Lade Inhalt...

Kooperatives Lernen im Deutschunterricht

Darstellung und Diskussion ausgewählter Beispiele

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gruppenrallye
2.1 Die Gruppenrallye als kooperative Lehr-/Lernmethode
2.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht
2.3 Kritische Diskussion

3 Konstruktive Kontroverse
3.1 Die Konstruktive Kontroverse als kooperative Lehr-/Lernmethode
3.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht
3.3 Kritische Diskussion

4 Gruppenpuzzle
4.1 Das Gruppenpuzzle als kooperative Lehr-/Lernmethode
4.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht
4.3 Kritische Diskussion

5 Stationenlernen
5.1 Stationenlernen als kooperative Lehr-/Lernmethode
5.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht
5.3 Kritische Diskussion

6 Abschlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Cooperative Learning ist eine pädagogische Idee, die ihre praktische Umsetzung zunächst in US-amerikanischen und kanadischen Schulen erfuhr. Seit einigen Jahren findet sie jedoch auch in Deutschland Gehör und wird zunehmend Bestandteil pädagogischer Überlegungen.

Auch wenn, wie anhand von Unterrichtsbeobachtungen an deutschen Schulen gezeigt wurde, kooperative Interaktionsmuster im Vergleich zu wettbewerb-lichen und individualistischen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, gewinnt ihre Bedeutung zunehmend an Wichtigkeit (http://www.blk-demokratie.de/fb-pf-01.php?id=6).

Unter kooperativem Lernen versteht man, im Gegensatz zu traditionellem Gruppenunterricht, eine „besondere Form von Kleingruppenunterricht“ (Weidner 2005, S. 29), die innerhalb der Lernprozesse besonderes Augenmerk auf die sozialen gruppeninternen Prozesse legt. Im Vordergrund steht eine „echte“ Teamarbeit: die Gruppenmitglieder arbeiten bezüglich der Gruppenlernprozesse eigenverantwortlich und stehen somit in einer positiven gegenseitigen Abhängigkeit. Zusammenfassend sind also die „Gruppenprozesse beim Kooperativen Lernen [...] mindestens genauso wichtig wie das Arbeitsprodukt“ (ebenda).

Kooperative Lehr- und Lernmethoden bieten den Lernenden die Möglichkeit, neben den fachlichen Inhalten, verschiedene soziale Kompetenzen zu erlernen, die auf dem veränderten Arbeitsmarkt zunehmend an Wichtigkeit gewinnen und zukünftig als Voraussetzung gelten werden.

Neben traditionellen Unterrichtsformen stellen kooperative Lehr- und Lernmethoden eine wichtige Alternative unter anderem für den schulischen Unterricht dar. Durch die Kombination von sowohl kognitiven als auch affektiven Lernzielen versprechen sie breit gefächerte Lernerfolge.

In der folgenden Hausarbeit soll es nun darum gehen, anhand ausgewählter Beispiele vier kooperative Lehr-/Lernmethoden vorzustellen. Sie werden zunächst in ihrer methodischen Konzeption dargestellt, anschließend in einer möglichen Anwendung innerhalb des Deutschunterrichts beschrieben und abschließend kritisch diskutiert.

2 Gruppenrallye

2.1 Die Gruppenrallye als kooperative Lehr-/Lernmethode

Die Methode der Gruppenrallye wurde zunächst unter dem Begriff Student teams and achievement divisions (STAD) bekannt. Sie wurde 1978 von Robert E. Slavian an der Universität Baltimore in den USA entwickelt und anschließend ins Deutsche übertragen.

Die Gruppenrallye besteht aus fünf Phasen: Einführungsphase, Einzelarbeitsphase, Gruppenarbeitsphase, Einzelarbeitsphase, Abschluss-phase.

Die Gruppenrallye knüpft an einen bereits vorangegangenen Lernprozess an, die Einführungsphase beinhaltet demnach eine „vorauslaufende Auseinandersetzung mit dem Thema“ (Huber 2004: 85). Nach der einführenden Auseinandersetzung mit einem Thema im Plenum muss der jeweilige Leistungsstand jedes einzelnen Lerners abgefragt werden.

In der Einzelarbeitsphase erfolgt diese Abfrage zum Beispiel in Form eines Tests oder ähnlichem. Anhand der Testergebnisse werden die Lernenden in leistungsheterogene Gruppen eingeteilt, die im Idealfall aus vier bis fünf Teilnehmern bestehen.

Die Gruppenarbeitsphase bietet den Lernenden die Möglichkeit, mit selbst gewählten Lernstrategien die vorgegebenen Materialien zu bearbeiten. Fakultativ können in diese Gruppenarbeitsphase auch noch einmal kürzere Einzelarbeitsphasen eingebaut werden, um zum Beispiel den eigenen Wissensstand zu testen und anschließend noch offen gebliebene Fragen in der Gruppe besprechen zu können.

In der folgenden Einzelarbeitsphase wird der individuelle Wissenszuwachs jedes Schülers durch einen zweiten Test festgestellt. Der individuelle Leistungszuwachs wird in so genannten improvement points ausgedrückt. Die improvement points der Gruppenmitglieder werden addiert und anschließend durch die Anzahl der Gruppenteilnehmer geteilt.

In der Abschlussphase wird die stärkste Gruppe als Sieger bekannt gegeben, die angewendeten Lernstrategien werden besprochen.[1]

2.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht

Die Methode der Gruppenrallye könnte man beispielsweise im Rahmen der Verbesserung der Rechtschreibung und Zeichensetzung verwenden. Wenn bei einem vorangegangenen Diktat Defizite in einem speziellen Bereich der Orthographie beobachtet worden sind, kann man diese mit Hilfe der Gruppenrallye beheben. Hierfür müsste das zu behandelnde Problemfeld am Anfang der Stunde der Klasse innerhalb von fünf Minuten dargestellt werden (z.B. das/dass). Anschließend wird die Klasse in leistungsbezogen heterogene Vierergruppen eingeteilt. In der ersten Einzelarbeitsphase erhält jeder Schüler einen Lückentext, indem er selbstständig die fehlenden Einleitungswörter der Nebensätze einsetzt. Für diese Phase sollten ebenfalls fünf Minuten eingeplant werden.

Andere Mitglieder der Gruppe korrigieren anschließend während der Gruppenarbeitsphase den Lückentext ihres Mitschülers (eventuell mit Hilfe eines Lösungsblattes) und werden somit mit dessen Defiziten vertraut. Zusammen versucht die Gruppe anschließend die auf einem Arbeitsbogen beschriebenen Regeln bezüglich der das/dass-Anwendung zu verstehen. Die Arbeitsaufträge der Gruppe lauten:

- Diskutiert die Schwierigkeiten mit diesen Regeln miteinander.
- Erklärt euch, wie die Regeln richtig anzuwenden sind. Bezieht euch hierfür auf die Beispiele des Lückentextes.
- Prüft, ob alle Gruppenmitglieder die Regeln verstanden haben und anwenden können.

Für das Korrigieren der Texte der Mitschüler und die Bearbeitung der Arbeitsaufträge erhalten die Gruppen insgesamt 20 Minuten Zeit.

In der sich anschließenden zweiten Einzelarbeitsphase bearbeiten die Schüler einen zweiten Lückentext, in dem das gleiche Problemfeld behandelt wird. Nachdem die Lückentexte abermals durch die Mitschüler korrigiert worden sind, wird nun der Lernfortschritt festgestellt. Hierfür stellen die Mitschüler fest, wie viele Fehler gemacht worden sind. Wenn bei beiden Lückentexten jeweils zehn Lücken zu füllen waren, können die Mitschüler den Lernerfolg an der Differenz zwischen der Fehleranzahl im ersten Test und der Fehleranzahl im zweiten Test messen. Wenn im ersten Test beispielsweise vier Fehler gemacht worden sind und im zweiten nur noch zwei, so beträgt die Verbesserung zwei Punkte. Die Verbesserungspunkte der Mitglieder der Gruppe können anschließend addiert werden und so mit den anderen Gruppen verglichen werden.

Für die zweite Einzelphase sowie für die Abschlussphase sollten zehn Minuten eingeplant werden.

Abschließend bleibt noch Zeit für eine Diskussion innerhalb der gesamten Klasse bezüglich möglicher Probleme beim Lösen der Aufgaben und der Anwendung der Regeln.

2.3 Kritische Diskussion

Insgesamt eignet sich die Gruppenrallye als eine Methode zur Übung von bereits eingeführten Lerninhalten. Durch die Einzelarbeitsphasen lässt sich der individuelle Lernzuwachs jedes einzelnen ermitteln. Durch die gemeinsame Arbeit in den leistungsheterogenen Gruppen wird eine positive gegenseitige Abhängigkeit erzeugt, jeder einzelne kann sich im Rahmen seiner persönlichen Stärken einbringen. Da die Einzelleistungen nur über die improvement points, die Verbesserungspunkte, bekannt gegeben werden, wird eine negative Hierarchiebildung in den Gruppen vermieden.

Die Gruppenrallye lässt sich im Prinzip in jeder Klassenstufe anwenden. Die Lerninhalte müssen allerdings klar eingegrenzt sein, damit sie sich in den Tests problemlos abfragen lassen. Da sich die Gruppenrallye lediglich zur Einübung von bereits Erlerntem eignet, ist sie immer nur in der Folge anderer Methoden anzuwenden. Die Arbeitsmaterialien müssen klar strukturiert und verständlich formuliert sein, damit die Gruppen weitestgehend ohne die Intervention der Lehrkraft arbeiten können. Damit die Lernenden zwischen unterschiedlichen Lernstrategien auswählen können, müssen diese bereits im Vorfeld thematisiert werden. Damit die Gruppenarbeit erfolgreich verlaufen kann und der Lärmpegel während der Gruppenarbeit nicht zu hoch ist, wäre es wahrscheinlich ratsam, die Lernenden bereits zuvor mit methodischen Grundkenntnissen zu konfrontieren. Außerdem erscheint es nötig, dass die bearbeiteten Lückentexte vom Lehrer nach dem Unterricht kontrolliert werden. Zum einen können den Schülern Fehler beim Korrigieren unterlaufen und zum anderen besteht die Möglichkeit, dass einzelne Gruppen aufgrund des Wettbewerbcharakters der Gruppenrallye dazu verleitet werden, ihre Punktzahl künstlich zu erhöhen. Dadurch steigt der Arbeitsaufwand dieser Methode für die Lehrkraft. Abschließend stellt sich die Frage, inwiefern sich die improvement-points -Ergebnisse in die gängige Notengebung übertragen lassen.

3 Konstruktive Kontroverse

3.1 Die Konstruktive Kontroverse als kooperative Lehr-/Lernmethode

Die Konstruktive Kontroverse wurde in den achtziger Jahre von Johnson und Johnson entwickelt und basiert auf der Annahme, dass das „akademische Lernen durch strukturierte intellektuelle Kontroversen“ zu fördern sei (Konrad/Traub 2005: 126).

Im Rahmen einer kontroversen Themenstellung sollen sowohl Pro- als auch Contra-Argumente gesucht werden, so dass möglichst viele Aspekte eines Themas beleuchtet werden. Innerhalb der Gruppen sollen im Verlaufe der Kontroverse Lösungsmöglichkeiten gesucht und diskutiert und im Idealfall ein abschließender Konsens gefunden werden.

Die Konstruktive Kontroverse besteht aus sieben aufeinander folgenden Schritten:

1. Anfangs wird ein Sachverhalt thematisiert und in seiner Komplexität dargestellt und für alle verständlich strukturiert.
2. Die Lernenden werden in Arbeitsgruppen eingeteilt, die nach Möglichkeit aus vier Personen bestehen.
3. Innerhalb der Gruppen werden zwei Lerntandems gebildet. Jedes Lerntandem bereitet sich auf eine Argumentationslinie vor, findet Argumente und bereitet sich auf mögliche Gegenargumente des anderen Lerntandems vor.
4. Die gegensätzlichen Argumentationslinien werden in der Vierergruppe vorgestellt und kontrovers diskutiert.
5. Nach einer zuvor vereinbarten Zeitspanne werden die Positionen getauscht, die Lerntandems argumentieren jetzt aus der jeweils entgegen gesetzten Position.
6. Im Anschluss an die Debatte sollen die Ergebnisse schriftlich fixiert werden. Dies kann beispielsweise in Form einer Wandzeitschrift oder einer OH-Folie erfolgen.
7. Abschließend können die Lernenden in Form von Fragebögen ihr Verständnis überprüfen.[2]

3.2 Eine mögliche Anwendung im Deutschunterricht

Die Konstruktive Kontroverse eignet sich besonders als begleitende Methode für das Schreiben von Problemerörterungen. Als Beispiel für eine Anwendung im Deutschunterricht soll hier das beliebte Thema Todesstrafe dienen:

Nachdem die Lehrkraft im Rahmen eines Lehrervortrags dargestellt hat, in welchen Ländern die Todesstrafe existiert, wie diese ausgeführt wird und seit wann diese in der Bundesrepublik nicht mehr als Mittel des Strafvollzugs angewandt wird, wird die Klasse in Vierergruppen eingeteilt. Diese Einleitung kann auch mittels eines Zeitungsartikels über die Todesstrafe erfolgen. Der Vorteil hierbei liegt darin, dass die Schüler während der Stunde einen gut strukturierten Text zu Hilfe haben, der sie bei der Konzeption ihrer Argumentationslinien unterstützt. Außerdem ist es möglich, dass sich die Schüler besser mit dem Problem identifizieren können, wenn sie dem dargestellten Fall schon in anderen Medien begegnet sind.

Ein Lerntandem bereitet nun in Partnerarbeit eine Pro Argumentationsreihe bezüglich der Anwendung der Todesstrafe vor, während das andere Lerntandem eine Contra Argumentationsreihe erstellt. Zudem soll darauf geachtet werden, wie das andere Tandem die eigenen Argumente außer Kraft setzen könnte.

Nun wenden die beiden Lerntandems ihre Argumentationslinien innerhalb einer Diskussion in der Vierergruppe an und versuchen, die anderen beiden Schüler von ihrer Argumentation zu überzeugen. Anschließend tauschen die beiden Schülerpaare die Positionen. Sie vertreten nun die jeweils andere Meinung über die Todesstrafe. Die beiden zuletzt beschriebenen Phasen stellen den Hauptteil der Konstruktiven Kontroverse dar.

Abschließend werden die Ergebnisse der Vierergruppen von den Schülern schriftlich festgehalten. Wenn dies durch eine Niederschrift auf eine OH-Folie erfolgt, so können die Argumentationen danach mit der gesamten Klasse verglichen und diskutiert werden. Insgesamt sollte für den Einsatz der kompletten Methode eine Schulstunde ausreichen.

[...]


[1] Eine ausführliche Beschreibung der STAD-Methode lässt sich bei Konrad/Traub (2005) auf den Seiten 106-110 finden, die Gruppenrallye wird bei Huber (2004) auf den Seiten 85-94 detailliert erörtert.

[2] Eine detaillierte Beschreibung der Konstruktiven Kontroverse lässt sich bei Konrad/Traub (2005) auf den Seiten 126-136 nachlesen.

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640770748
ISBN (Buch)
9783640771196
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163101
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Kooperatives Lernen Deutschunterricht Darstellung Diskussion Beispiele

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kooperatives Lernen im Deutschunterricht