspersonen (Bri99, S.36)

2 Cortisol wird auch als “Stresshormon “ bezeichnet. Hypercortisolismus kann zu Depressionen führen.

1 Konsistenz ist nach GRAWE das oberste Prinzip des psychischen Funktionierens. Konsistenz als Metabegriff ist den einzelnen Grundbedürfnissen übergeordnet. Es ist mehr als ein Bedürfnis, sondern eine unverzichtbare Systemerfordernis.

Details

Seiten
30
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640811892
ISBN (Buch)
9783640812196
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162757
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Bindungstheorie Bindungsstörungen Gene Reifung Prägung Neuropsychologie Kindheit Sozialverhalten Elternrolle

Autor

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Titel: Zum Einfluss von Bindung auf die frühe Kindheit