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Gedenkstätten: Kriegerdenkmal, Soldatenfriedhof, Museum und Dokumentationszentrum

Hausarbeit 2007 13 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Politische Geographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Estland, Russland und die Statue

2. Erinnerung- Bedeutung für Mensch und Wissenschaft

3. Erinnerung und Gedächtnis
3.1 Kollektives Gedächtnis
3.2 Kulturelles Gedächtnis
3.3 Nationales Gedächtnis

4. Gedenkstätten- Orte der Erinnerung
4.1 Kriegerdenkmal
4.2 Soldatenfriedhof
4.3 Museum
4.4 Dokumentationszentrum

5. Pädagogik in Gedenkstätten des Nationalsozialismus

6. Fazit

7. Literatur

1. Estland, Russland und die Statue

Ende April diesen Jahres entbrannte ein Streit zwischen Russland und Estland wegen der Verlegung eines Kriegsdenkmals aus dem Stadtzentrum Tallinns an den Stadtrand. Der Konflikt zwischen Politikern beider Länder wurde von wochenlangen Demonstrationen begleitet und gipfelte in Unruhen mit Verletzten und Gefangen. (Russische Informations- und Nachrichtenagentur Novosti: 01.05.2007) Doch was hatte zu diesem Konflikt geführt? Seit 1947 stand das Denkmal des sowjetischen Befreiungssoldaten im Stadtzentrum Tallinns für den Sieg der Roten Armee über die Truppen Hitlers im 2. Weltkrieg. Während es für eine russische Minderheit in Estland ein wichtiges Symbol gegen die Unterdrückung durch den Nationalsozialismus darstellte, stand dasselbe Denkmal für die estnische Bevölkerung für die ehemalige russische Besatzungsmacht. Die Verlegung der Statue hatte die Beziehungen zwischen Russland und Estland verschlechtert. Nachdem am 27. April diesen Jahres das Denkmal abmontiert worden war folgten Massenunruhen in denen mehr als tausend Menschen festgenommen wurden. Russische Jugendliche blockierten die estnische Botschaft in Moskau und der Oberbürgenmeister Moskaus forderte einen Boykott für Estland. Von Seiten russischer Politiker und Bürger wurde Estland mit dieser Tat eine faschistische Grundhaltung unterstellt. (NZZ Online) Seit dem 30. April diesen Jahres steht das Denkmal des sowjetischen Befreiungssoldaten auf einem Soldatenfriedhof in Tallinn. (Russische Informations- und Nachrichtenagentur Novosti: 30.04.2007)

Die weit reichenden Folgen verdeutlichen, dass es in diesem Streit um weitaus mehr ging als um die simple Verlegung einer Bronzestatue. Bedeutend in diesem Fall sind die unterschiedlichen Symboliken der sich gegenüber stehenden Menschengruppen. Die Russen sehen in diesem Denkmal den Sieg über Hitlers Truppen, für sie ist dies also ein Symbol des Stolzes auf die gemeinsame Vergangenheit. Dasselbe Denkmal bedeutet dagegen aus estnischer Sicht die Unterdrückung durch Russland nach dem 2. Weltkrieg. Der Standort des Denkmals war zentral, im Stadtzentrum Tallinns, so dass die Erinnerung an die Besatzung durch die Zentralität des Standortes wach gehalten wurde. Hierbei wird zum einen deutlich, wie stark ein solches Monument Identitätsstiftend sein kann und zum anderen welche Rolle Interpretationen und Bedeutungszuweisungen dabei spielen. Die folgende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Rolle Gedenkstätten im Prozess des Erinnerns spielen und mit welchen Konzepten Museen oder Dokumentationszentren die Vergangenheit für den Besucher aufarbeiten.

2. Erinnerung- Bedeutung für Mensch und Wissenschaft

Wie bedeutend für Menschen Erinnerungen sind, wird deutlich wenn wir bewusst darauf achten, wie oft wir uns an etwas erinnern. Erinnerungen an schöne Momente geben Menschen Kraft und Freude. Beim Durchsehen von alten Familienfotos beschäftigen wir uns mit der eigenen Biographie und damit wer wir sind. Gemeinsame Erinnerungen können Menschen zusammen- oder auseinander bringen und somit soziale Kontakte bestimmen. Doch wir erinnern uns nicht nur an Schönes, sondern ebenso freiwillig an schmerzliche Erfahrungen. Obwohl dabei traurige Gefühle entstehen, sind negative Erinnerungen für uns mindestens ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger. Häufig sind sie uns ein Wegweiser, der uns zeigt, wie wir in Zukunft ähnliche Situationen vermeiden oder mit ihnen umzugehen haben. Durch Dokumentationen, Mahnmale und Ausstellungen werden die Erinnerung an den 2. Weltkrieg wach gehalten um uns ein Wegweiser für die Gegenwart und Zukunft zu sein. Sie richten an uns den Appell, die Geschichte niemals wiederholen zu lassen.

In der Wissenschaft etablierte sich in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Diskurs, in der das Erleben als zentrale Erkenntnisgrundlage Aufmerksamkeit erfährt. (Patzel- Mattern 2002: 7) Durch Aufweichen von traditionellen Normen und Werten und zunehmender Individualisierung rückten die subjektiven Empfindungen des Einzelnen in den Vordergrund. Dabei spielten die Fortschritte in der Medizin und damit die Verbesserung der Lebensbedingungen eine nicht zu unterschätzende Rolle: nachdem es nicht mehr nur um das reine Überleben ging, rückte die Bedeutung der menschlichen Psyche stärker in den Vordergrund. (Patzel- Mattern 2002: 14) Begleitet von der Skepsis gegenüber dem naturwissenschaftlich rational geprägten Menschenbild „betonen subjektivistische Ansätze die kreative Macht der Erinnerung, die den Einzelnen in seiner Persönlichkeit konstituiert und zugleich mit seiner Umwelt vermittelt.“. (Patzel- Mattern 2002: 14) „Die Lebensgeschichte wird damit zum Ausgangspunkt jeder Annäherung an eine Geschichte als kollektive Sinnstiftung.“ (Patzel- Mattern 2002: 18) In diesem Kapitel soll es darum gehen, wie die Wissenschaft die Vorgänge Erinnerung und Gedächtnis definiert.

3. Erinnerung und Gedächtnis

Bei der Frage nach der Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft erschienen in den achtziger und neunziger Jahren zahlreiche Publikationen, die sich mit den Begriffen „Erinnerung“ und „Gedächtnis“ im kulturwissenschaftlichen Sinne beschäftigten. Zudem galt es herauszufinden, in welchem Zustand sich die gesellschaftliche Identität befindet und wie sie durch gemeinsames Erinnern geprägt wird. Dabei wird der Blick abgewendet von einzelnen historischen Ereignissen hin zu Konstruktionen, mit deren Hilfe Geschichte gestaltet wird und somit im Jetzt wirkt. Die Begriffe Erinnerung und Gedächtnis werden allerdings häufig fast identisch benutzt. (Patzel- Mattern 2002: 23, 24)

Nach Gall bedeutet historische Erinnerung „den Ursachen eines Gegenwartsphänomens auf den Grund zu gehen. […] Dieser Prozeß des verstehenden Erinnerns führt im Ergebnis zur rationalen Erkenntnis der Bedingungen der eigenen Existenz, der eigenen Gegenwart.“ (Patzel- Mattern 2002: 23) Wischermann bemüht sich um eine Abgrenzung der beiden Begriffe gegeneinander und definiert Erinnerung als die individuelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit während Gedächtnis „gemeinschaftliche Vergangenheitssichten zu fassen versucht“. (Patzel- Mattern 2002: 24) Erinnerung ist also etwas, das individuell geschieht, Gedächtnis beschreibt Vergangenheitsinterpretationen einer Gruppe oder einer Gesellschaft. Während die Wissenschaft sich vor allem mit kollektiven Gedächtnisphänomenen beschäftigt und diese ausdifferenziert hat, blieb der Erinnerungsbegriff ungenau. (Patzel- Mattern 2002: 24) Man kann eher sagen, dass Gedächtnis eine Form der Erinnerung ist. (Menkovic 1999: 18) Im Folgenden werden einige Gedächtnisformen vorgestellt, die für den Umgang mit Gedenkstätten von Interesse sind.

3.1 Kollektives Gedächtnis

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs geht davon aus, dass das kollektive Gedächtnis einen äußeren Bezugsrahmen beschreibt, dessen sich die Menschen einer Gesellschaft bedienen um Erinnerungen zu speichern und abzurufen. Dabei stehen die inhaltlichen Deutungen eines Ereignisses im Vordergrund, die die spezifische Weltsicht einer Gruppe entstehen lässt. (Patzel- Mattern 2002: 25) Das kollektive Gedächtnis entsteht, wenn in Gruppen Geschichte interpretiert wird. Über diese Interpretation und Konstruktion geschieht Identitätsfindung. (Menkovic 1999: 18)

3.2 Kulturelles Gedächtnis

Aufbauend auf der Konzeption des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs, entwickelte Jan Assmann das neue theoretische Modell des kulturellen Gedächtnisses. Dies stellt eine aktive Konstruktion dar, in der die Gesellschaft durch Texte, Bilddokumente und Rituale in Bezug auf ihre einzigartige Geschichte ihr Selbstbild stabilisiert. Besondere Bedeutung dabei nimmt ein Kanon ein, in dem gelebte Erinnerungswerte schriftlich festgehalten werden und über zeitliche Grenzen hinweg den Mitgliedern der Gesellschaft zugänglich sind. (Patzel- Mattern 2002: 27) Allerdings dient das kollektive Gedächtnis nicht nur zur Selbstidentifikation, sondern ermöglicht auch den Umgang mit der Gegenwart, indem es durch Rekonstruktion des Wissens auf aktuelle Problemstellungen bezogen werden kann. (Patzel- Mattern 2002: 28)

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Details

Seiten
13
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640783458
ISBN (Buch)
9783640783885
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163652
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Geographisches Institut
Note
2,7
Schlagworte
Erinnerungsorte Kollektives Gedächtnis 2.Weltkrieg Kriegerdenkmal Museum Soldatenfriedhof Dokumentationszentrum Gedächtnis Erinnerung Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Gedenkstätten: Kriegerdenkmal, Soldatenfriedhof, Museum und Dokumentationszentrum