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Mathematischer Erstunterricht: „Können Säuglinge zählen?“

Zur Entwicklung des Zahlbegriffs in der frühen Kindheit

Hausarbeit 2008 11 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wahrnehmung der Anzahl bei Säuglingen

3 Zum Abstraktionsvermögen von Säuglingen

4 Können Säuglinge zählen?

5 Fazit

6 Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnis

Können Säuglinge zählen? - mit dieser Frage beschäftigten meine KommilitonInnen und ich uns im Rahmen des Seminars Mathematischer Erstunterricht gegen Ende des letzten Jah- res. Die Sitzung weckte mein Interesse an der Thematik in der Form, dass ich mich dazu entschloss, die zweite Aufgabenstellung für den schriftlichen Leistungsnachweis zu bearbeiten. Im Folgenden werde ich diese Auseinandersetzung darstellen.

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

„Konnen neugeborene Kinder rechnen?" fragt Stanislas Dehaene zu Beginn des zweiten Kapitels seines Buches Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen können , in dem er u. a. dieser Fragestellung intensiv nachgeht (Dehaene 1999, 54).1Die diesbezügliche Forschung, die versucht, die numerische Kompetenz von Säuglingen empirisch zu ermitteln, hat sich erst in den letzten 25 Jahren entwickelt. Bis zu dieser Zeit wurde der Diskurs von dem theoreti- schen Ansatz des Konstruktivismus bestimmt (vgl. ebd.). Der Begründer des Konstruktivis- mus, Jean Piaget, stützte seine Theorie auf Versuche, die er in den 1930er Jahren mit Kindern durchgeführt hatte, u. a. um Einsicht in die Entwicklung des Zahlbegriffs zu erhalten. Piaget verwendete beispielsweise Eins-zu-Eins-Zuordnungen von Gläsern und Flaschen, Blumen und Vasen, Eiern und Eierbechern, Pfennigen und Dingen sowie spontane Eins-zu- Eins-Zuordnungen zwischen Plättchen. Z. B. wurde Kindern eine Reihe mit sechs kleinen Flaschen gezeigt, woraufhin sie aufgefordert wurden, die gleiche Anzahl Gläser dazuzustel- len (vgl. Grevsmühl 1995, 40). Bei einem anderen Versuch wurden eine Reihe mit Eierbe- chern und eine mit Eiern parallel zueinander gestellt (siehe Abb. 1). Die dazu gestellte Frage war, ob es mehr Eier oder Eierbecher seien. Danach wurden die Eierbecher so versetzt aufgestellt, dass ihre Reihe länger wurde als die Reihe der Eier. Daraufhin wurde den Kindern dieselbe Frage noch einmal gestellt. Das Scheitern der Probanden bei dieser Art von Versuchen und viele weitere Ergebnisse und Beobachtungen veran- lassten Piaget und seine Anhänger zu der Annahme, das Gehirn sei bei der Geburt ein un- beschriebenes Blatt, dass nichts von der Außenwelt wisse. Erst durch die aktive Auseinan- dersetzung mit den Dingen, Vorgängen und Regeln der Außenwelt und deren Verinnerli- chung würden sich nach und nach mathematische und logische Fähigkeiten beim Kind aus- prägen. Dies sei darin begründet, dass der Mensch über seine Gene keine vorgefertigten Ideen über die Außenwelt erhielt. Er müsse sie sich folglich mithilfe seiner Wahrnehmung, Motorik und seines allgemeinen Lernmechanismus in einem fortwährenden Prozess selbst erschließen ( sensomotorische Aneignung) (vgl. Dehaene 1999, 54f). Dabei unterliegt das Denken in all seinen Inhaltsbereichen altersabhängigen Einschränkungen. Die Regelhaftig- keiten dieser Einschränkungen wurden von Piaget als eine Reihe von aufeinander aufbau- enden Stufen des Denkens in seiner Theorie der Piagetschen Stufen zusammengetragen. Das Erreichen der einzelnen Stufen laufe laut Piaget stets gleich ab, wodurch zu frühe Kon- frontation von Kindern mit mathematischen Vorgängen für diese schädlich sei (vgl. ebd., 55f und Nieding 2004, 2).

2 Wahrnehmung der Anzahl bei Säuglingen2

Die Entwicklung des mathematischen Denkens und mathematischer Fähigkeiten und Fertig- keiten junger Kinder bezieht sich u. a. auf den Aufbau eines Zahlbegriffes (vgl. Peter-Koop 2007, o.S.). Auch bei diesem Aspekt ging Piaget davon aus, dass ihn die Kinder über die sensomotorische Wechselwirkung mit der Außenwelt entwickeln würden. Um dazu aber in der Lage zu sein, müsse zuerst ein bestimmtes Denkniveau erreicht und ein ausreichend langer Umgang mit der Umwelt gegeben sein. Dehaene (1999, 55) fasst Piaget diesbezüg- lich wie folgt zusammen:

„Kinder werden ohne vorgefaßte (sic!) Ideen über das Rechnen geboren und erfassen erst nach Jahren aufmerksamer Beobachtung, was eine Anzahl ist. Durch den Umgang mit Dingen finden sie schließlich heraus, daß (sic!) die Anzahl die einzige Eigenschaft ist, die unverändert bleibt, wenn sich die Lage oder das Aussehen der gezählten Dinge verandert."

Piaget untermauerte seine Hypothese, dass Kleinkinder nicht rechnen können, mit allerlei Versuchsergebnissen. So diente ihm z. B. der Umstand, dass Kinder mit einem Alter von unter zehn Monaten nicht nach einem Spielzeug greifen, wenn es unter einer Decke ver- steckt wird, als Beleg für einen Mangel an Objektpermanenz . Laut Piaget glauben die Kinder, dass es das Spielzeug nicht mehr gibt, wenn sie es nicht mehr sehen können (vgl. ebd.). In vielen Ländern der Erde wurden diese Versuche wiederholt, wobei die Ergebnisse Piagets Beobachtungen absicherten. Im letzten Jahrzehnt sind Aspekte des Konstruktivismus Piagets stark in die Kritik geraten, wenn nicht empirisch widerlegt worden. Viele Forscher sind der Meinung, dass selbst für Säuglinge Dinge weiterexistieren, wenn sie aus ihrem Blickfeld verschwunden oder durch andere Gegenstände verdeckt sind. Im Gegensatz zu Piagets o. g. Annahmen „[...] hat das Kind anderen Autoren zufolge von vornherein von der Wirklichkeit abstrahierende Vorstellungen oder sogar bereits kognitive Konzepte" (Oerter & Montada 2002, 174). So belegte Renée Baillargeon, dass Säuglinge von dreieinhalb Mona- ten bereits erwarten, dass ein sich bewegender Gegenstand auch dann weiterexistiert, wenn er für kurze Zeit verdeckt wird. Demgemäß zeigen sich die Säuglinge irritiert, wenn der be- sagte Gegenstand wider Erwarten nicht mehr erscheint (vgl. Oerter & Montada 2002, 176). Der betreffende Versuchsaufbau war wie folgt: Säuglingen im Alter von dreieinhalb bis fünf- einhalb Monaten wurden Abfolgen von Ereignissen gezeigt. Eine kleine und eine große Ka- rotte ziehen abwechselnd, langsam und gleichmäßig hinter einem Schirm, der sie temporär verdeckt, vorbei und er- scheinen auf der jeweils anderen Seite (siehe Abb. 2). Diese Ereignisse werden so lange wiederholt, bis die Auf- merksamkeit (gemessen über die Dauer der Fixation der Gegenstände) auf einen Durchschnittswert gesunken ist. In den zwei folgenden Testabfolgen hat der Schirm ein Fenster, das zu hoch lag, um die kleine Karotte dahinter zu sehen und hoch genug, dass die grofte Karotte beim Durchziehen zu sehen sein musste. Den Sauglingen wurde abwechselnd ein physikalisch „unmogliches" Ereignis (grofte Karotte, die nicht im Fenster zu sehen ist) und ein mogliches Ereignis (kleine Karotte, die nicht im Fenster zu sehen ist) gezeigt. Festzustellen war, dass die Sauglinge deutlich langer auf das „unmogliche" Ereignis blickten. Abgesichert wurde der Versuch durch einen Durchgang, bei dem den Sauglingen am Beginn der Testabfolge gezeigt wurde, dass links und rechts des Fensters jeweils eine grofte Karotte stand und somit das „unmogliche" Ereignis moglich gemacht wurde. Daraufhin war keines der Sauglinge bei dem Ereignis mehr irritiert (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 2.

Durch ihre Forschung der vergangenen 20 Jahre haben eine Vielzahl von Forschern empi- risch bewiesen, dass es Kleinkindern „[...] auch im Vorschulalter nicht an einer kognitiven Representation von Zahlen [fehlt], nicht einmal bei der Geburt!" (Dehaene 1999, 57). Das Konzept und die Durchführung der von Piaget und seinen Kollegen verwendeten Versuche werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Probanden dabei versagten bzw. ihre wahren Kompetenzen nicht zeigen konnten/wollten (vgl. ebd). So wurden z. B. einer Versuchsgruppe von Kindern zwischen zwei und vier Jahren zwei Reihen von Murmeln vorgelegt. Eine kürze- re Reihe mit sechs Murmeln und eine längere mit nur vier Murmeln (siehe Abb. 3). Bei Piagets Durchführung antworteten die Kinder auf die Frage, welche Reihe mehr Murmeln enthalte, meist falsch, wählten also die längere Reihe. Jaques Mehler und Tom Bever führ- ten diesen Versuch nach Piaget erneut durch, veränderten aber den Motivati- onsaspekt der Probanden. Die Mengen

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Abb. 3

[...]

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