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Einige sprachliche Auffälligkeiten in Georg Büchners „Woyzeck“

Hausarbeit 2010 11 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Wiederholungen
2.1. Direkte Wiederholungen
2.2. Über das gesamte Werk verteilte Wiederholungen

3. Volkslieder

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn der wohl einflussreichste Literaturkritiker unserer Zeit Georg Büchners Woyzeck als „ein bahnbrechendes Werk“1 bezeichnet und hinzufügt, dass das „Drama des Expressionismus und des Naturalismus [...] ohne den ‚Woyzeck’ kaum vorstellbar“ ist1, dann macht Marcel Reich-Ranicki sehr anschaulich deutlich, welche herausragende Stellung dieses Werk in unserer Literaturgeschichte einnimmt.

Auch wenn – oder gerade weil – Büchners Woyzeck nur als ein Dramenfragment überliefert ist und somit keine endgültig autorisierte Endfassung vorliegt, findet man unzählige Schriften, Aufsätze und Arbeiten über die unterschiedlichsten Ansätze und Phänomene, die in diesem Werk zu finden sind.

Mit meiner Hausarbeit möchte ich insbesondere auf die sprachlichen Auffälligkeiten eingehen und diese näher beschreiben. Am auffälligsten ist die Verwendung dialektaler Mundarten. So verwendet Büchner „nicht oft, aber doch gelegentlich – eindeutig mundartliche, besonders natürlich südhessische Begriffe und Sonderformen.“2 Über diese augenscheinlich auffälligste sprachliche Besonderheit des Dialekts soll meine Hausarbeit allerdings hinausgehen. Ich möchte im Folgenden Wiederholungen einzelner Wörter und Wortgruppen direkt nacheinander oder verteilt über das gesamte Werk aufzeigen und deren Wirkung beschreiben. Da sich auch die Verwendung von Volksliedern in einigen Szenen wiederholt, möchte ich diese ebenfalls darlegen und versuchen, Regelmäßigkeiten darin zu entdecken. Meines Erachtens deuten all diese Wiederholungen und die Volkslieder auf den Ausgang des Dramas hin und lassen diesen dadurch schon im Vorfeld erahnen.

2. Wiederholungen

Beim genauen Lesen dieses Dramas fallen einige Wörter oder Wortgruppen auf, die sich ständig zu wiederholen scheinen. Entweder folgen sie gleich aufeinander, sodass die Wiederholung direkt offensichtlich wird, oder einzelne Wörter ziehen sich durch das

gesamte Drama hindurch und tauchen an verschiedenen Stellen wieder auf. Für beide Fälle werde ich einige Beispiele aufzeigen und mögliche Wirkungen und Funktionen erörtern.

2.1. Direkte Wiederholungen

Das auffälligste Wortpaar, das sich gleich mehrmals hintereinander wiederholt, ist das zum ersten Mal in Szene 153 fallende „Immer zu, immer zu“4. Nachdem Marie es im Vorbeitanzen im Wirtshaus zum ersten Mal aufgreift, wiederholt es Woyzeck gleich zweimal nacheinander und etwas später noch einmal. In den darauffolgenden Szenen 16 und 17 taucht das „immer zu, immer zu“ nochmals dreimal auf. In Szene 16 werden diese direkten Wiederholungen einzelner Wörter und Wortpaare auf die Spitze getrieben. Dieser Monolog Woyzecks besteht fast ausschließlich aus wiederholten Satzteilen:

„Immer zu! Immer zu! [...] He was, was sagt ihr? Lauter, lauter,

stich, stich die Zickwolfin tot? stich, stich die Zickwolfin tot. [...]

immer, immer zu, stich tot, tot.“5

Dieses ständige Wiederholen einzelner Satzteile wirkt schon fast wie ein stures Aufsagen von plötzlichen Gedanken, ohne über diese genauer nachzudenken und ohne sie genauer auszuführen. Die Wiederholungen „unterbinden [...] die herkömmliche Entwicklung eines Gedanken“6 und lassen dieses Wortpaar zu einem „starren Motiv [werden], das keine Gedankenfolge mehr aus sich entläßt."7 Sie entwickeln so also einen ganz eigenen Rhythmus der Rede, der so auf diese Art und Weise – ohne die Wiederholungen – nicht zustande kommen könnte.

Ein eindeutigeres Beispiel dafür ist in Szene 26 zu finden. Auch hier fallen ständige Wiederholungen einzelner Wörter sofort auf: „Ich? ich?“ - „Rot! Blut.“ - „Blut? Blut?“ - „Uu Blut.“8 Durch diese Wiederholungen einzelner Wörter wird ein ganz bestimmter Sprechrhythmus vorgegeben, den man in Satzform so nie erzeugen könnte. Es werden so zwischen den Wörtern Pausen erzeugt und jedes einzelne Wort wird

deutlich betont. Die sprechende Person scheint angesichts der Situation nicht mehr in der Lage zu sein, ganze Sätze sprechen zu können. „So steigert sich etwa der Blutschrei [...] zu einer Gewalt des Ausdrucks, darin sich [...] Schrecken, Angst und Anklage als die psychische Reaktion der Beteiligten sammeln“.9 Mit diesem einen Wort, das dann auch noch wiederholt erscheint, gibt der Sprecher vor allem durch den Rhythmus seine inneren Gefühle wieder.

Ein weiteres Motiv, das auffällig oft nacheinander wiederholt wird, ist die vom Hauptmann geprägte Wortgruppe „ein guter Mensch“10. Allein in Szene 9 verwendet es der Hauptmann viermal in direkter Wiederholung. Nie steht es einmal allein da. Immer, wenn der Hauptmann „ein guter Mensch“ sagt, wird es sofort nochmals von ihm wiederholt. Auch in Szene 12 beim Gespräch mit dem Doktor fällt die Dopplung noch weitere drei Mal. Auffällig ist hier allerdings, dass jedes Mal, wenn der Hauptmann „ein guter Mensch, ein guter Mensch“ sagt, er eine andere Begründung anschließen lässt, was eben einen solchen guten Menschen ausmacht. Zuerst führt er auf, dass ein guter Mensch nicht so verhetzt aussieht11 und anschließend dass er tugendreich sein soll12. Ein nächstes Mal sagt er: „Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, geht nicht so schnell“13 und „ein guter Mensch ist dankbar und hat sein Leben lieb“14. All diese verschiedenen Gründe, die er zusammen mit der Verdoppelung aufführt, lassen es letztendlich als leeres Gerede dastehen. „Gerade durch die Doppelungen der Begriffe zeigt sich formelhafter, inhaltslos gewordener Gebrauch.“15 Dass der Hauptmann anscheinend wirklich keine Ahnung über gutes und moralisches Handeln hat, zeigt sich am deutlichsten mit der Tautologie: „Moral das ist wenn man moralisch ist, versteht Er.“16 Diese Aussage und das ständige Wiederholen der Phrase „ein guter Mensch“ lassen den Anschein aufkommen, dass diese „idealistischen Hochwertbegriffe [...] zur eitlen Selbstbespiegelung [...] dienen“17 und somit nur leeres Gerede sind, um sich gegenüber Woyzeck behaupten zu können.

2.2. Über das gesamte Werk verteilte Wiederholungen

Nachdem einige Wörter und Wortgruppen beschrieben wurden, die sich direkt nacheinander wiederholen, sollen nun einige Beispiele für einzelne Wörter folgen, die sich über das gesamte Werk verteilt erstrecken und an verschiedenen Stellen auftauchen.

Zunächst soll das Adjektiv „rot“ näher betrachtet werden. In Szene 8 wird es das erste Mal verwendet, als sich Marie im Spiegel anschaut und sagt: „und doch hab ich ein so rote Mund“18. In Szene 13 folgt dieser Ausspruch noch einmal – nun aber von Woyzeck gesprochen: „Du hast ein roten Mund“19. Auch im Lied des Mädchens in Szene 23 findet man das Adjektiv: „Sie hatte rote...“20. In Szene 24 – der Mordszene – geht „der Mond rot“21 auf, in Szene 26 hat Woyzeck „Rot! Blut.“22 an seiner Hand und ein letztes Mal taucht das Wort „rot“ in Szene 29 auf, als die Kinder sagen, die tote Marie liege „am roten Kreuz“23. Das Wort „rot“ verkörpert also zwei verschiedene Bedeutungen: Wenn es in Bezug zu Maries Lippen genannt wird, verbindet man es eher mit Liebe und vor allem mit Leidenschaft. Steht es aber am Ende in Verbindung mit dem Mord so bildet man beim Lesen des Wortes „rot“ sofort die Assoziation zu Blut24. Wenn der Mond also über den beiden rot aufgeht und auch das Mädchen ihr Lied nach dem Wort „rot“ abbricht, dann lässt es an dieser Stelle schon Vermutungen zu, die den späteren Verlauf, den Mord und das Blut erahnen lassen.

Eng in Verbindung mit dem Wort „rot“ steht natürlich auch das Wort „Blut“ selbst, welches ebenso oft im Verlauf des Werkes erscheint. Zuerst in Szene 9 („Man hat auch sein Fleisch und Blut.“25), anschließend in Szene 19 („Er blut“26) und – am eindeutigsten mit „rot“ in Verbindung stehend – in Szene 24 („Was der Mond rot auf geht. – Wie ein blutig Eisen.“27). Das Wortpaar „blutig Eisen“, welches Woyzeck eigentlich benutzt, um den Mond zu beschreiben, lässt eine eindeutige Vorahnung aufkommen, was als nächstes geschehen wird. Es ist eine gelungene Umschreibung für das Messer nach der Mordtat. Das blutige Eisen – also das Messer – und das Zustechen selbst sind ebenso Wörter, die man verteilt im gesamten Werk öfter wieder-

[...]


1 vgl. Interview mit M. Reich-Ranicki in der FAZ. 11.12.2005. S.40.

2 vgl. Mayer, T.: Zu einigen neuen Lesungen und zur Frage des Dialekts in den Woyzeck-Handschriften.

3 im Folgenden zitiere ich aus der kombinierten Werkfassung von Henri Poschmann

4 vgl. Szene 15 / 26. S.163.

5 vgl. Szene 16 / 19-23. S.164.

6 vgl. Krapp, H.: Der Dialog in Georg Büchner. S.81.

7 vgl. ebd. S.81.

8 vgl. Szene 26 / 8-12. S.171.

9 vgl. Krapp, H.: Der Dialog in Georg Büchner. S.83.

10 vgl. erstmals in Szene 9 / 10-11. S. 155.

11 vgl. Szene 9 / 10-11. S.155.

12 vgl. Szene 9 / 10-11. S.156.

13 vgl. Szene 12 / 7-8. S.159.

14 vgl. Szene 12 / 15-16. S.161.

15 vgl. Große, W.: Georg Büchner. Der hessische Landbote – Woyzeck: Interpretationen. S.70.

16 vgl. Szene 9 / 22-23. S.155.

17 vgl. Vietta, S.: Sprachkritik bei Büchner. S.148.

18 vgl. Szene 8 / 29-30. S.153. 24 vgl. Große, W.: Georg Büchner. Der hessische

19 vgl. Szene 13 / 30. S.161. Landbote – Woyzeck: Interpretationen. S.45.

20 vgl. Szene 23 / 12. S.168. 25 vgl. Szene 9 / 37. S.155.

21 vgl. Szene 24 / 27. S.169. 26 vgl. Szene 19 / 7. S.166. .

22 vgl. Szene 26 / 9. S.171. 27 vgl. Szene 24 / 27-28. S.169

23 vgl. Szene 29 / 19. S.172.

24 vgl. Große, W.: Georg Büchner. Der hessische Landbote – Woyzeck: Interpretationen. S.45.

25 vgl. Szene 9 / 37. S.155.

26 vgl. Szene 19 / 7. S.166.

27vgl. Szene 24 / 27-28. S.169

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640772575
ISBN (Buch)
9783640772995
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163170
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
Einige Auffälligkeiten Georg Büchners

Autor

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