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Futuristische Elemente in Kurd Laßwitzs „Auf zwei Planeten“

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Technischer Futurismus
2.1 Technischer Fortschritt
2.2 Solarenergie
2.3 Zukunft und Gegenwart

3. Gesellschaftlicher Futurismus
3.1 Zeitgeschichtliche Einordnung
3.2 Emanzipation
3.3 Sprache
3.4 Verhalten gegenüber anderen Kulturen

4. Privatleben und Innenwelt
4.1 Liebe
4.2 Ernährung
4.3 Numenheit

5. Politischer Futurismus
5.1 Gesellschaftlicher Utopismus
5.2 Wahlrecht
5.3 Staatliche Aufklärung

6. Deterministische Schranken

7. Fazit

8. Literaturangaben

1. Einleitung

Kurd Laßwitz schildert in seinem Science-Fiction-Roman „Auf zwei Planeten“ den durch die Erforschung des Nordpols entstehenden Kontakt der Menschen mit Bewohnern des Planeten Mars. Den „Martianern“ wird dabei ein evolutionärer Vorsprung zugestanden, welcher sich vor allen Dingen in technischen und gesellschaftlich sozialpolitischer Errungenschaften niederschlägt. Einige der fantastischen Spekulationen Laßwitz’ bezüglich dieses Vorsprungs an Entwicklung, werden in dieser Arbeit genauer analysiert, wobei der Schwerpunkt weniger auf dem technischen, als vielmehr auf dem historischen und gesellschaftlichen Aspekt. Die Futurismen Laßwitzs werden nicht nur an Entwicklungen zum Anfang des 21.ten Jahrhunderts, sondern auch an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen im Verlauf des Romans gespiegelt, hierzu werden zum Teil historische Rückblenden gegeben. Im Gegensatz zu der Auswahl geschilderter Unterschiede zwischen Mars- und Erdenkultur, finden sich jedoch auch kulturelle Gemeinsamkeiten. Hierzu sollen die Konsequenzen und Hintergründe einiger Analogien durchleuchtet werden, auch unter dem Aspekt möglicher bewusst eingeflechteter struktureller Determinanten Laßwitzs. Abschließend werden in einem knappen Fazit weitere mögliche Themen und Schwerpunkte augezeigt, sowie die Arbeitsweise des Autors kritisch betrachtet.

2. Technischer Futurismus

Als die drei Mitglieder der Forschungstruppe Torm, Grunthe und Saltner mit einem Heißluftballon den Nordpol ihres eigenen Planeten erkunden, entdecken sie eine Außenstation des Mars. Die Vorstellung, dass Bewohner anderer Planeten die Erde bevölkern ist nicht gerade untypisch für Science-Fiction-Romane dieser Zeit (Siehe z.B. „Der Marsspion“ oder andere). Auch die Möglichkeit durch das All zu segeln um unterschiedliche Planeten zu bereisen, wird unter anderem bereits 1725 vom französischen Philosoph und Autor Voltaire in seiner Kurzgeschichte „Micromégas“ geschildert. Der Kontakt zwischen Erden- und Marsbewohner findet sich ebenfalls auch in anderen Werken dieses Genres zur Zeit der Veröffentlichung. Trotzdem oder wie einige seiner Kollegen auch, schafft Laßwitz mittels semiwissenschaftlicher Spekulation ein besonderes spannendes Setting für seinen Roman. Einige dieser futuristischen Elemente der Geschichte werden im folgenden genauer betrachtet.

2.1 Technischer Fortschritt

Science-Fiction-Autoren stehen in der Regel vor dem gleichen Problem: einer technischen Erklärung für bestimmte Gegebenheiten ihrer Geschichte, wie z.B. die Umsetzung der Raumfahrt (Antrieb, Raumschiff) oder dem Zurandekommen mit physikalischen Beschaffenheit anderer Planeten. Neben einer Vielzahl interessanter technischer Phantasmen Laßwitzes, stechen zwei Überlegungen hervor. Erstens die Entdeckung der Gravitation als „jene Kraft, welche die Bewegung der Gestirne im Weltall beherscht“ (S.73). Gravitation die „wie das Licht, die Wärme und die Elektrizität sich in Form von Wellenbewegung durch den Weltraum und die Körper fortpflanzt“ ist als Eigenschaft von Körpern zu verstehen – und „durchläuft den Raum mit einer Geschwindigkeit von dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde". Ebenso wie Körper nicht magnetisch, wärmedurchlässig oder durchsichtig sein können, gibt es Körper, die Gravitationswellen nicht absorbieren (bzw. fast nicht). Diese Körper sind werden nicht von anderen angezogen, sind schwerelos, was Laßwitz „diabarisch“ nennt. Mit Raumschiffen aus dem diabarischen Stoff „Stellit“ ist es den Martianern möglich, sich schwerelos im Weltall zu bewegen. Die Fortbewegung erfolgt in diesem mehr oder weniger schwerelosen Zustand über die gesteuerte Nutzung der Planetenkräfte und mittels Richtbomben aus „Repulsit“ – flüssigem Weltäther – mit dem Geschwindigkeiten bis über Lichtgeschwindigkeit erzielt werden können. Dieser Umstand befähigt sie auch zur Erbauung vor allem aber zur Instandhaltung ihres Marsbahnhofs, der schwerelos in Höhe des halben Erddurchmessers über dem Nordpol schwebt. Zweitens präsentiert Laßwitz die Möglichkeit der Kommunikation per Lichtstrahl, jedoch nicht in Form von Blinkzeichen. Die Information der Kommunikation wird mit den Lichtstrahlen übermittelt, „die elektromagnetischen Schwingungen des Telephons setzten sich in photochemische um“. (S.35). Diese „telephotischen Berichte“ (S.Kap. 27) sind natürlich vielfach schneller als alle anderen bekannten Möglichkeiten der Datenübertragung.

2.2 Solarenergie

Als Hauptenergiequelle dient den Martiern Solarenergie, welche beispielsweise die Raumstationen aber auch die Bevölkerung auf dem Mars mit Energie versorgt: „Die Sonnenstrahlung wurde auf der ganzen Hochfläche gesam­melt und in der Form von Elektrizität über den Planeten ver­teilt“ (Kapitel 27). Als Grunthe den Martiern erklärt, die Menschen würden ihre Energie hauptsächlich aus Kohleverbrennung gewinnen, frägt ein Martier „Aber warum nehmen Sie die Energie nicht direkt von der Sonnenstrahlung? Sie leben ja vom Kapital statt von den Zin­sen.“ (Kapitel 16). Grunthe antwortet daraufhin etwas bedrückt, die Technologie dazu sei den Menschen noch nicht bekannt. Etwa hundert Jahre später ist Solarenergie dagegen eine Selbstverständlichkeit und findet sich mancherorts auf jedem zweiten Hausdach.

2.3 Futurismus und Gegenwart

Neben diesen eher theoretischen Überlegungen, finden sich im Laufe des Romans einige für damalige Verhältnisse fantastische Gegenstände unserer heutigen Alltagswelt wieder. So könnte ohne weiteres hinter einer „Maschine zur Ausführung schwieriger mathematischer Rechnung“ (S.43) ein Computer, oder zumindest aber ein Taschenrechner vermutet werden. Einen weiteren Gegenstand der Martianerin Se bezeichnet Laßwitz als Taschenschnellfotograf „den man als Notizbuch bei sich zu führen pflegte“ (S.92). Wem drängt sich bei dieser Schilderung nicht sofort die Vorstellung eines PDAs oder eines Fotohandys auf. Auch die für damalige Verhältnisse unglaubliche Vergrößerung des stereoskopartigen Fernrohrs bei der Betrachtung der Erde von der Marsstation aus, dürften Ende des 20.Jahrhunderts technisch keine Probleme mehr bereitet haben. „Häuser stehen auf Rollschlitten“ (Kapitel 27) auf dem Mars, Umzüge sind deshalb ein leichtes und werden über Nacht durch Transportunternehmen vollzogen. Diese Beschreibung erinnert an amerikanische Leichtbauhäuser, die ebenfalls zum Teil auf Sattelschleppern stehen, zumindest aber per LKW ohne weiteres in andere Städte befördert werden können.

3. Gesellschaftlicher Futurismus

Die Kultur der Martier wird als vielfach älter als die der Menschen auf der Erde beschrieben, so habe sich beispielsweise die Verkehrssprache der Martianer „durch einen hunderttausende von Jahren dauernden Gebrauch“ (S.105) entwickelt. Kurd Laßwitz gesteht den Martiern deshalb nicht nur einen gehörigen technischen, sondern auch gesellschaftlichen Vorsprung zu. Nachdem die Erstveröffentlichung des Romans über hundert Jahre zurück liegt, erscheinen manche der Überlegungen Laßwitz nicht mehr ganz so utopisch wie sie in der damaligen Zeit gewesen sein dürften. Um die Details des gesellschaftlichen Lebens auf dem Mars deutlicher herauszuheben, wird vorweg ein kurzer Ausblick über das gesellschaftliche Miteinander Ende des 19.ten Jahrhunderts gegeben.

3.1 Zeitgeschichtliche Einordnung

Preußen war zur Zeit der Erschaffung des Romans eine konstitutionelle Monarchie, Kaiser Wilhelm II zeichnete sich, im Gegensatz zur zuvor unter Reichskanzler Otto von Bismarck eher liberal pragmatisch orientierten Politik, durch ein traditionalistisches Staats- bzw. Monarchieverständnis aus. „Seine“ mit verschiedenen Reichkanzlern entwickelte Außenpolitik kann als Zickzack-Kurs beschrieben werden, dessen offensichtliche Ziellosigkeit gepaart mit Weltmachtstreben und Aufrüstung letztendlich einem katastrophalem Ende entgegen lief. Innenpolitisch fehlten dem Kaiser zeitgemäße Konzepte. Sein Regierungsstil kann als autoritär und antidemokratisch (siehe Auflösung des Reichstages und Weigerung gegen Direktwahl der Abgeordneten) beschrieben werden. Der Alltag im Deutschen Reich war trotz einiger liberaler Gesetzeserlässe Wilhelms II (Verbot der Sonntagsarbeit, Zulassung von Arbeiterausschüssen, Lockerung des Sozialistengesetzes) autoriär orientiert und geprägt von klassischer Rollenverteilung. Erst ab 1896 wurden beispielsweise Frauen als Gasthörerinnen an Universitäten zugelassen, knapp zwölf Jahre später konnten sie regulär studieren.

3.2 Emanzipation

Im Gegensatz dazu fallen bereits auf der Forschungsstation der Martianer am Nordpol einige Unterschiede auf. Die Anzahl der Frauen ist zwar mit einem Verhältnis von ungefähr 25:275 (S.115) eindeutig niedriger, zudem sorgt in den nach Spezialierung eingeteilten Wohngruppen eine Frau „gewissermaßen die häusliche Wirtschaft der Gruppe, die Verteilung der Nahrungsmittel beaufsichtigte“ (S.115) . Allerdings ist schon die Einteilung in gemischte Wohngemeinschaften zwar nicht gerade revolutionär, aber dennoch zu Laßwitz’ Zeiten und auch noch in der BRD per Gesetz (Sittengesetze) untersagt. Da die Nahrungsaufnahme bei den Martianern zudem eher den Charakter einer „physischen Verrichtung“ (S.117) hat, ist die Aufgabe weniger im hausfräulichen, als eher im technischen und organisatorischen Kontext zu verstehen. Die Selbstverständlichkeit mit der die beiden Martianerinnen La und Se zum Beispiel ihre Sprachstudien vollbringen, legt nahe, dass sie als vollwertige Mitglieder der Forschungsgruppe gelten – von derartiger Gleichberechtigung konnte Ende des 19.ten Jahrhunderts nur geträumt werden. Von rechtlichen Unterschieden für männliche und weibliche Martier lässt sich auch in den Schilderungen vom Zusammenleben auf dem Mars nichts finden. Aber auch gesellschaftlich sind die Damen der Forschungsgruppe voll integriert in Gespräche und Diskussionen (siehe Schilderungen der Zusammenkünfte von Martiern und Menschen auf der Forschungsstation).

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Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640792214
ISBN (Buch)
9783640792399
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163729
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Science-Fiction Auf zwei Planeten Kurd Laßwitz Futurismus Raumfahrt Mondfahrt Jahrhundertwende Utopismus

Autor

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Titel: Futuristische Elemente in  Kurd Laßwitzs „Auf zwei Planeten“