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Politische Denkmäler im 19. Jahrhundert: Das Hermannsdenkmal

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 30 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nationalpolitische Denkmäler im 19. Jahrhundert
2.1 Denkmäler bis 1871
2.2 Denkmäler im Deutschen Kaiserreich 1871 – 1914
2.2.1 Reichsgründungs- und Kaiserdenkmäler
2.2.2 Bismarck-Denkmäler

3. Das Hermannsdenkmal
3.1 Die Subskriptionsbewegung
3.2 Das Hermannsdenkmal in der Öffentlichkeit
3.2.1 Das Fest zur Schließung des Grundsteingewölbes 1841
3.2.2 Das Fest zur Fertigstellung 1875
3.2.3 Die 1900-Jahrfeier der Schlacht im Teutoburger Wald 1909

4. Schlussbetrachtungen

5. Literatur

1. Einleitung

„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“

„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck können sie sich wohl nicht denken?“

Heinrich Mann: Der Untertan (1916)

Das 19. Jahrhundert war ein „Jahrhundert der Denkmäler“, nicht nur in Deutschland. Denkmäler galten allgemein als Medien politischer Inhalte, die dauerhaft und öffentlich transportiert werden sollten. Denkmäler beschwören kulturelle und politische Inhalte aus einer mythischen Vergangenheit, schreiben die symbolischen Sinnzusammenhänge in die Gegenwart fort und haben den Anspruch, auch noch in die fernere Zukunft zu wirken. Insbesondere nach 1871 setzte eine regelrechte „Denkmalwuth“ ein, die im Sinne des nation buildings die innere Einheit des jungen deutschen Kaiserreichs symbolisch vorantreiben sollte. „Nationen sind geistige Wesen, Gemeinschaften, die existieren, solange sie in den Köpfen und Herzen der Menschen sind, und die erlöschen, wenn sie nicht mehr gedacht und gewollt werden [...]“ (Schulze 1994, 110). Analog zur Nation gilt für die nationalpolitischen Denkmäler: Die Integration gelingt nur soweit, wie sich die Staatssubjekte freiwillig der Idee anschließen. Die hierbei wirksamen Mechanismen von Inklusion und Ausschluss lassen sich an den Denkmälern selbst, stärker jedoch an der überlieferten Rezeption und Deutung der Zeitgenossen analysieren. Hier liegt der Interessenschwerpunkt der jüngeren Forschung. In welcher Weise werden Mythen gedeutet und in symbolische Politik umgewandelt, welcher soziale Raum wird durch die Denkmäler geschaffen, welche Nation konstituiert sich in welcher Weise? Diese Fragestellung soll auch die vorliegende Arbeit leiten, der Schwerpunkt liegt deshalb auf der politischen Öffentlichkeit, die sich in den Denkmalsfesten entfaltete sowie auf der Rezeption in der Presse. Außerdem soll die Finanzierung untersucht werden, eine Analyseebene, die Reinhard Ahlings in seinem umfangreichen Werk „Monument und Nation“[1] als „Indiz für die tatsächliche Relevanz eines Projektes“ (Ahlings 1996, 19) anführt.

Ahlings erweitert die Typologie der Nationaldenkmäler, die Thomas Nipperdey in seinem für die Denkmalforschung grundlegender Aufsatz „Nationalidee und Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert“[2] von 1968 entwickelt hat. Nipperdey entwirft fünf Idealtypen der politischen Denkmäler:

- Das nationalmonarchische oder nationaldynastische Denkmal, in dem die Staatsnation in Gestalt des Herrschers dargestellt wurde. Dieser Kategorie sind sowohl die Herrscherstandbilder des Absolutismus zuzurechnen wie die Denkmäler der partikularstaatlichen Fürsten und die Kaiser-Wilhelm-Denkmäler nach 1871.
- Die Denkmalskirche, die als Nationaldom oder Pantheon in Anlehnung an die Westminster Abbey zwar in mehreren Entwürfen geplant war, jedoch nie gebaut wurde.
- Das Denkmal der Bildungs- und Kulturnation, herausragendes Beispiel ist die Walhalla bei Regensburg. Daneben stehen zahlreiche Individualdenkmäler, etwa von Luther, Gutenberg, Schiller, Goethe oder Herder, die vorwiegend von Bürgern gestiftet wurden.
- Das Nationaldenkmal der demokratisch konstituierten Nation. Dieser Typ bleibt jedoch Ideal. Die Kelheimer Befreiungshalle (1863) etwa ist nicht von der Bevölkerung finanziert, sondern eine Stiftung von König Ludwig I. von Bayern. Spuren der demokratisch-patriotischen Bewegung des Vormärz lassen sich jedoch in einigen Denkmälern nachweisen. „Die beiden großen Nationaldenkmäler der 70er und 80er Jahre, das Niederwalddenkmal und das Hermanns-Denkmal, muss man politisch als sinnfälligen Ausdruck des Kompromisses zwischen nationaldemokratischen und nationalmonarchischen Tendenzen und Kräften verstehen.“ (ebd., 157)
- Der fünfte Typ schließlich erfasst die Denkmäler der nationalen Sammlung oder nationalen Konzentration, etwa das Leipziger Völkerschlachtdenkmal und die zahlreichen Bismarckdenkmäler der 1890er Jahre.

Der im Sammelband „Denkmäler im 19. Jahrhundert“ (1972) von Volker Plagemann und Hans-Ernst-Mittig enthaltene Aufsatz Plagemanns über die Bismarck-Denkmäler liefert eine erste „systematische Analyse des Gesamtphänomens auf quantitativer Grundlage“ (Ahlings 1996, 55). Das große Ausmaß wie auch die antidemokratische Intention der populären Bismarckdenkmal-Bewegung wird in dieser Untersuchung herausgearbeitet.

Wolfgang Hardtwig untersucht in mehreren Aufsätzen die Fragen nach Staatsbewusstsein und Staatssymbolik in den Denkmälern, die er konsequent an die politische Geschichte rückbindet.

Mehrere neue Forschungen beschäftigen sich zentral mit dem Hermannsdenkmal bei Detmold. Dieser Schwerpunkt erschließt sich aus dem Objekt: Zum einen kann der hier im Denkmal realisierte Hermannsmythos als der „zentrale Gündungsmythos des Reiches“ (Dörner 1995, 213) gelten. Zum anderen lassen sich an der Bau- und Rezeptionsgeschichte des Denkmals die Entwicklungen der deutschen Nationalbewegung von den Befreiungskriegen bis 1914 und darüber hinaus analysieren.

Zentral sind hier zum einen die vergleichenden Studien von Charlotte Tacke, die schwerpunktmäßig die Denkmalsvereine und –feste zum Hermannsdenkmal untersucht und den Vergleich mit politischen Denkmälern in Frankreich zieht, der in der vorliegenden Arbeit weitgehend unberücksichtigt bleiben soll.

Zum anderen sind es die Arbeiten von Andreas Dörner, der Wirkung und Wandel von politischem Mythos und symbolischer Politik am Beispiel des Hermannsdenkmals untersucht. Auf dieser Basis widmet sich die vorliegende Arbeit der folgenden Fragestellung: Welche Nation ist es, die sich im Hermannsdenkmal widerspiegelt, welche Mechanismen von Ein- und Ausschluss werden wirksam? Wie verändert sich die Rezeption des Denkmals und damit des Mythos in wechselnden politischen Perioden und damit auch: wie flexibel ist der politische Mythos, welche verschiedenen Bedeutungszuweisungen kann er in sich aufnehmen, ohne in der Beliebigkeit zu zerfallen?

2. Nationalpolitische Denkmäler im 19. Jahrhundert

Im Folgenden wird ein zusammenfassender Überblick über die Entwicklung des Denkmalbaus im „langen Jahrhundert“ gegeben. Dabei werden die charakteristischen Typen politischer Denkmäler dargestellt und der historische Wandel der Nationaldenkmäler wie des Nationalbewusstseins in Deutschland aufgezeigt.

Der Begriff des Nationaldenkmals ist an sich problematisch. Zahlreiche Denkmäler verschiedensten Typs wurden konzipiert und gebaut, ohne dass es wirklich ein Denkmal gegeben hätte, das den Anspruch der nationalen Gültigkeit vollends erfüllt hätte. „Das Nationaldenkmal ist ein Versuch, der nationalen Identität in einem anschaulichen, bleibenden Symbol gewiss zu werden; das ist die Idee des Nationaldenkmals, die den Zeitgenossen des 19. Jhs. vorschwebte und die in allem unterschiedlichen Begriffsgebrauch noch gegenwärtig ist, sie muss die Grundlage jeder Untersuchung sein.“ (Nipperdey 1976, 135). Ob man die Vollendung des Kölner Doms betrachtet, die zahlreichen Sieges- und Reichsgründungsdenkmäler oder die großen Kaiserdenkmäler – immer war in ihnen nur ein Teil der Nation repräsentiert, während andere Bevölkerungsgruppen zum Teil bewusst ausgeschlossen wurden. Nipperdey hat bereits herausgearbeitet, dass das Nationaldenkmal in Deutschland eher „Idee, Versuch, Anspruch, und Problem“ gewesen ist (Nipperdey 1976, 135). Dies liegt zum einen daran, dass es in dem von inneren politischen, sozialen und konfessionellen Spannungen und Auseinandersetzungen gekennzeichneten 19. Jahrhundert immer die etablierten, staatstragenden Kräfte waren, die Denkmäler errichteten. Zum anderen bestand das Problem des Widerspruchs einer politisch räsonierenden Öffentlichkeit, der umso stärker wurde, je eindeutiger das politische Programm geformt war. Das „national gedachte Denkmal“ (Ahlings 1996, 17) beinhaltete von vorneherein die Unsicherheiten und Widersprüche und Vielfältigkeiten des Nationenbegriffs. Die Symbolik ist einem historischen Wandel unterworfen, die Bedeutung verschiebt sich abhängig von Raum und Zeit. Dennoch bleibt der Begriff des Nationaldenkmals sinnvoll, wenn er als kritisches Maß für Wirkung und Absicht, Sein und Sollen verwendet wird.

Wichtig ist es an dieser Stelle, die profanen Motive des Denkmalbaus anzuführen, die zumindest gleichberechtigt neben den nationalpolitischen Intentionen standen: „Als konkrete Motive der Denkmalsetzer erscheinen in allen Fällen jedoch die Tendenz der Zeit, Denkmäler zu bauen, das Streben nach Verschönerung des Ortes, die Schaffung eines regionalen oder überregionalen Anziehungs- und städtebaulichen Höhepunktes, die Fremdenverkehrs- und Kunstförderung, der Stolz der Initiatoren und ihre Hoffnung auf Anerkennung.“ (Ahlings 1996, 326) Dass die Denkmäler nicht nur dem Ausdruck und der Verstärkung des Patriotismus galten, sondern als lokale Attraktionen dienten und bis heute dienen, sollte bei der Analyse der gesellschaftspolitischen Reichweite der Denkmäler mitgedacht werden.

2.1 Denkmäler bis 1871

In der Zeit der Renaissance und des Barock waren politische Denkmäler Teil der absolutistischen Herrschaftspraxis. Standbilder, insbesondere Reiterstandbilder, waren allein den Fürsten vorbehalten. Sie symbolisierten die ungebrochene Einheit von Staat und Herrscher. „Das öffentlich aufgestellte barocke Reiterstandbild des Fürsten als Inbegriff des absolutistischen Selbstverständnisses war in Deutschland dem Herrscher vorbehalten und legitimierte sich allein durch ihn.“ (Ahlings 1996, 23)

Der Wandel kam mit der Französischen Revolution, die Ideen von Volkssouveränität und der Souveränität der Nation sollten auch in plastischen Symbolen ausgedrückt werden. Sie wandelten den Denkmalbau um 1800 grundlegend. Das Beispiel strahlte von Frankreich auf ganz Europa ab. Mit der Aufklärung wurden Denkmäler von der politischen Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt, es kam zum Bruch des herrschaftlichen Denkmalmonopols. Als aufgeklärter absolutistischer Herrscher ließ Friedrich II. Standbilder verdienter Generäle aufstellen, damit begann das „Vordringen des Individuums und seiner persönlichen Leistungen“ (Ahlings 1996, 29). Das erste bürgerliche Denkmal wurde 1802 in Hamburg aufgestellt, es ehrte den Handelstheoretiker Büsch.

Mit den Befreiungskriegen wurde in Deutschland die Nation zu einer bestimmenden Wahrnehmungsgröße. Nationale Mythen sollten der militärischen Mobilisierung und der Motivation im „Volkskrieg“ gegen Frankreich dienen. „Aus dem beinahe rituellen Gefecht, das in finanziellen wie dynastischen stets seine Grenzen fand, wird ein Existenzkampf von Völkern und Nationen.“ (Dörner 1995, 113). Da sich die Vorstellungen einer deutschen Staatsnation auf geeintem Territorium nicht erfüllten, kanalisierte sich das erwachte Nationalbewusstsein in der Beschwörung der Kulturnation. Die Idee der deutschen Kulturnation geht zurück auf die Humanisten des 15. Jahrhunderts und wurde in der deutschen Romantik insbesondere von Herder aufgriffen. Im Denkmalbau manifestierte sich die Kulturnation im Geniekult der deutschen Dichter und Denker. Neben der Walhalla bei Regensburg als dem zentralen nationalpolitischen Denkmal (1842 eingeweiht) entstanden zahlreiche Individualdenkmäler: das Luther-Denkmal in Wittenberg (1821), das Blücher-Denkmal in Rostock (1819), das Gutenberg-Denkmal in Mainz (1837), das Schiller-Denkmal in Stuttgart (1839), das Herder-Denkmal in Weimar (1850), das Goethe/Schiller-Denkmal und das Wieland-Denkmal in Weimar (1857) oder das Lessing-Denkmal in Braunschweig (1853). Auch das Hermannsdenkmal ist der ursprünglichen Intention nach in den Zusammenhag der nationalkulturellen Denkmäler einzuordnen.

In der Zeit bis 1871 waren diese nationalkulturellen Denkmäler der wichtigste Typus, Nipperdey spricht von einer „Inflation der Individualdenkmäler“: um 1800 hat es 18, 1883 etwa 800 öffentliche Standbilder gegeben. (vgl. Nipperdey 1976, 148)

Die nationalkulturellen Denkmäler waren bis zur Reichsgründung zentraler Ausdruck des Nationalbewusstseins, sie spiegelten eine „ungebrochene Synthese von Nationalität und universaler Humanität“ (Nipperdey 1976, 148) wieder. Allgemein gilt, dass diese Denkmäler zwar Ausdruck und Motor der Synthese eines Nationenbegriffs in den territorial zerstückelten „deutschen Landen“ waren, jedoch in ihren politischen Programmen unscharf blieben. Die nationalkulturellen Denkmäler konnten die vielfältigen politischen Ordnungsvorstellungen innerhalb der deutschen Nationalbewegung in sich aufnehmen. Bürgerliche Linke und Konservative, Oppositionelle und Obrigkeit, Aristokraten und Demokraten konnten ihre Vorstellungen in die Denkmäler projizieren, partikularstaatliche Aufteilung schien nicht weniger legitim als ein geeintes Deutschland im Sinne des Arndt’schen „Vaterlandsliedes“. Hier wird die Ambivalenz des politischen Mythos offenbar, die Vielschichtigkeit der Deutungsmöglichkeiten. Die politischen Mythen der nationalkulturellen Denkmäler als „narrative Symbolgebilde mit einem kollektiven, auf das grundlegende Ordnungsproblem sozialer Verbände bezogenen Wirkungspotenzial“ (Dörner 1996, 43), nährten den Stolz auf die Kulturleistungen großer Deutscher und erfüllten damit in erster Linie eine Integrationsfunktion.

Mit der entstehenden deutschen Staatsnation nach der Reichsgründung verschoben sich die Akzente deutlich: „Als nationalkulturelle Denkmäler bildeten die Dichter- und Denkerstandbilder nach 1871 eine eigene, nachrangig gehaltene Denkmalgruppe, die jedoch mit dem politischen, auch oppositionellen Anspruch der nationalkulturellen Projekte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nichts mehr gemein hatte.“ (Ahlings 1996, 45)

[...]


[1] Reinhard Ahlings: Monument und Nation. Das Bild vom Nationalstaat im Medium Denkmal – Vom Verhältnis von Nation und Staat im deutschen Kaiserreich 1871 – 1918, Berlin/ New York 1996

[2] Thomas Nipperdey: Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert. Erstmals in: HZ 206 (1968), S. 529-585, hier in: ders., Gesellschaft, Kultur, Theorie, Göttingen 1976, S. 133-173

Details

Seiten
30
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638212281
ISBN (Buch)
9783640856404
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16346
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich Meinecke Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Politische Denkmäler Jahrhundert Hermannsdenkmal Neue Blicke Deutschland Europa

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