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Das Krankheitsbild der Anorexia nervosa und Kinder und Jugendliche in Deutschland

Eine Aufgabe für die Soziale Arbeit

Hausarbeit 2010 44 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung zur Arbeit

2. Die Geschichte der Anorexia nervosa
2.1 Von der mittelalterlichen Asketin bis zur anorektischen Frau des 20ten Jahrhunderts
2.2 Die fastende Frau des 20. Jahrhunderts und die Auswirkungen

3. Essstörungen
3.1 Das gestörte Essverhalten
3.2 Klassifikationen von Essstörungen
3.2.1 Definition und Symptome der Anorexia nervosa
3.2.2 Definition und Symptome der Bulimia nervosa
3.2.3 Definition und Symptome der Adipositas
3.2.4 Definition und Symptome von atypischen/ sonstigen Essstörungen und der Binge Eating Disorder
3.3 Essstörungen und soziale Schichtzugehörigkeit

4. Lebensbereich Familie und die Mehrdimensionalität familiärer Entstehungsfaktoren
4.1 Sozialisationsinstanz Familie
4.2 Die Entwicklungsaufgaben der Jugendphase
4.3 Familie und Essstörungen – Eine Familienkrankheit?

5. Präventive und intervenierende Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe
5.1 Mögliche sozialpädagogische Unterstützungsformen bei stationärer und ambulanter Therapiebehandlungen
5.2 Präventionsmaßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe durch Öffentlichkeitsarbeit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenangaben

1. Einleitung und Fragestellung zur Arbeit

Im Bewusstsein der Gesellschaft und in den Medien nehmen Essstörungen und die Diskussion um deren möglichen Ursachen gegenwärtig einen breiten Raum ein. Anorexia nervosa (auch Magersucht genannt) und Bulimia nervosa werden vorwiegend als eine Art Reflex einer Leistungsgesellschaft interpretiert, die die Betroffenen durch kontinuierlich private und berufliche Anforderungen und ein dogmatisches Schlankheitsideal überfordert. Die Öffentlichkeit steht diesem Umstand kritisch gegenüber und dennoch werden in den Medien, vor allem in Printmedien für Frauen, weiterhin diverse Diätvorschläge und Reklame für Diätpräparate gemacht (vgl. Vogelsang 2007, S. 9 f.) Die Gesellschaftsmitglieder müssen sich zwischen Schlankheitstipps einerseits und dem Nahrungsmittelüberangebot andererseits entscheiden. Die Folge ist, dass es immer schwieriger wird ein unverkrampftes Verhältnis zum Essen zu bewahren. Vor diesem Hintergrund gibt es eine Grauzone zwischen dem „noch normalen“ Essproblemen und medizinisch klinisch manifestierten Essstörungen. „Menschen mit einem gestörten Essverhalten essen nicht aus Hunger, sie spüren die körperlichen Signale nicht mehr oder reagieren nicht mehr entsprechend.“ (Ebd., S. 16) Sie bestimmen das Essen oder das Nicht-Essen über ihren eigenen Willen. Die Beobachtungen und Diagnosen aus unterschiedlichen Fachliteraturen zeigen in relativer Deutlichkeit, dass insbesondere junge Mädchen und Frauen aus höheren sozialen Schichten davon betroffen sind, an Anorexia nervosa zu erkranken.

Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen des Hauptseminars „Armut und Gesundheit“ an der Technischen Universität Dortmund im Sommersemester 2010 entstanden. In dieser Lehrveranstaltung ist u. a. deutlich geworden, dass das Ernährungsverhalten und der Nahrungsverzehr von sozial benachteiligten Familien gegenüber ressourcenstarken Familien unterschiedlich sind (vgl. Kamensky 2004, S. 23). Des Weiteren ist herausgestellt worden, dass insbesondere mehr Mitglieder aus ressourcenschwachen Familien an Übergewicht und/ oder Adipositas erkranken (vgl. Robert Koch-Institut 2006, S. 29) und dass das Thema „Armut und Adipositas“ zudem sozial mehr eingebettet ist als das Phänomen der Essstörung Magersucht, dass i. d. R. eher in Familien mit einem hohen sozialen Status auftritt.

Zudem wird aus der Menge an unterschiedlichen Präventionsmaßnahmen und Projekten[1] ersichtlich, dass gegenwärtig national wie auch international politisch und öffentlich über diesen Themenschwerpunkt diskutiert wird.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage entstanden, warum die Gesundheits- und Essstörung Anorexia nervosa und die sich dahinter verborgene Mehrdimensionalität, die für die Entstehung verantwortlich ist, wie etwa die soziokulturellen Faktoren, das gesellschaftliche Wertesystem, psychosoziale Bedingungen, […] individuelle Persönlichkeitsmerkmale und Familienstrukturen (vgl. Vogelsang 2007, S. 34) gegenüber dem Phänomen der Adipositas nicht in dem Arbeitsfeld der sozialpädagogischen Helfersysteme integriert ist.[2] Da innerhalb der betroffenen Familien die interpersonellen Beziehungen gestört sind und familiäre Dysfunktionalitäten vorliegen, kann die soziale Arbeit verbindlich auf den §1 des Kinder- und Jugendhilfegesetztes (KJHG) des achtes Sozialgesetzbuches, dass jeder junge Mensch das Recht auf Erziehung, Elternverantwortung und Jugendhilfe zur Förderung seiner Entwicklung und der Erziehung zu einem eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hat (vgl. LWL-Landesjugendamt 2009), zurückgreifen und mögliche zielgruppenorientierte Präventionsarbeit und Interventionen demzufolge gesetzlich vertretbar planen und legimentieren.

Um diese Frage beantworten zu können, wird in dieser Arbeit zu Beginn der Gegenstand der Anorexia nervosa anhand des historischen Hintergrunds und des aktuellen Diskurses näher erläutert. Des Weiteren werden allgemeine Definitionen von unterschiedlichen Erscheinungsformen von Essstörungen sowie das in diesem Zusammenhang besondere Merkmal der sozialen Schichten beschrieben. Im zweiten Teil werden auf die erkrankungsverursachenden Faktoren wie Familie und Jugendalter eingegangen. Obschon andere Sozialisationsinstanzen wie Medien, Schule, Peergroup und das Geschwisterverhältnis relevante Rollen bei der Ursachenforschung darstellen, wird im Hinblick auf das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe in dieser Arbeit lediglich auf die primäre Sozialisationsinstanz Familie eingegangen.

Darüber hinaus werden in diesem Kapitel die spezifischen Anforderungen, die an die Kinder und Jugendlichen gestellt werden, im Sinne der Entwicklungsaufgaben, vorgestellt. Zudem werden hier Fragen wie Familiensysteme funktionieren, inwieweit die Erkrankung die gesamte Familie betrifft und aus welchen Gründen der soziale Status der Familie ein Entstehungsfaktor für Anorexia nervosa ist, versucht, beantwortet zu werden.

Im dritten Teil dieser Arbeit werden auf die Zusammenhänge zwischen dem klinischen und sozialpädagogischen Aufgabenfeld eingegangen. Schließlich werden verschiedene Impulse, eruiert aus unterschiedlichen Gesetzesvorlagen der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), vorgestellt. Mit diesen Überlegungen könnten unterschiedliche innovative Präventions- und Interventionsmaßnahmen seitens der Kinder- und Jugendarbeit gegen die Essstörung Anorexia nervosa und die familiäre Dysfunktionalität kooperativ mit Familien, teilnehmenden öffentlichen und freien Trägern und anderen Institutionen vorgebeugt und vorgegangen werden.[3]

2. Die Geschichte der Anorexia nervosa

2.1 Von der mittelalterlichen Asketin bis hin zur anorektischen Frau des 20ten Jahrhunderts

Obwohl Magersucht eine verhältnismäßig moderne Krankheit ist, zeigt das Fasten und das konsequente Hungern bei Frauen keineswegs eine neue Verhaltensweise. Die Nahrungsverweigerung und das Kontrollieren des Appetits haben eine lange Geschichte, die anhand von verschiedenen historischen Schriften bis in das Mittelalter zurück datiert werden kann. „Die Arbeiten der Historikerin Caroline Walker Bynum beispielsweise stellen dar, daß das Leben von Frauen wie Katharina von Siena[4] im Hochmittelalter […] von extensiven Fasten und leidenschaftlicher Verehrung der Eucharistie (bei der man nur Hostie und Wein als Symbol des Leibes und Blutes Jesu Christie zu sich nimmt) geprägt war.“ (Brumberg 1994, S. 9) Katharina von Siena war lediglich nur eine von vielen Frauen, die ein Leben in religiöser Askese[5] führte und lediglich zum Überleben geringe Mengen an Nahrung zu sich nahm. In überlieferten Schriften und Bildern lassen sich immer wieder Indizien finden, die das Thema der Nahrungsverweigerung und außergewöhnliche Maßnahmen der Appetitzügelung von Mädchen und Frauen metaphorisch beschreiben. Beispielsweise wurden im 16. Jahrhundert junge Frauen, die betonten, dass sie keine „normale irdische Nahrung […]“ (Ebd., S. 52) zu sich nehmen und wenn sie denn doch etwas aßen, ausschließlich leichte Kleinigkeiten zu sich nahmen, als sogenannte „Wundermädchen“ tituliert. Dieses „unübliche“ Vorkommen warf in der Öffentlichkeit Fragen auf und die Mädchen mussten sich einer Prüfung unterziehen, indem man ihnen zum Beispiel „verführerische“ Speisen vorsetze. Mit dieser Methode glaubte man die Echtheit eines Wunders feststellen zu können. Geistliche, Staatsbeamte, Ärzte und Angehörige von Königshäusern überwachten die fastenden „Wundermädchen“ häufig über einen langen Zeitraum und kamen letzten Endes zu dem Urteil, dass die konsequente Nahrungsverweigerung allein dadurch zu erklären sei, dass die „`[…] Mädchen durch die einzigartige, reine und unbegreifliche Gnade des allmächtigen Gottes [lebt und] auch wenn es den menschlichen Verstand übersteigt, ernährt uns [die Menschheit] Gottes Gnaden von innen.`“(Ebd., S. 53)

Im 17. Jahrhundert wechselte die Bewunderung der langandauernden Nahrungsmittelabstinenz allmählich in allgemeiner Skepsis um. Thomas Hobbes berichtete 1668 von einer sehr schlanken Frau, die aus Appetitlosigkeit seit sechs Monaten keine Nahrung zu sich genommen habe und ausschließlich Wasser trank. Der Rationalist nahm sich ihrer an und konnte nach verschiedenen Untersuchungen keinen plausiblen Grund für den Verlust ihres Appetits feststellen. Schließlich „[…] bezeichnete Hobbes das Mädchen `als offensichtlich krank` […].“ (Ebd., S. 54) und führte die absolute Essensverweigerung somit auf organische Ursachen zurück. „So begriff man Appetitlosigkeit als allgemeines Krankheitssymptom, nicht mehr als Zeichen übernatürlicher Einflüsse.“ (Ebd., S. 55)

Das Phänomen der Appetitslosigkeit und Nahrungsverweigerung ist im 18. Jahrhundert zu einem medizinischen Problem erklärt geworden. Mit Hilfe von messbaren Instrumenten wie das „einfache“ Wiegen der Betroffenen oder das Messen der Exkremente sowie der Aufstellung von berechenbaren Auswertungskategorien wurde der Versuch unternommen, eine empirische Aussage über das Überleben trotz konsequenter Nahrungsmittelabstinenz machen zu können. Der Großvater von Charles Darwin, Erasmus Darwin, konzipierte schließlich nach bestimmten Testverfahren eine detaillierte Typologie, wonach er die Umstände der Nahrungsverweigerung der Betroffenen in drei Kategorien unterteilte: „Anorexia epileptica (Appetitlosigkeit, die von Krampfanfällen begleitet wird), Anorexia manicalis (Appetitlosigkeit im Zusammenhang mit Irrsinn) und Cacotosis (eine allgemeine Abneigung gegen Lebensmittel).“ (Ebd., S. 62)

Im 19. Jahrhundert vertraten Mediziner geschlossen die Meinung, dass „[…] junge Mädchen besonders anfällig für geistige und körperliche Krankheiten seien. Die weibliche Pubertät und das Einsetzen der Menstruation galten als Beginn einer Phase, in der schwere psychische und physische Krisen drohten; […]“. (Ebd., S. 73) Die jungen Frauen gerieten nach medizinischer Ansicht in dieser Entwicklungsphase in eine Art Hysterie, die sich als lokale nervöse Störung manifestierte und schließlich in der Magen- und Kehlregion als körperliche Beschwerden wahrgenommen wurde. Man war sich einig, dass die Unfähigkeit, Nahrung schlucken zu können, nicht organischer sondern psychischer Natur sei.

Ein junges Mädchen, dessen Eltern behaupteten, sie habe seit sechsundzwanzig Wochen nichts Essbares mehr zu sich genommen, wurde nach ihrem Tod autopsiert. Man fand letztendlich heraus, dass sie stets kleine Nahrungsmittelrationen zu sich genommen habe und sowohl ihre Eltern als auch Dritte in dem Glauben lassen wollte, sie verspüre keinen Hunger. Somit war es „[…] dem medizinischen Materialismus gelungen, die Behauptung absoluter Nahrungsmittelabstinenz zu widerlegen […].“ (Ebd., S. 74) Folgend kam es zur Fragestellung, aus welchen Gründen das junge Mädchen der Allgemeinheit glauben lassen wollte, dass sie keine Nahrung benötige. Dr. Fowler, medizinscher Fachkollege des Nerven- und Leibarztes der britischen Königsfamilie im 19. Jahrhundert Sir William Gull, kam zu der Diagnose, dass „[…] ihr Verhalten dazu geführt [habe], daß die Eltern ihr ihrerseits gut zuredeten, andererseits auf ihre Wünsche eingegangen waren. Auf diese Weise hätten die [Eltern] die Tochter nur zur Nahrungsverweigerung ermuntert. […] und die Betroffene werde zum Wunderkind erklärt.“ (Ebd., S. 75) Das (vermeintlich) hungernde Mädchen erhielt für das strikte Fasten eine Art Dank, der sich einerseits durch elterliche Aufmerksamkeit und andererseits durch deren Mitleid auszeichnete. Gegenüber den anderen Kindern wurde sie sowohl in emotionaler als auch in direkter Form bevorzugt. Dies führte „[…] zu noch häufigerer Nahrungsverweigerung [und] nach und nach entwickelte sich die Fähigkeit, ohne Unwohlsein über ungewöhnlich lange Zeitspannen hinweg zu fasten.“ (Ebd.)

1865 wird im Lexikon der Begriff der „[…] Anorexie als das `Fehlen von Appetit` definiert.“ (Ebd., S. 99) Für die behandelnden Ärzte stellte die Appetitlosigkeit ein ernstes Problem dar, da es schwierig für sie war, die physischen von den mentalen Ursachen der Anorexie zu trennen.

In Nervenanstalten wurden als Versuch der Klärung verschiedene Beobachtungen durchgeführt. Die Appetitlosigkeit von zu Schwermut, Trübsinn und Traurigkeit neigenden Patienten (Melancholiker) wurde schließlich als Anzeichen einer `selbstmörderischen Absicht` gewertet. (Ebd., S. 102) Aus medizinischen Gründen rückte die Behandlung der Anorexie ins Interessengebiet der Anstaltsmedizin, um den weiteren Hungertod der Patientenschaft zu verhindern.

1874 veröffentlichte Sir William W. Gull seine und die seiner Fachkollegen gesammelten Erkenntnisse über das Krankheitsbild der Anorexie in einem Werk Anorexia Nervosa, das sich im medizinischen und später auch im allgemeinen Sprachgebrauch etablierte. Anorexia nervosa bedeutet frei übersetzt „eine seelisch bedingte Appetitlosigkeit.“ (Vgl. http://www.medindia.net/patients/patientinfo/anorexianervosa.htm)

Die Geschichte der Anorexia nervosa beweist, in welchem Umfang die Ernährung und die Nahrungsabstinenz unter anderem von den sozialen Gegebenheiten bestimmt werden. Die konsequente Nahrungsverweigerung und die daraus resultierenden veränderten Verhaltensweisen der fastenden Frauen sind in medizinischen Schrifttum seit dem Mittelalter in den verschiedensten Kulturen oder Epochen dokumentiert, auch wenn die Ursachen laut Brumberg nicht des gleichen Ursprungs sind. Verschiedene Erklärungsansätze des Phänomens unterliegen einem Wandel, der je nach historischem, sozialem und kulturellem Kontext unterschiedliche Gründe für das Zügeln des Appetits und des Essens benennt. In medizinischen Fachkreisen werden nach Ausschluss organischer Faktoren nervliche bzw. mentale Gründe als Ursache der Nahrungsabstinenz angenommen.

2.2 Die fastende Frau des 20. Jahrhunderts und die Auswirkungen

Die freiwillige Nahrungsverweigerung von Mädchen und Frauen und die damit einhergehenden Deutungen dieser Essstörung vollziehen sich durchgängig bis hin zum 20. Jahrhundert. Wurde das gezielte Fasten im und nach dem Mittelalter noch einer spirituellen Lebensführung zugeschrieben, bewertete die Wissenschaft die Essstörung nun als einen Krankheitszustand. (Vgl. Kapitel 2.1)

Im Zeitalter der Industriealisierung stieg die Bevölkerungsanzahl rasant an. Industriell hergestellte Nahrungsmittelprodukte wie Fertigprodukte und verbesserte Konservierungstechniken und Transportsysteme ermöglichten eine für weite Bevölkerungsschichten abwechslungsreiche und mengenmäßig ausreichende und zunehmend billigere Ernährung. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Nahrungsmittelknappheit und fettige Speisen wurden oder konnten so gut wie gar nicht zubereitet und eingenommen werden.

In der Nachkriegszeit erhöhte sich der Nahrungsmittelkonsum deutlich, seien es Fette oder Kohlenhydrate. Die durch Unterernährung bedingte schlanke Körperstatue veränderte sich durch die Zunahme von kalorienreichen Nahrungsmitteln. Eine beleibte Körperform war nun jedem möglich und galt als Wohlstandssymbol. (Vgl. Gerlinghoff/ Backmund/ Mai 1999, S. 26 f.)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt „Dicksein“ nicht mehr als Zeichen von Gesundheit und Reichtum, insbesondere nachdem die Medizin bestätigte, dass übermäßiges Gewicht ein ernstzunehmendes gesundheitliches Problem darstellte. Fachkräfte entwickelten standardisierte Gewichtstabellen und im Weiteren die menschlichen Maße kritisch überprüften. Der sogenannte Body Mass Index (BMI)[6] „[…] ermöglicht es, Erwachsene unterschiedlicher Statue zu vergleichen. Bei Kindern muss der BMI noch mit einer Altersnormkurve […] verglichen werden.“ (Berger 2008, S. 13)

In den 1970er Jahren wird die Anorexia nervosa zeitgleich von Medizinern in England, Frankreich und der Vereinigten Staaten „wieder entdeckt“ nachdem Sir William W. Gull bereits am Ende des 19. Jahrhunderten auf die Krankheit in seinem umfangreichen Werk daraufhin gewiesen und der Krankheit ihrem Namen gegeben hat (vgl. Bruch 1994, S., 13). Amerikanische Medien berichteten erstmals in den 1970er Jahren über Mädchen und junge Frauen, die sich trotz ausreichend vorhandener Nahrung weigerten, Essen zu sich zu nehmen. Die Öffentlichkeit wurde über die Erkrankung informiert und somit für diese Form der Essstörung sensibel gemacht. Der Begriff bzw. das Adjektiv „anorektisch“ erhielt Einzug in die Allgemeinsprache, was auch nicht zuletzt ganzer Reihen von Publikationen bezüglich dieser Thematik zu verdanken ist. Vor allem Mädchen und junge Frauen, die die potentiell am meist gefährdete Personengruppe repräsentierten, zeigten ein reges Interesse an den modernen Veröffentlichungen.

In unserer heutigen Gesellschaft begünstigen insbesondere spezifische soziokulturelle Faktoren die Entstehung von Essstörungen. Das in Westeuropa und in Nordamerika vorherrschende Schönheitsideal schreibt ein Gewicht vor, das unter dem biologisch vorgegebenen Gewichtsbereich der meisten Frauen liegt. Zudem dienen Models als Leitfiguren. Und diese haben seit den 1960er Jahren eine eher kindliche, äußerst schlanke, um nicht zu sagen magere Körpersilhouette. Trendsetterin war das britische Topmodel Twiggy.[7] Beeinflusst durch die „moderne feminine Körperfigur“ wurden die Moden auf den internationalen Laufstegen von Models präsentiert, deren Silhouette mager und burschikos erschien. Darüber hinaus wurden die jeweils aktuellen Moden zu kommerziellen Zwecken in Modemagazinen und Journalen abgebildet und kommentiert. Die Bedeutung der Mode und deren Models wurde fortdauernd populärer und einflussreicher. Die Folge war, dass sich junge Frauen und Mädchen immer häufiger dem „Diäthalten“ aussetzen, da eine schlanke Silhouette vermeintlich eine weitverbreitete und oft bewunderte Form des kulturellen Ausdrucks darstellt. (Vgl. Gerlinghoff/ Backmund/ Mai 1999, S. 20 ff.)

Die von weiten Teilen der Bevölkerung internalisierte positive Zuschreibung von Schlankheit zeigt sich unter anderem auch in einer Erhebung von Silverstein et al. In der „[…] Untersuchung über mögliche Ursachen der Schlankheitsforderung für weibliche körperliche Attraktivität [haben Silverstein u.a.] herausgefunden, daß üppige weibliche Formen mit einem Mangel an Intelligenz und mit beruflicher Inkompetenz assoziiert werden. Entsprechend bevorzugen Frauen, die akademische Leistungen, einen hohen Bildungsgrad und berufliche Karrieren anstreben, einen schlanken Körper.“ (Ebd., S. 27) Die Verfasser ziehen aus diesem Ergebnis die These, „[…] daß Eßstörungen die Manifestation eines gesellschaftlichen Vorurteils gegen Frauen darstellen.“ (Ebd.) Bei Frauen steht das Gewicht als Garant der körperlichen und intellektuellen Attraktivität. Schlanksein ist für Frauen, die in westlichen Industrienationen leben, sehr bedeutsam für Attraktivität und diese Nachricht wird durch entsprechende Vermarktung über Medien, Modezeitschriften und in zunehmenden Maße auch durch die plastische Chirurgie transportiert. Von vielen heranwachsenden Mädchen werden die körperlichen Veränderungen während der Pubertät besonders verunsichernd erlebt.

3. Essstörungen

3.1 Das gestörte Essverhalten

„Essen und Trinken sind zu den menschlichen Verhaltensweisen zu rechnen, die mit größter Regelmäßigkeit und gleichzeitig hoher Wiederholungsfrequenz ausgeführt werden.“ (Pudel/ Westenhöfer 1998, S. 66) Nahrungsaufnahme ist lebensnotwendig und etwas Alltägliches. Ein Mangel Nahrung wird durch das Gefühl des „Hungers“ signalisiert. Je hungriger der Mensch ist, desto mehr wird sein Verhalten von der Nahrungssuche oder –aufnahme bestimmt. Das Sättigungsgefühl schützt vor Überladung mit Nährstoffen oder einer Schädigung der Verdauungsorgane durch zu große Nahrungsmengen. Die Wahl von Nahrungsmitteln entscheidet das Ernährungsverhalten. Hunger und Sättigung stimmen die Nahrungsaufnahme mit den jeweiligen Bedürfnissen des Organismus´ ab.

Es gibt Menschen, die auf der einen Seite in recht unregelmäßigem Rhythmus Speisen und infolgedessen in wiederholenden Abständen große Mengen an Essen zu sich nehmen. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die das Essen zu festgelegten Zeit, beispielsweise das gemeinsame Mahl mit der Familie, regelrecht „vergessen“. Wird die Nahrungszufuhr aus verschiedenen Gründen reduziert oder ausgelassen, führt dies Konsequenzen mit sich. Mahlzeiten haben gesellschaftliche und kommunikative Funktionen, vor allem in der Familie. „Essen hat über das Sattwerden hinaus eine soziale Bedeutung, es ist verbunden mit Werten und Idealen und Gefühlen von Identität und Zugehörigkeit, Essen kann Ausdruck von Sympathie oder Abneigung sein, die Essenszubereitung ein Symbol für Nähe, Zuwendung und Geborgenheit.“ (Vogelsang 2007, S. 11 f.) Essen kann aber auch als ein Mittel der Macht gebraucht werden, so dass Nahrungsentzug eine Form von Sanktionierung und Essen eine Form von Belohnung ist.

Wovon, wieviel zu welchem Zeitpunkt gegessen wird, hängt von den persönlichen Einstellungen, Präferenzen und Gewohnheiten, von dem Gefühlszustand und Nahrungsangebot sowie dem soziokulturellen Hintergrund und der sozialen Gemeinschaft ab. Die Anpassungsmöglichkeiten für die Nahrungszufuhr sind sehr vielseitig, so vielseitig wie auch die Störeinflüsse auf das Gefühl des Hungers, der Sättigung und des Essverhaltens. Der Ursprung einer Essstörung findet sich häufig in schwierigen und emotionalen belastenden Strukturen. Es scheint verständlich, wenn ein Mädchen in Anbetracht des ewigen Streits ihrer Eltern und der angespannten Situation am Essenstisch suksesiv den Appetit verliert und infolgedessen immer mehr an Körpergewicht verliert.

Für Menschen, die an einer Essstörung erkrankt sind, bedeutet das Nichtessen häufig Kontrolle, Unabhängigkeit und sie verspüren einen bestimmten Stolz. Die Betroffenen spüren i.d.R. ihre physischen Signale nicht mehr und können demzufolge nicht mehr entsprechend auf diese reagieren. „Ein gezügeltes Essverhalten bis hin zum Hungern beruht vorwiegend auf Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und verfolgt die Absicht, durch Selbstdisziplin die Figur verändern zu wollen.“ (Ebd., S. 16) Die Betroffenen haben häufig eine gestörte Wahrnehmung im Hinblick auf ihren Körper, diese Körperschemastörung wird durch eine permanente Körperkontrolle ausgedrückt. Diese liegt auch vor, wenn kleinste körperliche Veränderungen, seien es Gewichtsverlust oder –zunahme, Stimmungswandel hervorrufen, eine große „[…] Verunsicherung [besteht], falls das Aussehen nicht mehr der vermeintlichen Norm entspricht [und] sich beim ständigen Vergleich mit anderen starke Unzufriedenheit mit Fokussierung auf einzelne Körperpartien [zeigt].“ (Ebd., S. 17).

Die Betroffenen beschäftigen sich immer mehr mit Essen und Nicht-Essen, mit dem Zählen von Kalorien und im Speziellen mit dem Überprüfen des eigenen Körpergewichts. Je stärker und häufiger die oben genannten Gedanken und Beschäftigungen den Alltag bestimmen, desto mehr liegt eine Störung des Essverhaltens vor. Das Wohlbefinden ist von der Kontrolle der Nahrungseinnahme bzw. –verweigerung anhängig. Die Themen Nahrung und der Verzehr von Speisen wird zum Lebensinhalt und im Weiteren zu einer Sucht.

Ein erhöhter Teil von jungen Mädchen und Frauen sind insbesondere gefährdet, an einer Essenstörung zu erkranken. „`Hier[8] befinden sich nach einer von der Europäischen Union geförderten Studie an 4.389 Schülerinnen in Europa ca. 8% der Mädchen im Alter zwischen 11 und 13 Jahren und 14% der weiblichen Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren.`“(Ebd.) Die Hälfte der Probanden der ersten Untersuchungsgruppe gab an, bereits Erfahrungen mit Diäten gemacht zu haben, der klassische Beginn einer Essstörung.

In einer anderen Längs- und der anschließenden Querschnittsstudie aus dem Jahr 2004[9] erstellt die Arbeitsgruppe, eruiert aus den Untersuchungsergebnissen, Determinanten, die für die Entstehung von Essstörungen verantwortlich sind. Auch hier werden wie im Vergleich zur oben genannten Studie Mädchen und junge Frauen der Risikogruppe für Essstörungen, insbesondere die der Anorexia nervosa, zugerechnet. Darüberhinaus gilt auch der oben angesprochene Aspekt des Diäthaltens als ein Risikofaktor, so dass sich erste Diätversuche „[…] bereits bei einem Fünftel der Kinder im Grundschulalter feststellen [lassen].“ (Berger 2008, S. 34) Beide unabhängig voneinander durchgeführten Untersuchungen lassen die Annahme zu, dass es sich bei Essstörung Magersucht um ein psychosoziales und kulturgebundenes Syndrom handelt, da die soziokulturell bestimmten Bilder die Erkrankung begünstigen. Die Mediziner Köpp und Jacoby gehen einen Schritt weiter und definieren die Erkrankungen Anorexia nervosa und Bulimia nervosa „[…] Frauenkrankheiten [seien].“ (Köpp/ Werner 2000, S. 8)

Essstörungen zeigen sich in verschiedensten Arten und Weisen und ihre Krankheitsbilder divergieren sich frappierend in ihren Erscheinungsformen. Gemeinsam ist ihnen einerseits, dass die Störungen eine vitale Gefährdung oder zumindest erhebliche Einengung der Lebensperspektiven bedeutet. Andererseits werden psychologische Regulationsmechanismen außer Kraft des „normalen“ Essverhaltens außer Kraft gesetzt und „[…] das Essen stellt ein beträchtliches psychosomatisches Problem dar […].“ (Vogelsang 2007, S. 17)

[...]


[1] Vgl. beispielsweise die Verfassung eines nationalen Aktionsplans, der von dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) und dem Bundesministerium für Ernährung,

Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) im März 2007 vorgelegt wurde. http://www.adipositas-gesellschaft.de/daten/Nationaler-Aktionsplan-DAG.pdf

Vgl. Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen:

Planungshilfe für eine qualitätsgesicherte Umsetzung präventiver bzw. gesundheitsfördernder Maßnahmen zur Vermeidung von Übergewicht in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2010

Zur Anschauung eines konkreten Praxisbeispiels mit Projektcharakter siehe: http://www.infranken.de/nachrichten/lokales/bamberg/Gesundheit-Uebergewicht-Adipositas-Projekt-LAUF-Gesundheitsamt-Iso-Basketballstiftung-Bamberg-Gemeinsam-gegen-Uebergewicht;art212,73384

[2] Vgl. hierzu ein Beispiel zur Adipositasprävention für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche , entwickelt in dem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit , http://adipositas.katalyse.de/

[3] Da die Essstörung Anorexia nervosa zum großen Teil als Frauenkrankheit deklariert worden ist, werden in der vorliegenden Arbeit hauptsächliche auf weibliche essgestörte Betroffene Bezug genommen.

[4] Katharina von Siena ist 1347 geboren und 1380 gestorben. Sie war Ordensfrau, Mystikerin und Kirchenlehrerin. Ihre Heiligsprechung erfolgte 1461 durch Papst Pius II. 1939 erfolgte durch Papst Pius XII. die Ernennung zur Schutzpatronin Italiens. (Vgl.http://www.heiligenlexikon.de/BiographienK/Katharina_von_Siena.htm)

[5] Eine selbstgewählte, strenge und enthaltsame Lebensweise, die sich durch den Verzicht auf allen sinnlichen Genüssen und materiellen Einschränkungen auszeichnet. (Vgl. Duden. Fremdwörterbuch 2005, S. 96)

[6] B ody M ass I ndex gilt ab einem Alter ab 10 Jahren und wird nach folgender Formel errechnet: Körpergewicht multipliziert mit Körpergröße im Quadrat. Der BMI unterteilt das Gewicht in vier Kategorien: Untergewicht (Wert unter 19), Normalgewicht (Wert zwischen 19 und 24), Übergewicht (Wert zwischen 25 und 30) und Adipositas (Wert über 30). (Vgl. Vogelsang 2007, S. 15)

[7] In den 1960er Jahren beeinflusste Twiggy durch ihre burschikose Körperfigur die Modekultur grundlegend. Sie repräsentierte ein neues Körperideal, dass die Figur eines vorpubertären Mädchens hatte. (Vgl. http://www.twiggylawson.co.uk/biography.html)

[8] Nach einer Praxisstudie von 2004, dessen Verantwortliche und Mitarbeiter von April 2002 bis September 2003 bundesweit vierzig Einrichtungen, „[…] die Beratungen und Behandlungen von Essstörungen durchführen, hinsichtlich ihrer Qualitätsmerkmale untersucht [haben].“ (Reich/ Witte-Lakemann/ Killius 2005, S. 11)

[9] „Die Untersuchung beschreibt die Überprüfung der Wirksamkeit eines für den deutschen Sprachraum adaptierten Internet-gestützten Präventionsprogramms (“Student Bodies“) zur Reduktion von Risikofaktoren für gestörtes Essverhalten bzw. Essstörungen.“ (http://www.psycontent.com/content/p248r75502479220/)

Details

Seiten
44
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640770519
ISBN (Buch)
9783640770977
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162995
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit
Note
1.3
Schlagworte
Pädagogik - Psychologie- Soziologie

Autor

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Titel: Das Krankheitsbild der Anorexia nervosa und Kinder und Jugendliche in Deutschland