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Ist das Deuteronomium eine große Gestalt des Alten Testaments?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Buch Dtn
2.1 Entstehung
2.2 Einordnung und Abgrenzung im Alten Testament
2.2.1 Das Buch Dtn im Pentateuch
2.2.2 Das Buch Dtn im DtrG
2.3 Inhalt und Gliederung

3. Kriterien fur eine „GroBe Gestalt“
3.1 Schreibstil
3.2 Parallelen
3.2.1 Innerbiblische Parallelen
3.2.2 Aufierbiblische Parallelen
3.3 Grofie Gestalten innerhalb des Dtn
3.3.1 YHWH
3.3.2 Abraham - Isaak - Jakob
3.3.3 Mose
3.4 Theologie
3.5 Wirkungsgeschichte
3.5.1 Unmittelbare Wirkungsgeschichte
3.5.2 Wirkungsgeschichte im Judentum
3.5.3 Wirkungsgeschichte im Christentum
3.5.4 Auswirkungen auf Kultur und tagliches Leben

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kann man ein Buch als eine groBe Gestalt bezeichnen?

Die Antwort auf diese Frage hangt alleine vom Verstandnis des Begriffs „Gestalt“ ab. Versteht man ihn wie im Hauptseminar „GroBe Gestalten im Alten Testament“ als Bezeichnung fur eine erfundene Figur oder eine nicht naher bezeichnete Person, so lasst sich der Begriff selbstverstandlich nicht auf ein Buch anwenden. Versteht man ihn jedoch als Bezeichnung fur ein auBeres Erscheinungsbild oder im Sinne von „einer Sache Gestalt geben“ und „Gestalt annehmen“, so lasst sich durchaus uberprufen, ob in einem Buch ein Anliegen deutlich erkennbar gemacht wird.

Im Folgenden soll nun also der Frage nachgegangen werden, ob das Dtn eine groBe Gestalt im Alten Testament einnimmt. Hierzu werden zunachst einige Informationen zur Entstehung, Einordnung und zum Inhalt des Buches gegeben. Nach der Analyse des Schreibstils, der Parallelen in anderen Werken, dem Auftreten groBer Gestalten wie YHWH und Mose und der Herausarbeitung der Wirkungsgeschichte soll am Ende dieser Arbeit feststellbar sein, ob das Dtn als eine groBe Gestalt bezeichnet werden kann.

2. Das Buch Dtn

Die in der griechischen Bibelubersetzung verwendete Uberschrift dsmspovo/uiov - „das zweite Gesetz“ fur das 5. Buch Mose, welche den Inhalt des Buches beschreibt, hat sich im Christentum durchgesetzt, wahrend im Hebraischen das Buch gemaB seiner Anfangsworte an-„Worte“ (vgl. Dtn 1,1) genannt wird.[1]

2.1 Entstehung

So leicht wie die Namensgebung des Buches nachzuvollziehen ist, ist die Entstehungsgeschichte des Buches, welches fur eine Phase des Ubergangs von einer vor- zu einer nachexilischen Religion steht, jedoch nicht geklart. Anhand von verschiedenen Unterscheidungskriterien wie dem Numeruswechsel, den Voraussetzungen, theologischen Schlusselbegriffen und den verschiedenen Gesetzesformen versucht man, die Entstehung des Dtn nachvollziehen zu konnen. Wie die restlichen Bucher des Pentateuchs durfte auch das Dtn „Ergebnis eines jahrhundertelangen Wachstumsprozesses [...] [sein; D.P.], eine Verschmelzung verschiedener Quellen und Traditionen, die zunachst mundlich uberliefert und erst spater niedergeschrieben wurden.“[2] In einer ersten Phase spricht man von dem UrDtn, welches wohl als eigenstandiges Buch unter der Bezeichnung „Tora“ existiert hat. Es umfasst die Kapitel 6.12-28 ohne die narrativen und paranetischen Texte und ist vornehmlich an der 2. Person Singular erkennbar.[3] In einer anschlieBenden zweiten Phase wurde das UrDtn in enger Nachahmung deuteronomistisch uberarbeitet und in mehreren Schichten um die Kapitel 1-4 und 29-32 erweitert. Dieser Redaktionsprozess ist an der Verwendung der 2. Person Plural erkennbar und bildet den Ausgangspunkt des DtrG. In einer abschlieBenden dritten Phase wurde das Dtn vermutlich hinsichtlich der Rechtmaterialien dekalogisch strukturiert. Durch die Erweiterung eines wahrscheinlich priesterschriftlichen Berichts uber den Tod des Mose in Dtn 34,1.7-9 werden zugleich der Hohepunkt und das Ende des Dtn, aber auch des ganzen Pentateuchs, markiert.

Aufgrund von 2 Kon 22-23 lasst sich die Entstehung des UrDtn mit einiger Sicherheit festlegen.[4] In den beiden Kapiteln wird von dem in Juda regierenden Konig Joschija berichtet, dessen Hohepriester Hilkija bei Renovierungsarbeiten im Tempel ein Gesetzbuch gefunden hat. Die anschlieBende religiose Reform, die von Joschija 622 v. Chr. durchgefuhrt wurde, weist Parallelen zu Gesetzen auf, die nur im Dtn enthalten sind, so dass man davon ausgeht, dass es sich bei dem gefundenen Buch, welches „wohl noch als Jahwerede stilisiert“[5] war, um eine Grundform des Dtn handelt. Spater wurde dem Dtn eine mosaische Funktion zugeschrieben, indem Mose, der die Gesetze an das Volk weitergibt, das gottliche Ich beerbt und das Dtn in der Folge zur Grundungsurkunde Israels wird.

Uber die Verfasser des Dtn herrscht jedoch weiterhin Unklarheit. So vermutet Plaut die anfangliche Entstehung im Norden aufgrund der „Nahe zur Tradition der Quelle E“[6], wahrend Otto die Ansicht vertritt, dass das Buch von Schriftgelehrten des Priesteramtes verfasst worden sein muss, da der Konig, Mose und JHWH als Schreiber charakterisiert werden.[7] Verschiedene Kriterien wie die Sprache veranlassen Braulik dazu, davon auszugehen, „dass die Verfasser des Dtn in den literarisch wie theologisch und juristisch kompetenten Kreisen der Jerusalemer Fuhrungselite zu suchen sind.“[8]

2.2 Einordnung und Abgrenzung im Alten Testament

Das Dtn, welches sowohl fur ein das Bundesbuch uberbietendes Gesetzbuch, als auch fur eine Predigt zur Ubernahme von Verantwortung und eine Liturgie zur Feier des Bundes, aber auch fur eine Beschreibung der Ablosung von der Oberherrschaft und Hinwendung zu Gott gehalten worden ist, steht im christlichen Kanon an funfter Stelle des Alten Testaments und nimmt eine Doppelfunktion ein.[9] Zum einen bildet es den Abschluss des Pentateuchs, der funf Bucher Mose, und zum anderen leitet das Dtn mit der Situation kurz vor der Landnahme gleichzeitig in die Darstellung der Geschichte Israels ein und ist somit Teil des DtrG Jos - 2 Kon. Es gibt nach Schmid aber auch Indizien dafur, dass das Dtn in einem gewachsenen Erzahlzusammenhang des ganzen Enneateuchs steht, da sowohl die Sprache als auch die Sachzusammenhange nicht undifferenziert als deuteronomistisch oder undeuteronomistisch charakterisiert werden konnen.[10] Zudem gilt der Dekalog als MaBstab literarischer Verbindungen, weswegen davon auszugehen ist, dass das Dtn nach seiner selbstandigen Entstehung von einer Redaktion bewusst an den Kontext der vorderen und hinteren Bucher angepasst worden ist.

2.2.1 Das Buch Dtn im Pentateuch

Der Pentateuch, dessen Leitthema die LandverheiBung als Eid an die Vater ist, ist chiastisch aufgebaut, so dass die Bucher Gen und Dtn, in denen Weisungen fur das Leben im zuvor verheiBenen Land sowie der Auftrag zum Gehen gegeben werden, den auBeren Rahmen bilden. Im inneren Rahmen weisen die Bucher Ex und Num zahlreiche parallel erzahlte Geschichten auf und im theologischen Zentrum der Komposition befindet sich das Suhne und Versohnung thematisierende Buch Lev, in welchem Israels Status als das heilige Volk, dem YHWH sich zugewendet hat, begrundet wird.[11] Zielpunkt ist jedoch das spater zum Tetrateuch hinzugefugte Dtn als Tora in der Tora, durch das der Erzahlbogen von der Schopfung uber die Entstehung des israelitischen Volkes bis zum Moment vor der Landnahme vervollstandigt wird. Erst durch die komplette Lekture der funf Bucher wird die Tora fur den Leser verstandlich.

Bei der Betrachtung des Dtn im Kontext des Pentateuchs liegt ein besonderes Augenmerk auf den Entstehungsvoraussetzungen. Neben dem ethischen, den Willen Gottes formulierenden, Dekalog und dem kultischen Dekalog in Ex 34,10-26, aus dem die Zentralisationsgesetze hervorgehen, sowie der Pentateucherzahlung vom Exodus uber den Sinai bis zur Wustenwanderung bezieht sich das Dtn vor allem auf das Bundesbuch in Ex 20,22-23,33.[12] Jedoch weist das Dtn neben vielen Parallelen zu diesem altesten Gesetzeskorpus auch einige Differenzen auf (vgl. z.B. Ex 21,2-6 und Dtn 15,12-18), die nach Otto darauf hindeuten, dass mit dem Dtn eine „Reformulierung des Bundesbuches unter der Leitidee der Kultzentralisation“[13] vorliegt. Bei dem im Dtn uberlieferten Gesetzesmaterial scheint es sich demzufolge um die an die neuen Bedurfnisse angepassten, ausformulierten und ausgelegten Gesetze zu handeln, die YHWH Mose zuvor am Gottesberg mitgeteilt hatte, die dieser jedoch erst jetzt in seiner Abschiedsrede unmittelbar vor seinem Tod an das Volk weitergibt. Statt YHWH ist nun also Mose der Verkunder der Gesetze, womit sich das Dtn von der Darstellung vorausgehender Gesetze unterscheidet, in denen stets YHWH der Sprecher war.[14]

Wahrend Schmitt die Ansicht vertritt, dass das Epitaph in Dtn 34,10-12, welches wohl erst in der dritten Phase der Entstehung hinzugefugt worden ist, lediglich zu einer Unterteilung des Enneateuchs in eine vorangehende und in eine noch folgende Geschichte fuhrt,[15] wird der Bericht uber den Tod des Mose, der nach Plaut ursprunglich am Ende des Buches Num gestanden hat, mehrheitlich so verstanden, dass er zugleich die Entstehungsgeschichte des Volkes Israel, die Biographie Moses und den gesamten Pentateuch abschlieBt.[16]

2.2.2 Das Buch Dtn im DtrG

Bevor das Dtn jedoch zum Tetrateuch hinzugefugt worden ist, war es weitlaufigen Meinungen zufolge Teil eines DtrG Dtn - 2 Kon. Diese Zugehorigkeit wird damit begrundet, dass das Dtn als Grundungsurkunde den MaBstab fur die darauf folgenden Bucher Jos - 2 Kon gebildet hat und zahlreiche Gemeinsamkeiten mit ihnen aufweist. Diese erstrecken sich „vom Sprachgebrauch uber Inhalte wie JHWH-Alleinverehrung und Torabeobachtung, bis zu Vorstellungskomplexen [...] und kompositorischen Schemata“[17]. So befinden sich Parallelstellen zu „weil du tust, was in den Augen des Herrn, deines Gottes, gut und richtig ist.“ (Dtn 12,28) in 1 Kon 11,33.38 und die von YHWH gespendete Ruhe fur sein Volk ist sowohl in Dtn 12,9 als auch in Jos 21,44 zu finden.

Da aufgrund der Forschungsergebnisse jedoch nicht mehr wie bei der klassischen Entstehungstheorie von Noth davon ausgegangen wird, dass es nur einen deuteronomistischen Verfasser gab, sondern davon, dass auch das DtrG in einem langen Wachstumsprozess entstanden ist, wird die Einheitlichkeit neu diskutiert.[18] Schmid arbeitete heraus, dass es zunachst wohl ein von der Kultzentralisation bestimmtes DtrG in Sam - 2 Kon gab, welches dann um die Bucher Ex - Jos erweitert wurde und das Erste Gebot im Zentrum stehen hatte, ehe schlieBlich ein nachpriesterschriftliches Werk von Gen - 2 Kon, der Enneateuch, entstand. Wie bei der Entstehung des Pentateuchs gibt es jedoch auch hier miteinander konkurrierende Theorien, wobei nach Otto offensichtlich ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Dtn und den Buchern Jos - 2 Kon geben muss aufgrund des dargestellten Abfalls Israels von YHWH, der schlieBlich in der unaufhaltsamen Katastrophe des Untergangs endet.

[...]


[1] Vgl. E. Zenger, Einleitung in das AT, 62.

[2] W. G. Plaut, D*Hbl, 26.

[3] Vgl. hierzu und zum Folgenden: J. C. Gertz, Grundinformation AT, 246-251 und E. Zenger, a.a.O., 140-146.

[4] Vgl. hierzu und zum Folgenden: W. G. Plaut, a.a.O.

[5] G. Braulik, Deuteronomium, 12.

[6] W. G. Plaut, a.a.O., 27.

[7] Vgl. J. Taschner, Mosereden, 6.

[8] E. Zenger, a.a.O., 142.

[9] Vgl. W. G. Plaut, a.a.O., 33.

[10] Vgl. hierzu und zum Folgenden: E. Otto, Das Deuteronomium, 195-197, 209.

[11] Vgl. E. Zenger, a.a.O., 62.

[12] Vgl. G. Braulik, a.a.O., 10.

[13] e. Otto, a.a.O., 200.

[14] Vgl. U. Rutersworden, Das Buch Deuteronomium, 12.

[15] Vgl. e. Otto, a.a.O., 182.

[16] Vgl. W. G. Plaut, a.a.O., 43.

[17] E. Zenger, a.a.O., 194.

[18] Vgl. hierzu und zum Folgenden: J. C. Gertz, a.a.O., 279-281 und e. Otto, a.a.O., 185,209.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640776412
ISBN (Buch)
9783640776610
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163365
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Große Gestalt Deuteronomium Altes Testament

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