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OpenStreetMap Daten - Ein Instrument zur partizipativen Planung in Entwicklungsländern?

Bachelorarbeit 2010 49 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Kartographie, Geodäsie, Geoinformationswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Partizipative Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit
2.1 Participatory Mapping
2.2 Entwicklung von Participatory Mapping
2.3 Anwendungen
2.3.1 Kommunikation des räumlichen Wissens einer Gemeinschaft an externe Akteure
2.3.2 Aufzeichnung und Archivierung lokalen Wissens
2.3.3 Unterstützung bei der Landnutzungsplanung und dem Ressourcenmanagement
2.3.4 Lösung ressourcenbezogener Konflikte
2.3.5 Unterstützung von Forderungen
2.3.6 Förderung von Kompetenzen innerhalb einer Gemeinschaft
2.3.7 Katastrophenhilfe
2.4 Methoden
2.4.1 Skizzenhaftes Kartieren
2.4.2 Kartieren mit maßstabsgetreuen Basiskarten oder Luftbildern/Satellitenbildern
2.4.3 Dreidimensionale Modelle
2.4.4 Computergestützte Systeme: Geoinformationssysteme (GIS), Grafiksoftware/Multimedia und internetbasierte Anwendungen
2.4.4.1 Geoinformationssysteme (GIS)
2.4.4.2 Grafiksoftware/Multimedia
2.4.4.3 Internetbasierte Anwendungen
2.5 Kritik

3. Aktuelle OpenStreetMap-Projekte: Haiti
3.1 Auswertung von Satellitenbildern
3.2 OSM vor Ort
3.2.1 Akteure
3.2.2 Ziele
3.2.3 Methoden
3.2.4 Ausblick

4. Aktuelle OpenStreetMap-Projekte: MapKibera
4.1 Auswertung von Satellitenbildern
4.2 OSM vor Ort
4.2.1 Akteure
4.2.2 Ziele
4.2.3 Methoden
4.2.4 Probleme
4.2.5 Weitere Pläne
4.2.6 Ausblick

5. Synthese
5.1 Implikationen des Einsatzes von OpenStreetMap-Daten für die Anwendungsfelder des Participatory Mapping
5.1.1 Kommunikation des räumlichen Wissens einer Gemeinschaft an externe Akteure
5.1.2 Aufzeichnung und Archivierung lokalen Wissens
5.1.3 Unterstützung bei der Landnutzungsplanung und dem Ressourcenmanagement
5.1.4 Lösung ressourcenbezogener Konflikte
5.1.5 Unterstützung von Forderungen
5.1.6 Förderung von Kompetenzen
5.1.7 Katastrophenhilfe
5.2 Erkenntnisse aus Beispielprojekten
5.2.1 Haiti
5.2.2 Kibera
5.3 Allgemeine Aspekte
5.3.1 Verfügbarkeit des Internets
5.3.2 Kosten
5.3.3 Qualität und Qualitätskontrolle
5.3.4 Akzeptanz und Vertrauen
5.3.5 Lizenz
5.3.6 Vergrößern von Projekten

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Art und Weise, wie bei OpenStreetMap die Erstellung einer freien Weltkarte angestrebt wird, ist bereits von ihrer Grundidee her partizipativ: jeder kann alles beliebig verändern. Natürlich ist Partizipation in einem politischen System viel mehr als das Sammeln von Daten - Partizipation räumt Akteuren die Möglichkeit ein, Einfluss und Kontrolle über sie betreffende Entscheidungen und Ressourcen zu treffen (Weltbank 1996).

Jedoch benötigt jedes partizipative System Daten, unter anderem geographische: es wird stets hilfreich sein, die zur Diskussion stehenden Maßnahmen und Ressourcen zu verorten und in räumlicher Relation zu allen betroffenen Menschen und Gütern zu betrachten.

Ein System wie OpenStreetMap, bei dem sämtliche Geoinformationen frei verfügbar sind, hat das Potential, als Datenquelle wie auch als Publikationsplattform zu dienen. Die Möglichkeiten, die OpenStreetMap-Daten bei der partizipativen Planung bieten, werden in der vorliegenden Arbeit herausgearbeitet. Dabei werden diese anhand zweier Themenbereiche beleuchtet:

Im ersten Teil wird das klassische Anwendungsfeld des Participatory Mapping analysiert, eine visuelle Methode, die seit den 1980er Jahren Einzug in die Entwicklungszusammenarbeit gehalten hat (Chambers 2008). Bei dieser Methode werden auf verschiedenste Weise durch die jeweils vor Ort beteiligten Menschen Karten erstellt, welche sowohl im Entstehungsprozess wie auch als fertiges Produkt vielerlei Ziele erreichen helfen. In diesem Themenkomplex wird auch darauf eingegangen, inwiefern moderne (Informations-) Technologien bereits Einzug in die partizipative Entwicklungszusam­menarbeit gehalten haben.

Die modernen Informationstechnologien führen an den zweiten Teil heran, in welchem zwei aktuelle OpenStreetMap-Projekte (Haiti, MapKibera) analysiert werden. Es existieren bereits heute eine ganze Reihe von Projekten, bei denen OSM-Daten entweder als Grundlage verwendet werden oder OSM als Plattform zum Upload neu erfasster Zusammenhänge dient. Dazu gehören die Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben Anfang 2010 auf Haiti (Maron 2010a), ein Entwicklungsprojekt zur Tourismusförderung in einem Nationalpark in Uganda (Soden 2009), ein Projekt zum Ausbau der Geodateninfrastruktur in Zentralafrika, unter anderem durch Upload einer große Menge von Straßendaten in OpenStreetMap (Development Seed 2009), das partizipativ angelegte Kartierprojekt MapKibera in Nairobi, Kenia (Hagen 2010), das bereits abgeschlossene Kartierprojekt „FreeMap“ in der Westbank und im Gazastreifen (JumpStart International 2008) oder die Etablierung einer aktiven OSM-Community in der Kaukasus-Region (JumpStart International 2009). Die nun im Detail präsentierten Projekte auf Haiti und in Nairobi stechen aufgrund ihrer Komplexität und Tragweite innerhalb der lokalen Gesellschaft heraus. In beiden Projekten gab es einen signifikanten Mangel an geographischen Daten, der durch diese Projekte behoben und bei OpenStreetMap veröffentlicht wurde. Hier sind bereits Kombinationen zwischen den klassischen Ansätzen der Entwicklungszusammenarbeit und den durch das Internet ermöglichten Entwicklungen zu erkennen.

In der anschließenden Synthese wird zum einen geprüft, inwiefern sich die etablierten Anwendungsbereiche des Participatory Mapping mit OpenStreetMap kombinieren lassen und welche Konsequenzen davon zu erwarten sind. Zum anderen werden die essentiellen Erkenntnisse und Neuentwicklungen, die aus den beiden aktuellen Projekten zu ziehen sind, aufgezeigt. Schließlich werden einige allgemeine Aspekte angesprochen, die bei einem partizipativen Projekt, das auf OpenStreetMap zurückgreift, Beachtung finden sollten.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Grundlagen für erfolgreiche partizipative Projekte, die auf geographische Daten zurückgreifen, zu benennen und zu prüfen, inwiefern OpenStreetMap einen Beitrag leisten kann, räumliche Zusammenhänge zu identifizieren und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die freie Weltkarte, genauso wie viele andere durch das Internet geprägte Entwicklungen, als ein Impulsgeber für weitere, politisch geprägte Prozesse fungiert, welche in das Entstehen neuer, auf die Bedürfnisse der jeweiligen Region angepasster Internet-Portale münden.

2. Partizipative Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit

Um 1980 reifte in der Entwicklungshilfe die Erkenntnis, dass die bis dato verwendeten Methoden nicht das erreichten, was sie sollten: die vielen entwicklungspolitischen Maßnahmen führten keine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände herbei und erzogen viele Menschen in den Entwicklungsländern zu passiven Empfängern von Hilfeleistungen (Cooke, Kothari 2004, Chambers 2008). Man führte dies unter anderem darauf zurück, dass die bisherigen Methoden „von oben herab“ funktionierten: diese wurden von externen Akteuren eingeführt und waren oft sehr expertenorientiert, was zu mangelnder Effektivität führte (Cooke, Kothari 2004). Durch den Wechsel zu partizipativen Methoden wollte man, dass sozial und ökonomisch marginalisierte Menschen mehr Bestimmungsrechte über ihr eigenes Leben erhielten. Zentral sollte dabei die Anerkennung und Unterstützung der Perspektiven, des Wissens, der Prioritäten und der Fähigkeiten der Menschen vor Ort sein (Laws 2003, Cooke, Kothari 2004).

Eine Untergruppe innerhalb des partizipativen Methodenkanons bilden die visuellen Methoden, also Zeichnungen und Abbildungen jeder Art (Skizzen, Diagramme, Karten). Diese werden eingesetzt, wenn schnell Erkenntnisse über Zusammenhänge erreicht werden sollen und es um Probleme geht, die mit der physischen Umwelt zu tun haben; auch kann so die Aufmerksamkeit innerhalb einer Gruppendiskussion erhöht werden, speziell wenn die Beteiligten besser auf visuelle als auf verbale Repräsentationen reagieren. Des Weiteren können mit visuellen Methoden sensible und/oder peinliche Themen besser angesprochen werden (Laws 2003).

Die Oberbegriffe der jeweils inhaltlich wie auch entwicklungschronologisch aufeinander aufbauenden Methodenfamilien sind Rapid Rural Appraisal (RRA), Participatory Rural Apraisal (PRA) und Participatory Learning and Action (PLA). Die Verbreitung von visuellen Methoden, darunter Participatory Mapping (siehe Punkt 2.1), setzte flächendeckend mit der Entwicklung von PRA, also ab Beginn der 1980er Jahre ein (Laws 2003, Chambers 2008).

2.1 Participatory Mapping

Participatory Mapping (PM) gilt von allen visuellen Methoden (Zeichnungen/Abbildungen jeder Art, Diagramme) als die am weitesten verbreitete partizipative Methode in der Entwicklungszusammenarbeit (Chambers 2008, Ifad 2009). Die vielen unterschiedlichen Methoden und Zielsetzungen innerhalb des Participatory-Mapping-Ansatzes verbindet ein Charakteristikum: Die Kartierung wird von einer Gruppe von Menschen ausgeführt (die englischsprachige Literatur verwendet durchgehend den Begriff „community“, welcher hier, abhängig von Satzstruktur und Skala, als Gruppe, Gemeinschaft und Gemeinde übersetzt wird), die keine oder nur geringe Vorkenntnisse in der Kartographie haben und die ein gemeinsames Interesse verbindet. Dabei enthalten die Ergebnisse oft wesentlich mehr Informationen als eine gewöhnliche Karte: es wird auch, aus einer räumlichen Perspektive betrachtet, soziales, kulturelles und historisches Wissen der jeweiligen Gruppe erfasst (Ifad 2009).

Auch ist es den meisten Participatory-Mapping-Initiativen gemeinsam, dass der Fokus auf dem Prozess der Kartenproduktion liegt, die anschließende Verwendung der Daten kann, muss aber nicht erfolgen. Im Produktionsprozess wird versucht, eine möglichst hohe Einbindung möglichst vieler Gemeindemitglieder zu erreichen, um etwa die Kohäsion einer Gemeinschaft zu fördern, Bewusstsein für die eigene Identität zu schaffen oder latente Probleme und Konflikte ans Tageslicht zu bringen (Laws 2003, Ifad 2009).

2.2 Entwicklung von Participatory Mapping

Die ersten, noch sehr punktuellen Versuche gehen bis in die 1970er Jahre zurück. Jedoch wurden die ersten Kartierungen mit Hilfe der lokalen Bevölkerung und nicht durch diese ausgeführt – es brauchte einige Zeit, bis sich bei Entwicklungshelfern die Erkenntnis verbreitete, dass Karten und Kartenerstellung solch intuitive Formen der Darstellung räumlicher Zusammenhänge sind, dass auch Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse oder Erfahrungen mit dem Medium Karte sehr schnell deren Prinzipien verstehen können (Chambers 2008).

Ab Ende der 1980er Jahre begannen sich dann die Methoden des Participatory Mapping (PM) in vielen Organisationen und Projekten durchzusetzen. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch die rasante Entwicklung Geographischer Informationssysteme (GIS) in den 1980er Jahren, wobei hier darauf hinzuweisen ist, dass diese Entwicklung nicht nur als vorteilhaft gesehen wurde; viele Akteure befürchteten, dass die Komplexität der computergestützten GIS Menschen ohne Zugang zu Technologie und Wissen benachteiligen würde (Chambers 2008). Um dieser als durchaus realistisch zu sehenden Möglichkeit entgegenzutreten, entwickelte man Participatory GIS (PGIS), eine Kombination partizipativer Ansätze der Entwicklungsforschung mit Geoinformationssystemen. Hierbei liegt der Fokus nicht auf möglichst komplexen Software-Anwendungen, sondern auf der Nutzerfreundlichkeit der jeweils eingesetzten Systeme, die natürlich auch möglichst kostengünstig gestaltet werden (Corbett et al. 2006). Ein Hauptgrund PGIS einzusetzen liegt in dessen Potential, durch die Anwendung der gleichen Technologie wie die übergeordneten Institutionen ein Entwicklungsprojekt in überregionale Planungsvorgänge einbinden zu können (Abbot et al. 1998). Jedoch weisen viele Autoren darauf hin, dass man stets prüfen sollte, inwieweit die Anwendung eines GIS überhaupt sinnvoll ist – da der Prozess oft wichtiger als das Ergebnis ist, kann die Anwendung hochtechnologischer Instrumente manchmal überflüssig sein (z.B. Rambaldi et al. 2006, Chambers 2008).

2.3 Anwendungen

Die vielfältigen Anwendungsfelder von Participatory Mapping lassen sich in folgende Gruppen gliedern (wenn nicht anders angegeben nach: Mukherjee 2002, Ilc 2008, Ifad 2009):

2.3.1 Kommunikation des räumlichen Wissens einer Gemeinschaft an externe Akteure

Durch die Erstellung von Karten kann gezeigt werden, wie eine Gemeinschaft ihre räumliche Umgebung wertet, versteht und mit ihr interagiert. Dabei können komplexe Zusammenhänge relativ einfach dargestellt werden und über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg transportiert werden; dadurch kann oft der Einfluss auf institutionalisierte Entscheidungsprozesse erhöht werden.

2.3.2 Aufzeichnung und Archivierung lokalen Wissens

Da beim Participatory Mapping sehr viel Wert auf den internen Kommunikationsprozess einer Gemeinschaft gelegt wird, entsteht oft ein reger Wissenstransfer von den älteren zu den jüngeren Generationen; hiermit wird Wissen, dass bisher mündlich überliefert wurde und durch gesellschaftliche Veränderungen bedroht ist, erhalten.

2.3.3 Unterstützung bei der Landnutzungsplanung und dem Ressourcenmanagement

Karten können helfen, die traditionelle und oft komplexe Landnutzung nach außen zu kommunizieren, beispielsweise durch das Kartieren traditioneller Landnutzungen. Auch können mit einer Karte Wünsche einer Gemeinschaft zur zukünftigen Nutzung artikuliert und bei Anwendung eines GIS auch gleich in einem zu den örtlichen Institutionen kompatiblen Format erstellt werden. Im Ressourcenmanagement geht es oft um Fragen wie der Berechtigung, Weideland oder eine Wasserquelle eines anderen Eigentümers zu nutzen. Auch lassen sich die Bemühungen vieler Länder, die Verwaltung zu dezentralisieren, mit Participatory Mapping unterstützen; die Modernisierung eines Verwaltungsapparates kann nur dann funktionieren, wenn die sozialen, ökonomischen und natürlichen Dynamiken einer Region gut erfasst sind.

2.3.4 Lösung ressourcenbezogener Konflikte

Speziell bei Landnutzungskonflikten kann Participatory Mapping hilfreich sein, da der abstrakte Konflikt durch eine grafische Darstellung wesentlich fassbarer wird. Hier können sich überschneidende Forderungen, etwa zwischen einer indigenen Gruppe und einem im Bergbau tätigen Konzern, sehr einfach aufgezeigt und Lösungen gefunden werden.

2.3.5 Unterstützung von Forderungen

Hier wird vor allem die Methode des Counter Mapping (Rocheleau 2005) eingesetzt, um mit den gleichen Technologien wie die jeweilige Regierung (GIS, exakte Georeferenzierung) Karten zu erstellen, die dann beispielsweise auf unrechtmäßigen Landbesitz hinweisen. Hier dreht man gewissermaßen den Spieß um: Karten der Regierung, die durch ihren institutionalisierten Anspruch auf Richtigkeit eine bestimmte Gruppierung vernachlässigen, werden durch Karten gleichen technischen Niveaus (mit anderem Inhalt) widerlegt oder zumindest in Frage gestellt (Chambers 2008).

2.3.6 Förderung von Kompetenzen innerhalb einer Gemeinschaft

Die Effekte einer Kartierung gehen oft über den konkreten Nutzen der erhobenen Daten hinaus. Die nötige Zusammenarbeit in solch einem Projekt kann helfen, einen Kommunikationsprozess unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft in Gang zu setzen, den Zusammenhalt zu stärken, Identität zu stiften und gemeinsame Ziele herauszuarbeiten.

2.3.7 Katastrophenhilfe

In der Katastrophenhilfe können einerseits durch partizipative Kartierungen, die das kollektive Gedächtnis einer Region bezüglich historischer Katastrophen erfassen, Gefährdungskarten erstellt werden (McCall 2008). Andererseits kann, wie in Haiti geschehen (siehe Punkt 3), unter Einbindung der lokalen Bevölkerung neues Kartenmaterial entstehen, in dem, wenn es bis zur Katastrophe noch kaum Kartenmaterial gibt, Wege und Infrastrukturen kartiert werden; auch können dabei Schäden, unpassierbare Wege und Brennpunkte verzeichnet werden (MapAction 2009).

2.4 Methoden

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Participatory Mapping umzusetzen, mit stark schwankenden Anforderungen an die Teilnehmer und das Material. Im Folgenden werden die gängigsten Methoden kurz beschrieben, bevor die computergestützten Methoden detaillierter betrachtet werden. Speziell die internetbasierten Anwendungen werden dabei über den Participatory Mapping – Aspekt hinaus analysiert, womit die Verbindung zum dritten Teil hergestellt wird, in welchem zwei aktuelle OpenStreetMap-Projekte dargestellt werden.

2.4.1 Skizzenhaftes Kartieren

Bei dieser Methode wird eine skizzenhafte Karte auf dem Boden oder auf Papier erstellt. Auch wenn hier keine exakten Messungen oder eine maßstäbliche Darstellung Anwendung finden, kann man dennoch die relative Größe und Position von Objekten darstellen und daraus Erkenntnisse ziehen (Ifad 2009).

2.4.2 Kartieren mit maßstabsgetreuen Basiskarten oder Luftbildern/Satellitenbildern

Bei dieser Methode wird entweder eine sehr simple Basiskarte (mit wenigen charakteristischen Merkmalen wie Flüsse oder Konturen) oder ein Luftbild/Satellitenbild verwendet; die Ergebnisse des Prozesses werden hierbei auf Folien, welche auf die Medien gelegt werden, eingezeichnet. (Lemma et al. 2006, Ilc 2008, Ifad 2009).

2.4.3 Dreidimensionale Modelle

Anhand der Höhenlinien einer topographischen Karte können gleich dicke Kartonschichten ausgeschnitten und übereinander gelegt werden; nach einer anschließenden Glättung der Höhenstufen erhält man ein sehr realitätsgetreues Modell der jeweiligen Landschaft (Rambaldi 2010). Das haptische Element dieser Technik macht sie leicht erlernbar und verleiht ihr ein großes partizipatorisches Potential (Ilc 2008).

2.4.4 Computergestützte Systeme: Geoinformationssysteme (GIS), Grafiksoftware/Multimedia und internetbasierte Anwendungen

Bei computergestützten Systemen gibt es eine Vielzahl unterschiedlich komplexer Systeme, die für sich alleine oder in Kombination eingesetzt werden können. Dabei wird in der Entwicklungszusammenarbeit eine pragmatische Herangehensweise gepflegt: „ […] guided by considerations of what works, what is available, and what can be afforded. Executing a mapping project is like cooking with what is fresh that day.“ (Ilc 2008, S. 5).

2.4.4.1 Geoinformationssysteme (GIS)

Als speziell auf die elektronische Verarbeitung räumlicher Daten ausgerichtete Software, haben GIS seit den 1980ern auch Einzug in das Participatory Mapping gehalten. Dabei gelten deren analytische Möglichkeiten als großer Vorteil, speziell beim Land- und Ressourcenmanagement. Auch kann die professionelle Form einer mit GIS erstellten Karte in Gerichtsverfahren von Vorteil sein, da sie so oft dem kartographischen Niveau der Gegenpartei (Institutionen, Konzerne) entsprechen (Ifad 2009).

Als problematisch gilt die Komplexität der Bedienung – jeder Anwendung eines GIS muss ein wesentlich längerer Schulungsprozess als bei den anderen, weiter oben genannten Methoden vorrausgehen, auch können sowohl die Anschaffungskosten als auch die Folgekosten (Strom, Updates) sehr hoch sein (Ilc 2008, Ifad 2009); daher muss man sich immer die Frage stellen, ob die verfolgten Ziele nicht auch mit einfacheren Methoden erreicht werden könnten (Abbot et al. 1998).

2.4.4.2 Grafiksoftware/Multimedia

In vielen Participatory Mapping Projekten sind zwar Karten mit hoher Detailgenauigkeit erwünscht, jedoch werden keinerlei Analysen, wie sie ein GIS leistet, benötigt. Hier hat sich die Anwendung wesentlich kostengünstigerer Grafiksoftware bewährt (Ilc 2008), durch die Entstehung der Open Source-Bewegung in den letzten Jahren kann hier mittlerweile auch auf komplett kostenlose Programme wie GIMP zurückgegriffen werden (Natterer, Neumann 2010).

Speziell wenn Analphabeten an einem Projekt beteiligt sind, kann das Medium Karte allein oft nicht zum Ziel führen – hier können Multimediaanwendungen, also eine Kombination aus digitalen Video-, Audio- und Fotodateien weiterhelfen. Auch werden damit viele weitere Aspekte, die bei einer reinen Kartierung unberücksichtigt geblieben wären, mit aufgenommen (Ifad 2009). Diese Informationen können dann zu einer digitalen interaktiven Karte, in der ein einzelnes Element dann bei Anklicken beispielsweise zu einer Videodatei führt, verschmolzen werden – so entsteht dann beispielsweise ein Informationssystem für eine Gemeinde, in der Dokumente abrufbar sind, die das kulturelle wie auch das wirtschaftliche Zusammenleben beschreiben (Corbett, Keller 2006).

2.4.4.3 Internetbasierte Anwendungen

Die vor allem in den letzten Jahren auftauchenden neuen geographischen, über das Internet verbreiteten und zum Teil ganz wesentlich auf der Technologie des Internets basierenden Anwendungen lassen ein neues Feld für Participatory Mapping, Participatory GIS und andere raumbezogene Arbeitsgebiete entstehen.

Die Weiterentwicklung des „World Wide Web“ zum „Web 2.0“, also die immer weitergehende Einbeziehung der Konsumenten in die Generierung und/oder Bereitstellung von Inhalten, die dann allen Nutzern zugänglich sind (z.B. Wikipedia, Flickr, Weblogs), hat auch vor der Geographie nicht halt gemacht – im heutigen Internet gibt es eine Vielzahl von Anwendungen, die räumliche Informationen verarbeiten und vor allem jedermann zugänglich machen. Dazu gehören beispielsweise Google Earth, NASA World Wind, OpenStreetMap und Wikimapia (O'Reilly 2005, Goodchild 2007, Sui 2008, Coleman et al. 2009, Crampton 2009, Elwood 2009). Firmen, die mit geographischen Informationen (digitale Karten, Navigationsdienste) ihr Geld verdienen, wie, TomTom (TeleAtlas) oder Nokia (NavTeq), verbessern und aktualisieren ihre Daten mit Hilfe von web-basiertem Kunden-Input – Benutzer der Navigationssoftware weisen den Hersteller also auf Fehler in den Daten hin und arbeiten in gewisser Weise unentgeltlich für den jeweiligen Anbieter (Coleman et al. 2009). Neue Anwendungen wie Google Earth, Wikimapia, OpenStreetMap oder Mapufacture, in denen eine webbasierte massenhafte Kollaboration stattfindet, prägen die „wikification of GIS“ (Sui 2008, S.1), also die neue Zugänglichkeit von Geoinformationssystemen, in denen viele Anwendungen nicht mehr nur Experten vorbehalten sind. (Sui 2008).

Als Beispiel für die Gruppe der eher simplen geographischen Anwendungen im Web sei Google Earth genannt, einer auf Luft- und Satellitenbildern basierenden Anwendung, die den gesamten Globus als ein in jede Richtung bewegliches und in vielen Auflösungen skalierbares Modell darstellt. Dabei kann man anhand sogenannter Mash-ups eigene Informationen, GPS-Tracks oder Fotos einbinden, verorten und jedem jederzeit zugänglich machen. Diese Daten sind jedoch erst einmal nur in Google Earth zugänglich (auch wenn beispielsweise Tools zum Konvertieren vom Google Earth-Format .kml in das ESRI-Format .shp existieren, siehe Dubinin 2007) und nicht für die Anwendung in einem GIS oder auch nur das Erstellen eigener, den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen angepassten Karten gedacht. Der Fokus liegt bei Googles Produkt doch eher im visuellen Erlebnis, mit möglichst hochauflösenden Bildern und 3D-Modellen von Gebäuden (Goodchild 2007, Crampton 2009). Die Anwendung in einem GIS wird dadurch beschränkt, dass nur die Mash-ups exportiert und in Shapefiles umgewandelt werden können – die vielen von Google bereitgestellten Satellitenbilder und Daten sind dagegen nicht exportierbar, damit sind die Möglichkeiten, eigene Karten zu erstellen bzw. die Daten aus Google Earth mit anderen Daten zu kombinieren, sehr gering.

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Details

Seiten
49
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640777952
ISBN (Buch)
9783640778188
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162895
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Geographisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
OpenStreetMap Geodaten Geoinformationssystem GIS Participatory Mapping Partizipation partizipativ Entwicklungszusammenarbeit Haiti Nairobi Kibera MapKibera Kenia Creative Commons CC BY-SA Creative Commons Attribution Share Alike Open Database Licence ODbL OSM Planung

Autor

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